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Allerseelen – ein kirchliches Fest geht verloren (2. November)

Wenn mein Großvater erzählte, war das immer etwas Besonders. Opa konnte nämlich besonders gut erzählen. Lebendig, einfach und so, dass ich mir schon als Kind alles wunderbar vorstellen konnte. Opa hatte eben eine unglaubliche Gabe, mein Kopfkino in Ganz zu setzen. Deshalb konnte ich ihm auch stundenlang zuhören. Sogar dann, wenn Opa etwas über an sich so langweilige Themen wie Allerheiligen und Allerseelen erzählte. Ich mochte meinen Opa eben sehr.
Als er davon erzähle, wie er als Kind am 1. November die Wohnung nicht verlassen durfte – da fühlte ich mich selbst eingesperrt. Schlimm war das. Gar nicht zu den Freuden zum Spielen gehen zu dürfen… „Nein, halb so wild“, meinte Opa dann. Denn auch seine Spielkameraden mussten zu Hause bleiben. Der 1. November galt als stiller Feiertag.

Trauermonat

Warum, ist mir bis heute nicht klar. Vielleicht, weil er den Auftakt zum Trauermonat November bildet. Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag – allesamt Feiertage, aber ein Tag, der ausgelassenes Feiern symbolisiert, ist erst gar nicht dabei. Warum auch? Der 1. November bildete ohnehin immer den Auftakt zur kalten, zur dunklen Jahreszeit, so mein Opa. Nebelschwaden lagen in der Luft – eine Art Frühwarnsystem für den nun bald beginnenden Winter.

Mit Opa den November erleben

Wenn Opa so erzählte, dann war ich immer ganz nah dabei. Dann saß ich in meinen Gedanken mit ihm zusammen am Fenster, starrte durch eine dichte Milchsuppe, wie Opa den Nebel nannte, auf die vielen, nur unscharf zu erkennenden Menschen. Sah ihnen zu, wie sie sich in größeren und kleineren Gruppen in Richtung Friedhof bewegten; beobachtete die Autoschlagen, die sich auf einer breiten Zufallsstraße Richtung Friedhof bewegten. Und die vielen abgestellten Autos halb auf Fußwegen, halb auf Straßen. Wo sonst sollten sie auch stehen? Die Parkplätze am Friedhof waren mehr als überfüllt.

Grabpflege

Zugegeben, ohne Opa hätte ich diese Bilder nicht im Kopf. Aber durch ihn weiß ich, dass meine Großeltern und, weil sie den alten Leutchen helfen wollten, auch meine Eltern im Vorfeld von Allerheiligen die Gräber verstorbener Angehöriger in Ordnung brachten: verblühte Pflanzen weg, aufs Grab hübsche Gestecke, denen ein möglicher Frost nichts anhaben konnte. Dazu ein Grablicht. Und dann, am 1. November, an Allerheiligen, der obligatorische Gang zum Friedhof. Erst Jahre später wurde mir klar: Unsere Familie legte wie viele andere auch Allerheiligen und den Folgetag, Allerseelen, einfach zusammen. Dabei hat jeder der beiden Tage eine eigene Bedeutung.

Die Bedeutung von Allerseelen

Dass am Allerheiligentag die Glaubensvorbilder im Mittelpunkt stehen, habe ich Ihnen bereits gestern erklärt. Am Allerseelentag zielt das Gebet er Gläubigen jedoch auf die eigenen verstorbenen Verwandten und Angehörigen. Ein Tag, an dem man sich in ganz besonderer Weise an die Menschen erinnert, mit denen man ein Stück seines Lebensweges geteilt hat. Deshalb segnet am Allerseelentag ein Priester die Reihen der Gräber, die zumeist festlich geschmückt sind. Katholiken zünden ein so genanntes „Seelenlicht“ an, ein Symbol des ewigen Lebens. Deshalb besuchen viele Menschen die Gräber ihrer Verstorbenen, um dort an sie zu denken.

Allerheiligen arbeitsfrei

In Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland ist der Allerheiligentag ein gesetzlich geschützter kirchlicher Feiertag. Wer geht an so einem Tag schon auf den Friedhof und hackt da das Unkraut aus den Gräbern? Das machen diejenigen, die die Gräber pflegen, schon ein paar Tage vorher. Schließlich sollen am Allerheiligentag und natürlich auch in den Folgetagen die Gräber schön und gepflegt aussehen. Vor allem in Dörfern sollen sich ja angeblich manche Menschen sprichwörtlich das Maul zerreißen, wen sie ein ungepflegtes Grab aus dem Bekanntenkreis entdecken… Weil

nun aber der Allerheiligentag arbeitsfrei ist, am Allerseelentag aber üblicherweise wieder „die Pflicht ruft“, gehen die meisten Menschen bereits an diesem Tag auf den Friedhof, schauen einmal bei ihren verstorbenen Angehörigen vorbei, nur um einfach mal wieder „hallo“ zu sagen. Deshalb ist es mancherorts längst kirchliche Praxis, dass die Pfarrer die Gräber bereits am Allerheiligentag segnen. Genaugenommen also alles einen Tag zu früh. Nicht an dem Tag, der für das Gedenken an die Angehörigen reserviert ist, sondern an dem Tag, an dem aller Heiligen gedacht wird.
Allerheiligen „frisst“ Allerseelen

Dass der Allerheiligentag den Allerseelentag langsam aber sicher aufsaugt – schlimm ist ganz sicher nicht. Schlimm wäre es, wenn die Angehörigen schlichtweg vergessen würden. Aus den Augen – aus dem Sinn. So in etwa. Dann würde sich tatsächlich die Frage stellen, warum dieser und jener Mensch überhaupt gelebt hat, wenn er doch sofort wieder vergessen wird. Man muss nichts Besonderes leisten, muss kein Held, kein Entdecker, kein Star sein. Aber vielleicht doch so viel Mensch, dass sich nachfolgende Angehörige gern an einen erinnern. Dass sie vielleicht sagen: „Wenn mein Großvater erzählte, war das immer etwas Besonders.“ Und dann gerne und mit ein bisschen Liebe im Bauch an den Verstorbenen denken.

Gebetshilfe

Ob das nun wirklich eine Art Gebetshilfe ist, wie das Abt Odilo, ein Benediktiner aus einem Kloster im französischen Cluny, vor rund 1000 Jahren meinte? So nach dem Motto: „Hey, lieber Gott, falls du das nicht im Blick hast, will ich dich noch einmal darauf hinweisen: Mein Opa war ein ganz toller Kerl! Also lass ihn nicht draußen vor dem Himmelstor stehen, sondern mach ihm die Tür auf.“ Irgendwie kann ich mir das so nicht vorstellen. Aber was kann man sich schon vorstellen von den Dingen, die erst nach unserem Leben hier auf der Erde passieren sollen? Schau‘n wir mal, dann seh‘n wir schon – vielleicht ist die Lebenshaltung des großen Fußballphilosophen ja auch in diesem Fall ganz angebracht.

Hauptsache, die Erinnerung bleibt

Nur in einem bin ich mir sicher: Wann man an einen lieben Verstorbenen denkt, ist nicht wirklich wichtig. Hauptsache, es passiert überhaupt. Denn so lange ich an einen Verstorbenen denke, so lange ist er lebendig. Zumindest in meinem Kopf. Und das sagt doch schon eine Menge darüber aus, wie dieser Mensch sein Leben gelebt hat. Dass dabei das kirchliche Allerseelenfest langsam aber sicher verschwindet – auch das ist vermutlich halb so wild, solange die Erinnerung an liebe Verstorbene bleibt.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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