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Vor über 800 Jahren geboren, bis heute Mahnung: Elisabeth von Thüringen (17. November)

Noch bevor ich die ersten Worte dieses Textes schreibe, weiß ich genau, was gleich passieren wird: Hank, Kollege, Freund, Mentor und graue Eminenz in unserer Redaktion wird beim Lesen meines Textes die Stirn runzeln und sagen: „Mädchen, du musst dich entscheiden!“ Das sagt mir Hank öfter. Und er hat Recht. Jedes Mal. Auch dieses Mal wird er Recht haben. Das liegt nämlich daran, dass dieser Text zwei Einstiege hat. Und auch bei Texten kann es nur einen geben. Weiß ich natürlich. Aber da ich mich wirklich nicht entscheiden kann, hämmere ich jetzt erst einmal beide Einstiege in die Tasten. Streichen muss ich dann später.

Musicals

Hier also der erste Einstieg. Der geht so:
König der Löwen, Starlight Express, Cats und andere – Hunderttausende haben diese und andere Musicals gesehen. Begeistert sind sie von der ganz anderen, zumeist heilen Musicalwelt, in die sie eintauchen. Und von den Ideen, mit denen die Handlung umgesetzt wird. Beim Musical „Das Wunder von Bern“ konnte das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 natürlich nicht auf die Bühne gebracht werden. Dazu war die Bühne viel zu klein. Also klappten die Macher des Musicals das Fußballfeld um 90 Grad in die Vertikale, machten es zur Bühnenrückwand. Und die Fußballer wurden zu einem Ding zwischen Climbing und Bouldering. Dass die deutschen Kletterer am Ende die Ungarn mit 3:2 bezwangen, dass es natürlich genauso war wie damals im Wankdorf Stadion in Bern, dass es natürlich hieß „aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt und Tooooooooooooor, Tooooooooooooor, Tooooooooooooor!“ – Ehrensache! Es ist schon irre, was sich Musicalmacher einfallen lassen.

Elisabeth-Musical

Neben den Großstädten wie Hamburg, Berlin und ein paar anderen hat sich auch das eher beschauliche osthessische Fulda in den letzten Jahren zu einer Musicalstadt gemausert. Zuletzt erarbeiteten die dortigen Macher gemeinsam mit Chris de Burgh ein Musical über Robin Hood, dessen Premiere coronabedingt auf den nächsten Sommer verschoben werden musste. Davor brachten die Fuldaer „Der Medicus“ und „Die Schatzinsel“ auf die Bühne, davor vor allem religiöse Musical. „Die Päpstin“ basierte auf der Romanvorlage von Donna Cross, Musicals über Adolph Kolping, über den heiligen Bonifatius, der im Fuldaer Dom begraben liegt, und eines über Elisabeth von Thüringen griffen auf Biographien und Legenden zurück. Dass alle Vorstellungen in Fulda ausverkauft waren, muss man nicht näher betonen. Soweit dieser Einstieg.

Brotsorten

Der zweite Einstieg in meinen Text hätte wie folgt ausgesehen:
Kartoffelbrot, Olivenbrot, Texasbrot, Doppelt Gebackenes, Bauernbrot, Blutwurstbrot, Bergsteigerbrot, Schwarzbierbrot, Landbrot – über 400 Brotsorten gibt es in Deutschland. Kein Mensch weiß, was er da noch essen soll. Und trotzdem kommt immer mal wieder eine neue Brotsorte hinzu. So auch das Elisabethbrot. Ist schon klar: Im Kartoffelbrot sind Kartoffeln, im Olivenbrot sind Oliven und Schwarzbierbrot wird mit einem guten Schuss Schwarzbier gebacken. Aber Elisabethbrot? Für dieses Brot gilt dasselbe wie für Bauernbrot und Bergsteigerbrot: Für den Teig wird kein Bauer, kein Bergsteiger und natürlich auch keine Elisabeth geschrotet, gemahlen und gebacken. Allerdings steckt im Elisabethbrot ein Stück vom Gedankengut der heiligen Elisabeth.

Namenspatronin Elisabeth von Thüringen

Sie merken schon, da beide Einstiege gegen Ende zielstrebig auf die „heilige Elisabeth“ zulaufen, würde an dieser Stelle die Qual der Wahl enden. Egal, welcher Einstieg am Ende über diesem Text stehenbleibt: Was von nun an kommt, ist bei beiden Einstiegen dasselbe. Denn es geht um die heilige Elisabeth, die am 17. November 1231 verstorben ist. Eine Frau, die Landespatronin sowohl von Hessen, wie auch von Thüringen ist. Dass beide Bundesländer nicht den heutigen Todestag, sondern den Tag von Elisabeths Beisetzung am 19. November „auf dem Schirm haben“ – sei’s drum.

Verehrt von Katholiken und Protestanten

Dass eine Frau, die vor 800 Jahren gelebt hat, von Katholiken und auch von Protestanten verehrt wird, ist schon eine Seltenheit. Was aber ist an dieser Frau aus dem Mittelalter so bewegend? Sicherlich nicht, dass sie schon mit vierzehn Jahren verheiratet wurde. Denn das war im Mittelalter nichts

besonders Ungewöhnliches. Dass die ungarische Prinzessin ihrem Ehemann dann nach Thüringen auf die Wartburg folgen musste – auch das gehört zur damaligen Zeit bei fürstens einfach dazu. Auch, dass Elisabeth noch nicht einmal zwanzigjährig schon Witwe wurde. Ihr Ehemann, Ludwig von Thüringen, hatte sich verpflichtet, Kaiser Friedrich II. auf einem Kreuzzug zu folgen. Nein, nicht was Sie jetzt denken: Ludwig wurde nicht beim Kampf im Heiligen Land erschlagen. Er starb schon vorher, nämlich kurz nach der Einschiffung im italienischen Otranto, vermutlich an einer Infektion.
Konrad von Marburg

Zu den Normalitäten im Mittelalter gehörte auch, dass Ehemann Ludwig vor seiner Abreise eine Art Vormund über seine Frau einsetzte. Elisabeth hatte per Gelübde zu versprechen, einem gewissen Konrad von Marburg in all seinen Anordnungen Folge zu leisten. Der kommt in der Geschichtsschreibung, in Legenden, vor allem aber im Musical nicht besonders gut weg. Er gilt als einflussreicher, aber auch machtgieriger und unbarmherziger Zeitgenosse, der ermächtigt war, gegen vermeintliche Häretiker empfindliche Strafen zu verhängen. Mit der Zeit wurde Konrad zu einem der gefürchtesten Inquisitoren! Dem Willen dieses Mannes hatte sich Elisabeth vollständig zu unterwerfen. Dafür wuchs Konrad die Aufgabe zu, Elisabeth zur geistlichen Vollkommenheit zu führen.

Askese und Almosen

Lassen wir mal die übrigen Details beiseite – das würde viel zu weit führen. Aber: Elisabeth, die schon früher durch ihre Freigiebigkeit gegenüber Armen aufgefallen war, gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass ein verschwenderisches Fürstenleben ziemlich unangemessen sei. Also hungerte sie, verkaufte Schmuck, Gewänder und Hausrat und gab die Erlöse an die Armen. Konrad bestärkte sie in diesem Tun. Bei der Familie und den Hofbeamten kam die ganze Geschichte allerdings ziemlich schlecht an. Dort hatte man schon vorher argwöhnisch auf Elisabeths Hang, Almosen zu geben, reagiert. Nun aber fürchtete man, Konrad könne sich einen Teil des Familienvermögens einverleiben.

Familie vs Elisabeth vs Konrad

Deshalb entzog Elisabeths Schwager Heinrich Raspe, der stellvertretend für Elisabeths fünfjährigen Sohn die Regentschaft übernommen hatte, der Fürstin kurzerhand die Verfügungsgewalt über die Ländereien und Einkünfte. Als Begründung brachte er eine angebliche Unzurechnungsfähigkeit Elisabeths ins Spiel. Doch Konrad von Marburg gab sich nicht geschlagen, sondern ließ von Papst Gregor IX. einen Schutzbrief für Elisabeth ausstellen. Wie auch immer Konrad dem Papst die Sachlage geschilderte hatte: Von nun an hatte Konrad quasi die komplette Verfügungsgewalt über die junge Frau und über ihre Einkünfte. Die war mittlerweile nach Marburg umgezogen. Konrad stritt sich mit den Thüringern um ihre Einkünfte, konnte schließlich in einem Vergleich eine Entschädigungszahlung und Ländereien mit dem Recht der lebenslangen Nutzung im Marburger Raum aushandeln.
Dort ließ Elisabeth ab dem Sommer 1228 ein Hospital bauen, in dem bereits kurze Zeit später die ersten Kranken aufgenommen werden konnten.

Tod durch Erschöpfung

Dass Konrad durch harte Strafen Elisabeth dazu zwang, sich von ihren Kindern und sonstigen Familie loszusagen, dass Elisabeth körperlich in einer Weise gezüchtigt wurde, die heute nicht erst Frauenbeauftragte aufschreien lassen würde, dass ihr sogar – trotz Gelübde der Keuschheit – ein sexuelles Verhältnis zu Konrad nachgesagt wurde, dass die fromme Frau die letzten Jahre ihres Lebens in einem Kloster mit dem Spinnen von Wolle zubrachte und letztlich im Alter von nur 24 Jahren an Auszehrung, wie es damals hieß, verstarb, lassen die Lebensumstände der späteren Heiligen nur noch unerträglicher erscheinen. Aber wie Sie nachvollziehen können: jede Menge Stoff für ein Musical! Zumal Konrad von Marburg im Sommer 1233 ermordet wird…

Elisabethbrot

Wobei ich Ihnen die Geschichte mit dem Elisabethbrot noch schuldig bin: Anlässlich Elisabeths 800. Geburtstag brachten die evangelischen Kirchen in Thüringen und Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit einer Einzelhandelskette das so genannte Elisabethbrot auf den Markt. 50 Cent pro Brotlaib gingen an eine Geburtsstation in Tansania. 80.000 Brote wollten die Initiatoren innerhalb eines halben Jahres verkaufen – nach Adam Riese und Schürmanns Rechenbuch also 40.000 Euro nach Afrika überweisen.

Rosenwunder

Dass hier ausgerechnet Brot Spenden erbringen sollte, hat einen dreifachen Grund: Zum einen passte es ganz gut ins Denken der frommen Elisabeth, die fest an „Christus als Brot des Lebens“ glaubte. Zum anderen war Brot natürlich das Grundnahrungsmittel der damaligen Zeit. Und deshalb wird Brot auch zu einem wichtigen Bestandteil einer Legende rund um Elisabeth: Als Elisabeth noch in Eisenach auf der Wartburg lebte, war es ihr der Legende folgend bereits verboten, den Armen Brot zu geben. Als Elisabeth wieder einmal mit einem Korb voller Brot Richtung Stadt unterwegs ist, trifft sie auf ihre Schwiegermutter. Die fragt Elisabeth, was sie im Korb habe. Elisabeth behauptet, dass es sich um Rosen handele. Das will die Schwiegermutter überprüfen und fordert Elisabeth auf, das Tuch über den angeblichen Rosen zu entfernen. Und siehe da: Die Schwiegermutter sieht nichts als Rosen im Korb.

Wanderlegende

Obwohl Brot die tragende Rolle spielt, wird die Legende als „Rosenwunder“ überliefert – und das gleich in unterschiedlichen Fassungen. In einem Teil der Überlieferungen ist es Elisabeths Mann, der sie auf die Probe stellt. Historisch allerdings handelt es sich wohl um eine so genannten Wanderlegende, die mit veränderten Details auch Elisabeth von Portugal sowie Nikolaus von Tolentino zugeschrieben wird. Wahrscheinlich wächst diese Legende Elisabeth von Thüringen erst nach ihrer Heiligsprechung am 27. Mai 1235 zu.

Elisabeth heute

Hank kam übrigens gerade kauend zu mir. Grundsätzlich müsse ich schon noch lernen, mich zu entscheiden. Da der Text aber ziemlich authentisch sei, könne er in diesem einen Fall die Geschichte mit den zwei Einstiegen durchgehen lassen. Einmalig! Ausnahmsweise!
Vermutlich hat sich der kauende Hank gerade kein Stück Elisabethbrot in den Mund geschoben. Aber wie ich ihn kenne, denkt er zumindest darüber nach, sich noch intensiver mit der heiligen Elisabeth auseinanderzusetzen. Wenn er dann noch eines der vielen Projekte, die die schier unendliche Armut in der Welt etwas zu lindern versuchen, unterstützt, wäre das sicher im Sinne der heiligen Elisabeth von Thüringen. Und sie hätte bis heute durch ihr Vorbild eine Nachwirkung ausgelöst.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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