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Live-Obduktion für zahlungswillige Gäste – Das Fressen kommt vor der Moral (13. November)

Von Bertolt Brecht stammt – ziemlich frei wiedergegeben – der Satz: Das Fressen kommt vor der Moral. Womit Brecht meinte: Moral und Anstand sind oft weniger wichtig als Lust, Genuss und eine volle Kasse. Die Beschaffung von Nahrung, das Fressen, gehörte bei uns im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zum Alltag. Lang, lang ist es her. Gott sei Dank!

Live-Obduktion

Vor kurzem kam es in den USA zu einer Begebenheit, die Brechts Aussage drastisch illustriert: In einem Hotel sezierte ein ehemaliger Anatomieprofessor eine Leiche. Da es sich offiziell um eine medizinische Lehrveranstaltung handelte, die Erkenntnisse zur menschlichen Anatomie erbringen sollte, waren – wie üblich – eine ganze Menge „Zaungäste“ anwesend. Etwa 70, hieß es später. Eigentlich nicht besonders erwähnenswert. Das Wörtchen „eigentlich“ macht jedoch bereits deutlich: Ganz so einfach liegt die Sache dann doch nicht.

Kommerzielle Veranstaltung

Bei dem Toten handelte es sich um einen 98jährigen, der an Covid-19 verstorben war. Die Familie des Toten hatte eingewilligt, seinen Leichnam zur medizinischen Forschung zur Verfügung zu stellen. Was die Familie allerdings nicht wusste: Die „Zaungäste“ mussten 500 Dollar berappen, um an der Obduktion teilnehmen zu dürfen. Dafür durften die zahlungswilligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber während der mehrstündigen Veranstaltung auch selbst Hand anlegen. Was die Familie des Toten auf die Barrikaden trieb. Die sah sich getäuscht: Was als „medizinische Forschung“ deklariert worden war, war in den Augen der Hinterbliebenen nur noch ein Geschäft, basierend auf zahlungswilligen sensationsgeilen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Hautnaher Kontakt

Wer außer Medizinstudentinnen und -studenten, also denjenigen, die Ärztinnen und Ärzte werden und Menschen später helfen wollen, kommt ansonsten schon mal in den „Genuss“, das Gehirn und Organe eines Menschen „hautnah“ betrachten zu können? Und wohl nicht nur das: Denn etliche der „Zaungäste“ hatten sich chirurgische Handschuhe angezogen. Was nur dann notwendig ist, wenn man den Toten, vielleicht auch seine Organe berühren will. Von „Zaungästen“ kann da wohl kaum noch die Rede sein. Dass anschließend eine der Teilnehmerinnen die ganze Veranstaltung als „sehr respektvoll“ und „lehrreich“ beschrieb, macht die Sache nicht besser. Denn zu einer derartigen Veranstaltung hatte die Familie des Verstorbenen keinerlei Zustimmung erteilt. Sagte zumindest das zuständige Bestattungsunternehmen später im Auftrag der Hinterbliebenen gegenüber der Presse.

Missbräuchliche Weitergabe der Leiche

Klar, dass sich an die Veranstalter ein paar Fragen richteten. Dass die Leiche ausdrücklich für die „Förderung von Medizin und Wissenschaft“ übergeben worden war, ist das eine. Dass diese Leiche dann bei einer „unabhängigen“ und damit privatwirtschaftlich tätigen „Bildungsplattform“ mit dem vielsagenden Namen Death Science landet, das andere. Vor allem, wenn die daraus ein kommerzielles Event in einem Hotel macht. Wohl nur Veranstalter und Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissen genau, was das eigentlich bedeutet, wenn eine Leiche „vor, nach und während den Pausen“ für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugänglich gemacht wird, wie die Bildungsplattform ausdrücklich im Veranstaltungshinweis ankündigte.

Nicht autorisiert

Welcher Bock dort geschossen wurde, wurde wohl auch dem Leiter von Med Ed Labs klar. Sein Institut bittet üblicherweise um Spenden von Leichen für

die „Förderung von Medizin und Wissenschaft“. Und so erklärte der Leiter von Med Ed Labs schnell, dass sein Institut über die kommerziellen Hintergründe nicht informiert gewesen sei, dafür auch in keinem Fall eine Leiche zur Verfügung gestellt hätte. Denn üblicherweise stelle man Leichen lediglich für Ausbildung und Lehre an Universitäten zur Verfügung.
Die volle Verantwortung

Nette Worte, die die Angehörigen kaum besänftigen dürften. Auch nicht, dass Med Ed Labs versprach, die „volle Verantwortung“ für den ganzen Unfug zu übernehmen, was auch immer das bedeutet. Immerhin gehören dazu die Kosten für die Rückführung der Leiche und ihre ordnungsgemäße Einäscherung. Wie der gestörte Seelenfrieden der Hinterbliebenen zu „reparieren“ ist, dürfte unklar bleiben. Zumal die eingeschaltete Staatsanwaltschaft schnell feststellte, dass keine Gesetze gebrochen worden seien.

Bei uns nicht möglich?

Zum Glück kann so etwas ja bei uns nicht vorkommen. Oder etwa doch? Erinnert sei an das Jahr 2004, als der Fernsehsender RTL vor laufender Kamera eine Brustvergrößerung zeigte – in allen Einzelheiten. Sensationsgier jenseits aller Geschmacksgrenzen, warf man dem Sender seinerzeit vor. Er habe eine perverse Show gesendet, Schamgrenzen und Tabus überschritten und den Druck auf Frauen erhöht, den vom Sender produzierten Schönheitsidealen nachzueifern.
RTL konterte gelassen: Die vollständige Darstellung des Eingriffs diene der kritischen Aufklärung, ließ der Sender verlauten.

Gezeigt wird, was Quote macht

Nun war RTL nie ein Nachrichtensender, wird auch vermutlich nie einer werden. Geschielt hatte der Sender mit seiner Live-Operation in Wirklichkeit nach Italien: Dort sorgten nämlich Live-Operationen im Fernsehen seinerzeit für eine hohe Sehbeteiligung. Und alles, was Quote bringt, kann einem Wirtschaftsunternehmen in der Medienbranche nur recht sein. Je mehr Zuschauer einschalten, desto mehr Werbeeinnahmen wandern in die Kasse des Senders. Und die braucht ein Privatsender nun einmal… zu seiner Existenz. Schließlich kommt das Fressen vor der Moral. Auch bei uns.

Entlarvt die Gesellschaft

Ob sich die Quotenrechnerei eines Fernsehsenders erfüllt, entscheidet letztlich der Zuschauer – mit seinem Klick auf die Fernbedienung. Und damit wird klar: Ja, Live-Obduktionen und -Operationen sagen viel aus über die, die sie veranstalten und anderen zugänglich machen. Sie entlarven aber vor allem den Zustand einer Gesellschaft, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick ihre ethischen und moralischen Grundsätze verwässert oder gar über Bord wirft.
Und dabei billigend in Kauf nimmt, dass sich manch einer nun ernsthaft die Frage stellt, ob er nach seinem Tod seinen Körper „der Wissenschaft zur Verfügung stellt“.

Tot ist tot?

Möchten Sie, dass irgendwelche Leute an ihrer Leiche herumfummeln, nur weil die genug dafür bezahlen? Natürlich kann man argumentieren: Wenn ich tot bin, ist mir das egal. Tot ist tot. Da bekomme ich eh nichts mehr davon mit, was mit meinem Körper passiert. Und natürlich können Sie auch sagen: Da sich eh schon die Würmchen ihr Lätzchen umbinden, ist es doch egal, was vorher mit meiner sterblichen Hülle passiert.

Beeinträchtigung der Transplantationsmedizin?

Ob dieser Gedanke aber für jeden zutrifft, ist eine andere Frage. Die geringe Zahl von Organspendern, die weit hinter dem Bedarf zurückbleibt, spricht eine andere Sprache. Berichte wie die über die Live-Obduktion vor Zahlungswilligen zerstören nämlich das ohnehin schon spärliche Vertrauen in eine Transplantationsmedizin, die vielen nicht ganz geheuer ist. Die Kommerzialisierung von höchst emotionalen Momenten im Umgang mit dem Tod erschwert möglicherweise die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte, die mit den Organen einer oder eines Verstorbenen anderen Menschen das Leben retten oder zumindest erträglicher machen können.

Fressen oder Moral?

Fragen, die weit über den Bereich der rechtlichen Legalität hinausweisen. Fragen, die sich wohl auch Med Ed Labs gestellt hat. Die eindeutige Antwort: Mit Unternehmen wie Death Science arbeitet man in Zukunft nicht mehr zusammen.
Grund genug für jeden einzelnen, sich selbst die Frage nach seiner Ethik und seiner Moral zu stellen. Erst recht, wenn es bei Alltagsentscheidungen noch nicht einmal um das lebensnotwendige Fressen geht, das die Moral auf die hinteren Plätze verweist.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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