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Ben Hur – Wagenrennen für die Ewigkeit (18. November)

Seeschlachten, Gladiatorenkämpfe und natürlich das berühmteste Wagenrennen der Welt. Wer diesen Film einmal gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Ein für heutige Verhältnisse unendlich langer Hollywood-Schinken. Einer, bei dem mitten im Film im Kino das Licht anging und, so meine Eltern als Zeitzeugen, die Eisverkäuferin durch die Reihen spazierte. Damals, als es im Kino noch kein Popcorn gab. Ich rede von dem Monumentalfilm Ben Hur. Am 18. November 1959 flimmerte dieser Film zum ersten Mal über die Kinoleinwand. In New York. Bis der Film zu uns nach Deutschland kam, dauerte es, wenn ich richtig recherchiert habe, dann fast noch ein Jahr.

Ben Hur: Die Story

Cineasten und die Älteren unter uns kennen die Story. Für die jüngeren sei sie in drei Sätzen erzählt: Ben Hur ist ein jüdischer Fürst und Kaufmann, der aus Heimtücke unschuldig zum Dienst auf einer Galeere verurteilt wird. Ausgerechnet ein uralter Jugendfreund hat die Verurteilung heimtückisch arrangiert und wird so zum Gegner auf Leben und Tod. Ben Hur sinnt auf Rache, plant einen Aufstand gegen die Römer, erlebt die Kreuzigung Jesu mit… und findet dadurch zum christlichen Glauben.

Hat Ben Hur wirklich gelebt?

Die meisten Kinobesuchern waren damals weder gewohnt, noch in der Lage, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Und so waren viele davon überzeugt, dass dieser Ben Hur tatsächlich gelebt hatte. Hat er nicht. Tatsächlich hat sich der US-amerikanische Rechtsanwalt und General Lewis Wallace diesen Ben Hur nur ausgedacht. Aber was heißt schon „nur“? 1880 erschien der Roman, der Judah Ben-Hur – so schreibt er sich im Roman – als Zeitgenosse Jesu darstellt. Also im ersten Jahrhundert nach Christus, in Jerusalem, wo, wie in vielen Teilen der damals bekannten Welt, damals die Römer das Sagen haben.

Roman wegen Verärgerung

Spannend ist der Grund, aus dem heraus Lewis Wallace seinen Roman schrieb: Der führte nämlich ein Gespräch mit einem Offizier, in dem sich dieser äußerst abfällig über den christlichen Glauben äußerte. Wallace hatte mit dem Christentum nichts am Hut, ärgerte sich aber über die spöttisch-abfälligen Bemerkungen seines Gesprächspartners. Und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Und so las er alles, was in irgendeiner Form mit Jesus Christus und dem christlichen Glauben zu tun hatte. Das Ergebnis: Wallace eigene Darstellung der frühchristlichen Glaubensereignisse, verpackt in den Roman „Ben Hur“. Der wurde nach der Bibel zum meistgelesenen Werk des 19. Jahrhunderts. Und Wallace wurde aufgrund seiner Beschäftigung mit dem christlichen Glauben selbst ein Christ.

Monumentalfilm

Kein Wunder also, dass die Story irgendwann dann auch verfilmt werden musste. Die von 1959 ist nicht die erste, aber die aufwändigste. Und die längste: 222 Minuten dauert der Film bis zum Ende. Das sind mehr als 3 ½ Stunden! Kein Wunder also, dass bei den Kinovorführungen eine Pause fest eingeplant war. Dafür erlebt der Zuschauer allerdings auch ein irre aufwändiges Spektakel: Die Rolle des Ben Hur übernahm Charlton Heston, schon damals durch eine Fernsehserie, den Zirkusfilm „Die größte Show der Welt“ und vor allem in seiner Rolle als „Moses“ in „Die Zehn Gebote“ ein Superstar. Um ihn herum agierten 50.000 Komparsen. In Worten: Fünzigtausend! Selbst die Anzahl der Sprechrollen war ungemein hoch: 365 Akteure hatten in ihren Rollen „irgendetwas zu sagen“. Da fallen die 40.000 Tonnen Mittelmeersand, die für einen originalgetreuen Dreh verteilt wurden, fast schon nicht mehr ins Gewicht. Fünf Jahre Vorbereitungszeit und zwei Jahre Drehzeit verschlangen über 16 Millionen Dollar. Wohlgemerkt in den 1950er Jahren. Heute entspräche das über 130 Millionen Dollar. Eine Menge

Geld für eine Romanverfilmung, die es zudem im Jahr 1925 bereits gegeben hatte. Für ein Remake also, wenngleich eines, das alle Vorstellungen übertraf. Dass 2016 ein erneutes Remake erschien, steht auf einem anderen Blatt.
Ben Hur als Bühnenspektakel

Auch einem weiteren Blatt steht, dass 2010 Ben Hur als Liveevent aufgeführt wurde. Ein Wahnsinnspektakel, das mit einem Platzbedarf von rund 2500 Quadratmetern für sehr große Hallen geplant war. 400 Darsteller auf der Bühne, 100 Tiere, darunter freifliegende Geier, Adler und Falken – die mussten schließlich irgendwo bleiben. Und natürlich Pferde: Für das Wagenrennen wurden über Monate andalusische Pferde ausgebildet, die in geringem Abstand an den Zuschauern vorbeirasten. Ursprünglich sollte für die Galeerenszene sogar der Boden der Spielstätten überflutet werden – das allerdings hätte die ohnehin schon 6 Millionen Euro teure Show endgültig unbezahlbar gemacht.

Alles möglichst perfekt

Alles sollte möglichst perfekt sein. Deshalb verpflichteten die Organisatoren für das Design Mark Fisher – der hatte bereits die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 inszeniert. Die Special Effekts kämen aus derselben Traumfabrik, die auch die letzten James Bond-Verfilmungen zu einem Spektakel hatte werden lassen, hieß es. Und auch in Sachen Musik ging Produzent Franz Abraham keine Kompromisse ein: Die stammte von Stewart Copeland, dem Schlagzeuger der Rockgruppe „The Police“, deren Frontmann Sting ja zu den Weltstars gehört. Weil Copeland im Nahen Osten und damit mit arabischer Musik aufgewachsen war, traute man ihm am ehesten eine wunderbare Symbiose aus Originalität und moderner Erwartungshaltung zu.

Auch „Auf Schalke“ – und dann doch nicht

Von „rasanter Geschwindigkeit, künstlerischem Glanz und visueller Opulenz“ sprach damals die Werbung und davon, dass die Zuschauer sich 2000 Jahre zurückversetzt fühlen würden – gefangengenommen von „Wagenrennen, Seeschlacht, Aufmarsch der Gladiatoren … in turmhohen Kulissen“, die „die perfekte Illusion einer Zeitreise in die Antike“ erzeugen. So steht es zumindest auf einem Flyer, den meine Eltern aufbewahrt haben. Die wollten ganz gerne dabei sein, hatten sich für teures Geld Karten für die Show „Auf Schalke“ gekauft. Leider war da die ganze Sache schon abgesetzt. Pleite. Nach wenigen Shows eingestellt. Einfach zu teuer. Und, klar, meine Eltern sahen von ihrem Geld nicht einen Cent wieder.

Historische Fehler im Film

Zurück zum Film, der mit seiner Uraufführung am heutigen 18. November wirklich Geschichte schrieb: Im Nachhinein warf man dieser Verfilmung historische Ungenauigkeiten vor. Die schwerwiegendsten gehen allerdings bereits auf die Romanvorlage von Lewis Wallace zurück: Da für das Rudern einer Galeere angeblich – sagen wir einmal – Fachkräfte notwendig waren, hätten die Römer gar keine Galeerenstrafe gekannt. Insofern sei ein Mann wie Ben Hur historisch auch nie zum „Strafrudern“ verurteilt worden.
Ein zweites No Go: Ben Hur wird nach drei Jahren Galeerendienst vom römischen Konsul Arrius adoptiert. Als Adoptivsohn eines römischen Konsuls ein Wagenrennen zu fahren – historisch völlig undenkbar.

Alles verbrennen!

Und ganz nebenbei bemerkt: Die Pferde, die die Kampfwagen ziehen, nehmen als Quadriga in der Breite mehr Raum ein als die Kampfwagen selbst. Folglich wäre es technisch ausgeschlossen, dass sich die Kampfwagen überhaupt berühren. Selbst wenn sich vorne die gegnerischen Pferde schon übel ins Gehege kommen, sind die Kampfwagen noch weit, weit auseinander.
Drei große Fehler also, die Roman wie Film ihren Ausgangspunkt und ihren Höhepunkt nehmen. Die Menge der vielen kleinen Unzulänglichkeiten war so groß, dass eine eigens befragte Historikerin auf die Frage, was man noch besser machen könne, angeblich gesagt hat: „Alles verbrennen!“

Wechselbad der Gefühle

Vielleicht war es ein Fehler, den Film mit „historisch genau“ oder ähnlich zu bewerben. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird auf diese Weise unnötig groß. Na und? Trotz seiner Ungenauigkeiten wurde der Film ein Welterfolg. Vermutlich, weil zwar Kritiker ihren Unmut äußerten, die Zuschauerinnen und Zuschauer jedoch begeistert waren. Begeistert von der Handlung und ihrer Umsetzung: Da gibt es eine hinreißende Liebesgeschichte, für damalige Zeit jede Menge Action, da leidet der Zuschauer mit dem heimtückisch Verurteilten, identifiziert sich mit ihm, sinnt mit Ben Hur auf Rache, durchlebt mit ihm ein Wechselbad der Gefühle. Und dann will dieser vom Leben und vermeintlichen Freunden betrogene und gedemütigte Mann von Rache nichts mehr wissen. Stattdessen lebt er die Botschaft der Vergebung. Ach, ich bekomme – im positiven Sinn – Schnappatmung, wenn ich nur daran denke.

Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Aber genau darum ging es wohl Lewis Wallace: klarzumachen, dass Hass und Rache nur zu weiterem Unheil führen, dass die Botschaft des Christentums von Liebe und Vergebung für das menschliche Zusammenleben weitaus förderlicher ist. Das zumindest hatte Wallace bei seiner Beschäftigung mit der Bibel für sich als Schlussfolgerung mitgenommen. Wallace bettete also die Botschaft des christlichen Glaubens ein in eine fiktive Spielhandlung. Eine, die tatsächlich – mit ein paar Abstrichen – hätte wahr sein können. Eine, die von Gott erzählt. Vielleicht ist das Wagenrennen im Film auch deshalb irgendwie ein Wagenrennen für die Ewigkeit.
Klar, auch Wallace musste erleben, dass – aha, auch hier! – die Kluft zwischen Anspruch des christlichen Glaubens und seiner realen Umsetzung gewaltig ist. Was aber gar nicht ausschließt, weiter an einer Umsetzung des Anspruchs zu arbeiten.

Heute Abend

Die Frage, wie ich den heutigen Abend verbringen werde, werden Sie vermutlich nicht mehr stellen. Sie kennen die Antwort längst: Passend zum heutigen Tag werde ich mir heute Abend nämlich wieder einmal Ben Hur anschauen. Natürlich die 1959er Fassung! Eine Menge Sitzfleisch ist gefordert. Aber wenn ich mich recht entsinne, habe ich mal irgendwo gelesen: Die deutsche Fassung soll knapp zehn Minuten kürzer sein als die US-amerikanische. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Noch nicht. Ich werde die Zeit mitstoppen!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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