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Totensonntag und Ewigkeitssonntag – Gedanken zum Weiterleben nach dem Tod, Schuld und Vergebung (21. November)

Das Lexikon sagt sachlich: „Seit 1816 wird in den evangelischen Kirchen der Totensonntag begangen, immer am letzten Sonntag im Kirchenjahr. Eingeführt wurde er als Totengedenktag für die Gefallenen der Kriege.“ „Ewigkeitssonntag“ sagen evangelische Christen auch und meinen damit dasselbe, was Katholiken am 2. November, dem Fest Allerseelen, feiern, nämlich: Durch Tod und Auferstehung Jesu begründet sich die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Wie auch immer das aussehen mag: Nach christlicher Vorstellung bedeutet dies, ganz in der Nähe Gottes zu sein, frei von allem, was uns auf dieser Welt Sorgen macht oder Leid und Schmerzen zufügt. Ausdrücklich geht der christliche Glaube davon aus, dass ein Weiterleben nach dem Tod für alle Menschen möglich ist – also auch für die, die daran gar nicht glauben.

Auch Massenmörder im Himmel?

Und schon werden Fragen wach: Wieso für alle Menschen? Auch für die, die in ihrem Leben schwere Schuld auf sich geladen haben, die anderen Menschen gegenüber ein Wolf waren, wie es der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert einmal formulierte? Was ist mit den Massenmördern dieser Welt, den Hitlers, Stalins, den Pol Pots und wie sie alle heißen? Was ist mit den Attentätern, die das World Trade Center zusammenstürzen ließen wie ein Kartenhaus und 5.000 Menschen auf einen Streich skrupellos zu Tode kommen ließen? Was ist mit den Herrschern und Machthabern, die in Syrien und im Irak Giftgas einsetzten und ganze Dörfer mit Leid und Schrecken überzogen?

Vergebung für alle?

Mit denen, die mit Lügen eine „Koalition der Willigen“ schmiedeten, um politische, wirtschaftliche und vor allem persönliche Interessen im Irak durchzusetzen? Denen, die in Afghanistan und anderen Orten dieser Welt Menschen in den Tod schickten? Und denen, die in Verblendung, Menschenverachtung und Machtwahn in diesen Minuten den nächsten Krieg vorbereiten, der wieder viele Menschen das Leben kosten wird? Ja, sagt die christliche Vorstellung, auch die haben ihre Chance auf ein Leben bei Gott, bildlich gesprochen: auf einen Platz im Himmel. Gott vergibt bei wirklicher Reue auch Massenmördern.

Will ich dann überhaupt „in den Himmel“?

Eine erste Reaktion: Wenn auch die einen Platz im Himmel finden können, möchte ich dann tatsächlich da rein? Kann ich das ertragen, dass das Leid, das alle diese Menschen über andere Menschen brachten, ungesühnt bleibt? Dass Menschen, die sich in ihrem Leben skrupellos verhielten, die buchstäblich über Leichen gingen und gehen, ebenso einen Platz „da oben“ finden, wie ich – ein Mensch, der sich immer darum bemüht, fair und anständig zu leben? Ist das nicht maßlos ungerecht? Muss Schuld nicht gesühnt, ausgeglichen, „bereinigt“ werden? Muss nicht unmenschliches Verhalten dazu führen, dass Menschen nach ihrem Tod auf Dauer vom Heil, vom „schönen Leben im Paradies“ ausgeschlossen werden?

Andere Maßstäbe

„Im Himmel gibt es keine Tränen mehr“, singt Eric Clapton in seinem Song „Tears in Heaven“. Auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie ein Leben dort abläuft, so werden wir uns dort doch irgendwie wiedererkennen, singt er. Schöne, tröstliche Formulierungen dafür, dass menschliche Maßstäbe „da oben“ nicht mehr gelten. Bei Gott gibt es kein Leid, keinen Hass, keine

Ressentiments. Fällt es Ihnen auch schwer, sich so etwas vorzustellen?
“Himmel“ bei Jesaja

Aus einer Zeit vor rund 2700 Jahren werden Jesaja, einem der Propheten im Alten Testament, folgende, sehr poetischen Worte zugeschrieben:

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Junge leitet sie.
Kuh und Bärin nähren sich zusammen,
ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter
und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.
Man tut nichts Böses
und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN,
so wie die Wasser das Meer bedecken.“ (Jes 11, 6-9)

Opfer und Attentäter schütteln sich die Hand

Übersetzt man diese Worte Jesajas in die heutige Zeit, dann würde Leben bei Gott bildlich gesprochen bedeuten: Die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 und ihre Attentäter schütteln sich die Hände. Zumindest dann, wenn die Verbrecher ihre Tat bereuen. Unvorstellbar? Mit unserem Verstand, der nach Gerechtigkeit schreit, nach unseren menschlichen Kriterien auf jeden Fall. Nein, das kann einfach nicht sein. Das darf nicht sein. Weil wir uns das nicht vorstellen können. Weil wir menschlich empfinden und deshalb bestimmte Grenzüberschreitungen einfach nicht vergeben können. Oder zumindest nicht wollen.

Man kann nicht über den eigenen Schatten springen

Man kann nicht über seinen eigenen Schatten springen, sagt eine alte Redewendung. Sie bedeutet: Es gibt bestimmte Dinge, die untrennbar mit uns Menschen verbunden sind. Dinge, die zur menschlichen Natur gehören. Dinge, denen wir uns nicht entziehen können. Die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind, die wiederum wir Menschen nicht auflösen können. Die wie unser eigener Schatten untrennbar zu uns gehören.

Der Schatten bei Peter Schlemihl und Peter Pan

Die Literatur spielt verschiedentlich mit diesem Gedanken: So verfasst der Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso 1813 ein Kunstmärchen, dessen Protagonist Peter Schlemihl seinen Schatten gegen einen Sack voller Gold, der nie leer wird, verkauft. Rund 100 Jahre später veröffentlicht James Matthew Barrie seine Kindergeschichte „Peter Pan“. In dieser Erzählung beißt eine Mrs. Darling dem Helden Peter Pan seinen Schatten ab und versteckt in von da an in einer Schublade. In beiden Geschichten, die um Peter Schlemihl und Peter Pan, wird schnell deutlich, dass die Hauptfiguren einen Teil ihrer Identität verloren haben. Beide versuchen von da an, ihre Identität zurückzugewinnen. Beängstigend!

Lucky Luke: schneller als sein Schatten

Eher witzig hingegen, dass Westernheld und Comicfigur Lucky Luke schneller als sein Schatten schießen kann. Dass der „poor, lonesome comboy“ über den Naturgesetzen steht, macht ihn sympathisch, lässt ihn, den Kämpfer für Gerechtigkeit, aus allen Auseinandersetzungen siegreich hervorgehen und – so ist das eben, wenn man die Naturgesetze außer Kraft setzen kann – übrigens auch nie altern. Oder sehen Sie ihm seine mittlerweile 75 Jahre etwa an? Aber zugegeben, das ist eine andere Geschichte.

Überwindung der menschlichen Natur

Peter Schlemihl, Peter Pan und auch Lucky Luke lehren uns, einmal darüber nachzudenken, ob unser Schatten wirklich so untrennbar mit uns verbunden ist, wie wir denken. Was im Zusammenhang mit der Vorstellung von einem Leben in einer anderen Dimension, nach unserem irdischen Tod bedeutet: Wir sind aufgefordert, unsere Vorstellungen nach Gerechtigkeit und Ausgleich, Schuld und Sühne zumindest in Frage zu stellen. Und damit einen Prozess einzuleiten, der am Ende zu einem einzigen Ziel führen soll: dass wir auch Dinge vergeben, von denen wir meinen, dass wir sie niemals vergeben können. Nach christlicher Vorstellung ist bei Gott nun einmal kein Ding unmöglich. Zu Gott zu kommen, nach dem Tod in seiner Nähe ein neues Leben zu führen, heißt demnach auch, selbst die Stufe des Menschlichen hinter sich zu lassen – und damit auch die Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit.

Kopf gegen Bauch

Ob ich mir das selber vorstellen kann, was ich da schreibe? Nur zum Teil. Der Kopf folgt der Logik des Gedankens, aber der Bauch rebelliert. Beide in Einklang zu bringen, zu einer guten, erträglichen Lösung zu führen, braucht Zeit. Gedanken und Gefühle müssen reifen und wachsen. Vielleicht ist aber genau das der Sinn solcher Gedenktage wie dem Ewigkeitssonntag oder eben auch Totensonntag: Gedanken anzustoßen, die sich dann weiterentwickeln und den ganzen Menschen auf eine neue Stufe heben. Gedanken an die Menschen, die im eigenen Umfeld in diesem Jahr verstorben sind, können dazu beitragen, sich mit dem Woher und Wohin, mit dem Sinn des Lebens und dem „Danach“ auseinanderzusetzen.
Soweit mein „Wort zum Sonntag“. Zum heutigen Toten- und Ewigkeitssonntag.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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