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Je oller, desto doller: Warum Rentner im Altenheim rocken (5. November)

„Das Leben zeigt sich als unglaublich kalt. Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde.“

Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern so rebellierte im Jahr 1965 die Rockband The Who gegen ihre Elterngeneration und gegen soziale Kälte in der Gesellschaft. Etwas, womit sich die junge Generation nicht abfinden wollte. Und so nannten The Who den entsprechenden Song auch gleich so: „My Generation“.

Euphemismus: Best Ager

Ein Song für die junge Generation von damals, keine Frage. Eine Generation, die mittlerweile, fast 60 Jahre danach, aber auch gewaltig in die Jahre gekommen ist. So freundliche Euphemismen wie „Best Ager“ und „Silver Generation“ verschleiern zwar ein bisschen die Wirklichkeit. Aber klar ist auch: Wer seinen Haare mit künstlicher Farbe das Aussehen von früher verleiht, weiß am besten: Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war.

Wegen Schließung des Bingo-Clubs

Beim Aufräumen fiel mir eine alte Single-Schallplatte in die Hände, vermutlich aus der Plattensammlung meines Vaters. Erschienen ist diese Platte vor rund 15 Jahren. Aufgenommen hat sie die Band „The Zimmers“. Und die – Achtung, jetzt kommt’s – bestand aus rund 40 rüstigen Rentnern aus einem englischen Altersheim. Weil ihr Bingo-Club geschlossen werden sollte, gingen die alten Leute auf die Barrikaden. Und zwar so heftig, dass sich die altehrwürdige BBC genötigt sah, eine TV-Dokumentation über die protestierenden Rentner zu drehen.

Protest-Rock

Um ihrem Protest fernsehwirksam Nachdruck zu verleihen, nahmen die alten Leute, zum großen Teil eben Altenheimbewohner, „so ganz nebenbei“ den Song „My Generation“ von The Who in einer Coverversion auf. Das dazugehörige Video wurde damals schon zum Kracher bei You Tube. Wohl auch, weil das Durchschnittsalter der protestierenden Rentner bei 78 Jahre alt lag. Leadsänger Alf Caretta mit seinen schlappen 90 war damals noch nicht einmal der Älteste. Da bekommt eine Zeile wie „Das Leben zeigt sich als unglaublich kalt. Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“ ganz plötzlich noch einmal einen anderen Sinn: weil nämlich nicht junge Leute diese Zeilen proklamieren, sondern eine Gruppe von Rentnern.

Ironisch und provokant

Für die staunenden BBC-Reporter hatten die alten Leutchen ein paar Plakate vorbereitet: „Ich habe drei Jahre lang meine Wohnung nicht verlassen“, stand

provokant auf einem. Und ein anderes behauptete: „Ich langweile mich in Wohnungen von alten Leuten!“ Auf einem dritten, das die Rentner wie die vorherigen beiden im Videoclip zu ihrem Song hochhielten, stand: „Schreib mich nicht ab, weil ich 90 bin!“
Zerlegte Gitarren

Wozu 90jährige im Stande sind, zeigten sie die aufmüpfigen Alten dann auch noch sehr eindrücklich: Wie The Who rund 40 Jahre zuvor zerlegten die Rentner ihre Gitarren. Und selbst wenn dies eine ganz andere Combo, nämlich die Beatles, vorgemacht hatte: Auch „The Zimmers“ schlenderten gemächlich über den legendären Zebrastreifen vor den Abbey Road-Studios in London. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Rentner Nummer 1 schob mit einer Gehhilfe über die Straße. Das, was bei uns der Rollator ist, führte unter Nutzung der bekanntesten englischen Gehhilfe zum selbstironischen Namen für die Band, „The Zimmers“.

Rock mit Altersflecken und dritten Zähnen

Natürlich hatten hier auch clevere Geschäftsleute ihre Finger im Spiel. Und selbstverständlich ließen sich die Senioren ein Stückweit instrumentalisieren. Warum auch nicht, wenn am Ende der Bingo-Club erhalten bleibt? Der Zweck heiligt die Mittel. Zumindest manchmal. Und selbst wenn der Song schon damals eben nur eine Coverversion war und heute wie aus der Zeit gefallen klingt: Die 40 Senioren mit dritten Zähnen, Altersflecken und – wenn überhaupt noch – grauen Haaren brachten das Thema „In Würde alt werden“ auf spektakuläre Weise in die Öffentlichkeit. Wer sagt eigentlich, was alte Leute noch dürfen und was ihrem Alter nicht mehr entspricht und was sie dann, bitte schön, zu unterlassen hätten? Und mit welchem Recht entstehen solche Vorstellungen und Zwangsjacken?

Älteste Rock(?)-Band

Zusammen immerhin rund 3000 Jahre alt lieferte die wohl älteste Rockband der Welt – darf man die regen Alten wirklich „Rockband“ nennen? – mit ihrer Version von „My Generation“ eine Kampfansage gegen den Jugendwahn in unserer Gesellschaft. Und gegen die Tendenz, alte Menschen abzuschieben, vorschnell zum alten Eisen zu legen. So wie übrigens viele alte Völker ihre Alten ehrten und die Weisheit des Alters als Bereicherung der Gesellschaft betrachteten. Bei uns scheint mir so etwas völlig aus der Mode gekommen zu sein.

Europatournee

Ein handgeschriebenes Zettelchen steckte in der Hülle der Single. Damals hatte ich mir notiert, dass „The Zimmers“ aufgrund der unerwarteten Popularität auf Europatournee gehen wollten. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Ich habe damals schlichtweg die aufmüpfigen Alten aus den Augen verloren. Und zugegeben: Heute möchte ich auch nicht wissen, ob sie diese Tournee überhaupt durchgeführt haben. Manchmal ist es gut, Dinge einfach in Erinnerung zu behalten, wie man sie erlebt hat. Trotzdem bleibt dieser Satz, den die Rentner rund 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch einmal aufgegriffen haben. Quasi als Anfrage, wie relevant dieser Satz in unserer Gesellschaft heute ist:

„Das Leben zeigt sich als unglaublich kalt. Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde.“

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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