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Die Suche nach der höchsten Form des Glücks (4. November)

Manch einer ist bei der Suche nach der höchsten Form des Glücks erfinderisch. Eine Umfrage hat vor geraumer Zeit 99 ultimative Dinge, Situationen und Ereignisse ergeben. Wer die wahrnimmt, kann die höchste Form des Glücks erreichen. Oder zumindest in die unmittelbare Nähe davon bringen.

Fremde Hochzeit

Möglichkeit Nummer eins auf dieser Hitliste: zu einer Hochzeit gehen und ausgelassen mitfeiern, obwohl man weder die frisch Verheirateten noch sonst jemanden kennt. Zugegeben: Nachvollziehen kann ich das nicht. Im Gegenteil: Ich würde mich tierisch langweilen ohne echte Kommunikation, nur mit Fake-Kontakten. Würde ich dann mit Wildfremden über das Wetter plaudern? Oder über angeblich gemeinsame Bekannte?

Ein Stern, der deinen Namen trägt…

Möglichkeit Nummer zwei gefällt mir da weitaus besser: einen Stern verschenken. Was gar nicht so kompliziert ist. Zuerst wählt man einen der unzähligen Himmelskörper, die der Einfachheit halber bislang irgendeine Kennung aus Buchstaben und Zahlen haben, gibt dem Stern einen Namen und lässt diesen beim Internationalen Register für Sterne, Planeten und Raumkörper, kurz IRSPR, eintragen. Also rein theoretisch: HR 5435 könnte ich unter dem Namen „Oma Annemarie“ beim IRSPR eintragen lassen. Sobald die entsprechende Urkunde per Post bei mir eingetroffen ist, könnte ich sie rahmen und Oma Annemarie zum nächsten Geburtstag schenken. Ein ziemlich exklusives Geschenk! Wer kann schon auf einen Stern verweisen, der nach ihm benannt ist?

Nicht anfassen. Und noch nicht einmal gucken!

Lassen wir einmal außer Acht, dass meine Oma gar nicht Annemarie heißt und dass HR 5435 bereits unter dem Namen Seginus beim IRSPR eingetragen ist – da es sich nur um ein Beispiel handelt, ist beides nicht weiter tragisch. Ich stelle mir aber vor, was passiert, wenn ich meiner „echten Oma“ anlässlich ihres nächsten Geburtstags die gerahmte Urkunde in die Hand drücke. Vielleicht sollte ich dann noch dieses Lied, in dem immer vom „Stern, der deinen Namen trägt“, die Rede ist, abspielen? Mega-kitschig, oder? Meine echte Oma würde garantiert fragen: „Und wo ist nun der Stern, der meinen Namen trägt?“ Meine Antwort wäre dann wohl nur: „Da oben!“ Sehen könnte sie ihn nicht. Denn klar ist: Alles, was mit bloßem Auge sichtbar ist, hat schon lange einen Namen. Für „Oma Annemarie“ käme vermutlich nur ein außerplanetarisches Objekt in Betracht. Für meinen Geldbeutel übrigens auch. Was aber nun wirklich nicht viel bringt. Weder mir, noch Oma Annemarie.

Patenschaft für ein Kind

Möglicherweise könnte ich dann aber „noch schnell“ mit Oma zu einem der höchstgelegenen Observatorien der Welt fahren, damit Oma wenigstens einmal in ihrem Leben den Stern, der ihren Namen trägt, auch sehen kann. „Da oben, dieser winzig kleine Punkt, den du gerade mal mit diesem Wahnsinns-Teleskop erkennen kannst, der heißt Oma Annemarie!“
Ob meine Oma das wollte? Ich glaube, eher nicht. Was aber nutzt ein Geschenk, das ich im Normalfall nicht sehen, fühlen, anfassen kann, das mir auch nicht gehört und von dem ich lediglich eine Urkunde habe, die eine gewisse Namensgleichheit bezeugt?
Na gut, wenn ich eine Patenschaft für ein Kind in irgendeinem Armutsgebiet übernehme, ist das nicht viel anders. Oder doch: Irgendwann bekomme ich dann mal einen Brief mit einem Foto. Und da steht dann drin, dass dank meiner großherzigen Spende die siebenjährige Antonia („siehe Foto!“) jetzt mittlerweile in die Schule gehen kann. Ich denke, darüber würde meine Oma sich mehr freuen. Vielleicht würde sie das sogar tatsächlich glücklich machen. Erstaunlicherweise kommt solch ein Vorschlag in der Hitliste der 99 Dinge, die zum höchsten Glück führen, erst gar nicht vor.

Flaschenpost und Längengrad

Eine Flaschenpost verschicken, die vielleicht in 100 Jahren ankommt, vielleicht aber auch nie; die Welt auf einem Längengrad umrunden… Das sind die Möglichkeiten drei und vier, mit denen man dem höchsten Glück

angeblich am ehesten auf die Spur kommt.
Hm, irgendwie habe ich auch hier meine Zweifel. Aber bitte! Bevor Sie nun sagen: „Die macht nun aber auch wirklich alles nieder…!“ Nein, bevor Sie das sagen, erwidere ich quasi prophylaktisch: Bitte, wenn Sie Lust daran haben, dann tun Sie es. Tun Sie, was Sie wollen. Glück ist individuell, wird individuell erlebt und individuell erfahren. Und wenn Sie nach „alter Väter Sitte“ meinen, ein Haus zeugen, ein Kind pflanzen und ein Apfelbäumchen bauen zu sollen und dadurch das höchste Glück zu erreichen – oder so ähnlich – , dann bitte, tun sie es. Auch das kann helfen, dass Sie Ihr Glück finden. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie meine „echte Oma“ jetzt sagen würde. Hauptsache, es macht Sie nicht nur für den Moment glücklich, sondern auf Dauer.
Nicht der ultimative Kick

Bei dieser alten Regel zum Glücklichsein, aber auch bei den vier der 99 Dinge, die ich Ihnen benannt habe, geht es nämlich gar nicht um den ultimativen Kick. Es geht eben nicht um den ganz großen Reiz, der für einen Moment den Körper durchflutet, meinetwegen auch den Kopf, um danach auch wieder abzuschwellen. So wie beim Fallschirmspringen, Bungee Jumping oder was auch immer. Megageil! Und am liebsten sofort noch einmal! Beim lang andauernden Glück geht es vielmehr um jene kleineren oder größeren Verrücktheiten, die nicht das eigene Leben verändern. Aber die Wahrnehmung des eigenen Lebens dauerhaft verändern können.

Erasmus von Rotterdam

Eine liebe Freundin hat eine Postkarte auf ihrem Schreibtisch. Darauf ist ein Schaf zu sehen, das an seinen Hinterläufen ein paar Pumps trägt, aufrecht läuft und Luftsprünge vollführt. Bekloppt, oder? Über dem Schaf steht der Satz: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“ Darunter, ziemlich klein, aber doch leserlich, der Urheber dieses Ausspruchs: Es ist der Philosoph und Theologe Erasmus von Rotterdam.
Vor rund 500 Jahren soll er diesen Satz gesagt haben: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“ Wenn ich meine Freundin besuche, fällt mein Blick immer wieder auf diesen Satz. Ja, er zieht mich geradezu magisch an.

Raus aus dem Alltagstrott

Was Erasmus von Rotterdam damals schon meinte: Mach mal etwas, was für dich ungewöhnlich ist! Brich aus aus deinem Alltagstrott! Habe den Mut Dinge zu tun, die du unter normalen Umständen niemals tun würdest.
Was das ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber es sollten schon Dinge sein, die später nicht wie ein Bumerang zurückkommen und zur Last werden. Stattdessen etwas, was das Leben positiv beeinflusst. Dauerhaft.
Um das aber tun zu können, muss jeder erst einmal über sich selbst nachdenken, über seine Möglichkeiten und über seine Grenzen. Und genau das scheint mir der Trick zu sein bei diesem Satz von Erasmus von Rotterdam. Ein Trick, der das alltägliche Leben gleich ein ganzes Stück liebenswerter erscheinen lässt: Sich selbst seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst werden… und die dann möglichst zu überschreiten. Also quasi weiter zu wachsen. Und meinetwegen auch eine neue Stufe der Erkenntnis zu erreichen: von sich selbst, vom Leben und… ach was, von überhaupt allem.
Ein Satz, der mir gefällt und nach dem ich zu leben versuche, zumindest ein bisschen: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“ Nichts wie los!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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