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Mit Billy-Kondomen wär das nicht passiert… (20. Oktober)

Stellen Sie sich folgenden Werbespot im Fernsehen vor: Nacheinander werden die Eltern von Josef Stalin, Muammar al-Gaddafi, Idi Amin und Adolf Hitler gezeigt, direkt jeweils nach ihnen ihre Kinder, die späteren Staatschefs also. Und am Ende erscheint aus dem Off der Text: „Mit Billy-Kondomen wäre das nicht passiert.“

Grenzen des guten Geschmacks

Okay, besonders nett ist das nicht. Und vermutlich gab es auch noch eine Reihe von anderen Gründen, weshalb dieser Spot bei uns in Deutschland erst gar nicht zu sehen war. In Großbritannien, wo hingegen dieser Spot gezeigt wurde, ist man in Sachen Werbung seit jeher weitaus weniger zimperlich als bei uns. Vielleicht nicht gerade bei der altehrwürdigen BBC. Aber es gibt ja auch andere Programmanbieter, die die Grenzen des guten Geschmacks und des Anstands anders definieren als das Staatsfernsehen. Ob es deswegen manchmal ganz gern als schnarchnasig bezeichnet wird? Und ob das zu Recht oder zu Unrecht geschieht?

Technisch meisterhaft

Über Anstand und Geschmack lässt sich trefflich streiten – natürlich auch bei diesem Spot. Unter dem Aspekt der Werbung und Werbewirksamkeit allerdings halte ich ihn für meisterhaft. Schon die Aneinanderreihung der Eltern mit banalen, fast dokumentarisch, vor allem biographisch und harmlos wirkenden Sätzen erzeugt Spannung. Stalin, Gaddafi, Amin und Hitler – bitte legen Sie mich nicht auf die Reihenfolge fest – und immer wieder nichts mehr als ein stereotyper Satz, jeder Satz gleich, abgesehen von den Namen. Einer dieser Sätze: „Das sind Alois und Klara Hitler, die Eltern von Adolf Hitler.“ Oder sagten die im Spot möglicherweise „Schicklgruber“? Da haben Sie’s: Der Höhepunkt ist dermaßen heftig, dass man die Details vorher vergisst. Die Antwort auf alle Fragen lautet nämlich: „Mit Billy-Kondomen wäre das nicht passiert!“

Britischer Humor

„Shocking“, so sagen die Briten in solchen Fällen. Und lachen herzhaft. Britischer Humor ist eben etwas ganz Besonderes. Nein, ich verliere jetzt kein Wort über Lying BoJo, den „kleinen Insel-Trump“ und seine skurrilen Auftritte. Und auch kein Wort über die 350 Millionen Britische Pfund, die seit dem Brexit der National Health Service Woche für Woche überwiesen bekommt. Oder eben auch nicht. Ein Scherz, ein Hoax? Nein, aber doch ungemein witzig, haha! Britischer Humor ist eben, wie gesagt, etwas ganz Besonderes.

In der Mediengesellschaft gilt nun einmal: Wer am lautesten schreit, findet am ehesten Gehör. Ob das immer so gut ist, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Manchmal muss man übrigens noch nicht einmal schreien. Manchmal reicht es eben auch, mit einem roten Doppeldeckerbus durchs Land zu fahren. (Sorry, ich kann es wieder mal nicht lassen!)

Einem Virus ein Gesicht geben

Ursprünglich wollte ich noch auf einen anderen Spot zu sprechen kommen. Der muss ein gutes Dutzend Jahre alt sein, stammte vom Verein „Regenbogen“ und erhielt damals unglaublichen Gegenwind. Der Grund: In Softporno-Manier sieht man den Liebesakt eines Pärchens, bei dem der Mann das Gesicht von Hitler trägt. Heftig dann der Slogan: „Aids ist ein Massenmörder!“

Auch das ist „Shocking“, vielleicht noch mehr als die Werbung für die Kondome. Wirklich harter Tobak! Denn der Spot suggeriert so ganz nebenbei, dass Aidskranke Massenmörder sind. Und er verhöhne gleichzeitig, so damals die einhellige Kritik, alle Opfer des Nationalsozialismus. Mehr Fettnäpfchen

geht nicht. Oder wie Kurt Tuchlosky sinngemäß sagen würde: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint!“ Natürlich wollten die Macher des Spots dem Aidsvirus ein Gesicht geben. Natürlich wollten sie darauf hinweisen, dass Aids eine gefährliche Krankheit ist. Aber der kommt man nicht bei, indem man Erkrankte stigmatisiert – Menschen, die ohnehin schon genug zu leiden haben. Geht gar nicht, so die übereinstimmende Meinung. Bei der Kondom-Werbung hingegen gingen Meinungen in unserem Land noch auseinander.
Mal wieder: Die Fantasie geht durch

Wenn Sie meine Texte in dieser Rubrik öfter lesen, dann wissen Sie: Ich bin ein Opfer! Opfer meiner eigenen Fantasie. Die geht nämlich immer mal wieder mit mir durch. Und deshalb frage ich mich: Welches Gesicht würde man am besten dem Corona-Virus geben? Wenn man sich anschaut, wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro sein Volk ins Verderben laufen lässt… Corona? Alles halb so wild! Ganz klar: Jeder Corona-Tote ist einer zu viel. Aber weit über 600.000 Tote an oder mit Corona sind bei einem Volk von knapp 213 Millionen Menschen eine erschreckend große, eine unerträgliche Zahl. Klar, in den USA sind noch 125.000 mehr Menschen an oder mit Corona gestorben. Aber in den USA leben ja auch knapp 330 Millionen Menschen. Prozentual also deutlich weniger. Was nichts an der Aussage wenige Zeilen zu vor ändert: Jeder einzelne ist einer zu viel!

Bolsonaro oder Trump

In beiden Ländern haben die Präsidenten, in den USA zum Glück der aktuelle Präsident nicht mehr, die Corona-Gefahren verharmlost. Wenn man sich also ernsthaft Gedanken machen würde, dem Covid-19-Virus ein Gesicht zu geben: Würde man dem Virus das Gesicht von Bolsonaro oder Trump geben? Und würde dies überhaupt einen Unterschied machen? Denn schließlich sind beide Rechtspopulisten, fielen in der Vergangenheit immer wieder mit frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen und antiwissenschaftlichen Äußerungen auf. Klimawandel? Haha, der wird sich wie auch das Corona-Virus von selbst erledigen. Wobei in Bezug auf das Klima die beiden tatsächlich Recht behalten könnten. Was mich stört ist nur, dass wir Menschen eher erledigt sein werden als das Klima. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Russland

Was zählt ist die Frage, ob ein Werbespot mit einem menschgewordenen Virus tatsächlich die Zahl der Impfwilligen erhöhen würde. Wenn ja: Russlands Präsident Wladimir Putin könnte ja einmal über einen solchen Spot nachdenken. Obwohl Putin in Sachen impfen mit gutem Beispiel voranging, obwohl die Russen schon früh ein eigenes Vakzin entwickelt hatten – bei rund 30 Prozent Geimpfter stehen dem Land „ein heißer Herbst und Winter“ bevor. Albert Einstein fällt mir ein. Mit seinem Satz über die Unendlichkeit: Das Universum und die menschliche Dummheit seien unendlich, soll er gesagt haben. Und: dass er sich bei dem Universum nicht so sicher sei wie bei der Dummheit. Dabei hatte Einstein NICHT die Russen im Blick. Und ich auch nicht!

Impfspots

Bei uns gibt es längst Werbespots für Impfungen gegen Corona. Die, die lieber als Gefährder durch die Gegend laufen, als mit der Vorsorge selber Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen, schicken Hassmails an die Protagonisten der Impfspots. Lieber verbal auf andere draufschlagen als nachzudenken? Fast sieht es so aus. Daran würde auch ein Corona-Spot nichts ändern, der dem Covid-19-Virus ein Gesicht geben würde. Mails an Bolsonaro müsste ja auf Spanisch geschrieben werden, damit der sie liest. Und der Mann mit der Föhnfrisur ist ja in den Sozialen Medien nicht mehr so leicht zu erreichen wie früher.

Corona-Opfer

Nein, ich habe aufgegeben. An der Corona-Situation wird sich bei uns nicht allzu viel ändern. Selbst wenn die Zahlen im Herbst und Winter rasant anstiegen – für die, die die Zusammenhänge nicht sehen wollen, wird auch das nichts ändern. Auch die Liste der folgenden Namen nicht: Colin Powell, Hayko, Alvin Ing, John Davis von Milli Vanilli, Alber Elbaz, 50 Shades of Grey-Star Jim Dornan, David Prowse, Trini Lopez, Tim Brook-Taylor, Fernsehkoch Floyd Cardoz, Autor Terrence McNally, Saxofonist Manu Dibango, die Mama von Heintje, Bruce Williamson von den Temptations, Dave Greenfield von The Stranglers, die zweite Hälft von Siegfried, Countrystar John Prine und viele Prominente mehr – manche von ihnen nahmen das Coronavirus nicht ernst. Fast 242 Millionen (noch einmal: MILLIONEN!!!) Coronafälle weltweit und „nur“ knapp fünf Millionen Tote – solange die anderen sterben, ist das doch egal, oder? (Vorsichtshalber: Das war Ironie!)

Es bleibt dabei: Aufklärung tut not. Genauso wichtig ist der Einsatz für die Menschen, die konkret auf Hilfe angewiesen sind. Drastische Impfspots werden kaum weiterführen.

Billy-Spot: Remake?

Trotzdem habe ich eine Idee: Falls die Macher der Billy-Kondom-Kampagne über ein Remake nachdenken würden, könnte ich ihnen ein paar aktuelle Kandidaten liefern. Den Text hätte ich auch schon: „Das sind die Eltern von…“ Mit Jair Bosolnaro, Donald Trump und Boris Johnson wären schnell ein paar neue Protagonisten gefunden. Und, nein danke, ich beanspruche keine Tantiemen für die Urheberschaft. Gebe aber gerne zu, dass dasselbe Problem bestehen bliebe wie beim Original: Über Geschmack und Anstand lässt sich trefflich streiten. . „Shocking“ und für den einen oder anderen ungemein spaßig wäre was aber allemal.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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