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Stasi-Ausstellung in Leipzig – Gänsehaut seit Jahrzehnten (12. Oktober)

Es gibt Momente, die man nicht vergisst. Einer davon: als ich vor Jahren mit meinen Eltern die Stasi-Ausstellung in Leipzig besuchte. Damals ging ich noch zur Schule. Verstanden habe ich vieles nur deshalb, weil wir einen Kenner der Materie, wie man so sagt, an unserer Seite hatten. Einen, der vieles erläuterte: Heiner. Ein Mann, den mein Vater durch seine Arbeit zufällig kennengelernt hatte. Zu ihm und seiner Frau entwickelte sich eine Bekanntschaft, die einige Jahre lang zu gegenseitigen Besuchen führte. Bei einer dieser Gelegenheiten fuhr Heiner mit uns in die Stasi-Ausstellung nach Leipzig. Viel weiß ich nicht mehr davon. Ich war, wie gesagt, noch

Konfisziert: Audio-Kassetten und Briefe

viel zu jung. Aber ich erinnere mich an die Berge von Audio-Kassetten, die vom Westen in den Osten verschickt und von der Stasi konfisziert worden waren. „Erst haben sie die abgehört, dann haben sie sie zum Teil dafür genutzt, um ihre Spitzeleien aufzuzeichnen“, so Heiner. Briefe lagen da in Vitrinen. Abgeschickt, abgefangen, einbehalten und nie zugestellt. Aber mehr oder weniger am beeindruckendsten: ein künstlicher Bauch, in dem eine Kamera verborgen war. Den Kunstbauch schnallte man sich um und fotografierte eine Zielperson quasi durch die Knopfleiste des Hemdes, ohne dass die Person das bemerkte.

James Bond-Verschnitt

Das alles erinnerte mich damals an James Bond-Filme. Was Heiner bestätigte: In vielen Fällen habe die Stasi Elemente aus James Bond-Filmen für bare Münze genommen und sie nachgebaut. Als ich einen Kugelschreiber sah, mit dem man laut Heiner auch Gift injizieren konnte, wurde mir ein bisschen schwindelig. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob dieser Stift tatsächlich eine Mordwaffe war oder ob Heiner mich hochgenommen hatte. Wie gesagt, ich war noch sehr jung, quasi im Schlepptau meiner Eltern mit in der Ausstellung.

Das ist mein Auto! Und das bin ich!

Woran ich mich aber ganz genau erinnere, war ein plötzlicher Ausruf Heiners. Er stand vor einer Wandtafel, die mit Fotos übersät war. „Das ist doch mein Auto“, so Heiners erschrockener Ausruf. „Und das bin ich!“ Heiners Finger tippte auf ein Foto, auf dem ein junger Mann neben seinem Trabi zu sehen war. Längere Haare als heute, aber zweifellos: Das war Heiner! Das Nummernschild war geschwärzt. Aber Heiner war sich sicher: Abgebildet war sein Auto. Und daneben er selbst. Mit bebender Stimme las er den unter dem Foto angebrachten Protokollauszug vor:
„Die Zielperson bestieg mit drei weiteren Bürgerrechtlern ihren Trabant, Kennzeichen [für die Ausstellung geschwärzt] und fuhr, gefolgt von zwei Pkw aus Westdeutschland mit Mitgliedern von Bündnis 90 / Die Grünen in den Braunkohlentagebau außerhalb von Leipzig.“

Klassenfeind und Pseudokrupp

Heiner erinnerte sich sofort an die Situation: Damals war er als engagierter Christ Sprecher einer ökologischen Initiative, die unter Bewahrung der Schöpfung etwas anderes verstand als die Machthaber. Deshalb führte er westdeutsche Grüne, also Politiker des Klassenfeindes, in Ortschaften, in denen auch bei Tag grundsätzlich das Abblendlicht eingeschaltet werden musste. Ohne Fahrtlicht hätte man hier den giftigen Dunst der Braunkohlenverarbeitung kaum durchdringen können. Ortschaften, in denen die Kinder gleich in Massen an Pseudokrupp erkrankten.

Die Stasi war immer dabei

Gebetskreise, Friedensmärsche, Flugblattaktionen – die Stasi war immer dabei. Dass die Stasi Heiners Aktivitäten fein säuberlich beobachtete, um ihm irgendwann den Prozess zu machen, nahm er in Kauf.
Jetzt aber damit so unvermittelt konfrontiert zu werden – ja, das traf ihn dann doch. Wie er da so an der Fotowand stand, leichenblass, weil er sich

selbst und sein Auto entdeckt hatte, daneben die Fahrzeuge der „grünen Gäste aus dem Westen“ – ein Schock für Heiner.
Gebete, Kirche, Gott

Bescheiden und zurückhaltend hatte Heiner von seinen Aktivitäten in der DDR berichtet. Von Aktivitäten, die letztlich dazu beitrugen, dass die erhoffte Wende Wirklichkeit wurde. Mit einem knappen Dutzend Gleichgesinnter hatte Heiner die Montagsgebete in der Leipziger Nikolaikirche initiiert. Damals hätte keiner von ihnen auch nur im Traum daran gedacht, dass die Gruppe immer größer wurde, dass Monate später zig Tausende durch die Straßen Leipzigs – und natürlich anderer Städte der damaligen DDR – zogen und letztlich den Fall des DDR-Regimes und der Mauer erreichten. Veränderung hatten sie erhofft, hatten sie erwartet. Was sie trug war der Gedanke, dass Gott von den Menschen Einsatz und Engagement fordert, auch dann, wenn dies ihnen persönlich Schwierigkeiten einbringt.

Gottvertrauen

Dass sich am Ende die richtige Idee gegen alle Tricks der Mächtigen durchsetzt, wenn man nur über genügend Beharrlichkeit und das notwendige Gottvertrauen verfügt – ja, das hatten sie sich selbst oft genug gesagt. Aber als sich abzeichnete, wie groß die Veränderung würde, dass der gesamte Unrechtsstaat im Begriff war zu kippen und sich aufzulösen – damals waren sie sogar ein bisschen erschrocken. Vor allem aber dankbar. Dankbar dafür, dass sie vielleicht eine Revolution ausgelöst hatten, aber eben eine friedliche Revolution. Denn fast immer in der Geschichte verliefen Revolutionen begleitet von einem ungeheuren Blutvergießen.

Der Pfarrer – ein Spitzel

Was bei unserem Besuch der Stasi-Ausstellung noch niemand wusste: Heiners Schock sollte noch größer werden an jenem Tag mit uns in der Ausstellung. Denn Monate nach unserer Begegnung konnte Heiner endlich seine Stasiakten einsehen. Obwohl dort nicht explizit vermerkt, wurde ihm schlagartig klar: Der Pfarrer, mit dem er und seine Freunde ihre Aktionen absprachen, dem sie sich anvertrauten, den sie in ihre Gedanken und Pläne einweihten, der immer vorher von allem gewusst hatte – dieser Pfarrer war ein Stasi-Spitzel gewesen. Alle Informationen hatte er brühwarm weitergegeben.

Kein Vertrauen mehr zur Kirche

Zum Staat war Heiners Haltung seit seiner Jugend eindeutig. Jetzt wurde seine Haltung zur Kirche genauso klar. Er wisse, dass es falsch sei, das Fehlverhalten eines einzelnen Menschen auf eine ganze Institution zu übertragen, sagte er später meinen Eltern. Aber jetzt, wo er wisse, dass die Gebetskreise und Friedensmärsche von einem Kirchenmann verraten worden seien, könne er dieser Institution einfach keinen Platz mehr in seinem Leben einräumen.

Für mich war das irgendwie nachvollziehbar. Denn Vertrauen ist nun einmal ein Geschenk, ein Vorschuss. Wo dieser Vorschuss aufgebraucht oder sogar missbraucht wird, dauert es lange, bis die Bereitschaft für einen weiteren Vorschuss wachsen kann. Oft genug eben auch unendlich lange. Wobei die Betonung auf „unendlich“ liegt und so viel wie „nie“ bedeutet.

Das Leben der Anderen

Wie tiefgreifend solche Enttäuschungen sein können, habe ich erst Jahre später vollends begriffen. Da sah ich nämlich zum ersten Mal den Film „Das Leben der Anderen“, das Spielfilmdebüt von Florian Henckel von Donnersmarck. Ein großartiger Film mit einem grandiosen Cast: der viel zu früh verstorbene Ulrich Mühe, Martina Gedeck und Ulrich Tukur, mit Herbert Knaup und Martin Brambach, mit Charlie Hübner und dem mir damals noch unbekannten, heute von mir heißgeliebten Hinnerk Schönemann und vielen weiteren großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern. Ein Film, der unter die Haut geht, zumal die bei der Stasi üblichen Bespitzelungen hier – kleiner Spoileralarm – für doch „recht private Zwecke“ umgewidmet werden. Einfach erschreckend! Aber selbst wenn dieser Film noch so realistisch ist – er ist ein Film. Und bleibt somit wohl hinter der Härte und Brutalität zurück, mit der die Realität in der damaligen DDR zuschlug.

Besser denn je

Mein Vater und Heiner haben sich nach ein paar Jahren aus den Augen verloren. Ich aber höre ihn heute noch in meiner Erinnerung voller Dankbarkeit sagen: Zu keiner Zeit in seinem Leben sei es ihm besser gegangen als seit der Wiedervereinigung – ein Standpunkt, den längst nicht jeder im Osten teilt.

Was ich übrigens nie vergessen werde: Auch wenn ich nicht alles verstand – ich war, wie gesagt, noch viel zu jung dafür – hatte mich doch eine schwermütige, niederdrückende Stimmung erfasst.

Besucherzähler im Drehkreuz

Als wir die Stasi-Ausstellung verließen, brach ich in Tränen aus: Das Drehkreuz, das den Ausgang freigab, hatte geklickt. Laut, durchdringend, so als wollte es mir sagen: „Erwischt! Jetzt haben wir dich in unseren Fängen. Jetzt bist du uns schutzlos ausgeliefert!“
Da nutzte es nichts, dass meine Eltern und Heiner mich beruhigen wollten; dass sie darauf hinwiesen, dass das Klicken lediglich durch einen Zähler ausgelöst worden war, der die Besucherzahl festhalten sollte. Ich glaubte ihnen kein Wort. Und als ich ihnen Stunden später doch glauben wollte und sogar konnte, ließ mich dieses Gefühl doch nicht los: überwacht zu sein, beobachtet und verraten zu werden. Und irgendwann die Quittung zu erhalten. Dafür, dass man anders denkt als manch Mächtigere dies gerne hätten.

Nachtrag: Stasi-Ausstellung aktuell

Die Stasi-Ausstellung in Leipzig ist seit längerem in die Kritik geraten. Sie werde „modernen gedenkpädagogischen Anforderungen“ nicht mehr gerecht, heißt es. Das mag richtig sein, zumal sie sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert haben soll.
Ob diese Kritik berechtigt ist, kann ich nicht beurteilen. Was ich allerdings weiß, ist, dass die Stasi-Ausstellung bei mir bleibende Spuren hinterlassen hat, mit dazu beigetragen hat, dass ich auf meine Weise Unrecht bekämpfe: indem ich es nämlich benenne. Insofern hoffe ich, dass eine modifizierte Stasi-Ausstellung diese Wirkung weiterhin behält. „Moderne gedenkpädagogische Aspekte“ gegen die deutliche und offensichtliche Benennung von Machtmissbrauch und Unrecht einzutauschen, wäre ein falsches Signal.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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