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Alles kein Teufelswerk? Ein 97jähriger über das Jungbleiben (8.Oktober)

Opa Klawuttke kennen Sie wahrscheinlich nicht! Woher auch? Aber Sie haben etwas verpasst! 97 Jahre alt, kerzengrader Gang, noch die meisten eigenen Zähne, vielleicht etwas schütteres Haar, Lesebrille, aber ansonsten: topfit! Keine Spur von seinem Alter. Er sieht eindeutig jünger aus als er ist. Mit 70, vielleicht 75 könnte er

Ich hör’s ja doch!

noch prima durchgehen! Mit dem Hören klappt’s nicht immer – vor allem dann, wenn er etwas partout nicht hören WILL. Aber wehe, er SOLL mal etwas nicht mitbekommen: Kaum hat man angefangen zu sprechen – selbst wenn es noch nicht einmal ein Flüstern, sondern nur ein Wispern ist – schon mischt sich Opa Klawuttke ins Gespräch ein. „Du brauchst gar nicht so leise zu sprechen – ich hör‘s ja doch! Bin ja noch gut beieinander!” So ist Opa Klawuttke. Rege wie ein ganz junger. Ein netter, alter Herr, der gelegentlich bei meiner verwitweten Oma auf ein Tässchen Kaffee vorbeischaut.

Rezept zum Jungbleiben

Neulich, als ich Opa Klawuttke mal wieder bei Oma traf, habe ich ihn nach seinem Erfolgsrezept gefragt. „Alles kein Teufelswerk“, bekomme ich zur Antwort. Einfach regelmäßig leben. Immer ungefähr um dieselbe Zeit ins Bett, immer um etwa dieselbe Zeit aufstehen. Eine Nacht durchfeiern und dann am nächsten Morgen den Schlaf nachholen? Völliger Blödsinn, sei das. Was auch immer er mir damit sagen willl.
Aber dann rückt er doch mit seinem „Rezept“ heraus: Jeden Tag ein Gläschen Wein, aber: Bloß keinen Schnaps! Und vor allem: Keine Tabletten, keine Tropfen. „Wenn du damit einmal anfängst, kommst du nicht mehr davon los“, behauptet er treuherzig. Es ist ihm deutlich anzumerken: Von der Richtigkeit seiner Ansicht ist er felsenfest überzeugt. Warum auch nicht? Schließlich hat er das beste Argument auf seiner Seite: Er selbst ist der lebende Beweis für die Richtigkeit seiner These.

Keine Tabletten

Für jedes Wehwehchen das passende Mittel in der Hausapotheke – diese Vorstellung ist dem wackeren Alten ein Gräuel. Wo das denn hinführen soll, will er wissen, als ich ihn nach „seinen Medikamenten“ frage. Nahrungsergänzungsmittel? Auch nicht! „Warum isst du denn nicht gleich so, dass du gar nichts ergänzen musst?“ Keine schlechte Frage.
Für jedes und alles die passende Pille: Vitaminpillen anstatt knackigem, frischem Obst, Abnehmpillen statt FdH, Anti-Raucherpillen für die, die sich

von diesem Laster partout nicht selber befreien können. Den Körper zu manipulieren, mit Pillen wie eine Maschine zu steuern – für den rüstigen Senior ein Unding. „Selbstoptimierung? Was soll das denn? Ich glaube wohl, ich spinne. Wenn ich mein Leben vernünftig lebe, dann bin ich gut. Und sogar mir gut genug“, so Opa Klawuttke, fast ein bisschen beleidigt.
So ist die Jugend

„Ihr jungen Leute – ihr schluckt Pillen, damit ihr eine ganze Nacht durchtanzen könnt, dann schluckt ihr Pillen, weil ihr glaubt, in Schule oder Uni durch die Prüfung zu fallen. Und statt euch mal mit euch selbst auseinanderzusetzen, lauft ihr vor euch selber weg: rennt Kilometer um Kilometer durch den Stadtpark in der trügerischen Hoffnung, dass euch eure eigene Wirklichkeit nicht einholen kann, wenn ihr nur schnell und weit genug lauft. Ihr lasst euch die Nase richten, den Busen vergrößern“ – ich sage jetzt nicht, wohin der alte Kerl bei diesen Worten guckt – „versteckt euch hinter Tattoos, weil ihr eurer natürlichen Schönheit nicht traut. Zieht Klamotten an und bretzelt euch auf, nur weil die Modeindustrie jedem von euch die Möglichkeit gibt, sich hässlicher zu machen als jeder von euch ist!“

Charakter und Tugend

Ich bin etwas betreten, als Opa Klawuttke mir das entgegenschleudert. Vor allem das mit dem Aufbretzeln hätte ich von ihm nicht erwartet. Mit 97??? „Der Glaube versetzt Berge“, sagt er ganz gelassen, als ich ihn auf seinen eisernen Willen spreche. Ich bin überzeugt davon: Das meint er erst! Heißen soll es wohl: Das, was früher als Charakter und Tugend angesehen wurde, ist durch Pillen nicht zu ersetzen.

Ganz klar, nicht jeder hat einen eisernen Willen, wie Opa Klawuttke ihn hat. Und den inneren Schweinehund zu überwältigen, fällt schwer. Das Glücksgefühl aber, wenn man es wirklich aus eigenen Kräften geschafft hat, ist umso größer. Vielleicht, weil es ganz entfernt auch etwas mit Ehre und Würde zu tun hat und mich ganz in meinem Menschsein zeigt. Und das zählt mehr als tausend Pillen erreichen können.

Nachtrag

„Schreibst du jetzt einen Text über unser Gespräch? Dann schreib dazu, dass Opa Klawuttke Recht hat, vor allem, wenn er sagt, dass die Jugend auch nicht mehr das ist, was sie mal war!“ Und nach einer kleinen Pause fügt er augenzwinkernd hinzu: „Trotzdem würde ich gern noch mal so jung sein wie ihr!“
Wenn das kein guter Schlusssatz ist…
Opa Klawuttke, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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