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Care-Pakete auf die Insel? (29. September)

Jetzt habe ich es also wohl doch noch geschafft: meine englischen Freunde zu verärgern. Etwas, was ich unter allen Umständen vermeiden wollte. Und worum ich mich seit mehreren Jahren ernsthaft bemühe. Ganz bestimmt. Auslöser ist – na, was denn auch sonst – der Brexit. Als ich in der letzten Woche die Bilder von leeren Regalen in britischen Supermärkten sah, dazu in manchen deutschen Medien das krampfhafte Bemühen um die Vermeidung von Häme zwischen den Zeilen herauslas, erlaubte ich mir einen Fauxpas:

Leere Regale

Ich fragte meine englischen Freunde an, ob ich ein Care-Paket schicken sollte. So gut, wie es meine Englischkenntnisse erlauben, hatte ich ihnen mein Entsetzen über die leeren Regale beschrieben – das sah schlimmer aus, als ich es vor einigen Jahren noch in Havanna auf Kuba erlebt hatte. Die Vorstellung, dass man in den Supermarkt geht und nichts kaufen kann, weil es nicht gibt – für meine Generation, soweit sie auf deutschem Boden großgeworden ist, eine Vorstellung, die nur eines ist: unvorstellbar.

Kein Sprit

Und jetzt noch der Spritmangel auf der Insel! Wie soll man zum Supermarkt fahren und den Kofferraum vollpacken, wenn es nicht nur nichts mehr zum Vollpacken gibt? Sondern wenn jetzt auch noch der Sprit fehlt, um zum Supermarkt zu fahren? „Britannia rule the waves“ sieht irgendwie anders aus. Ein übles Eigentor, das sich die Briten da mit ihrem Brexit geschossen haben. Wobei mir schon klar ist, dass das mit dem Eigentor so generell nicht stimmt: Bei jeder Suppe schwimmt das Fett nun einmal oben. Und in jeder Krise gibt Menschen, die gewinnen. Und solche, die verlieren. Meistens sind es die kleinen Leute, die draufzahlen. Währenddessen reibt sich das Fett, das oben schwimmt, die Hände. Okay, das war ein schiefes Bild. Das habe ich meinen englischen Freunden auch so nicht geschrieben.

Alles halb so wild

Eine knappe Mail kam zurück: So schlimm sei das alles gar nicht. Es würde schon weitergehen. Die Krise sei sicherlich schnell vorüber. Schließlich arbeite die Regierung daran, sich nicht weiterhin von Europa erpressen zu lassen. Wie bitte?

Dass die Mail etwas kühl klang, mag meinen Englischkenntnissen und meiner persönlichen Interpretation geschuldet sein. Vielleicht bilde ich mir ja etwas ein. Dass aber nun schon wieder Europa schuld sein soll, dass es bei den Briten nicht läuft – diese Aussage ging mir dann schon gegen den Strich.

NHS-Lüge

Meine Freunde sind intelligente Leute, wenn auch ein paar Jahre älter als ich. Damals, als sie mir sagten, dass sie für den Brexit gestimmt hatten, war ich fassungslos. Vor allem wegen ihrer Begründungen: Sie wollten es ihren Politikern mal zeigen. Im Leben hätten sie nicht geglaubt, dass die ernsthaft einen Brexit wollten.
Trotzdem identifizierten sie sich mit den Zielen: Einen Beitritt der Türkei zur EU wollten meine Freunde, wie die meisten Briten, unbedingt verhindern; statt 350 Millionen Britische Pfund Woche für Woche an die EU zu zahlen, sollten diese besser dem National Health Service, den geliebten NHS, zufließen – dieses für die britische Seele unschlagbare Argument hatte sich seinerzeit Chefstratege Dominic Cummings ausgedacht. Das ist der, der heute gegen Boris Johnson Front macht! „Lying Boris“, wie meine Freunde den wegen seiner Lügen umstrittenen ehemaligen Journalisten und späteren Bürgermeister von London nennen, hatte auch diese Lüge verbreitet – publikumswirksam war er dafür mit einem roten Doppeldecker-Bus auf Stimmenfang aus.

Alle Politiker lügen

Natürlich argumentierte ich damals dagegen: Die „Vote Leave“-Kampagne lasse außer Acht, dass das UK einen großen Teil seiner Zahlungen von der EU zurückbekäme. Außerdem müssten hohe Summen aufgebracht werden, um die entfallenden EU-Mittel für die britische Landwirtschaft zu kompensieren.

Von den 350 Millionen bliebe am Ende kaum etwas übrig, so damals meine Argumentation. Johnsons Kampagne sei letztlich eine große Lüge. Doch meine Freunde winkten ab. Politiker lügen doch alle, so ihre Antwort voller Resignation.

Für mich ein Hammer. Was sie mir auch anmerkten. Und deshalb ihr endgültiges Argument vorbrachten: „Take back control“ – sie wollten sich von der EU nichts mehr vorschreiben lassen, wollten ihre Identität zurück. Schließlich blickten sie mit Stolz auf ihre britische Geschichte, auf ihren Reichtum und ihre politische Stellung in der Welt zurück.

Britische Identität in der Geschichte

An dieser Stelle war ich endgültig sprachlos. Und habe geschwiegen. Jeder Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, hätte unsere Freundschaft zerstört. Ich dachte an Millionen von Schwarzen, die die Briten in ihrer Geschichte in Afrika gefangen, ihrer Freiheit und ihrer Würde beraubt hatten. Sklaven, die anschließend in den britischen Kolonien für die britischen Eroberer schuften mussten; dachte an die Hunderttausenden, die bei der Sklavenjagd in ihren Dörfern ermordet wurden. Mir drängten sich die Inder auf, die unter der britischen Knechtschaft ihr Leben ließen, damit die Oberschicht in England gut leben konnte. Die Afrikaner, die vertrieben, unterdrückt und ausgebeutet wurden. An die Völker, bei denen bis heute die Grenzziehung mit dem Lineal Volksgruppen teilte, was bis heute für Konflikte sorgt. Und daran, dass die Briten – ich weiß, andere Nationen auch – Raub, Mord, Totschlag und „Schiffe versenken“ auf den Weltmeeren durch Kaperbriefe ausdrücklich erlaubten. Alles nicht so schlimm, solange es der britischen Krone nutzte. Ich bin nun einmal kein Freund einer Kanonenbootpolitik!
Ich weiß, das ist ein verzerrtes Bild einer Nation. Aber eines, dass sich mir bei „zurück zu unserer Identität“ aufdrängte. Eines, das ich meinen Freunden damals verschwiegen habe. Eine Identität, die, gäbe es ein Zurück, für die Zukunft nicht gerade verheißungsvoll war.

Wider den äußeren Feind

„Take back control“ – gegen die Bevormundung durch die EU? Wieso eigentlich Bevormundung durch die EU? Saßen nicht bei allen Beschlüssen der EU auch britische Vertreter mit an den Tischen der Entscheider? Menschen, die jederzeit Beschlüssen widersprechen konnten, dies aber wohl nicht oder zumindest nicht genügend taten? Aber es ist ja ein uraltes Spiel der Politik, die Verärgerung des Volkes zu kanalisieren: von den eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten ablenken, indem man alle Probleme einem angeblichen äußeren Feind in die Schuhe schiebt.

Osterweiterung der EU?

Wenn ich auch die Details nicht präsent hatte, so war mir doch in Erinnerung, dass es gerade die Briten waren, die die Osterweiterung der EU massiver vorantrieben, als andere es gern getan hätten. Dieselben Briten, die dann später plötzlich über zu viele Einwanderer aus Osteuropa stöhnten. Dieselben, die Polen, Rumänen und andere Osteuropäer aus ihrem Land drängten. Und damit genau die Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Klempner, Schuster, Installateure und viele mehr, ja, auch die Lastwagenfahrer, die ihnen heute fehlen. Wer will sich schon stundenlanges Warten an den Grenzen antun, nur weil plötzlich die alten Zollbestimmungen nicht mehr gelten? Aber das alles liegt ja nicht am Brexit. Schuld ist Corona. Und vermutlich das Wetter. Oder was sich sonst noch so finden lässt. Ah, wie wäre es mit der EU? Die ist schuld! Das zieht immer noch.

Aufkündigung der Solidargemeinschaft

Schluss mit der Gängelei aus Brüssel, Schluss damit, auf eigene Rechte zu verzichten, Schluss damit, dass Menschen aus anderen Ländern einreisen, bleiben, arbeiten und leben können! So die Forderungen.
Sind die leeren Regale und die geschlossenen Tankstellen bereits die logische Konsequenz für den EU-Austritt? Die ganz normale Quittung, wenn man aus einer großen Gemeinschaft austritt? Weil man bestehende Regeln, die das Miteinander eben regeln sollen, nicht mehr akzeptieren will? Weil man eine Solidargemeinschaft verlässt, bei der einer für den anderen eintritt? Bei der die Lasten einzelner von allen geschultert und damit auch gemeistert werden?
Ist es nicht eine der größten Errungenschaften der Menschheit, wenigstens ein Stückweit auf Egoismen zu verzichten? Abzugeben, sich um den Nächsten zu kümmern, zu teilen, anderen von seinem Wohlstand abzugeben? Auch wenn man mal für andere und deren Fehler mitzahlen muss? Vor allem, einen Frieden für alle zu sichern? Solidarisch zu sein mit den anderen und nicht sich selbst an die Spitze zu setzen, nicht lauthals zu brüllen, dass das Eigeninteresse an erster Stelle stehe?

Die Letzten werden die Ersten sein…

Tatsächlich fallen mir an dieser Stelle Sätze aus der Bibel ein: „Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ Und ein anderer: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Unglaublich, was die Menschen vor 2000 Jahren schon wussten. Erfahrungen und Lebensweisheiten gibt es zu Tausenden. Unvorstellbar, wie gut es der Weltgemeinschaft gehen könnte, wenn alle bereit wären, aus der Geschichte, aus der Erfahrungen vergangener Generationen zu lernen.
Ich möchte kein Zurück in frühere Verhältnisse. Ich bin davon überzeugt, dass früher eben nicht alles besser war – wenigstens nicht für jeden. Auch wünsche ich niemandem, dass er auf einer wie auch immer gearteten Skala ans Ende rutscht, also zum Letzten wird, weil er der Erste sein wollte. Aber ich wünsche mir mehr Weitsicht, mehr Solidarität, mehr Miteinander. Und vor allem weniger Egoismus. Übrigens nicht nur „auf der Insel“, sondern auch bei uns. Denn in Wahrheit ist niemand eine Insel.

Weihnachtspäckchen statt Care-Paket

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – dieser Satz von Kurt Tucholsky trifft wieder einmal den Nagel auf den Kopf. Vielleicht war die Anfrage bei meinen Freunden, ob ich ein Care-Paket schicken soll, zwar gut gemeint, aber eben nicht gut. Schon möglich, dass ich ihren Stolz ein wenig verletzt habe. Vermutlich kennen sie zwar ihren Shakespeare, aber nicht unseren Bertolt Brecht. Sonst wüssten sie: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Erst kommt der volle Bauch, dann der Stolz. Aber vielleicht schätze ich meine englischen Freunde da auch falsch ein.

Trotz ihrer eher kühlen Antwort hinsichtlich meiner Anfrage werde ich ihnen in den nächsten Tagen ein großes Paket packen. Oder besser gleich mehrere kleine. Was ich nicht als Care-Paket deklariere, sondern als liebe Weihnachtsgrüße. Hinein kommen Dinge, die sie brauchen, aber zurzeit nur schlecht oder gar nicht kaufen können. Ich weiß, Marmite und Bovril bekomme ich bei uns auch nicht. Und wenn, dann höchstens als Import ausgerechnet aus England – das macht wenig Sinn. Aber ein paar Lebensmittel, die lange haltbar sind, werde ich schon finden. Schließlich muss ich damit rechnen, dass meine Päckchen einen langen Postweg vor sich haben. Falls nämlich auch den Paketdiensten im UK sowohl die Fahrer wie auch der Sprit ausgehen…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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