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Schulbesuch nur mit „Polizeischutz“ – Little Rock 1957 (24. September)

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? In der Erinnerung der meisten Menschen erscheint diese verklärt. Hängen bleiben die Streiche, die Lausbübereien und, na ja, vor allem die skurrilen Lehrer. Die unangenehmen Dinge verdrängt man lieber.
Sechs Mädchen und drei Jungen, die in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Arkansas, Little Rock,zur Schule gingen, dürften sich genau an diese „unangenehmen Dinge“ aus ihrer Schulzeit erinnert haben. Ihr ganzes Leben lang. Wäre ihre Schulzeit „nur unangenehm“ gewesen – vielleicht hätten sie eine Chance gehabt, zumindest Teile davon zu vergessen. Aber sie war lebensbedrohlich, gefüllt mit Ängsten. Und genau so etwas vergisst man nicht.

Entscheidung des Obersten Gerichtshofes

Was also war geschehen? Ende der 1950er Jahre erließ der Oberste Gerichtshof in den USA ein Präzedenzurteil: Ab sofort mussten Schulen sowohl weiße wie auch schwarze Schülerinnen und Schüler aufnehmen. Als nun in besagtem Little Rock für sechs schwarze Mädchen und drei schwarze Jungen die Frage anstand, welche weiterführende Schule sie denn nun besuchen sollten, war die Entscheidung klar: Es sollte die Central Highschool werden, eine Schule, die bis dahin ausschließlich von weißen Schülern besucht wurde. Aber was der Oberste Gerichtshof nun einmal festlegt, ist Gesetz. Und deshalb nahmen die neun schwarzen Kinder am 3. September 1957 ihr Recht in Anspruch.

1.900 gegen neun

Auch wenn immer jemand den Anfang machen muss: neun Schwarze an einer Schule und 1.900 Weiße, die sie nicht dort haben wollten – das ist schon eine problematische Konstellation. Zumal sich, wenn man die Eltern, Angehörigen und Sympathisanten mitzählt, die Differenz zwischen den beiden Lagern noch deutlich vergrößert. Und nicht nur das. Auch die politische Führung des Bundesstaates Arkansas stand auf der Seite der Weißen. Als die neun schwarzen Kinder also 3. September 1957 erstmals zur neuen Schule gingen, griffen Soldaten ein und hinderten sie am Schulbesuch. Der weiße Mob jubelte! Einen Tag später

Fast gelyncht

wurde eines der schwarzen Mädchen von den aufgebrachten Weißen fast gelyncht – und die Polizei sah seelenruhig zu. 13 kurze Minuten – vermutlich die längsten 13 Minuten ihres Lebens – waren die schwarzen Schüler in der Schule. Dann eskortierte sie die Polizei nach Hause. Angesichts dieser Zustände glaubt man es kaum, aber die Schülerinnen und Schüler blieben unverletzt, ja, sogar unbehelligt.
Zusammengeschlagen wurden hingegen Reporter, die über diese unglaublichen Ereignisse berichten wollten. Sie merken schon: Gar so viel hat sich im Vergleich zu früher nicht geändert. Immer dann, wenn die kleine Leuchte im Kopf partout nicht brennen will, kommen die hunderttausend Volt in den Oberarmen zum Einsatz.

Die Antwort des Staates

Präsident Dwight D. Eisenhower hatte die passende Antwort: Am 24. September 1957 schickte er kurzerhand Kräfte der Bundesarmee nach Little Rock. Ab dem nächsten Tag schützten Regierungstruppen die schwarzen

Kinder und sorgten dafür, dass sie ungehindert die Schule besuchen durften. Das Recht hatte gesiegt, der Stumpfsinn verloren. Welcher Schaden allerdings an den Kinderseelen entstand, lässt sich nicht einmal erahnen.
Der Mob bei uns

Am liebsten würde ich nun schreiben: Wie aufgebracht, aufgepeitscht und dumm der Mob reagierte, erscheint uns hier und heute nahezu undenkbar. Leider kann ich genau das nicht tun. Im Gegenteil: Überall in unserem Land wächst die Bereitschaft zur Gewalt. Immer mehr Menschen machen ausschließlich sich und ihre kleine Welt zum Mittelpunkt ihres Denkens, vor allem aber setzen sie ihre Ansichten hemmungslos durch: Du bist anderer Meinung als ich? Dann knalle ich die eben ab. Egal, ob du ein Politiker in Kassel bist und etwas zum Thema Ausländer gesagt hast, was mir nicht passt. Egal, ob du ein Verkäufer in einer Tankstelle bist, der mich darauf hinweist, dass es in diesem Land Spielregeln gibt, die zurzeit nun mal das Tragen von Masken verlangen. Dass sogar eine Frau, die eine verlorene EC-Karte als ehrliche Finderin zurückgibt, geschlagen und sexuell belästigt wird, mag da nur den Stellenwert einer Randnotiz einnehmen. Trotzdem zeigt sie, wie es mit unserem Land bestellt ist.

Blick nur bis zum Tellerrand

Während man früher versuchte, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und vor allem den eigenen Teller und damit seinen persönlichen Blick immer mehr zu vergrößern, scheint es heute so, als sei bei vielen der Rand einer Untertasse zu einer Mauer hochgezogen, die man gar nicht mehr überwinden will. Und hinter der man sich mit möglichst einfachen Phrasen wunderbar verbergen kann. Nicht viel anders also als seinerzeit in Little Rock.

Gleiche Rechte für alle Menschen

Ich denke, es ist höchste Zeit, noch deutlicher als bisher klarzumachen: Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Herkunft und vieles mehr sind keine Kriterien, aus denen sich per se ein besserer oder höherwertiger Mensch ableiten ließe. Menschsein entsteht gerade erst da, wo sich ein Mensch für (und nicht gegen) einen anderen Menschen engagiert, ihm hilft, für ihn da ist, ihm dieselben Rechte und Freiheiten einräumt, die man für sich selbst gern in Anspruch nehmen möchte.

Ein weiter Weg

Zugegeben: Dass Präsident Eisenhower am 24. September 1957 Bundestruppen einsetzen musste, um genau dies zu verdeutlichen, ist erschreckend. Noch erschreckender allerdings ist, dass sich in den 64 Jahren danach in den USA so wenig in Sachen Anti-Rassismus getan hat. Und dass auch bei uns in vielen Köpfen immer noch nicht als normal gilt, was letztlich die normalste Sache der Welt ist. Ein weiter Weg, der da noch zu gehen ist. Aber es gibt keinen anderen. Zumindest keinen anderen, der von Menschsein geprägt ist.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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