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55 Jahre „Raumpatrouille“ und Raumschiff Orion – aktueller denn je? (17. September)

Commander Cliff Allister McLane, Mario de Monti, Atan Shubashi, Hasso Sigbjörnson, Helga Legrelle, natürlich Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk – die Namen der Besatzung des Raumkreuzers Orion konnte ich schon als Kind herunterbeten. Mein Vater war großer Fan der Serie, hat sie zig-mal gesehen… und auch ich durfte schon als Kind

Kinofassung mit Elke Heidenreich

die Folgen anschauen. Klar, dass irgendwann bei uns zu Hause die DVDs angeschafft wurden. Klar auch, dass unsere Familie geschlossen ins Kino ging, als 2003 ein Zusammenschnitt der sieben Rampatrouille-Folgen gezeigt wurde: „Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino“ hieß das Spektakel sehr sinnig. Es bestand aus Sequenzen der alten Folgen, die durch Zwischenmoderationen der Nachrichtensprecherin Helma Krap verbunden wurden. Jene Helma Krap wurde übrigens gespielt von Else Stratmann, jener Metzgersgattin aus Wanne-Eickel, die wiederum für eine lange Zeit so etwas wie ein Alter Ego der genialen Elke Heidenreich darstellte. Herrlich.

Auf Orion 7 folgt die Orion 8

Am 17. September 1966 gelang der ARD etwas Phänomenales: Sie brachte Science-Fiction auf die Mattscheibe, die, wenn ich meinen Eltern glauben darf, damals wohl tatsächlich noch flimmerte und so dem linearen Fernsehen den Namen „Flimmerkiste“ verpasste. Obwohl die Serie ja eigentlich „Raumpatrouille“ hieß, sprach bei uns in der Familie jeder nur von der „Orion“. So hieß das Raumschiff, das Dietmar Schönherr als Commander Cliff Allister McLane befehligte. Genauer gesagt: Erst war es die Orion 7. Und als McLane diese zu Schrott geflogen hatte, befehligte er eben die Orion 8.

Wasserhähne und Eisportionierer

Keine Frage: Die Serie ist einfach Kult. Wenn ich die einzelnen Folgen mit meinem Vater ansah, wurde der nicht müde, mich auf Alltagsgegenstände aufmerksam zu machen. Mit denen war, zum Teil kaum verfremdet, die ach-so-futuristische Kommandozentrale der Orion ausgestattet: Bei den Steuerungselementen erkannte mein Vater auf dem Kopf stehende Uhrpendel, in den Armaturen Bleistiftanspitzer und in den Deckenleuchten sogar Plastikbecher, dazu Wasserhähne und Garnrollen. Und einen Eisportionierer, der als Roboterarm seinen Dienst verrichtete. „Hast du das gesehen…?“ Na klar, hatte ich. Spätestens nachdem er mich zum dritten oder vierten Mal darauf aufmerksam gemacht hatte.

Warten auf’s Bügeleisen

Und irgendwann warteten wir nur regelrecht darauf, dass endlich ein stinknormales Bügeleisen zu sehen war: bei der Orion als Steuerungselement auf dem Bedienpult ein wesentliches Ausstattungsmerkmal. Legendär wohl auch die spartanische Tricktechnik: Wenn Sterne explodierten – ich sage nur „Overkill!“ – , flogen im Filmstudio Mehl, gemahlener Kaffee, Reis und Rosinen durch die Luft. Die Zusammensetzung habe ich zwar bis heute nicht erkannt. Aber wenn Papa das sagt, dann stimmt das auch.

Die FROGs und Kinderseelen

Irgendwann gestand Papa mir dann, dass mit der „Raumpatrouille“ auch sein größter Kindheitsschrecken verbunden war: Schon in der ersten Folge gab es Probleme auf der Fernmelde-Relaisstation MZ-4, irgendwo am Rande des Niemandsraumes. Dort waren die Menschen mitten in der Bewegung erstarrt. Wie eingefroren. Tot. Die erste Begegnung der Erdlinge mit den Außerirdischen, den FROGs. Wochenlang überkam Papa damals Angst! Panik, wenn ihn seine Mutter, meine Oma also, bat, Kartoffeln aus dem Keller zu holen. Und selbst der Gang zum Dachboden löste bei Papa Übelkeit aus. Im Dunkeln war es damals alles andere als „gut munkeln“, so Papa. So ist das wohl, wenn Kinderseelen mit etwas konfrontiert werden, was sie nicht verarbeiten können.

Taschenbücher, Groschenhefte und mehr

Papas Orion-Leidenschaft ging so weit, dass er später einen ganzen Schrank voller Memorabilia zusammensammelte: ein Orion-Quartett, Schallplatten und CDs mit der Filmmusik von Peter Thomas, außerdem etliche Orion-Taschenbücher und einen ganzen Berg von dem, was er selbst etwas verlegen als „Groschenheftchen“ bezeichnete. Da es sich aber um Orion-Romane handelt, war die Bezeichnung „Groschenheft“ natürlich überhaupt nicht negativ gemeint. Ja, auch die „Terra Astra“-Reihe gehört dazu, so Papa. Unter diesem Serientitel erschienen über zwei Drittel der nicht ganz 150 Romane

rund um die Orion. Eine Menge mehr als verfilmt wurden. Denn bekanntlich war nach sieben Fernsehfolgen schon wieder Schluss. Papa allerdings hat noch zwei weitere Folgen:
Die Prusseline

Für das französische Fernsehen wurden zwei Folgen gänzlich anders gestaltet als die deutschen Fassungen, sagte Papa. Irgendeine mir nicht bekannte französische Schauspielerin ersetzte als Chroma-Chefin die Deutsche Margot Trooger. Aber – bitte nicht böse sein, liebe Frau Trooger, falls Sie da oben im Himmel diese Zeilen lesen – Margot Trooger war für mich zeitlebens so sehr mit Pippi Langstrumpfs „Prusseline“ verbunden, dass ich mit ihr bis heute bei „Orion“ ein wenig fremdele. Ausgerechnet sie küsst unseren Commander McLane! Und das, obwohl doch Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk bis über beide Ohren in Cliff verschossen ist! Papa war das egal. Ich glaube, er war nur froh, dass es mit McLane und General Lydia van Dyke, Befehlshaberin der schnellen Raumverbände und gespielt von Charlotte Kerr, nichts wurde. Mir scheint, in die taffe Generalin hatte sich Papa nämlich selbst ein wenig verguckt…

Raumpatrouille und Lufthansa

Wegen der „Raumpatrouille“ war Papa übrigens kurz davor, ein paar Mal nach New York zu fliegen. 2009 nämlich zeigte die Lufthansa für eine kurze Zeit in der Business-Class auf ihren Flügen zwischen Frankfurt und der US-Metropole je eine alte Orion-Folge pro Flug. Die „Raumpatrouille“ im Flieger zu sehen – am Ende versagte sich Papa diesen Wunsch. Ganz so Orion-verrückt war er dann doch nicht. Viermal in die Staaten zu fliegen, nur um die sieben Folgen zum x-ten Mal zu sehen, wenn eben auch im Flugzeug – das musste nicht wirklich sein. Entschuldigend kann ich sagen: Papa ist nicht der einzige Orion-Verrückte!

Die Grenzen der Neuverfilmung

Im Internet gibt es etliche Fanseiten, Fanprojekte bis hin zum Orion-Fan-Film und natürlich auch die nie verstummenden Gerüchte über eine Neuauflage, die selbst im Frühjahr dieses Jahres noch einmal aufflammten. Nur: Dietmar Schönherr, Wolfgang Völz, Claus C. Holm, Ursula Lillig und Eva Pflug sind lange tot, Friedrich G. Beckhaus ist, wenn ich mich nicht irre, mittlerweile fast 96 Jahre alt. Und eine komplett neue Orion-Crew wäre einfach nicht dasselbe wie die, die heute vor 55 Jahren zu ihrem ersten großen Abenteuer aufbrach.

Wenige Tage zuvor: Raumschiff Enterprise

Bis heute frage ich mich, was an „Raumpatrouille“ eigentlich so faszinierend war und immer noch ist. Damals, als die Serie startete, muss die Welt wohl in einer Art Weltraumfieber gewesen sein. Nur wenige Tage vor Commander Cliff Allister McLane startete James Tiberius Kirk mit seinem „Raumschiff Enterprise“ zu seinen Abenteuern in „unendliche Weiten“ – wenn 1966 auch erst einmal nur in den USA. Als die Serie in Deutschland ins Fernsehen kam, war sie in den USA schon wieder abgesetzt, hatte da allerdings auch schon 79 Folgen auf dem Buckel. Und lebt ja bis heute in verschiedenen Varianten fort.

Der Wettlauf ums All

Auch die „Enterprise“ war Abbild einer Weltraum-Euphorie. 1957 hatten die Sowjets den Sputnik-Schock ausgelöst, schickten den ersten Menschen ins All und unternahmen 1965 den ersten Weltraumspaziergang. Dass die USA auf dem Mond landen und damit im Wettlauf ums All die Führungsposition einnehmen wollten, war beim Start von Enterprise und Orion längst bekannt. Wahrscheinlich begünstigten die realen Pläne den Science-Fiction-Hype, obwohl es mit der Mondlandung dann doch bis 1969 dauern sollte.

Augsburger Puppenkiste und Alfred Hitchcock

Für mich, die ich die Raumpatrouille-Folgen erst viel, viel später kennenlernte, haben die vielen, kleinen Tricks so etwas Liebenswertes wie die Verfilmungen mit der Augsburger Puppenkiste: Da kann ich die Fäden der Marionetten gar nicht übersehen, erkenne auf den ersten Blick, dass das Wasser aus blauer Plastikfolie besteht… und liebe vor allem die alten Verfilmungen heiß und innig. Manchmal hat eben das Nicht-Perfekte einen ganz besonderen Charme.
Filme von Alfred Hitchcock habe ich mittlerweile alle rauf und runter gesehen – wahrscheinlich genau so oft wie die Orion-Folgen. Bei Hitchcock warte ich immer auf die Szenen, in denen der Regisseur für einen kurzen Moment selbst im Film zu sehen ist; bei „Raumpatrouille“ warte ich eben auf das Bügeleisen und die Wasserhähne.

Frauenpower auf dem grünen Planeten

Dass auf Chroma Frauen das Sagen haben, finde ich einen reizvollen Gedanken. Den sollten wir einmal vertiefen. Und vor allem die Idee, dass sich auf Chroma ein grüner Planet entwickelt hat, lange nachdem die Erde so unbewohnbar wurde, dass sich die Menschen im Orion-Zeitalter ihr neues Zuhause auf dem Meeresboden einrichten mussten. Vielleicht könnte bei einer Neuverfilmung ja Greta die Chefin von Chroma… Ah, ich fürchte, jetzt geht meine Phantasie mal wieder mit mir durch… Trotzdem erstaunlich, was man 1966 schon kommen sah. Und worauf man bis heute völlig unzureichend reagiert hat. Ist die „Raumpatrouille“ also heute aktueller denn je? Hoffen wir einmal, dass es nicht ganz soweit kommt.

Kein Platz für Besserwisser

Und bevor es einen Shitstorm gibt: Ja, ich weiß, in „Raumpatrouille“ gibt es neben Frauenbild, Macho-Gehabe, Umweltzerstörung, hierarchischen Befehlsketten -, die der eigenmächtige McLane immer wieder durchbricht und dadurch die Erde und ihre Bewohner vor Unheil bewahrt, – eine Reihe revanchistischer und imperialistischer Züge, stellen sich die Fragen von Macht und dem Umgang mit Anderen, auch die Fragen von fortschreitender Technik und – ansatzweise – KI. Wer mit dem Wissen von heute über die Vergangenheit herfallen will, wird in vielen Dingen eine Bestätigung erfahren. Das geht aber jedem Besserwisser so, der aus dem Heute über das Gestern urteilt.

“Numen tremendum“ und „numen fascinans“

Ganz sicher stecken in „Raumpatrouille“ auch Sehnsüchte: die Sehnsucht nach Entdeckungen, die, über sich hinaus zu wachsen, auch, trotz aller militärischer Handlungen, die Sehnsucht nach Frieden. Bei der Frage nach dem „Warum“ fällt mir zudem Rudolf Otto ein. Der hatte einmal von einem „numen tremendum“ und einem „numen fascinans“ gesprochen. Was bedeutet: Da ist etwas, vor dem ich erschaudere, aber gleichzeitig zieht es mich wie magisch an. So geht es mir bei TV-Operationen in Großaufnahme: unbedingt weggucken wollen, aber dann doch zwischen den Fingern hindurch einfach aufs Bild starren müssen.
Natürlich hatte Rudolf Otto weder medizinische Operationen noch die Orion im Sinn. Er dachte an Gott. Gott, der so unbegreiflich ist, dass er Menschen zum Zittern bringt und gleichzeitig magisch anzieht. Zumindest dann, wenn man ihm wirklich begegnet, würde ich gern ergänzen, selbst wenn ich mir das gar nicht vorstellen kann. Da handelt es sich wohl um Vorgänge, die weit über meinen Horizont hinausgehen. Aber ein kleines Bisschen ahne ich, worum es geht: wenn ich mir nämlich die Ängste vorstelle, die mein Vater beim Holen der Kartoffeln aus dem dunklen Keller seiner Eltern eine Zeitlang ausgestanden hat. Schon erstaunlich, dass die Orion sogar etwas mit Kartoffeln im Keller zu tun hat. Wenn das kein (weiteres) Zeichen von Kult ist…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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