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Rosch ha-Schana – alles Gute im neuen Jahr (8. September)

Einen guten Rutsch! Und alles Gute im neuen Jahr. Willkommen im neuen Jahr. Und zwar im Jahr 5782!
Falls Sie sich über diese Begrüßung wundern: Menschen jüdischen Glaubens feiern am 7. bzw. 8. September ihr Neujahrsfest. Rosch ha-Schana heißt es. Als „einen guten Rutsch“ ist der Name dieses jüdischen Festes in einer gewissen Form der Verballhornung in den deutschen Sprachgebrauch

Vom guten Rutsch, Schattenmorellen und Fisimatenten

hineingeraten. Falls Sie Zweifel haben: Bei den Schattenmorellen war es wohl genau so: Obwohl gar nicht nachweisbar ist, ob diese Sauerkirschensorte tatsächlich im Chateau de Moreilles angebaut wurden, heißen diese Kirchen im Französischen Chatel Morel. Deutsche Zungen machen daraus eben das Wort Schattenmorelle. Und wie allen Kirschen bekommt auch dieser Sorte pralle Sonne weitaus besser als Schatten.
Oder nehmen Sie die von unseren Ur-Großeltern ausgesprochene Warnung an die weibliche Jugend, “bloß keine Fisimatenten” zu machen. Auch wenn es eine Reihe von Herleitungen gibt: Am besten gefällt mir die, die angeblich aus dem von Franzosen besetzten Deutschland des 19. Jahrhunderts stammt. Dort sollten die Töchter der Aufforderung der Soldaten „Visitez ma tente“ widerstehen. Die „Fisimatenten“, die dort im Zelt des Soldaten stattfanden, wollten die Eltern partout nicht haben. Die Vorgesetzten der Soldaten übrigens auch nicht: Angeblich gab es nämlich eine satte Bestrafung derjenigen, die jungen Frauen gegenüber diese eindeutig zweideutige Einladung aussprachen.

Erschaffung der Welt und Adams

Bevor ich mich in Sprachforschung und Etymologien verliere: dass wir uns im Allgemeinen zum Neujahrsfest einen „guten Rutsch“ wünschen, entspringt also der Bezeichnung des jüdischen Neujahrsfestes, des Rosch ha-Schana. Gefeiert wird der Tag der Weltschöpfung, auch der Tag der Erschaffung von Adam, dem ersten Menschen. Mit Rosch ha-Schana beginnen übrigens zehn Tage, die mit dem Versöhnungsfest enden. Dessen eigentlicher Name Jom Kippur-Fest ist vor allem Historikern dadurch bekannt, dass ausgerechnet an diesem strengen Fastentag im Jahr 1973 syrische und ägyptische Truppen einen Überraschungsangriff gegen Israel starteten. Obwohl mehr als ein halbes Dutzend arabischer Staaten die Invasoren unterstützten, war der ganze Spuk nach weniger als drei Wochen vorbei. Die Syrer waren besiegt, die ägyptische Armee war eingekesselt. Um noch mehr Tote zu verhindern, sorgten die Vereinten Nationen mit viel Druck für einen Waffenstillstand.

Tun-Ergehens-Zusammenhang

Was auf den ersten Blick wie ein ausschließlich historisches Ereignis aussieht, ist in der Tradition Israels weitaus mehr: Niederlagen sind immer eine Form der Bestrafung Gottes wegen unterschiedlicher Verfehlungen, Siege verdankt man immer seinem Beistand. Wie es mir ergeht, hat viel damit zu tun, wie ich mich verhalten habe. „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ nennen dies Theologen. Ein neues Jahr erleben zu dürfen, hat dementsprechend auch eine tiefe religiöse Bedeutung.

Tag des Gerichts: drei geöffnete Bücher

Denn Rosch ha-Schana ist auch der „Tag des Gerichts“. An diesem Tag öffnen sich drei Bücher, in das jeweils die Guten, die Mittelmäßigen und die Bösen eingetragen sind. An den zehn Tagen bis Jom Kippur hat es jeder in der Hand, dass sein Name von einem Buch in ein anderes gelangt. Und es zum Beispiel zu erreichen, dass das „Siegel des Todes“ für die Bösen noch einmal zurückgenommen wird. Um dies zu erreichen, muss jeder über sein moralisches und religiöses Verhalten im zu Ende gehenden Jahr Bilanz ziehen und die Menschen, denen er Unrecht getan hat, um Vergebung bitten.
Selbst jenseits aller religiösen Vorstellungen ein schöner Brauch, der viel

Ähnlichkeit mit der Selbstreflexion und Besinnung zu tun hat, die vor allem in früheren Zeiten für viele Menschen mit dem Silvestertag verbunden waren.
Typische Speisen zu Rosch ha-Schana

Gerade im Judentum sind die Speisevorschriften sehr streng. So gibt es quasi für jeden Feiertag besondere, fest vorgeschriebene Gerichte. An Rosch ha-Schana allerdings ist im Grunde erlaubt, was gefällt: Leber, Fisch, Suppe, auch Nachspeisen. Allerdings essen die meisten Juden Apfelstückchen, die sie in Honig tauchen, außerdem den sogenannten „Gefillten Fisch“, eine Fischvariation, deren endgültige Form dem Einfallsreichtum vom Geschick des Kochs oder der Köchin abhängt. Was aber auf keinen Fall fehlen darf, ist Challot (oder Challa), im Prinzip dasselbe Weißbrot, das auch am Sabbat gegessen wird. Nur wird es zu Rosch ha-Schana rund geflochten oder wie eine Schnecke zusammengerollt. Die symbolträchtige Aussage: Man hofft auf ein „rundes“, ein gutes Jahr voller Kontinuität und Harmonie.

Zeitrechnung

Was die jüdische Zeitrechnung und das Jahr 5782 anbelangt, nur so viel: Da die jüdische Zeitrechnung auf dem Mondkalender basiert und weder mit der des früheren Julianischen Kalenders, noch mit der des bei uns gültigen Gregorianischen Kalenders übereinstimmt, schreibt der jüdische Kalender nun einmal das Jahr 5782. Alles andere würde an dieser Stelle zu weit führen. Nur vielleicht noch dies: Ein Tag beginnt immer mit dem Sonnenuntergang am Vorabend. Eine Zeitrechnung, auf der auch in der Katholischen Kirche die Vorabendmessen am Samstag als gültige Sonntagsmesse beruhen.

Neujahrsfest bei Kopten und in Äthiopien

Sie merken also: Grundsätzlich den Jahreswechsel in die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar zu legen, ist zwar eine weitverbreitete Tradition. Überall da, wo es andere Kalender gibt als bei uns gebräuchlich, sieht es anders aus. Deshalb feiern koptische Christen, von denen die Mehrzahl in Ägypten lebt, ihr Neujahrsfest am 11. September. Und Äthiopien, das ebenfalls den Kalender der koptischen Christen rechnet, feiert gleich mit.

Neues Jahr im Islam

Ähnlich übrigens auch im Islam: In diesem Jahr feierten Muslime ihr Neujahrsfest am 10. August, im nächsten Jahr wird es am 30. Juli stattfinden. Nach unserem Kalender logischerweise im Jahr 2022, nach dem muslimischen, der bei der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 unserer Zeitrechnung beginnt, im Jahr 1443.

Chinesisches Neujahrsfest

Nur um dies wenigstens noch hinzuzufügen: In Asien gibt es unterschiedliche Zeitrechnungen, die auf dem Mondkalender oder einem lunisolaren Kalender beruhen, also einem, der sowohl auf Mond- wie auch Sonnenläufen beruht. Chinesen leben seit dem 12. Februar, dem zweiten Neumond unserer Zeitrechnung, im Jahr des Metall-Büffels, dem 38. Jahr des chinesischen Kalenders. Ab dem 1. Februar 2022 werden sie im Jahr des Wasser-Tigers leben – Begriffe, die der chinesischen Astrologie entstammen.

Versöhnung

Jetzt also Rosch ha-Schana, ein neues Jahr für Menschen jüdischen Glaubens. Und zehn Tage der Versöhnung bis Jom Kippur. Als Papst Franziskus vor ein paar Jahren das Heilige Land besuchte, suchte er bewusst auch jüdische Gedenkstätten auf und betete für Versöhnung und Frieden zwischen Menschen und Religionen. Ein wichtiges Zeichen, das bis heute dem wieder aufflammenden Antisemitismus auch in unserem Land deutlich widerspricht. In diesem Sinne dann wirklich allen Menschen, die, wie es die Bibel sagt, guten Willens sind, ein gutes, wohlbehütetes neues Jahr. Rosch ha-Schana!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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