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Leider notwendig: Weltkindertag (20. September)

Ein bisschen verwirrend ist es schon: Einerseits gibt es am 1. Juni einen internationalen Kindertag; andererseits wird der Weltkindertag in Deutschland heute begangen. So hochoffiziell, dass sich im Jahr 2019 Linke, SPD und Grüne in Thüringen darauf verständigten, den 20. September sogar als staatlich geschützten Feiertag zu begehen. Anders formuliert: In Thüringen bleiben heute Fabriken, Werke, Geschäfte, Schulen, Ämter und Behörden geschlossen. Übrigens als einzigem Bundesland. Aber immerhin!

Kinder kosten Geld und Zeit

Kinder – für viele Eltern das Größte, was es gibt. Allerdings ist diese Ansicht in unserer Gesellschaft wohl nicht unbedingt ausgeprägt. Wäre dies der Fall, dann bräuchten wir den heutigen Tag nicht: den Weltkindertag. Kinder lärmen, sie schränken die Freiheit der Erwachsenen ein. Und sie kosten Geld. Viel Geld! Babyausstattung, Kinderwagen, Windeln ohne Ende, Klamotten, Bobbycar, Laufrad, Fahrrad, Klassenfahrten, Schule, Lehre oder Studium – immer wieder müssen die Eltern herhalten. Und Kinder kosten Zeit: Um Kinder muss man sich kümmern. Die kann man nicht ausschalten oder abstellen. Die melden sich, wenn sie sich unwohl fühlen. Schon als Babys mit lautem Geschrei. Wer glaubt, dass mit wachsendem Alter die Probleme geringer werden, sieht sich schnell enttäuscht. Nicht weniger, nur anders.

Künftige Rentenzahler

Deshalb scheint manch einer zu denken: Wenn Kinder schon sein müssen, dann bitte bei anderen. Selbst manches Argument, das verbal für mehr Kinder in unserer Gesellschaft verwendet wird, ist unerträglich: wenn nämlich Kinder lediglich als dringend notwendig für den Erhalt der Bevölkerung dargestellt werden und nur als künftige Rentenzahler unersetzlich sind.

Kinderrechte

Außer Acht gerät dabei leicht, dass Kinder um ihrer selbst willen ein Recht auf Leben haben. Ein Recht auf Spiel und Freizeit, ergänzte UNICEF schon vor etlichen Jahren passend zum Weltkindertag. Vor allem aber: Kinder haben ein Recht auf elterliche Fürsorge und auf Beteiligung.
Damit sich Kinder gut entwickeln können, brauchen sie Zeit. Genau die aber wird ihnen mehr und mehr genommen. Musik- und Ballettstunden im Grundschulalter, Training im Sportverein, vollgeknallte Stundenpläne, Hausaufgaben und Nachhilfestunden. Dabei kommt das entdeckende Spielen schnell zu kurz.
Mindestens genauso schlimm: Kinder, die sich selbst überlassen bleiben, ihre Freizeit nur noch vor dem Bildschirm oder Display verbringen.

Weltkindertag… für Erwachsene

Weltkindertag – die Einrichtung eines solchen Tages zielt zwar auf die Kinder, muss aber uns Erwachsene erreichen: damit wir unser Bewusstsein verändern und dafür sorgen, dass Kinder einen Platz in der Gesellschaft finden. Deshalb gab es bereits 1954 den ersten Weltkindertag. Drei Ziele sollte er verfolgen: die Freundschaft unter den jungen Erdenbürgern fördern, die Verpflichtungen der Regierungen auf Unterstützung des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen und vor allem den Einsatz für Kinderrechte. Hehre Ziele. Die allerdings so formuliert sind, dass man mit ihnen nicht wirklich etwas anzufangen weiß.

Verbesserte Gesundheit

Immerhin: Seit Einführung des Weltkindertages hat sich die Lage der Kinder weltweit verbessert: Kinderlähmung, Tuberkulose, Masern, Tetanus und Diphtherie verlaufen für die meisten Kinder nicht mehr lebensbedrohlich.

Impfungen machen das möglich. Deshalb hat sich die Kindersterblichkeit in den letzten 40 Jahren halbiert. Und noch nie gingen so viele Kinder zur Schule wie heute. Aber trotzdem gibt es immer noch viel zu viele Kinder, denen es alles andere als gut geht.
Weiterhin Armut

Millionen von Kindern und Jugendlichen weltweit leben in lebensbedrohender Armut. Elf Millionen Kinder werden noch nicht einmal sechs Jahre alt. Sie sterben immer noch an durchaus vermeidbaren Krankheiten wie Masern oder Durchfall. Und viele Produkte, die auch wir preiswert importieren, stammen von Kindern. Die arbeiten zum Teil knochenhart für Hungerlöhne, weil die Eltern allein das Überleben der Familie nicht sicherstellen können. Kinder schuften unter gesundheitsbeeinträchtigenden und -schädigenden Bedingungen, die eben genau dazu führen, dass sie nicht besonders alt werden. Bedingungen, die alles anderes als kindgemäß sind.

Auch bei uns

Rund 150 Staaten wollen das ändern, erinnern am Weltkindertag an die Situation von Kindern. Dass das auch bei uns nötig ist, beweisen Fälle von Verwahrlosung, sexuelle Übergriffe und grausame Misshandlung von Kindern – auch bei uns finden sich viel zu viele Beispiele dafür. In schwierigen Zeiten, wie zuletzt der Pandemie, erst recht. Die Hilflosigkeit, Wut und Enttäuschungen der Erwachsenen brechen sich gegenüber denjenigen Bahn, die sich am wenigsten verteidigen können: Frauen werden Opfer von Männern, Kinder werden Opfer von Männern und Frauen, auch von älteren Geschwistern. Das alles zeigt: Daran zu erinnern, dass es Kindern in dieser Welt vielfach schlecht geht, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sich daran etwas ändern muss – dazu ist ein Weltkindertag einfach notwendig. Schlimm genug, dass wir ihn überhaupt brauchen.

Es gibt viel zu tun – packen wir es an

Weltkindertag bedeutet also: Finger weg von Produkten, die von Kindern unter schlimmsten Produktionsbedingungen preiswert hergestellt werden müssen; Augen auf, damit Kindern keine Gewalt angetan wird; Unterstützung einer Politik, die ernsthaft mehr Kindeswohl im Blick hat.
Und selbst wenn Sie nicht in Thüringen wohnen, also heute keinen Feiertag genießen sollten: Es schadet nicht, sich für die eigenen Kinder etwas mehr Zeit zu nehmen. Heute. Und auch an anderen Tagen. Sollten Sie keine eigenen Kinder haben: Neffen und Nichten, ja, selbst die Nachbarskinder freuen sich auch über Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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