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Auf dem ehemaligen Todesstreifen unterwegs: Fernwanderweg „Grünes Band“ (22. September)

Radwanderung auf dem „Grünen Band“. Was sich nach grammatikalischem Fehler anhört, entpuppt sich als echtes Naturerlebnis. Denn das „Grüne Band“ ist der Todesstreifen, den die DDR an ihrer Grenze zur Bundesrepublik anlegte. Ein Streifen, an dessen Ende ein Grenzzaun so etwas wie einen antifaschistischen Schutzwall bildete: eine Sicherungsmaßnahme, damit niemand aus dem Westen in den Osten eindringen konnte.

Polit-Gezerre

Allerdings verfing diese Terminologie nicht. Jeder wusste, dass die Grenze so schwer gesichert war, damit niemand den Osten verlassen konnte. Was, wie ich meine, noch nicht einmal verwunderlich ist: Denn innerhalb kürzester Zeit hatten rund drei Millionen Menschen die ehemalige sowjetisch besetzte Zone verlassen, darunter viele Facharbeiter. Äußerst schmerzlich für den jungen Staat im Osten. Denn das erschwerte den Aufbau eines funktionierenden Systems in einem Landstrich, der von Kriegsfolgen und Reparationen geprägt war. Zur Wahrheit gehört auch, dass der Westen, die Bundesrepublik, sich über den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte freute. Und auch darüber, dass der Osten langsam, aber sicher ausblutete. Zur Wahrheit gehört auch, dass es wohl sogar Schleuserorganisationen gab, die die Fachkräfte gezielt abwarben. Natürlich sagte das im Westen niemand besonders laut, sagt auch heute kaum jemand. So funktioniert nun einmal politische Propaganda: Jeder stellt die Dinge dar, die ihn in einem positiven Licht erscheinen lassen.

Mit dem Rad auf dem Todesstreifen unterwegs

Es sind merkwürdige Gedanken, die mich beschleichen, während ich auf dem „Grünen Band“ in die Pedale trete. Dass ausgerechnet hier, wo Menschen mit einer perfiden, ausgeklügelten, menschenverachtenden, zerstörerischen Gewalt an der Flucht von Ost nach West gehindert wurden, ist das Eine; dass aber derselbe Todesstreifen gleichzeitig zu einem unglaublichen Biotop wurde, das andere. Denn auch in diesem Sperrgebiet galt, was überall gilt: Wo der Mensch nicht eingreift, entfaltet sich die Natur auf unglaubliche Weise.
Nicht eingreift? Spätestens nachdem die Grenzanlagen aufgebaut waren, hatte in diesem Bereich abgesehen von regelmäßigen Patrouillen kein Mensch mehr etwas verloren. Die innerdeutsche Grenze mit ihren Mauern, Stacheldraht, Wachtürmen und vor allem ihrem Betretungsverbot wurde zum Lebensraum für über 1.200 seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten, wie der BUND stolz schreibt. Eine Atempause für die Natur, mittlerweile eines der größten und bedeutendsten Naturschutzprojekte in Deutschland, heißt es sinngemäß weiter.

700 Kilometer Fernwanderweg

Das „Grüne Band“ ist ein wunderbarer Fernwanderweg. Einer, der das Kopfkino in Gang bringen kann. Auch, weil man sich zu einem großen Teil genau auf den befestigten Wegen befindet, die die DDR-Grenzer bei ihren Patrouillen im Todesstreifen gefahren sind. Knapp 700 Kilometer Natur – andere zählen anders, kommen auf 1400, manche sogar auf sagenhafte 1500 Kilometer – , die so abwechslungsreich ist, wie man sie sich nur vorstellen kann: Vielfach hat man der Natur freien Lauf gelassen. Dort hat sie den ehemaligen Grenzstreifen überwuchert. Andere Stellen scheinen nahezu gepflegt zu sein. Bewusst hat man hier Schafe weiden lassen, um eine Verbuschung zu verhindern, stattdessen eine gewisse Weite zu erzeugen.

Briefmarke „Grünes Band“

Bei einer meiner Pausen erwerbe ich ein paar Postkarten, schreibe ein paar Zeilen an Freunde, Bekannte und Verwandte. Wann habe ich, die ich ohne Handy, ohne sms, Facetime, Skype, Zoom und mehr fast nicht leben kann, zum letzten Mal Postkarten verschickt? Jetzt muss das einfach sein. Denn bewusst verklebe ich eine Briefmarke, die die Deutsche Post im März letzten Jahres herausgegeben hat: „Grünes Band Deutschland“ steht darauf. „Lebensader Grünes Band“ hatte die Werbung daraus gemacht.
Diese Briefmarke war der Grund dafür, dass ich mich erstmals mit dem „Grünen Band“ beschäftigt hatte. Durch das „Grüne Band“ hätten die seltene Schlingnatter und viele andere Reptilien einen Lebensraum erhalten, wären

die ansonsten vom Aussterben bedrohten Glockenheide, Königsfarn, Sumpfbärlapp und Wald-Läusekraut in ihrem Bestand geschätzt. Wald-Läusekraut? Den Namen hatte ich nie zuvor gehört. Auch wenn es mich sofort juckte, beschloss ich, mir die Angelegenheit persönlich anzusehen. Ja, ich weiß, es klingt merkwürdig. Aber eine Briefmarke ist Auslöser dafür, dass ich in diesen Tagen in die Pedale trete und auf dem „Grünen Band“ unterwegs bin.
Keine Narben?

Schade, dass das „Grüne Band“ an manchen Stellen durch Ackerland unterbrochen wird. Hier erinnert nichts mehr an den einstigen Todesstreifen. Aber vielleicht ist ja auch gerade das eine der schönsten Erfahrungen: dass eine todbringende Vergangenheit völlig verschwunden ist, nichts mehr an sie erinnert. Noch nicht einmal mehr Narben bleiben. Zumindest nicht vor den Augen. Aber in den Herzen.

Zwei Hektar Roggen

„Hier hat der Bauer Ende Juli vor zwölf Jahren zum ersten Mal Roggen geerntet“, sagt mir ein Gastwirt. „Zwei Hektar Roggen!“ Ich hatte eine Pause eingelegt, von der Terrasse einer Gastwirtschaft aus meinen Blick schweifen lassen. Das muss der Gastwirt bemerkt haben. Aber Roggen geerntet? Tun das nicht Ende Juli, Anfang August Bauern überall im Land? Es dauert einen Moment, bis es „klick“ macht: Ja, natürlich findet die Roggenernte in unseren Breiten seit Jahrhunderten immer Ende Juli, Anfang August statt. Aber das Mähen dieses Roggenfeldes ist eben doch etwas Besonderes. Und mir wird klar, was mir der Gastwirt sagen will: dass dieses Ackerland eben Teil des Todesstreifens war; dass dieser ehemals hermetisch abgeriegelte Bereich 20 Jahre nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erstmals wieder so von Menschen genutzt werden konnte, wie es seit Jahrhunderten in unseren Breiten üblich ist.

Symbol der Normalität

Wie es aber hier während der deutschen Teilung unmöglich war. Unglaublich, aber der eigentlich einfache, maschinelle Vorgang des Abmähens wird zu einem Symbol für die Überwindung der Vergangenheit: Das Niemandsland zwischen zwei Staaten, zudem seinerzeit hochgradig mit Schadstoffen belastet, bringt wieder etwas Fruchtbares hervor. Das ist es, was in der Information des Gastwirtes mitschwingt. „Gut so“, entgegne ich knapp und nicke. „Gut so“, bestätigt er und geht zum nächsten Tisch.

Hoffnung

Bewusst bin ich auf dem „Grünen Band“ von Nord nach Süd unterwegs, wollte mich aus dem platten Norden kommend langsam an die Steigungen in Harz und Rhön gewöhnen. Wollte aufgrund einer Reiseempfehlung die meiste Zeit über die Sonne im Rücken haben. Dann würde sich eine atemberaubende Landschaft in einem ebenso atemberaubenden Licht präsentieren, so hatte ich gelesen. All das stimmt.
Aber was ein zwei Hektar großes Roggenfeld unvermittelt in mir auslösen würde – darauf war ich nicht vorbereitet. Eben ein Hoffnungsschimmer, der mich auf meinen weiteren Kilometern begleitet. Und in eine ganz eigentümliche Stimmung versetzt. In Gefühle und Gedanken, an denen ich noch eine ganze Zeit lang herumkauen werde.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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