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Feuerlaufen und mehr – Hatten Sie einen netten Abend? Oder sahen Sie Dias? (1. Oktober)

„Hatten Sie einen schönen Abend? Oder sahen Sie Dias?“

Ein Spruch, der meinen Eltern mit einem deutlichen Spott quasi als eine Art Running Gag über die Lippen ging, wann immer man über einen zurückliegenden Abend sprach. Mehrfach hatten sie Urlaubsdias – und später auch entsprechende Filme – bei Freunden anschauen müssen. Für die Freunde hoch emotional. Denn schließlich verbinden die damit jede Menge schöne Erinnerungen und Erlebnisse aus dem Urlaub. Für den unvoreingenommenen Betrachter oft eher langweilig. Der hat ja keine Erlebnisse und Erinnerungen,

Urlaubsfilm „Onkel Georg schlafend in der Hängematte“

die er mit den Bildern verbinden kann. Und dementsprechend auch nur selten Emotionen. Und deshalb empfinden die Macher dieser Bilder und Filme ihre Produkte meistens als äußerst kurzweilig, unvoreingenommene Betrachter dasselbe Material eher als, nun ja, langweilig.

Bevor diese Einleitung zu lang wird, nur schnell der Hammer: Meine Eltern behaupteten steif und fest, als junges Paar nach Einladung ihrer Nachbarn auf deren Couch eingeschlafen zu sein. Gefühlte 1000 Minuten Film von „Onkel Georg schlafend in der Hängematte“, einem langsam am Grill vor sich hin bräunenden Spanferkel und einem Kamelritt auf Lanzarote – wolkenloser Himmel, Sandboden, wolkenloser Himmel, Sandboden, wolkenloser… so ein Kamel schaukelt nun mal – waren eben ziemlich ermüdend. Für meine Eltern, nicht für deren Nachbarn.
„Hatten Sie einen netten Abend? Oder sahen Sie Dias?“ Ich bin sicher, jetzt verstehen Sie, was dieser Satz in meiner Familie bedeutet. Auch wenn Sie Dias nur noch vom Hörensagen kennen sollten.

Film- und Diaabend bei Hank

Insofern war ich ziemlich skeptisch, als Hank unsere Clique einlud, mit ihm seine „Urlaubsimpressionen“ anzuschauen. Drei Monate Indien – eine Menge Erlebnisse. Und eine ganze Menge von Bildern und Filmschnipseln, so meine Befürchtung. Sie wissen ja nun, warum ich dieser Einladung mit einer gewissen Skepsis entgegensah. Und Sie wissen auch, wer Hank ist – zumindest dann, wenn Sie öfter Auch-das-noch-Texte von mir lesen. Denn von Hank habe ich schon öfter erzählt. (Und nicht nur ich!) Falls Hank Ihnen jedoch hier zum ersten Mal begegnet, dann nur so viel: Wenn Hank einlädt, geht man hin. Da hat man nichts Anderes vor, da sagt man auch nicht ab. Punkt. Irgendwie wird es bei Hank nämlich immer spannend.

Indienurlaub

Vor Corona war er in Indien, hatte aber jetzt erst Filme und Bilder durchsortiert, bearbeitet und zu einer Diashow zusammengestellt. Farbenprächtige Bilder und Videosequenzen, zu er eine jederzeit passende Musik ausgewählt habe, so versprach Hand. Dazu Schrifttafeln und sorgfältig eingesprochene Kommentare „vom Band“, so dass im Grunde jederzeit eine automatisierte Vorführung auch ohne Hanks Anwesenheit möglich gewesen wäre.

Schmerzen, Trance und Feuerlaufen

Schon nach kurzer Zeit kamen die Bilder, von denen ich Ihnen nun schon die ganze Zeit erzählen will: Hunderte von Männern mit nackten Oberkörpern, auf ihren Schultern käfigartige Ungetüme, zwanzig, dreißig Kilo schwer, mit Federn geschmückt und allerlei buntem Zeugs. Das Erschreckende: Diese käfigartigen Aufbauten über den Köpfen der Männer setzen sich nach unten mit Speeren fort. Deren Spitzen ruhen auf den Schultern der Männer, drücken sich tief ins Fleisch ein.

Durchbohrende Spieße

Mein erster Gedanke: Das muss einfach höllisch schmerzen!
Was aber viel aufregender ist: Manche dieser furchteinflößenden Gestalten haben sich die Wangen durchbohrt: Dazu dringen kurze Spieße von außen in die eine Wange ein und kommen an der anderen Wange wieder heraus.

Falls Sie erschaudern: Es geht noch schlimmer. Zumindest für meinen Geschmack: Denn weitere kleine Metallstäbe dringen in die Oberlippe ein und treten unterhalb der Unterlippe wieder aus. Dabei durchbohren sie die herausgestreckte Zunge.
Hanks ruhige Stimme „vom Band“ behauptete, diese Männer empfänden keinerlei Schmerzen. Und genau deshalb konnten sie dem Ganzen noch die Krone aufsetzen: mit diesem käfigartigen Aufbau und all den Spießen im Gesicht gut 20 Meter über glühende Kohlen laufen.
Keine Tricks, alles echt

Okay, ich gucke normalerweise kein Trash-Fernsehen. Hank allerdings versicherte aus eigner Anschauung, hier handele es sich nicht um irgendeine Trickserei á la David Copperfield oder Ehrlich Brothers. Hier wäre alles echt, gehe alles mit rechten Dingen zu. Es handele sich um eine religiöse Zeremonie: Damit wollten gläubige Hindus den Glauben an ihre Götter unterstreichen und böse Geister aus ihrem Leben vertreiben. Dass sie mich angesichts dieses ungewohnten Anblicks mit plötzlich auftretender, heftiger Übelkeit beinahe in Richtung Toilette vertrieben hätten, wäre allenfalls als Kollateralschaden zu verbuchen gewesen, erklärte Hank später. Da war ich wohl noch immer ein bisschen blass um die Nase…

Feuerlaufen überall in der Welt

Feuerlaufen gäbe es an vielen Orten der Welt, allen voran auf dem indischen Subkontinent, in China und Japan, aber auch in der Südsee. Und bei uns: Gelegentlich böten Managementkurse auch Feuerlaufen als Teambuildingmaßnahme an. Wehe, jemand bei uns in der Redaktion kommt mal auf eine derartige Idee… Aber wir wollen ja auch nichts Religiöses ausdrücken. Obwohl: In einer großen und farbenprächtigen Prozession öffentlich für den eigenen Glauben einzutreten – solche Ideen sind uns in unserem Kulturkreis mittlerweile eher fremd. In den Fronleichnamsprozessionen der Katholiken haben sie sich noch am ehesten erhalten. Auch wenn die Bilder dabei keineswegs so bunt und spektakulär sind.
Ansonsten hatte das Feuerlaufen bei uns im Mittelalter eine gewisse Popularität. Und zwar im Sinne einer Feuerprobe: Wer beim Lauf über glühende Kohlen unversehrt blieb, stand, so meinte man, unter dem Schutz Gottes. Leider ging die Interpretation oft genug auch in die andere Richtung: Eine Feuerprobe könne man nur dann überstehen, wenn man mit dem Satan im Bunde sei. Wer also das Feuerlaufen überstand, landete gelegentlich erst recht auf dem Scheiterhaufen.

In Indien: religiöses Fest

Hank wusste wie immer noch eine Menge zu erzählen: dass er die Bilder am Rande eines Pilgerfestes zum Vollmond im Sommer aufgenommen habe; dass es zu den Zeremonien gehöre, Kokosnüsse auf Tempelstufen zu zerschmettern, was im nächsten Leben für eine höhere Rangstufe und mehr Erleuchtung sorge; und dass das Feuerlaufen nach ausgedehntem Fasten, wegen der Selbstpeinigung und der daraus resultierenden Trance normalerweise ohne Verbrennungen vor sich gehe. Schließlich könnten die Feuerläufer nicht nur ihr Schmerzempfinden abschalten, sondern sogar ihren Herzschlag und ihre Durchblutung so weit verändern, dass sie das Feuerlaufen schadlos überständen. Hmm, hoffentlich wissen das die Feuerläufer auch, was Hank da alles so von sich gab…

Ungewohnte Bilder – ungewohnte Reaktionen

Wahrscheinlich habe ich Hank mit weitaufgerissenen Augen zugehört. „Durch das Betrachten der Bilder leiden wir mit – und wir leiden im Endeffekt mehr, als die Menschen, die sich diese Schmerzen zufügen“, erklärte er Hank. Und in meine Richtung ergänzte er: „Aufgrund der ungewohnten Bilder kann uns dabei auch schon mal übel werden.“ Ach, Hank, du bist manchmal wirklich so unglaublich charmant….

Religiösität zeigen?

Irgendwann kam Hanks Vortrag dann an ein Ende. Aber der letzte Gedanke ist bei mir hängengeblieben: Es sei doch erstaunlich, dass in anderen Kulturen Menschen bereitwillig ihre religiösen Vorstellungen nach außen trügen – im Gegensatz zu uns, so Hank. Recht hat er. Denn wir nehmen uns in einer säkularisierten Gesellschaft viele Eindrücke, die wir anderswo mit Begierde aufsaugen. Das gilt zumindest für die Bilder, die Hank aufgenommen und die er unserer sprachlosen Clique gezeigt hatte.

„Hatten Sie einen schönen Abend? Oder sahen Sie Dias?“ Sorry, aber in diesem Fall überlege ich noch. Ich hoffe, Sie können nachvollziehen, warum. Und warum ich über diese Bilder und dem, was sie in mir ausgelöst haben, noch eine Weile nachdenken muss.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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