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Am Bahnsteig. Zugverspätung mit Momentaufnahmen (13. Oktober)

Ich stehe am Bahnhof und warte auf meinen Zug. Wartende um mich herum. Sie wollen verreisen, Ankommende vom Zug abholen, andere schlagen die Zeit tot, haben keinen anderen Platz, an dem sie bleiben können. Eine Durchsage: Der erwartete Zug hat 50 Minuten Verspätung. Enttäuschung auf den Gesichtern, die widerspiegelt, wie es innendrin aussieht.

Wiedersehen verschoben

Eine Frau läuft auf einen Bahnbediensteten zu. Im Zug säße ihr Bruder, seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Was mit dem Zug sei? Etwa ein Unglück? Wortfetzen hallen durch die Luft, Menschen schauen auf. Die Frau redet aufgeregt und schnell, von ihrem Bruder, den sie – nach ewigen Zeiten – in diesen Minuten wiedersehen wollte. Und ausgerechnet jetzt – fast eine Stunde Verspätung. Die Frau spricht hektisch, kann ihre Unruhe kaum verbergen. Ihre Augen spiegeln ihre Ängste, Ängste, die sie treiben, den umstehenden Menschen von sich zu erzählen. Ihr Mann schon lange tot, die Ehe kinderlos, die Kontakte zum Bruder rissen ab.

Böses Omen?

Was genau vorgefallen ist, erzählt sie nicht. Dabei würden gerade diese Details doch viele der Umstehenden am meisten interessieren. So wie sich eben viele an dem Unglück anderer weiden, weil sie in solchen Momenten merken: Ihnen selbst geht es weitaus besser, als sie immer meinen. Aber die aufgeregte Frau schlägt einen Bogen um genau diese Details. Nach Jahren habe man wieder zueinander gefunden, wolle sich jetzt wiedersehen. Und jetzt? Verspätung! Hoffentlich kein böses Omen für die vielen Hoffnungen, die sie in den letzten Stunden begleitet haben. Alleingelassen steht sie da auf dem Bahnsteig.

Vertreibung aus dem Paradies

Zwei private Ordnungshüter in Phantasieuniformen sind in einiger Entfernung zu sehen, pendeln an den Geschäften im Bahnhof vorbei, zu den Gleisen kommen sie nicht. Aber man kann vom Bahnsteig aus gut beobachten. Alle Wartenden tun das. Ich auch. Wie das nun mal so ist, wenn man froh ist, dass das Auge etwas Neues entdeckt hat, worauf sich die Sinne konzentrieren können. Etwas, das die Langeweile vertreiben, die Ödnis der sinnlos vertanen Zeit überdecken könnte. Vor einem Kiosk sitzt ein Mann auf dem Boden. Die Uniformierten sprechen ihn an. Mühsam erhebt sich der Mann, packt seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Mit welchen Worten haben die Uniformierten den Mann vertrieben? So schnell, wie der sich davonmacht, wird es kein freundliches Gespräch gewesen sein. Mich schaudert. Draußen regnet es, ist es kalt. Hier, im Bahnhof, hatte der Mann ein warmes Plätzchen, saß im Trockenen. Habe ich soeben eine moderne Fassung der Vertreibung aus dem Paradies erlebt?
In diesem Moment schluchzt die Frau in meiner Nähe auf. Sie weint, kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Notfall

Zwei Sanitäter tauchen auf, hasten den gegenüberliegenden Bahnsteig entlang. Wieder haben die Blicke aller Wartenden ein neues Ziel, folgen den Sanitätern. Auch meine. Jetzt sehe ich sie: An einem Ende des gegenüberliegenden Bahnsteigs liegt eine reglose Gestalt. Dahin eilen die Sanitäter. Ein Betrunkener, ein Fixer, ein Selbstmörder? Die Vermutungen

gellen durch die Luft. Dass man ihn vorher nicht gesehen hat… Wie lange er da schon liegen mag? Ob jemand jemanden gesehen hat, der die Sanitäter alarmiert hat? Ob er noch lebt? Was werden die Sanitäter jetzt tun? Ausgerechnet in diesem Moment fährt auf dem gegenüberliegenden Gleis ein Zug ein, versperrt den Blick auf den gegenüberliegenden Bahnsteig. Enttäuschung macht sich breit. Wo man doch jetzt schon einmal so nah dran war… Live und umsonst – das hat man schließlich nicht alle Tage.
Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Der Penner, die einsame Frau, der Leblose – drei Schicksale, die von der Langeweile des Alltags ablenken. Aber drei Schicksale, die genaugenommen niemanden bewegen. Man schaut zwar hin. Aber nicht wegen der Menschen. Sondern weil etwas Interessantes passiert. Etwas, das interessanter ist als die Langeweile des eigenen Daseins. Schließlich hat jeder sein Päckchen zu tragen. Jeder muss sehen, wie er mit seinem Leben klarkommt. Jeder ist sich selbst der Nächste. So ist nun mal die Welt.

Soll wirklich alles so bleiben?

Ja, so ist sie. Aber soll sie auch so bleiben? Unwillkürlich muss ich an Aussätzige, Blinde, Lahme und Ehebrecher denken. Und an Jesus. Dem ging es stets um mehr als um Sensationsgier. Dem ging es immer um die Menschen. Um jeden einzelnen. Wenn sich alle umeinander kümmern, jeder demjenigen hilft, der gerade Hilfe braucht; wenn man einem Bedürftigen ein gutes Wort gönnt, Anteil an seinem Leid nimmt; wenn sich möglichst viele Menschen so verhalten – ja, dann könnte das Wirklichkeit werden, was dieser Jesus als „Reich Gottes“ bezeichnet hat. Oder um es mit einem anderen Wort auszudrücken: eine bessere Welt. Mir wird klar, wie weit der Weg dahin noch ist. Und dass jeder Mensch etwas dazu beitragen kann, diese Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Jeden Tag!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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