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Kuba-Krise – Kennedys Ultimatum ganz persönlich (22. Oktober)

Ich weiß jetzt schon was, Sie denken: Wenn ich diesen Text mit dem Satz „Der 22. Oktober ist ein denkwürdiger Tag“ beginne, werden Sie, soweit Sie überhaupt noch weiterlesen, sagen: „Die Alte kann sich nicht entscheiden!“ Na ja, vielleicht gehen Sie ja auch ein bisschen respektvoller mit mir um als ich das manchmal selber tue. Probieren wir es aus?

Astrid Lindgren, Maurice Ravel und Bo Derek

Der 22. Oktober ist ein denkwürdiger Tag! Am 22. Oktober 1983 bildeten Menschen auf der Strecke von Stuttgart nach Neu-Ulm und damit über eine Distanz von 108 Kilometern eine Menschenkette, um gegen die Stationierung von US-Atomraketen bei uns im Land zu demonstrieren.
Am 22. Oktober 1978 erhielt Astrid Lindgren – Sie wissen schon: Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Die Kinder von Bullerbü, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter und viele andere – den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Am 22. Oktober 1928 wurde der „Boléro“ von Maurice Ravel in Paris uraufgeführt. Okay, vermutlich denken Sie auch sofort an diesen Wahnsinnsfilm mit Bo Derek. Ich sage nur: Als Vorspiel Honig auf die nackte Haut, aufgespießt beim Stierkampf und… ach, gucken Sie ihn selbst noch mal an. Wenn Sie danach nicht Ravels Boléro tagelang im Kopf haben, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

Jean-Paul Satre, Doris Lessing, Gregor Gysi und Elise de La Roche

Was war noch am 22. Oktober? Ach ja, Jean-Paul Sartre lehnt am 22. Oktober 1964 den Literaturnobelpreis ab.
Die großartige, in Persien geborene Schriftstellerin Doris Lessing, die ursprünglich Doris May Tayler hieß, wollte den Namen ihres zweiten Mannes trotz Scheidung nicht ablegen. Außerdem war sie gar nicht mit „unserem“ Gotthold Ephraim Lessing – „Nathan der Weise“. Na klingelt es? – verwandt (, aber die Schwester ihres Mannes ist die Mutter von Gregor Gysi).
Und nicht zu vergessen natürlich Elise de La Roche: Sie war die erste Frau, die einen Alleinflug mit einem Voisine-Doppeldecker durchführte. Sie ahnen schon: Am 22. Oktober war das. Um das Jahr nachzutragen: 1909. Hm, und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ganze 300 Meter war sie in der Luft! Aber immerhin.
Gründe genug, um vom 22. Oktober als denkwürdigen Tag zu sprechen?

Wer sich zu spät entscheidet, für den entscheidet das Leben

„Findest du nicht, dass das eine ziemlich lange Exposition ist?“ Hank, spiritus rector in allen Lebensfragen, vor allem aber bei Texten, hat wohl schon eine Zeitlang hinter mir gestanden und unbemerkt mitgelesen.
„Mädchen, du darfst deine Leser nicht so lange warten lassen! Worüber willst du denn nun schreiben? Das wollen deine Leser von Anfang an wissen. Irgendwann musst du dich entscheiden! Am besten, bevor du den ersten Satz schreibst.“
Okay, Sie müssen das gar nicht mehr aussprechen. Hank hat es ja schon getan: Ich muss mich entscheiden. Weiß ich doch selbst!
„Schreib doch einfach über die Kuba-Krise!“
Soll ich mich jetzt entscheiden? Und soeben gelernt: Wenn du dich nicht entscheidest, entscheiden andere für dich! So ist das Leben. Von wegen wer sich zu spät entscheidet, für den entscheidet…, äh den straft das Leben. Oder so.

Kennedys Ultimatum in der Kuba-Krise

Hank hat Nerven! Kuba-Krise? Einfach? Das war 1962. Und ist damit fast 60 Jahre her! Am 22. Oktober 1962 – da waren ja meine Eltern noch nicht einmal zusammen! Also: Alles ewig lange her. Und darüber zu schreiben soll einfach sein? Na gut, die Hauptfakten sind schnell erzählt: dass die Sowjets damals auf Anweisung ihres Staatschefs Nikita Chruschtschow heimlich Raketenabschussrampen auf Kuba installiert hatten. Und natürlich dabei waren, diese mit Raketen zu bestücken – unmittelbar vor der US-amerikanischen Haustür. Dass US-Präsident John F. Kennedy ultimativ forderte, alles, was die USA bedrohe, ab sofort zu unterlassen. Dass er eine Seeblockade Kubas verhängte. Und dass die Welt sechs Tage lang fürchtete, nachdem die Koreakrise ein Jahrzehnt zurücklag, nun endgültig dem Dritten Weltkrieg ins Auge zu schauen.

Nicht vor unserer Haustür!

Noch heute meine ich: Das geht gar nicht, sich unmittelbar vor der Haustür der gegnerischen Supermacht militärisch zu positionieren. Das wäre ja dasselbe, als wenn die NATO eine Osterweiterung durchführen würde und direkt bis zur russischen Grenze, zum Beispiel an der Krim, aufmarschieren würde. Autsch! Vermutlich wird Hank diesen Satz aus dem Skript streichen. Sonst kommen noch irgendwelche Mails von wegen Russen-Trolls oder Putin-Bots oder was auch immer.

Alles Quatsch! Ich bin einfach nur froh, dass es damals nicht gekracht hat. Und dass die Russen nach sechs Tagen der Forderung der USA nachkamen. Mal gibt der Eine nach, mal der Andere. So kann man doch recht gut miteinander umgehen. Sage ich als Mensch, der Kompromisse für das A und O des vernünftigen Zusammenlebens hält.
Invasion in der Schweinebucht

Dass die Invasion der US-Amerikaner in der Schweinebucht 1 ½ Jahre zuvor ein Misserfolg war, dass sie Kuba nie wirklich unter ihre Kontrolle bekamen – das hat mich irgendwie fasziniert. Die Kleinen trotzen den Großen. Auch wenn es nicht einfach ist: Es geht! Deshalb bin ich auch vor ein paar Jahren nach Kuba geflogen. Das war noch bevor die USA ihre Blockade von Kuba aufgegeben hatten. 55 Jahre lang landete nicht ein einziges Linienflugzeug aus den USA auf Kuba. Nada! Njet. Ach nee, dass waren ja wieder die Anderen…

Bienvenido a Cuba

Also mit anderen Worten: Ein kleines bisschen habe ich noch von dem alten Kuba gesehen. Ein Kuba, das – wenn man westliche Standards zugrunde legt – stehengeblieben schien. Ein Kuba, bevor die schleichende Amerikanisierung einsetzte: Ja, wie erwartet uralte Autos, überall fröhliche, musizierende Menschen. Aber leider auch überall Armut und Leben am Rande des Existenzminimums. Zumindest wenn man abseits der großen Straßen durch die Viertel schlenderte.
In einem Geschäft, einen echten Tante-Emma-Laden, entdeckte ich eine Kasse und eine Waage, wie ich sie als Kind in meinem Kaufladen gehabt habe. Allerdings stammte „mein Kaufladen“ aus dem Schatz, den meine Mutter aus ihrer Kindheit hinübergerettet hatte. Auf Kuba waren diese Kasse und diese Waage im Gebrauch. Gewogen wurde jedoch nichts. Die Regale in diesem Tante-Emma-Laden waren mehr oder weniger leer. Ja, die 55 langen Jahre der Blockade durch den großen Nachbarn haben die Kubaner arm gemacht. Aber auch stolz, so mein Eindruck. Stolz, dass sie es trotzdem so weit gebracht haben.

Arm, aber stolz

Die Blockade ist Vergangenheit. Ihren Stolz, da bin ich mir sicher, werden die Kubaner behalten. Und das ist gut so. Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Menschlichkeit – um diese Elemente bemühten sich auch die Päpste Johannes Paul II., Benedikt und Franziskus, die allesamt dieses kleine, stolze Land besuchten. Klar, dass die Päpste auch das Christentum voranbringen wollten. Auch irgendwie eine Waffe gegen den Kommunismus. Und eine gewisse Wandlung ist den Kubanern auch in ihrer Nach-Castro-Phase nicht abzusprechen. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem ich auf Kuba war, wurde der Karfreitag erstmals ein Feiertag. An mir lag das sicher nicht. Aber irgendwie gut fand ich das trotzdem.

Reißt die Mauern ein!

Natürlich weiß ich, dass Vieles nicht von heute auf morgen geht. Große Dinge brauchen einen langen Atem. Aber sicher ist: In Frieden können Menschen am besten miteinander umgehen. Dass nach vielen Jahren der Eiszeit zwischen den USA und Kuba eine gewisse Entspannung eingetreten ist, macht Hoffnung darauf, dass dies auch in anderen Teilen der Welt möglich ist. Vielleicht nicht heute oder morgen. Aber vielleicht demnächst. Denn wie gesagt: Große Dinge brauchen einen langen Atem. Und optimistische Menschen, die Unmögliches irgendwann möglich machen. So wie „Tear down this wall, Mr Gorbachev“, zum Beispiel. Reißt endlich die Mauern der Verblendung ein, die die Menschheit in immer neue Auseinandersetzungen treiben.

Heute Abend

Was mich anbelangt: Ich werde mir heute Abend das Fotobuch meiner Kubareise anschauen, dazu Ravels Boléro hören, im Hintergrund und ohne Ton den Film mit Bo Derek laufen lassen, zwischendurch an Kennedys Ultimatum, an Doris Lessing und Gregor Gysi denken, sicher auch an Jean-Paul Satre, Elise de La Roche sowie an Astrid Lindgren und ihre Helden. Und ganz sicher auch an die Menschen, die durch entschlossenes Handeln die atomare Aufrüstung der damaligen Bundesrepublik verhindert haben. Solche Leute braucht es auch heute: Menschen, die friedlich gegen das demonstrieren, was nicht gut für uns Menschen ist.
Wenn ich dann noch Zeit habe, das verspreche ich und bitte sagen Sie weiterhin nichts, dann werde ich einmal darüber nachdenken, warum ich mich so oft nicht für eine Sache entscheiden kann. Aber was soll ich machen? Wo doch nun mal der 22. Oktober so ein denkwürdiger Tag ist…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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