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John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking (29. Oktober)

200.000 tote Chinesen, 20.000 vergewaltigte Frauen – so die Bilanz der „Schrecken von Nanking“. Mittendrin ein Deutscher, der zu retten versucht, was zu retten ist: John Rabe.
Rückblende ins Jahr 1937: Der Hamburger Kaufmann John Rabe, Mitglied der NSDAP, leitet in China die deutsche Niederlassung von Siemens. Berlin beordert ihn nach Deutschland zurück. Rabe feiert seinen Abschiedsball, da bombardieren japanische Flugzeuge Nanking. Panik bricht aus.

Ungewöhnliche Zuflucht

Rabe öffnet die Tore des Firmengeländes, bietet fliehenden Arbeitern und ihren Familien Zuflucht. Eine gigantische Hakenkreuzfahne, die die Hälfte des Fabrikhofes überdeckt, wird zum schützenden Dach für all die Menschen, die darunter Zuflucht finden. Denn dieses Emblem des Deutschen Reichs bombardieren die Japaner nicht. Hitler-Deutschland ist nämlich in dieser Phase dabei, sein Bündnis mit den Chinesen aufzulösen und sich stattdessen mit den Japanern zu verbünden.

Ironie des Schicksals?

Irgendwie habe ich das damals als schräg und sogar gruselig empfunden: Da nimmt sich eine Partei das Recht heraus, bestimmte Teile der Bevölkerung als minderwertig zu deklarieren, und ausgerechnet die Fahne dieser Partei rettet Menschenleben, die dem Staat wohl selbst mehr als egal waren? Ironie des Schicksals? Ein genialer Einfall des Regisseurs Florian Gallenberger? Oder wirklich passiert? Ich weiß es bis heute nicht. Letztlich ist es egal, mir zumindest. Wichtiger ist mir die Erkenntnis: Das Leben hat oft einen besonderen Hang zur Ironie, zur Groteske.

TV-Premiere

Am letzten Wochenende im Oktober 2011 lief der Film „John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking“ zum ersten Mal im deutschen Fernsehen. Kein besonderes Datum für die Welt. Lediglich eines mit einem persönlichen Fest in unserer Familie. Der einzige Grund, warum ich mich an das Datum der Erstausstrahlung überhaupt erinnere. Weshalb ich oft an den Film denke, hat mehrere Gründe:

Zufluchtsort

Der Film hat mich damals verstört. Genaugenommen war es nicht der Film, sondern es waren die realen Ereignisse, die so schrecklich, so unmenschlich, so menschenverachtend und damit so unvorstellbar waren. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Während John Rabe gegen die erteilte Stallorder in China bleibt, dort mit anderen für die Einrichtung einer Schutzzone sorgt, gerät er im Film immer wieder mit Vollblut-Nazis aneinander. Trotzdem gelingt es Rabe, für eine Viertelmillion Menschen einen Zufluchtsort zu schaffen.

Massaker

Unter all denen, die diesen Ort der Zuflucht nicht erreichen, richten die japanischen Militärs ein Massaker an. Wie ich eingangs schon erwähnte: 200.000 tote Chinesen, 20.000 vergewaltigte Frauen. Im Film sind es nur ein, zwei kleine Szenen. Aber sie machen deutlich: Unter den Japanern gibt es eine Art Wettbewerb, wer die meisten Chinesen erschossen hat. John Rabe bekommt zufällig mit, was außerhalb des von ihm geschaffenen Zufluchtsortes geschieht.

Überragender Ulrich Tukur

Rabe, überragend gespielt von einem grandiosen Ulrich Tukur, ist nicht in der Lage, die Gräueltaten der japanischen Militärs zu verhindern, ohne die Sicherheit der in seine Obhut geflüchteten Menschen zu gefährden. Diese Erkenntnis zerreißt den Mann nahezu. Er, der so vielen Menschen durch sein beherztes Eingreifen das Leben gerettet hat, geht mit sich selbst grausamer um als die Geschichte. Dass der Name John Rabe sogar bis heute in Nanking einen guten Klang hat, ist nicht verwunderlich.

Mundtot gemacht

1938 kann Rabe nicht anders: Er muss nun doch nach Deutschland zurück. Hier endet der Film. Leider. Ich weiß: Ein Film, selbst wenn er, wie in diesem Fall, auf Memoiren, auf Tagebüchern beruht, kann nicht alles abbilden. Dazu ist das Leben zu komplex. Auch das von John Rabe. Denn der reale John Rabe gibt keineswegs Ruhe. Kaum ist er in Berlin, prangert er die

Verbrechen der Japaner an, hält Vorträge, klärt auf. Doch das ist nicht im Interesse des NS-Staates. Der sieht die Japaner als Verbündete. Kritik an ihnen ist nicht genehm. Deshalb fackelt die Gestapo nicht lange: Rabe wird von der Staatsgewalt mundtot gemacht, darf keine weiteren Vorträge mehr halten.
Angeklagt

Als der Krieg vorbei ist, müsste sich eigentlich alles zum Guten wenden. Doch für Rabe ist das nicht der Fall: Als die alliierten Siegermächte Deutschland mit einer Entnazifizierungswelle überziehen, wird Rabe ungeachtet seines Einsatzes für die Menschlichkeit angeklagt. Schließlich war er Mitglied in der NSDAP! Und allein deswegen für die Sieger des Krieges mehr als verdächtig.
Doch wenigstens kommt es nicht zum Schlimmsten: John Rabe wird freigesprochen. Dennoch stirbt er nur wenige Jahre später, 1950, verarmt und bei uns nahezu vergessen.

Unvergessen

Für seine herausragende schauspielerische Leistung in diesem Film erhielt der grandiose Ulrich Tukur den bayerischen Filmpreis – zu recht! Sein Verdienst und das dieses Films insgesamt ist es, dass John Rabe und seine Heldentaten zum Glück nur vorübergehend in Vergessenheit gerieten. 2009 kam der Film in die Kinos, zwei Jahre später in das Deutsche Fernsehen. Längst gibt es den Film – unabhängig vom linearen Fernsehen – zum Download. Und selbst ein Hörbuch schildert die Geschichte des guten Deutschen in Nanking.
In China und natürlich auch in Nanking kam der Film etwa zeitgleich mit dem Kinostart bei uns in die Kinos. Nicht nur dank des Films denkt man dort bis heute gern an den Mann, der sich für hilflose Chinesen einsetzte, ihnen eine Zuflucht bot; an den Mann, der seine eigene Sicherheit riskierte, um das Leben anderer zu retten.
Dass sich dagegen in Japan kein Verleih für diesen Film fand, dass die Japaner bis heute große Probleme damit haben, ihre Kriegsverbrechen einzugestehen, steht auf einem anderen Blatt.

Vorbild

Wichtig aber ist: Männer wie John Rabe gab und gibt es nicht viele. Aber gerade Männer wie er haben Vorbildcharakter. Deshalb ist der Film „John Rabe“ so wichtig. Und falls Sie an diesem Wochenende nichts zu tun haben: „John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking“ verspricht einen spannenden, aber auch aufwühlenden und nachdenklich machenden Fernsehabend.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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