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Wenn keiner mehr hilft, hilft die Caritas. Zur Gründung der größten Sozialeinrichtung 1897 (10. November)

Eigentlich sollte dieser Artikel mit einer indirekten Frage anfangen. Nämlich mit der Frage, ob Sie Lorenz Werthmann kennen. Eigentlich sollte dieser Artikel auch bereits gestern bei Heaven On Air erscheinen. Da hier aber in der Rubrik „Auch das noch“ an jedem Tag nur ein Artikel erscheint und gestern zwischen Abdankung des Kaisers und Mauerfall nicht der rechte Ort für Lorenz Werthmann gewesen wäre, gibt es diesen Beitrag erst heute. Sie merken, was das Wort „eigentlich“ macht: Es sagt, dass das alles nicht so ist.

Eigentlich gestern…

Nicht ganz so schlimm, zumal die Lebensleistung Werthmanns in das Jahr 1897 zurückreicht. Da kommt es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht mehr an. Hauptsache, der Mann wird überhaupt erwähnt. Der Mann und seine Lebensleistung, die bis heute nachwirkt.

Hätte dieser Beitrag also mit der Frage begonnen, ob Sie Lorenz Werthmann kennen, hätten Sie vermutlich den Kopf geschüttelt. Was ich wiederum erwartet hätte. Es sei denn, sie wären ein direkter Nachfahre. Davon allerdings mag ich nicht ausgehen. Aus gutem Grund: Denn Lorenz Werthmann war katholischer Priester. Und da ist das mit dem Nachwuchs normalerweise so eine Sache.

Prekariat im 19. Jahrhundert

Um uns Lorenz Werthmann und seinem Wirken zu nähern, müssen wir einen Blick zurück auf das Ende des 19. Jahrhunderts werfen. Dieses Jahrhundert ist von sozialen Spannungen geprägt. Die erwachsen nahezu zwangsläufig aus den Folgen der industriellen Revolution, aus einer allgemeinen Landflucht und gleichzeitigen Verstädterung. So entsteht ein wachsendes Prekarität, wie man heute wohl sagen würde. Das lebt zwischen den Vorstellungen von „der Markt wird’s schon richten mit all seinen Kollateralschäden“ und „warum soll es einigen besser gehen, wenn man Besitz an alle aufteilen könnte“? Oder so ähnlich. Oder anders formuliert: In dieser Zeit konkurrieren Liberalismus und Sozialismus um die Deutungshoheit für die Situation der Gesellschaft. Und für ihre Veränderung.

Arbeiterpapst

Mit Blick auf die wachsende Zahl von Bedürftigen und ihrer sozialen Notlage meldet sich die katholische Kirche zu Wort. Und zwar tatsächlich segensreich, um das einmal so zu formulieren. Im Jahr 1891 veröffentlicht Papst Leo XIII. etwas nie dagewesenes, nämlich eine erste Sozialenzyklika. Der übrigens weitere folgten. Dabei handelt es sich um ein Lehrschreiben mit hoher Verbindlichkeit, wie es im Kirchendeutsch so schön heißt. Erstmals befasst sich ein derartiges Lehrschreiben explizit mit sozialen Missständen und ihrer Beseitigung. „Rerum Novarum“, „Über die neuen Dinge“ heißt es, wird später als „Mutter aller Sozialenzykliken“ bezeichnet werden und Leo XIII. den Beinamen „Arbeiterpapst“ einbringen.

Forderungen von Rerum Novarum

Seine zentralen Forderungen: ein Ende der sklavenähnlichen Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter, gerechte Löhne, staatlicher Schutz für Arbeitnehmer, Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ganz katholischer Papst und Friedensstifter – was eben auch für den sozialen Frieden gilt – lehnt Leo XIII. einen ausgeprägten Klassenkampf und damit ein Grundanliegen des Sozialismus ab. Er verteidigt stattdessen das Privateigentum, verknüpft dies allerdings mit einer so genannten Sozialverpflichtung: Wer hat, soll auch anderen, die nicht haben, geben. Und zwar so viel, dass sie genug zum Leben haben. Und, das dürfte dem Papst ein Anliegen gewesen sein, genug, dass es gar keinen Unfrieden zwischen vermeintlichen Klassen geben muss. Hehre Ziele, die allerdings gar nicht so leicht umzusetzen sind. Zu unterschiedlich sind da die Interpretationen.

Impulse aus Deutschland

Nun entsteht diese Enzyklika nicht im luftleeren Raum. Tatsächlich hat sich Papst Leo XIII. Positionen des deutschen Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler zu Herzen genommen. Die so genannte katholische Soziallehre nahm in der kirchlichen Verkündigung vor allem in Deutschland einen immer größeren Stellenwert ein. Da sich die Kirche ihrem Vorbild Jesus Christus folgend den Einsatz für die Schwächeren, für die, die keine Stimme haben

bzw. deren Stimme kein Gehör findet auf die Fahnen geschrieben hat, setzte sie sich auch für die Arbeitnehmer ein. Die Gründung der Katholischen Arbeiter Bewegung (KAB), heute Katholische Arbeitnehmer-Bewegung ist nicht zufällig.
Aufbruch

Je ernster die Katholische Soziallehre genommen wurde, desto mehr Hilfsorganisationen brachte sie hervor. Alle hatten dasselbe Ziel: armen Menschen zu helfen, Schwache zu stützen, Notlagen zu mildern. Davon gab es viel zu viele in der damaligen Bevölkerung. Und jetzt endlich kommt jener ominöse Lorenz Werthmann ins Spiel: Der gründet nämlich am 9. November 1897 den „Caritasverband für das katholische Deutschland“ – so hieß das damals. Drei Jahre nach der Gründung hatte der Verband bereits 1.500 Mitglieder. Und danach? Ein unvorstellbarer Aufbruch. Heute ist die Caritas die größte Wohlfahrtsorganisation in Deutschland. Über 500.000 Mitglieder, mehr als 660.000 Beschäftigte, ungezählte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die bundesweit in mehr als 900 unterschiedlichen Einheiten organisiert sind.

1.000.000 Ratsuchende – täglich

Die wichtigste Zahl aber: Weit mehr als eine Million Menschen kommt in Deutschland in eine Beratungsstelle der Caritas. Und zwar täglich! Sie alle erhalten Pflege, Betreuung und Beratung. Nichts, wo die Caritas nicht hilft. Suchtberatung, Eheberatung, Pflege, Hilfen für Alte und Kranke, für Kinder, für Menschen mit Behinderungen, ja, selbst eine Beratungsstelle für Auswanderer gehört zu den Angeboten der Caritas. Dabei sind die genannten Angebote längst nicht vollzählig. Trotzdem kann es tatsächlich einmal vorkommen, dass die Caritas keine eigenen Experten für besondere Fälle hat. Immerhin erfahren Sie dann in einer Beratungsstelle, wohin Sie sich wenden können, wer Ihnen bei Ihrem spezifischen Problem weiterhilft. Soweit erforderlich begleitet Sie sogar jemand von der Caritas bei diesem Gang.

Lokal, regional, international

Lokal, regional, international – überall ist die Caritas im Einsatz, hilft überall da, wo Menschen Hilfe brauchen. In allen Not- und Elendsgebieten, bei uns zuletzt nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, aber eben auch in der großen weiten Welt. Googlen Sie mal „Caritas International“. Irgendwie logisch, dass auch dieses weltweit agierende Katastrophenwerk seinen Sitz in Deutschland, genauer: in Freiburg hat, oder? Bei Überschwemmungen, Erdbeben und bei der Linderung von Not nach militärischen Konflikten – überall, wo Menschen in Not sind, ist die Caritas also zur Stelle. So schnell und so gut, wie eben möglich.

Alles andere als von gestern

Dass die Caritas auch Ihre Hilfe braucht, um helfen zu können, versteht sich von selbst. Verständige Richter leiten von ihnen verhängte Bußgelder an Sozialverbände wie die Caritas weiter. Spenden, Erlöse aus den so genannten Wohlfahrtsbriefmarken, Erlöse von Verkäufen wie Büchern und Kalendern versetzen neben Kirchensteuermitteln die Caritas erst in die Lage, Hilfe zu leisten. Ohne Lorenz Werthmann und seine Gründungsleistung am 9. November 1897 würde der Welt heute etwas fehlen. Grund genug also, auch mit einem Tag Verspätung noch an diese grandiose Leistung zu erinnern. Denn „von gestern“ ist die Arbeit der Caritas ganz sicher nicht.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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