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Den anderen zur Entfaltung kommen lassen – Gedanken zum Tag der Toleranz (16. November)

Klassiker in der Schule – ich gebe zu, die habe ich nur sehr bedingt gemocht. Wenn unser Lehrer die Namen Goethe oder Schiller fallen ließ, ging oft genug ein Aufschrei der Abscheu durch unsere Klasse. Das lag zum Teil an den Inhalten, zum Teil aber auch an der aus unserer Sicht veralteten Sprache. Mit Reimen und Versen hatten wir Mädels es nicht so. Die Jungs schon eher. Aber nicht wie bei den etablierten Klassikern, sondern eher wie bei den gerade angesagten Rappern. Das aber war eine andere Welt.

Kein Platz in der Merkregel

Geändert hat sich diese Einstellung erst, als wir zu Lessing kamen. Gotthold Ephraim Lessing? Auf den ersten Blick war auch der ein Reinfall. Denn Lessing kam in unserer Merkregel nicht vor. Sie wissen schon: Die Geschichte mit dem Zehn-Jahres-Abstand: 1749 Goethe, 1759 Schiller, 1769 Napoleon. Alle im Abstand von zehn Jahren geboren. Und Lessing? Der erblickte das Licht der Welt nicht zehn, sondern sogar 20 Jahre früher. Also 1729. Geht doch!

Nathan der Weise

Als wir dann Lessings Stück „Nathan der Weise“ lasen, war sogar so etwas wie Euphorie zu spüren. Der Grund: die so genannte Ringparabel. Im Text wollte Sultan Saladin wissen, welcher Glaube der richtige sei. Judentum, Islam oder Christentum. Und Nathan, ein weiser Jude, gab die Antwort: Das zu entscheiden, liegt nicht in Menschenhand. Eine gute Antwort in Richtung der drei Religionen, die sich in vielen Dingen so nahe sind, aber in der Geschichte dennoch immer wieder äußerst feindlich gegenüberstanden. Doch es ging um mehr: Es ging um Toleranz. Und genau das ist das Stichwort des heutigen Tages.

Bekenntnis zur Toleranz

Denn der heutige Tag gilt weltweit als Internationaler Tag der Toleranz. Na gut, vielleicht nicht weltweit. Aber fast. Immerhin verpflichteten sich am 15. November 1995 die 185 Mitgliedstaaten der UNESCO dazu, die Prinzipien der Toleranz einzuhalten. Ganz großes Kino!
Obwohl ich sofort Wasser in den schönen Wein gieße: Die Vereinten Nationen erkennen 195 Staaten offiziell an, bei neun Staaten ist es umstritten, ob sie nun Staaten sind oder nicht. Da fehlen also noch ein paar. Außerdem gilt: Selbst wenn sich fast alle Staaten dieser Welt zur Toleranz bekennen – zwischen Bekennen und entsprechend Handeln gibt es leider in vielen Staaten einen Unterschied. Daran können Sie und ich aber nichts ändern. Zumindest nicht im Moment.

Prinzipien der Toleranz

Toleranz – das bedeutet ganz weit gefasst ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen auf unserem blauen Planeten. Kofi Annan, zwar erst 1997 Generalsekretär der Vereinten Nationen, erklärte: Toleranz dürfe nicht verwechselt werden mit Passivität oder Gleichgültigkeit. Nein, Toleranz das sei ein aktives und positives Engagement für die Vielfalt

der Menschen. Und damit sei Toleranz auch ein Grundprinzip der Demokratie. Und auch der Religionen. Laut Lessing stellen die unterschiedliche Wege zum selben Ziel dar. Gründe, sich deswegen den Schädel einzuschlagen, gibt es keine. Zumindest nicht, wenn man tolerant ist.
Grenzen der Toleranz

Nun heißt Toleranz nicht nur, dass der Eine machen darf und der Andere alles schlucken muss. Toleranz bedeutet auch, dass der Erste darauf verzichtet etwas zu tun, von dem er genau weiß, dass er dem anderen damit in die Quere kommt. Weil er ihn nämlich schätzt, sich nicht über ihn erheben will, sondern als das akzeptiert, was er ist. Womit schnell klar wird: Toleranz ist nicht nur etwas, was Religionen oder Staaten angeht. Toleranz kann man auch zwischen einzelnen Personen üben. Zum Beispiel dadurch, dass ich fremde Überzeugungen gelten lasse, dass ich Sitten akzeptiere und mich nicht aufgrund von Vorurteilen dagegen wehre.

Menschenrechte und Grundfreiheiten als Grenze

Wenn Sie jetzt Angst bekommen, dass man sich dann selbst verliert: Nein, denn spätestens da, wo die Menschenrechte und die Grundfreiheiten beschädigt werden, befindet sich eine Grenze der Toleranz. Denn – da waren wir eben schon – derjenige, der sich über die Menschenrechte und die Grundfreiheiten des Einzelnen hinwegsetzt, handelt im höchsten Maße intolerant. Ihm und seinem Verhalten ist keine Toleranz entgegenzubringen. Denn Toleranz funktioniert nur, wenn sich beide Seiten tolerant verhalten.

Toleranz üben

Nun fällt Toleranz bekanntermaßen nicht vom Himmel. Und wie es unsere Sprache so schön sagt: Toleranz muss man üben. Auch wenn hier genaugenommen „ausüben“ gemeint ist: ohne zu üben und immer wieder zu üben im Sinne von ausprobieren, wird es nichts mit der Toleranz. Und auch nichts damit, „eine Kultur des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden“, wie die UNESCO so schön sagt. Wahrlich große Worte.

Bei sich selbst anfangen

Wenn es gelänge, nicht mehr zu glauben, dass ein anderer nur darauf lauere, mir etwas wegzunehmen, wenn es gelänge, zwischen Arbeitskolleginnen und Nachbarn die oftmals herrschende Rechthaberei zurückzustellen und den anderen „auch atmen zu lassen“, wären wir schon mal im Kleinen einen Schritt weiter. Auch wenn es ein langer Weg ist, bin ich überzeugt davon: Je mehr Menschen in ihrem kleinen Bereich Toleranz üben, desto toleranter wird unsere gesamte Gesellschaft. Der heutige Tag könnte ein Anlass sein, es wenigstens wieder einmal zu versuchen. Und zu üben, zu üben und zu üben: toleranter zu sein.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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