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70 Jahre „Quo vadis?“ Und wohin geht unsere Reise? (8. November)

Wenn man nicht weiß, wohin sich ein Unternehmen entwickelt, was daraus in Zukunft werden soll, dann kommt gelegentlich dieses geflügelte Wort zum Einsatz: „Quo vadis?“ Frei übersetzt: Wohin soll die Reise denn gehen? Beim Computerhersteller Apple war das zum Beispiel der Fall: „Quo vadis, Apple“ titelte ein deutscher Fernsehsender. „Wohin geht‘s mit der Firma? Wie geht es weiter? In welche Richtung wird der Konzern steuern?“ Eine berechtigte Frage, damals, unmittelbar nach dem Tod von Steve Jobs. Also vor ziemlich genau zehn Jahren. Klar, aus der Rückschau wissen wir, wohin sich Apple entwickelt hat, wissen, wie unter Tim Cook die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben wurde. Aber damals war eben doch sehr unklar, wie die neue Firmenpolitik ohne den Mitbegründer und langjährigen CEO von Apple aussehen würde.

Film „Quo vadis?“

Heute vor 70 Jahren kam ein Film in die US-amerikanischen Kinos, der diese Phrase berühmt machte: „Quo vadis?“ In unserem Land mussten die Menschen noch ein bisschen länger warten, bis sie endlich die dramatische Liebesgeschichte sehen konnten. Eine Liebesgeschichte aus dem alten Rom, eine fiktive Liebesgeschichte: Der römische Feldherr Marcus Vinicius, gerade siegreich von einem Feldzug nach Rom zurückgekehrt, verliebt sich in Lygia. Was nichts Besonderes wäre. Wenn Lygia nicht Christin wäre.

Christenverfolgung

Was nach damaliger Vorstellung nun mal gar nicht geht! Deshalb löst diese „verbotene Liebe“ dann auch eine massive Christenverfolgung aus. Sie wissen schon: wehrlose Menschen im Circus Maximus gegen hungrige Löwen, Teil der grausigen Brot und Spiele-Politik, durch die die Herrscher in Rom die unteren Klassen bei Laune hielten. Und fern von jeglicher politischer Macht. Höhepunkt des Films ist die großartige Leistung von Peter Ustinov, der als Nero schauerlich zur Lyra singt, während Rom gerade in Flammen aufgeht und Tausende von Menschen sterben.

Romanvorlage

Eine großartige Regieleistung von Mervyn LeRoy, dem als Quelle seines Films ein Roman des polnischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz zugrunde liegt. Dessen 1895 erschienener Roman „Quo Vadis?“ bildet die Vorlage für den späteren Film. Anders herum ausgedrückt: Mervyn LeRoy verfilmt diesen Roman äußerst werkgetreu! Sienkiewicz seinerseits schöpft aus der Bibel: Im Johannesevangelium stellt der Apostel Petrus Jesus die Frage: „Wohin wirst du gehen, Herr?“ Auch wenn Petrus und Jesus sich mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Latein unterhielten, sorgte die frühe Übersetzung der Bibel ins Lateinische dafür, dass sich das geflügelte Wort bildete: „Domine, quo vadis?“. Zur Antwort bekommt Petrus übrigens, dass der Herr sich an einen Ort begebe, an den Petrus ihn vorerst noch nicht folgen könne. Aber in der Zukunft. Ein Satz, den man wunderbar als Hinweis auf ein Leben nach dem Tod interpretieren kann.

Vorlage für den Roman

Wenn Sie jetzt sagen: „Ist das im Film nicht irgendwie anders?“ Wunderbar, 100 Punkte! Sie haben tatsächlich recht. Der Grund: Die Darstellung der Bibel findet sich in veränderter Form in den so genannten apokryphen Schriften wieder, also Texten, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in die Texte des Neuen Testaments aufgenommen wurden. In den so genannten Petrusakten findet sich eine Szene, in der Petrus, mittlerweile in Rom, vor der einsetzenden Christenverfolgung aus der Stadt flieht. Unterwegs begegnet er Christus, dem er die berühmte Frage stellt: „Domine, quo vadis?“ Christus erklärt ihm, er werde nach Rom gehen, um sich erneut kreuzigen zu lassen. Was den armen Petrus so beschämt sein lässt, dass er sich umwendet und in die Stadt zurückgeht, gefangengenommen und gekreuzigt wird. Auch wenn an dieser Stelle gilt, dass sich Petrus und Jesus nicht auf Latein unterhalten haben, findet Henryk Sienkiewicz hier zumindest die Vorlage für den passenden Dialog in seinem Roman… und damit für die namensgebende Stelle auch des Films.

So viel Rauch um… Nichts?

Wenn Sie heute, 70 Jahre nach Erstaufführung des Films in den USA, wegen dieses Dialogs die Stirn runzeln und den Trubel rund um dieses Zitat kaum nachvollziehen können: In der Vergangenheit war das anders! Sollten Sie einmal einen Abstecher nach Rom machen, empfiehlt es sich, einmal in den Süden der Stadt zu gehen. Dort finden Sie ein paar Gehminuten entfernt von

der Porta San Sebastiano, also dem Stadttor, durch das Sie auf der Via Appia die Stadt verlassen können, ein kleines Kirchlein. Die Santa Maria delle Piante ist den Einheimischen weitaus besser bekannt als – Sie ahnen es schon – „Domine Quo Vadis?“. Bereits im 9. Jahrhundert befand sich hier eine Vorgängerkirche, die sich auf die apokryphe Legende berufen soll. Das heute dort vorhandene Kirchlein wurde immerhin im Jahr 1637 geweiht – und ist damit natürlich um einiges älter als die Büste von Henryk Sienkiewicz, die erst 1977 im Inneren der Kirche aufgestellt wurde. Woran Sie die Bedeutung seines Romans ablesen können: Wenn ein Literat in einer Kirche verewigt wird, …
Verfilmungen

Übrigens: Schon vor dem Film-Welterfolg vor 70 Jahren gab es vier Verfilmungen, 1985 folgte sogar eine italienische Serie, in der Klaus Maria Brandauer den Nero spielte, der deutlich mehr im Mittelpunkt stand als in der 1951er Mervyn LeRoy-Verfilmung. Pünktlich zum 50. Jubiläum des Films erschien 2001 eine polnische Neuverfilmung – nicht zuletzt, um damit auch das Schaffen von Henryk Sienkiewicz zu würdigen. Und wenn wir schon dabei sind: In diesem Sommer kam der Film „Quo Vadis, Aida?“ in die Kinos. Auch wenn es in ihm um die Übersetzerin Aida geht, deren Familie wie Tausende andere wegen der Bürgerkriegsunruhen auf dem Balkan um ihr Leben fürchten muss, so ist es doch bezeichnend, dass sich Jasmila Žbanić für eine Adaption des „uralten Filmtitels“ entschied, um zu verdeutlichen: Auch hier geht es um die Zukunft, um die Antworten, die das Leben auf existentielle Fragen geben wird.

Politik

Quo vadis, wohin gehst du? Vielen könnte man diese Frage heute stellen. Den großen Industriefirmen, den Banken und der EU. Gerade hier stellt sich ja die Frage, welche Ziele polnische und ungarische Staatenlenker mit ihrer aktuellen Politik verfolgen? Wohin wird die Reise gehen, was wird die Zukunft bringen? Es ist schon bezeichnend, wie sich angesichts der Corona-Pandemie schrittweise das gesellschaftliche Klima verändert. Was bewirken Worte von einer „Tyrannei der Ungeimpften“, die aus Egoismus den Rest der Gesellschaft angeblich in Geiselhaft nehmen? Welche Reaktionen lösen die vorerst noch behutsamen Verweise auf Italien aus, dass dort Menschen, die sich partout nicht impfen lassen wollen, um andere nicht zu gefährden möglicherweise auch ihre Arbeitsplätze verlieren? Deuten solche Aussagen, heute in allen Medien zu finden, vorsichtig an, in welche Richtung die Reise geht?

China

Wie wird sich das Verhältnis von China zu den USA entwickeln? Wird der heute scheinbar übermächtige asiatische Riese in zehn, 20 Jahren die Auswirkungen seiner jahrzehntelange Ein-Kind-Politik durch eine Vergreisung der Bevölkerung zu spüren bekommen, die wiederum wirtschaftliche Verwerfungen und soziale Unruhen auslösen könnte?

Umwelt

Wie wird unsere Welt in ein paar Jahren aussehen? Sind wir dann umgeben von Robotern? Fahren wir autonom? Fliegen unsere Autos demnächst? Wächst die Kluft zwischen Armen und Megareichen? Wie sieht das mit der je ganz persönlichen Verantwortung für die Umwelt aus? Ersticken wir an unserem eigenen Müll? Werden die Kipppunkte in Sachen Klima und Umwelt erreicht oder gar überschritten? Mit welchen Folgen? Schaffen wir uns selbst ab?

Kirche

Was passiert mit der Katholischen Kirche: Wie wird sie auf den Mitgliederschwund reagieren? Werden die verbleibenden Kirchentreuen enger zusammenrücken? Werden sie sich um diejenigen, die nicht oder nicht mehr dazugehören, mehr bemühen? Wird es Reformen geben? Oder wird man Reformen der Vergangenheit als Fehler erachten und zu ganz alten Formen zurückkehren? Wer weiß das schon? Quo Vadis? Wohin geht die Reise?

Verändern wir die Zukunft!

Viele von uns werden die Antworten auf diese Fragen in den nächsten Jahren bekommen, werden sie erleben. Wie die Zukunft sein wird, wissen wir erst dann, nicht schon heute. Prognosen und Berechnungen zeigen uns aber auf, wie die Zukunft werden könnte. Wollen wir eine andere Zukunft, müssen wir alles daransetzen, dass diese Prognosen eben nicht eintreten. Vielleicht ist das die wichtigste Antwort, die aus dem 70 Jahre alten Film und dem rund 125 Jahre alten Roman übrigbleibt: Wenn wir uns ernsthaft die Frage stellen, wohin die Reise gehen soll, dann stellen wir unser Leben, unsere Ziele, Vorstellungen, Ideale und Wünsche in den Mittelpunkt. Ob wir dorthin gelangen, haben wir über weite Strecken selbst in der Hand. Wir können unsere Verantwortung für unseren Planeten, unser Land, unsere Mitmenschen, für uns selbst wahrnehmen… oder wir können davor die Augen verschließen. Quo vadis? Wohin die Reise geht, entscheiden wir letztlich selbst!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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