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Festival im UK – Wie Corona und der Brexit Reisegewohnheiten verändern (27. Oktober)

Ein bisschen wehmütig bin ich schon, wenn ich daran denke. Aber in diesem Jahr wird es nichts. In diesem Jahr werde ich nicht ins UK fliegen. Corona lässt mich zu Hause bleiben. Wie schon im letzten Jahr. Seit 2009 gibt es in Nordosten Englands, in Skegness, jedes Jahr Ende November, Anfang Dezember das große British Folk Festival. Ein paar Mal war ich dort, habe alte und neue Folkies gesehen und vor allem gehört, bekannte und manche zumindest mir noch unbekannte Bands und Interpreten auf der Bühne genossen. Wie überhaupt die Atmosphäre rund um dieses Festival: eine Art Center Parcs, nur älter, typisch britisch, viele, vor allem kleine Bungalows, wohl auch, weil man möglichst viel im Park konsumieren soll. In den letzten Jahren übrigens immer weiter renoviert in Richtung Moderne.

Urlaub für den kleinen Mann

Als Billy Butlins 1936 seinen ersten Ferienpark in jenem Skegness gründete, schaffte er damit auch eine Möglichkeit für „einfache Arbeiter“, einmal einen halbwegs preiswerten Familienurlaub zu machen. Längst hat sich die Idee weiterentwickelt, längst gibt es mehrere Parks. Neben der ursprünglichen Intention finden in diesen Parks auch immer wieder so genannte „Live Music Weekends“ statt – von Freitagabend bis Sonntagnacht Livemusik bis zum Abwinken. Wer will, kann ein Wochenende 70er, 80er oder 90er Jahre-Acts sehen und hören – oder Themenfestivals wie Punk, New Romantic, Rock… oder eben das „Great British Folk Festival“. Während die anderen Themenfestivals munter durch die verschiedenen Butlins-Parks touren, gibt es das „Great British Folk Festival“ ausschließlich in Skegness.

Zwei Konzerte parallel

Was mich in Skegness neben der Musik besonders fasziniert: Konzerte finden in zwei Hallen gleichzeitig statt. Na gut, manchmal stört auch die Qual der Wahl. Vor allem, wenn man beide Acts gern sehen und hören würde. Aber es ist kein Problem, zwischen den beiden Hallen zu wechseln. Fußweg: satte eine Minute. Allerdings muss man sich gut überlegen, ob man nach dem traditionellen Queuing vor der Location und dem Ergattern eines Sitzplatzes wirklich zwischendurch die Halle wechseln möchte. Ob man dort nämlich noch einen Sitzplatz findet, ist fraglich. Denn die Engländer lieben diese Konzertevents, buchen möglichst frühzeitig und stehen rechtzeitig an. Ruhig, in einer immer länger werdenden Schlange. Keine Panik, alles wird gut. Englisch eben.

Mucke mit Vollpension

Die meisten Besucher buchen „ihr persönliches Event“ mit Vollpension. Wir auch. So beginnt man am Freitagabend vor dem ersten Konzert mit einem wirklich guten, breit gefächerten Abendessen, sieht neue und alte Bekannte am nächsten Morgen bei der Addition von englischem und kontinentalen Breakfast, um gegen Mittag wieder am Buffett zu stehen. Wer immer noch meint, die Franzosen hätten das gute Essen, die Engländer hingegen die guten Manieren… Nein, nicht was sie jetzt denken. Ich wollte auf‘s Essen raus: Mir schmeckt’s. Jedes Mal. Aber ich weiß, dass manch einer zum Frühstück zwar Rührei, Hackfleischbällchen und zur Not auch gedünstete Tomaten und Champignons isst. Was aber die weißen Bohnen, den lightly grilled brown ham und vor allem die Sausages anbelangt, bin ich einer der wenigen in unserem Freundeskreis, der deswegen ein zweites Mal ans Buffett geht.

Fachsimpeln unter Freunden

Richtig, Freundeskreis: Natürlich macht Musikhören am meisten Spaß, wenn man sich zwischendurch mal anstoßen kann: „Hast du dieses Solo gehört? Und guck mal, was der da mit seiner elektrischen Geige veranstaltet! Spielt die jetzt wirklich mit zwei gerissenen Gitarrensaiten weiter? Aber tolle Stimme, oder?“ Eine Art Fachsimpeln unter Freunden. Denn es gibt einen kleinen Kreis, mit dem wir gemeinsam nach Skegness fahren. Dazu kommen ein paar Leute, die man doch vom letzten Jahr schon kennt: „Nice to meet you again!“ Ja, ich freue mich auch. Allerdings in diesem Jahr dann eben nicht. Ansonsten wäre ich ja jetzt zumindest auf dem Weg zum Flughafen, wenn nicht schon im Flieger. Denn die Anreise ist ein bisschen beschwerlich.

Beschwerliche Anfahrt

Deshalb sind wir manchmal auch einen, sogar zwei Tage eher angereist. Ansonsten gilt: Der Flug bis zu einem der Londoner Flughäfen – ja, letztlich entscheidet der Flugpreis darüber, welcher Zielflughafen es wird – ist in der Regel problemlos. Aber dann mit dem Mietwagen hinauf in den Nordosten der Insel zu fahren – das ist schon eine Qual. Aus gutem Grund setze ich mich nie hinter das Steuer, wenn ich gezwungen wäre, auf der anderen Straßenseite zu fahren. Zum Glück haben wir genügend England erprobte Fahrer in unserer Clique. Ich konzentriere mich dann auf die Beobachtung des Navis. Da stelle ich dann meistens fest, dass wir kaum Kilometer

, beg your pardon, Meilen natürlich, machen, dafür die Ankunftszeit schrittweise, aber unbarmherzig immer näher an das erste Konzert heranrückt. Und so hoffe ich jedes Mal aufs Neue,
keine Umgehungsstraßen

dass der Freitagsverkehr in den kleinen Käffern, durch die wir fahren müssen, weil es nur selten Ortsumgehungen gibt, nicht völlig zum Erliegen kommt.
„Hör auf mit der Panikmache! Wir kommen schon rechtzeitig an!“ Ist ja gut, ich sag gar nichts mehr. Aber ein einziges Mal kamen wir wirklich so knapp an, dass wir uns nach Beziehen unseres Bungalows nur einen sehr flüchtigen Abstecher zum Speisesaal leisten konnten. Denn schließlich wollten wir uns ja vor Konzertbeginn nicht an einer riesig langen Schlange anstellen, sondern an eine möglichst kurze. Da muss das Abendbrot dann schon mal zurückstehen. Was aber nicht ganz so schlimm ist.

Bier und Plüschsessel

Denn in beiden Hallen gibt es von vorne bis hinten links und rechts zwei riesige Theken, wo man sich mit „Flüssignahrung“ zum wirklich normalen Preis eindecken kann. Frisch gezapftes Guinness? Meine Ausrede ist immer, dass das weniger Kalorien hat als Orangensaft. Wie viele Orangen ich an einem Abend essen würde? Also bitte, jetzt wird es indiskret, oder?
Wie üblich auf den britischen Inseln ist der meistes Schaum abgestrichen, sind die Gläser randvoll, so dass man auf dem Weg in Richtung des eigenen Sitzplatzes am besten schon mal einen Schluck abtrinkt. Ansonsten landet der erste Schluck eh im dicken Teppichboden. Okay, zugegeben, wenn ich mit sechs Guinness zwischen den Händen Richtung Freunde balanciere, ist das mit dem Abtrinken nicht ganz so einfach. Aber das gehört irgendwie dazu. Hauptsache, nichts von dem Bier landet auf dem eigenen Plüschsessel. Da will man ja schließlich die nächsten Stunden verbringen. Ohne feuchte Hose!

Spaziergang am Strand

Eine Ausnahme bildet der Sonntagmorgen: Da sind zumeist Kabarettisten auf der Bühne. Um genauso herzhaft wie die Briten lachen zu können, muss ich schon ganz genau hinhören und gewaltig aufpassen. Und trotzdem entgeht mir der eine oder andere Gag. Das ist eben der Unterschied zwischen jemandem, der im Land ganz gut zurechtkommt, und einem Muttersprachler. Da das aber allen in unserer Clique so geht, ist der Sonntagmorgen für einen Spaziergang am Strand reserviert. Denn selbstredend hat das Butlins-Ressort in Skegness einen eigenen Zugang zum Nordseestrand.

Großartige Musikerinnen und Musiker

Sally Barker, Billy Bragg, Barbara Dickson, Donovan, Charlie Dore, Fairport Convention, Fisherman’s Friends, Gary Fletcher, Fotheringay, Hothouse Flowers, Martyn Joseph, The Levellers, Lindisfarne, Matthews’ Southern Comfort, Kate Rusby, Jacqui McShee, Ralph McTell, Merry Hell, The Oysterband, Pentangle, Eddi Reader, Said The Maiden, Steeleye Span und viele mehr habe ich in Skegness erlebt. Dazu auch manche Musiker, die wohl als Kinder in einem Butlins Park Urlaub gemacht und auf den dortigen Bühnen ihre ersten musikalischen Schritte unternommen haben. Anders sind die Konzerte von Bob Geldof und seinen Boomtown Rats, der Auftritt der Rest-Animals, von Slim Chance oder von Jona Lewie ausgerechnet beim „Great British Folk Festival“ wohl kaum zu erklären.

Brexit: nicht mehr gern gesehen

In diesem Jahr also bleibe ich zu Hause. Unsere Freunde auch. Corona spielt eine Rolle. Eine andere der Brexit. Englische Freunde, mit denen wir uns seit Jahren immer wieder treffen, haben uns zwischen den Zeilen fast sogar ein bisschen gewarnt. Dass in den letzten Jahren Ressentiments gegen Osteuropäer immer mehr geschürt worden waren – davon hatten sie uns schon lange erzählt. Dass sich der Unmut angesichts leerer Regale, Proteste von Fischern und Farmern immer mehr gegen die EU insgesamt, gegen die von Deutschen und Franzosen angeblich dominierte EU richtet, versuchten sie uns vorsichtig beizubringen.

Die EU ist an allem schuld

Dass die EU an allem schuld ist – das hatten wir selbst bei Gesprächen mit Konzertbesuchern schon seit längerem erfahren. Was unsere V2 nicht geschafft habe, würde auch der EU nicht gelingen, so einmal ein Brite zu mir. Der schüttelte mir aber dann versöhnlich die Hand, weil „Germans“ nun wirklich „good drinkers“ seien. Damals habe ich das alles nicht besonders ernst genommen. Aber mittlerweile ist es Lying BoJo und seinen Anhängern gelungen, dass ich mich in England nicht mehr so wohl fühle wie früher. Ausdrücklich nehme ich Schottland und Wales aus. Hier fühle ich mich nach wie vor willkommen, hier hat mir noch niemand gesagt, dass ich und die EU… ach, es macht wenig Spaß!

Britische Identität

Zu ihrer Identität wollten sie zurückkehren, so eine Begründung des Brexits. Wenn ich an Sklavenhandel, Piraterie, Eroberung – die ja immer auch Unterwerfung Hunderttausender anderer Menschen bedeutet – und Kanonenbootpolitik denke, wird mir angst und bange. Wenn ich an die Songs denke, die auch in diesem Jahr wieder auf der Bühne in Skegness zu hören sein werden, geht mir stattdessen das Herz auf: Auch das ist alte englische, wenn nicht britische Identität. Denn es oft sind Lieder und Texte, die alte Erzählungen, Märchen und Sagen aufgreifen, die davon erzählen, wie die einfachen Leute in schwierigen Zeiten zurechtkommen mussten, wie sie ihre Probleme meisterten.

Mord und Totschlag

Dass es dabei auch ziemlich rau zugehen konnte, dass die Geschichten von Mord und Totschlag, Bergarbeiterstreiks, Volksaufständen und vielem mehr erzählen, gehört dazu. Genauso wie die zahlreichen Einflüsse, die aus der keltischen Religion und dem frühen Christentum stammen und von den britischen Inseln aus auch zu uns kamen. Faszinierend, würde Mr. Spock wohl meine Gefühlslage beschreiben. Vor allem aber ist die Botschaft immer verpackt in Melodien mit einer gehörigen Portion Melancholie, Wehmut und, ja auch das darf sein, Sentimentalität und Nostalgie. Ein bisschen gute alte Zeit? Ganz sicher. Aber wohl kaum heile Welt. Denn genau die gab es in England eigentlich nie. Und wenn, dann für wenige. So wie jetzt? Hmmm…

Skegness zu Hause

Was bleibt uns anderes übrig? Die, mit denen wir eigentlich gerne nach Skegness gereist wären, werden am Wochenende bei uns zu Gast sein. Guinness haben wir bereits genug gebunkert, Essen – nicht ganz so englisch wie in Skegness – wird es nach dem Bottle-Party-Prinzip geben: Jeder bringt etwas mit. Besser kann Gemeinschaft nicht zum Ausdruck kommen. Und für Musik, na klar, ist natürlich auch gesorgt. Live von DVD, sogar mit Bild und gutem Ton, aber eben leider ohne echte Bühne und ohne weitere Kontakte. Aber mit einem einzigen Vorteil: Wir füllen unsere Gläser selbst, streichen den Schaum nicht ab, machen sie auch nicht randvoll. So ersparen wir uns das lästige abtrinken. Und verschonen auf diese Weise den Fußboden in unserem Wohnzimmer. Cheers!
Aber im nächsten Jahr – da fliegen wir wieder hin. Wenn man uns lässt.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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