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Zauberei im Radio – Hörerinnen und Hörer atemlose Zeugen (25. Oktober)

Vermutlich ist das für Sie völlig normal: Sie schalten das Radio ein, hören Musik, die Sie mögen. Denn genau deshalb haben Sie ja „Ihren“ Sender ausgewählt. Ab und an dann noch ein Wortbeitrag – und wenn alles gut geht, dann fühlen Sie sich gut unterhalten. Und nehmen vielleicht sogar noch einen Gedanken mit in den neuen Tag. Einen Gedanken, der Ihnen vielleicht Kraft gibt; oder Mut macht; oder der Sie einfach angenehm begleitet.

Eigentlich schon gestern

Dass das Radio heute so ist wie es ist – ohne den 24. Oktober 1924 wäre es möglicherweise ganz anders geworden. Weil das schon eine ganze Weile her ist und weil ich gestern unbedingt an das „Wunder von Lengede“ erinnern wollte, komme ich erst heute auf das Ereignis von damals, genauer: gestern vor 97 Jahren zu sprechen. Etwas, was im richtigen Radio niemals passieren würde. Denn da gilt das Stichwort „TAGESaktualität“. Aber dazu später.

Zauberer killt Studiotechnik

Jetzt erst einmal die Rückblende: Damals, 1924, waren Radioapparate noch nicht sehr weit verbreitet. Kaum jemand hatte damals ein eigenes Radiogerät. Meistens kannte man jemanden, der eins hatte. Und hauptsächlich spielte das Radio Musik. Gehaltvolle Wortbeiträge hatten absoluten Seltenheitswert. Bis am 24. Oktober 1924 die Welle 467 etwas ganz Anderes sendete. Da gab es einen Ansager, der verzweifelt Musik präsentieren wollte, dem dies aber nicht gelang. Die Technik versagte, Mikrofone blieben aktiv, Telefone klingelten, Türen öffneten und schlossen sich. Und nur der Radiodirektor hörte Musik, die sonst niemand hörte. Ein unglaublicher Spuk hatte den gesamten Radiosender erfasst. Ein Spuk, an dem die Hörerinnen und Hörer an den Lautsprecherinnen und Lautsprechern teilhatten. Und nicht wenige von ihnen hielten den Atem an. Denn, so bekamen sie mit, da hatte wohl ein Zauberer seine Hände im Spiel.

Erstes Radiohörspiel

Allerdings war der ganze Spuk auch schnell wieder vorbei. Was damals, am 24. Oktober 1924 über den Äther ging, war das erste Radiohörspiel. Das Ziel des Spektakels: Die Radiohörer quasi zu Funk-Zuschauern zu machen. Nicht alle waren begeistert. Ein Rezensent fragte empört: „Was soll der Unsinn?“ Er gehörte wohl nur einer Minderheit an. Das Radiohörspiel war nun einmal geboren. Und findet bis heute begeisterte Zuhörer.

“Video killed the radio star“ und „Radio Ga Ga“

Das „gute, alte Dampfradio“ – schon oft wurde es totgesagt. Dass junge Leute immer weniger Radio hören würden, hieß es eine Zeitlang. Die Gefahr des Audiostreamings, bei dem Playlisten die Radiounterhaltung ersetzten, ließen manche erschaudern. Nun, Trends ändern sich. Nach einer Delle in der Statistik ist die Zahl junger Hörerinnen und Hörer längst wieder gestiegen.
Dass der Dudelfunk, das Formatradio dem Radio insgesamt den Todesstoß geben würde, behaupteten manche. Tatsächlich wurde Vieles im Radio seichter, verschwanden viele schöne Formen. Aber wer will, kann ja auch unter den vielen intellektuellen Angeboten auswählen. Nie gab es mehr Auswahlmöglichkeiten als heute. Mehr, als wir überhaupt überblicken können. Aus wie viel Zehntausenden Radiosendern kann ich dank Internet und Livestreaming-Technik auswählen?

Gilt wirklich „Video killed the radio star“, wie die Buggles 1980 feststellten? Oder „Radio Ga Ga“, wie Queen ihren wehmütigen Abgesang aufs Radio schon 1984 betitelten? Ja, vielleicht manchmal ein bisschen gaga. Aber in Wirklichkeit quicklebendig. Denn der Queen-Song war ja auch eine Homage ans Radio.

Radio Tatort und der eigene Tod

Unglaublich, wie sich dieses Radio entwickelt hat. Mit Begeisterung höre ich Monat für Monat den sogenannten „Radio Tatort“: Ähnlich wie beim Tatort am Sonntagabend löst – jeden Monat neu – ein anderes Team einen neuen Fall. Nur eben nicht auf der Mattscheibe, sondern in Hörspielform im Radio. Pünktlich zum Sendebeginn sitze ich zu Hause auf meiner Couch. Live! Nur wenn ich tatsächlich mal einen anderen, dann schon fast lebenswichtigen Termin habe, höre ich die verpasste Folge später aus der Mediathek. Wie sagte Karel Gott einmal sinngemäßig? Keine Erkrankung, nur der eigene Tod sei ein akzeptabler Grund, einmal einen Auftritt abzusagen. Nur mein Tod wäre ein Grund, einmal einen Radio Tatort… Hm, darüber denke ich dann doch lieber noch einmal nach.

Podcasts

Vorher denke ich an Podcasts: Längst gibt es Podcasts zu allen Lebensfragen. Zu wirklich allen! Und sie werden gehört. Immer mehr. Nicht mehr lange und es gibt niemanden mehr, der noch nie einen Podcast gehört hat. Zumindest statistisch. Radio und seine Ableger kann ich so wunderbar nebenbei hören: beim Bügeln, beim Autofahren, beim Spazierengehen, Radfahren und Wandern. Was manche als so etwas wie den Untergang des Abendlandes angesehen haben, hat sich zu einer recht angenehmen Angelegenheit

entwickelt: Das Radio und alle seine modernen Erscheinungsformen sind im Vergleich zu früher schon lange ein Begleitmedium.
Während der Hochwasserkatastrophe

Ein äußerst wichtiges Begleitmedium, übrigens. Als bei den schrecklichen Unwettern und Hochwassern im äußersten Westen und Südwesten Deutschlands vor gut 100 Tagen manch ein Politiker noch glaubte, es würde alles halb so wild, warnte Radio Wuppertal ohne Ende… und rettete wohl so manchem Hörer das Leben. In einem Land, in dem Sirenen aus falschem Sicherheitsdenken und aus Kostengründen zu einem großen Teil abgeschafft sind, gibt es kein flächendeckendes funktionierendes Warnsystem mehr. Außer dem Rundfunk. Selbst wenn das Internet und die gesamte digitale Versorgung zusammenbrechen, wenn der Strom ausfällt – das batteriebetriebene Radio bleibt ein treuer Begleiter. Die Kollegen in Wuppertal sagten später, sie hätten doch nur ihren Job getan. Tagesaktuelles Radio.
30 Stunden das kleine Funkhaus nicht zu verlassen, möglichst an der Seite der Hörerinnen und Hörer zu sein, zu warnen, Hinweise zu geben – was für ein großartiger Job ist das denn!!! Das Radio ist bei mir, dudelt leise vor sich hin… um dann, wenn es wirklich gebraucht wird, zum Retter in der Not zu werden. Eine tiefe Verbeugung vor den Kolleginnen und Kollegen in Wuppertal. Die waren, anders als ihre Kolleginnen und Kollegen bei den schlafenden Riesen, hellwach und haben gezeigt, dass das gute alte Dampfradio noch lange nicht tot ist. Im Gegenteil!

Zurück zum Kofferradio

Was mich anbelangt: Vor einigen Wochen habe ich mir eine Art Kofferradio angeschafft. Nigelnagelneu! Eins, dass terrestrisches Radio genauso empfängt wie den neuen Standard DAB+; eins, dass ich am Stromnetz betreiben kann, aber auch mit stinknormalen Batterien. Die habe ich eingelegt, habe sogar ein Päckchen Ersatzbatterien gekauft. Okay, es handelt sich aus Umweltgründen natürlich um Akkus. Die lade ich in regelmäßigen Abständen mit einem sehr hochwertigen Ladegerät, damit sie auch ja lange eine möglichst hohe Leistung erhalten. Im Fall der Fälle nämlich will ich mein Radio mit mir nehmen können. Und auch dann Informationen bekommen können, wenn Internet und Stromnetz zusammenbrechen.

Radio und Katastrophenschutz

Wie ich gelesen habe, denkt auch unser Katastrophenschutz in eine ähnliche Richtung: Dort gibt es schon etwas länger Pläne geben, sogar ausgeschaltete Radiogeräte für entsprechende Warnungen aus der Ferne aktivieren zu können. Ich stelle mir das ähnlich vor wie beim Verkehrsfunk im Auto: Auch ein stummgeschaltetes Radio wird in Bruchteilen von Sekunden hellwach, wenn man mich vor einem Geisterfahrer warnen will. Alles wohl keine Hexerei. Und ein Zauberer hat da genauso wenig wie 1924 seine Hände im Spiel.

Mit offenen Augen durch die Welt

Es ist schon komisch, dass man aus allem, was irgendwo passiert, etwas für sich mitnehmen kann. Wenn man will. Ich will! Immer!
„Viel zu anstrengend“, sagte dazu eine liebe Freundin. Und ergänzte: Sie sei altmodisch. Sie halte einfach an dem Alten fest und brauche den ganzen neuen Kram nicht! Bei manchen Dingen hat sie ja auch Recht. Eine Zeitschrift oder ein Buch am Tablet zu lesen – das würde sie niemals tun. Sie schreibt viel, liebt ihren Füllfederhalter – Die Jüngeren unter uns dürfen jetzt gern kurz mal bei Wikipedia nachschauen, was das wohl ist – , liebt handgeschriebene Briefe und Karten und ist ein ganz liebenswerter, romantischer Mensch. Jedes Mal, wenn ich Post von ihr bekomme, freue ich mich riesig.

Kein „Freifahrtschein fürs Stehenbleiben“

Aber dieses „Ich bin altmodisch“ darf kein „Freifahrtschein fürs Stehenbleiben“ werden. Diesen Begriff werde ich schützen lassen! „Freifahrtschein für Stehenbleiben“! Großartig, oder? Womit ich meine: Man darf seine feinen kleinen Seiten pflegen, muss das sogar. Das macht das individuelle Menschsein aus. Aber sich hinter einem „Ich bin halt altmodisch“ zu verstecken und sich langsam, aber sicher aus der Welt zurückzuziehen, vor ihrem Tempo zu kapitulieren, ist problematisch. Nicht sofort. Aber in ein paar Jahren bin ich abgehängt, verstehe die Welt und ihre Zusammenhänge nicht mehr. Dann bin ich nicht mehr altmodisch. Dann bin ich alt. Und frage höchstens noch, was der Unsinn denn wohl soll.

Was soll der Unsinn? Was will ich?

Mir behagt das nicht. Klar könnte ich auch, ähnlich wie der kritische Radiorezensent 1924, die Frage stellen: „Was soll der Unsinn?“ Aber das ist mir zu wenig. Diese Frage zielt ja nur darauf ab, was sich andere dabei gedacht haben. Für mich ist viel wichtiger: Was kann ich mit vermeintlichem Unsinn anfangen? Was nehme ich aus einer Begebenheit, von der ich gehört oder gelesen oder die ich gar selbst erlebt habe, für mich mit? Im Fall des ersten Radiohörspiels ist das bei mir die Erkenntnis: Nicht alles ist Unsinn, nur weil ich es nicht verstehe.

Tieferer Sinn

Vieles, was ich nicht verstehe, hat durchaus einen tieferen Sinn. Manchmal muss man sich erst auf etwas einlassen, ehe man entdeckt, wie großartig es ist. Deshalb bemühe ich mich, im Alltag offen zu sein für Ungewohntes. Für fremde Menschen, Sitten und Gebräuche, dafür, wie sie ihr Leben gestalten, was sie denken, was sie glauben. Und letztlich dafür, wer sie sind. Dadurch erfahre ich eine Menge, auch über mich. Wer ich bin.
Was ich also mitnehme? Möglichst offen zu sein für Neues und Fremdes. Auch wenn es sich anfangs so fremd anfühlt wie die Zauberei im Radio vor fast 100 Jahren.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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