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Baustelle seit bald 800 Jahren – und immer noch nicht fertig: der Kölner Dom (15. Oktober)

Als mein Opa vor vielen Jahren in einer Kur war, kam kurz vor Ende des Kuraufenthaltes ein Postpaket mit seiner Wäsche. Den Platz in den beiden Koffern, die er zwei Tage später persönlich mit sich brachte, brauchte er für etwas Anderes: für Modellbahnhäuschen. Die hatte er nämlich in der Langeweile eines sechswöchigen Kuraufenthaltes

Modelleisenbahn „wie der Kölner Dom“

zusammengeklebt. Ihren Transport wollte er nicht der Post überlassen, sondern sie höchstpersönlich so schonend wie möglich nach Hause bringen.
Ja, mein Opa war schon ein merkwürdiger Kautz. Anekdoten wie diese habe ich nicht persönlich erlebt – damals war ich noch gar nicht geboren. Aber in unserem Familienkreis wurden solche Erlebnisse immer wieder zum Besten gegeben. Damals dachte ich, die Familie wolle sich über Opa lustig machen. Heute glaube ich eher, dass er mit seinen kleinen Schrullen in den Erinnerungen der Familie weiterlebt. Opa hat bleibende Eindrücke hinterlassen.

Ständiger Einsatz

Dazu gehört auch, dass er später in jeder freien Minute an einer Modelleisenbahnanlage herumbastelte. Auch als es mich schon gab. Und genau deshalb kann ich mich noch gut an einen Satz erinnern, den er immer wieder sagte: So eine Modelleisenbahnanlage sei so etwas wie der Kölner Dom. Womit er sagen wollte: ein Mammutwerk, eines, das nie fertig wird.

Mit dieser Einschätzung lag Opa gar nicht einmal so falsch. Über 30 Jahre lang soll er insgesamt an seiner Modellbahnanlage gebastelt haben. Und als er starb, war sie noch lange nicht fertig.

Fast 800 Jahre Baustelle

Beim Kölner Dom allerdings dauerte es sogar Jahrhunderte, bis er endlich fertigstellt war. Am 15. August 1248 erfolgte die Grundsteinlegung durch einen gewissen Erzbischof Konrad von Hochstaden, ein früher Amtsvorgänger des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Am 15. Oktober 1880 ließ Kaiser Wilhelm eine Urkunde in den Schlussstein der Kreuzblume des südlichen Domturms legen. Damit galt der Bau des Kölner Doms offiziell als vollendet.

Für uns Menschen von heute sprengt so etwas den Rahmen aller Vorstellungen. Wir planen kurzfristig. Gut, wir buchen im Herbst den nächsten Sommerurlaub, auch unterschreiben wir heute einen Kaufvertrag für ein Auto, das wir mit viel Glück im nächsten Frühjahr geliefert bekommen. Dass es so lange dauert, nehmen wir als Störung hin und unterwerfen uns Begriffen wie „Störung der Lieferketten“ und „Produktionsverlagerungen wegen Corona“. Eine Situation, über die Bürger der ehemaligen DDR lange nicht einmal den Kopf schüttelten. Wie lange dauerte es, bis man endlich seinen Trabbi vor der Tür stehen hatte? Eben!

Verantwortung für Generationen

Ganz anders aber die alten Baumeister: Sie entwarfen solch gigantische Bauwerke wie die großen Dome und Münster und wussten ganz genau, dass sie gerade einmal einen Bruchteil des Baufortschritts selbst erleben würden. „Er – Leben“: Auf einmal bekommt so ein Wort einen ganz eigentümlichen Klang. Aber die Baumeister wussten genau: Mit ihren Plänen schufen sie die Grundlage für die Arbeit von Generationen. Sie wussten: Sie begannen nur. Fertigstellen würden ihr Bauwerk die Baumeister einige Generationen später. Was bedeutet: Was ich heute denke, muss auch noch in ein paar Hundert Jahren gelten und Bestand haben. Und das alles zur Ehre Gottes! Angesichts mancher Politiker, die gerade einmal von Wahl zu Wahl, und verschiedener Zeitgenossen, die gerade einmal von der Tagesschau bis zur Wetterkarte denken, eine unglaubliche Leistung. Und eine immense Verantwortung!

Wie viele Generationen später?

Nur mal eine Milchmädchenrechnung: Nehmen wir einmal an, ein Baumeister könne 40 lange Jahre an einem Werk wie dem Kölner Dom arbeiten. Dann weiß er, dass 15 weitere Baumeister als seine Nachfolger arbeiten werden, bevor das Gebäude fertig ist. Eine für unsere Zeit unglaubliche Vorstellung. Wir wollen heute alles viel schneller haben: Kaufvertrag unterschreiben, Baugrube ausheben, Bodenplatte gießen, mauern, Dach, Fenster und Türen einsetzen und einziehen. Am besten innerhalb eines halben Jahres. Aber ein Bauwerk planen, damit 10, 15, 20 spätere Generationen es endlich in Besitz nehmen können? Wobei ich mutmaße, dass die von mir zugrunde gelegten 40 Jahre viel zu hoch gegriffen sind. Na gut, den alten Baumeistern war natürlich nicht klar, was sich alles bis zur Fertigstellung seines Bauwerks ereignen und wie lange es wirklich dauern würde. Vielleicht wären ihnen da doch die Knie weichgeworden…

Elphi, Stuttgart 21 und BER lassen grüßen

Obwohl: Ganz so unvorstellbar ist das mit den langen Bauzeiten nun doch wieder nicht. Ich sage nur „Elbphilharmonie“. Oder „Stuttgart 21“. Oder besser noch „Berliner Flughafen“. Schließlich sind wir nicht in China, wo der größte Flughafen der Welt nach vier Jahren fertiggestellt war. Oder im türkischen Istanbul, wo man den drittgrößten Flughafen der Welt in ebenfalls nur vier Jahren aus dem Boden stampfte. Nun gut, angesichts der vielen Todesopfer, die dieser Bau laut Medienberichten forderte, bin ich dann schon dafür, sich lieber etwas länger Zeit zu lassen und dafür Menschenleben zu schonen. Aber vierzehn lange Jahre, ein ums andere Mal Pleiten, Pech und Pannen? Sogar Namensgeber Willy Brandt dürfte damit aufgehört haben, im Grab zu rotieren. Viel zu kraftraubend über all die Jahre!

La Sagrada Familia

Ich weiß, ich weiß, bei Kathedralen dauert die Bauphase länger als der Bau eines Flughafens. Bei der La Sagrada Familia in Barcelona sind wir ja quasi Zeuge des Baufortschritts – zumindest über einen gewissen Zeitraum. 1882 begann der Bau – also zwei Jahre, nachdem der Kölner Dom vollendet war. Wenn alles gut geht, dann soll die gewaltige Kathedrale zum Hundertsten Geburtstag ihres Schöpfers, Antoni, Gaudí, fertiggestellt sein. Im Jahr 2027 wäre das. Wenn alles gut geht…
Dass während des spanischen Bürgerkriegs ein Anschlag auf die Kathedrale und die Werkstatt Gaudís erfolgte, der die Arbeiten um Jahre zurückwarf, dass Architekten heute nicht so genau wissen, wie Gaudí das Eine oder Andere geplant hatte, dass sie immer wieder die Ideen des ersten Baumeisters interpretieren müssen – das alles hat natürlich viel Zeit gekostet.

Katalanischer Märchentempel

Abgesehen einmal davon, dass diese Kirche eher als Märchentempel denn als Gotteshaus erscheint: ein Langhaus mit fünf Schiffen, ein Querhaus mit drei, dazu 18 spindelförmige Türme und drei unterschiedliche Fassaden, alles reichlich geschmückt… Sollten Sie einmal nach Barcelona kommen, ist der Besuch der Sagrada Familia Pflicht. Auch wenn der derzeit erhobene Eintrittspreis von 26 Euronen alles andere als ein Pappenstiel sind. Aber sie sind es wert! (Genau so wie übrigens die gesamte Stadt, in der es von Spuren Antoni Gaudís nur so wimmelt…)

“Wer soll das bezahlen…?

Beim Kölner Dom war das nicht viel anders. Nachdem man rund 300 Jahre fröhlich vor sich hingebaut hatte, war das Interesse an dieser Mammutkirche sichtlich geschwunden. Nur böse Zungen behaupten, dass das Karnevalslied „Wer soll das bezahlen…“ hier seinen Ursprung hätte. Aber tatsächlich hatte die größte Baustelle Deutschlands unglaubliche Mengen von Geld verschlungen. Und es mag den einen oder anderen gegeben haben, der den Vorgängerkirchen nachtrauerte. Die hatten am selben Platz gestanden, waren aber abgerissen worden. Sie sollten einem neuen Bauwerk Platz machen. Schöner, größer, höher, weiter – auch damals schon eine gewichtige Intention.

Die Heiligen Drei Könige

Die allerdings war gut begründet. Denn im Jahr 1164 brachte Erzbischof Rainald von Dassel die Reliquien der Heiligen Drei Könige nach Köln. Eine Kriegsbeute, die man in die Amtskirche des Bischofs packte. Was gewaltige Pilgerströme nach sich zog. Eine Entwicklung, wie es für eine mittelalterliche Stadt nicht besser geht: Denn die Pilger benötigen Unterkunft und

Verpflegung. Und sie kaufen, wenn sie nun schon mal in der Stadt sind, allerlei Waren, auch so manchen religiösen Tand. Das bringt Geld in die Kassen, allerdings auch Probleme: Schließlich muss das Angebot an Waren und Dienstleistungen dem Andrang und der großen Nachfrage standhalten. Und alle Pilger müssen in die Kirche hinein und zum Schrein der verehrten Heiligen gelangen. Deshalb sind sie gekommen. Je mehr Pilger also in die Stadt strömen, desto lauter der berechtigte Ruf nach einer größeren Kirche.
Die Anfänge

1225 ist es dann soweit: Da erfolgt der Beschluss, einen prunkvolleren, vor allem aber größeren Dom als die Vorgängerkirche zu bauen. Baumeister werden angeworben, Pläne gezeichnet… und sagenhafte 23 Jahre später sind die Pläne soweit gediehen, dass zumindest schon einmal die Grundsteinlegung erfolgen kann – bedeutungsschwanger am Festtag der Himmelfahrt Mariens, am 15. August 1248. Geweiht wird der Dom später dem Heiligen Petrus. Der Grundriss dieses gotischen Prachtbaus orientiert sich übrigens an der Kathedrale im französischen Amiens.

Schritt für Schritt für Schritt für…

Gebaut wird von nun an mit viel Enthusiasmus und noch mehr Geld. Nach 17 Jahren Bauzeit freut man sich darüber, dass der Kapellenkranz bis in die Gewölbe fertiggestellt ist, zwölf Jahre später, mittlerweile 1277, weiht Albertus Magnus den Altar der Domsakristei. Von nun an dauert es noch einmal 45 Jahre, bis endlich die Reliquien der Heiligen Drei Könige in den bereits teilfertigen Dom überführt werden können. Wie viel Zeit vergangen ist, sieht man gut daran, dass die Gebeine Reinald von Dassels, Konrad von Hochstadens und mehrerer anderer Erzbischöfe gleich mit überführt werden. Denn die, die den Anstoß für den Bau dieses Projekt gegeben haben, weilen längst nicht mehr unter den Lebenden.

Schluss mit lustig: andere Sorgen

1560 allerdings ist Schluss. Das Domkapitel stellt keine weiteren Beträge für den Weiterbau mehr zur Verfügung. Was nur auf den ersten Blick verwundert, bei der Betrachtung der nun einsetztenden historischen Ereignisse hingegen völlig logisch erscheint: Rund um das Jahr 1350 grassieren in Europa erstmals Pest und Lepra. Immer wieder flammt vor allem die Pest nun in Wellen in Europa auf. Geschätzt finden 25 Millionen Menschen den Tod.
1415 wird der Reformator Jan Hus als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt – der Startschuss für die Reformation, die in Deutschland 1517 im Thesenanschlag Martin Luthers gipfelt. In der Schweiz sind es vor allem die Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin, die neben Luther die Katholische Kirche in Europa in ihren Grundfesten erzittern lassen.

Und dann die Gegenreformation…

Ab 1519 tobt die Gegenreformation, die blutige Spuren in ganz Europa hinterlässt. Als dann noch zwischen 1618 und 1648 der Dreißigjährige Krieg in Europa wütet und von den etwa 20 Millionen verbliebenen Bewohnern des Kontinents zwischen – je nach Schätzung – drei und neun Millionen Menschen ihr Leben verlieren, hat man erst einmal ganz andere, sehr praktische Sorgen, als sich um den Weiterbau des Kölner Doms zu kümmern. Der Chor steht, außerdem der Stumpf eines Turmes – damit muss man in diesen Zeiten zufrieden sein.

Nationalsymbol

Rund 250 Jahre schlummern die Baupläne nun erst einmal im Verborgenen – im „so gut Verborgenen“, dass sie mit Beginn des 19. Jahrhunderts vollständig erhalten sind. Endlich haben auch die Kölner wieder den Kopf frei für ihren Dom, so dass sie nun wieder fleißig an einer der bedeutendsten Wallfahrtskirchen Europas weiterbauen. Kein Wunder, dass Kaiser Wilhelm sich mächtig freut und den Dom gleich noch für eine politische Aussage missbraucht: Dass er ein „Wahrzeichen der Einheit und Größe des Deutschen Reiches“ sei, befindet der Kaiser 1880 und erhebt damit den Kölner Dom zu einer Art Nationalsymbol. Was sich allerdings erst im Nachhinein als richtig erweist: Denn der Kölner Dom übersteht zwei Weltkriege und lockt Jahr für Jahr Millionen in- und ausländischer Touristen nach Köln.

Nie fertig

Übrigens: Der Spruch meines Opas gilt immer noch. So richtig fertig in dem Sinne, dass überhaupt nicht mehr am Kölner Dom gebaut wird, ist er nicht. Und wird er auch nie werden. Denn allein damit der Dom erhalten bleibt, muss ständig an ihm gearbeitet werden. Der Sandstein, aus dem der Dom besteht, leidet massiv unter Umwelteinflüssen, verwittert und muss immer wieder erneuert werden. Weil auch am Strebewerk, quasi das Skelett des Doms, der Zahn der Zeit gewaltig nagt, würde es irgendwann die Last nicht mehr tragen können und den DOm wie ein Kartenhaus zusammenstürzen lassen. Logisch, dass dieses Strebewerk ständig aufwändig in Stand gesetzt werden muss. Und letztlich sind am Kölner Dom noch etliche Schäden zu beseitigen, die Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg verursacht haben und die bislang nur mehr oder weniger provisorisch bearbeitet werden konnten. Bis all diese Arbeiten erledigt sind, werden sich eine ganze Reihe neuer Baustellen aufgetan haben.
Deshalb gilt auch heute, 141 nach der offiziellen feierlichen Vollendung des Kölner Doms: Man kann an ihm arbeiten so viel und so lange man will – ganz fertig wird er wohl nie.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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