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Leben schenken – Hausnotruf zu Weihnachten (30. September)

Sieben Tage lag die alleinstehende alte Frau in ihrer Wohnung. Niemand hörte sie, niemand kümmerte sich um sie, niemand vermisste sie. Niemand störte sich an den vielen Zeitungen im Briefkasten. Und als doch endlich einer der Nachbarn auf die Idee kam, die Polizei anzurufen, war es zu spät: Die alte Frau wurde zwar noch schnell ins Krankenhaus geschafft. Doch dort starb sie nach zwei weiteren Tagen, obwohl die Ärzte sich verzweifelt um ihr Leben bemühten. „Die Frau ist regelrecht vertrocknet“, sagte eine Krankenschwester mit Tränen in den Augen. Umgefallen, nicht mehr in der Lage, zum Telefon zu kriechen, tagelang liegen geblieben. Bis sie endlich gefunden wurde, hatten einige Organe irreversible Schäden erlitten. Ein schreckliches Schicksal, das bewegt.

Unnötiger Tod

Im Redaktionsalltag ist es immer dasselbe: Irgendjemand aus dem Kollegenkreis bringt ein Thema ein, wir diskutieren und am Ende heißt es: „Dann mach doch was drüber!“ Diesmal darf ich ran. Das Schicksal der alten Frau belastet mich. Ein grausiges Sterben, hilflos in seiner Wohnung zu liegen und den Tod ganz langsam auf sich zukommen zu sehen. Möglicherweise tagelang. Ob der Tod allgemein nicht sinnlos ist – darüber bin ich mir nicht wirklich im Klaren. Aber beim Tod dieser alten Frau bin ich mir sicher: Der war wirklich sinnlos. Völlig unnötig.

Die Lösung: Hausnotruf

Meine Betroffenheit lässt mich sofort an meine eigenen Großeltern denken. Väterlicherseits gibt es noch Oma und Opa, die in einer kleinen Wohnung leben. Die sind zu zweit, da kann sich einer auf den anderen verlassen. Mütterlicherseits lebt Oma, meine Oma Hildegard, allein in ihrer Wohnung. Einmal pro Woche fahren meine Eltern bei ihr vorbei, einmal die Woche telefoniere ich mit ihr. Und mindestens einmal im Monat besuche ich sie. Um ein Schicksal wie das der alten Frau zu verhindern, reicht das alles nicht aus. Vielleicht ist es mein schlechtes Gewissen, dass mich die Frage stellen lässt: Wie kann man sicher verhindern, dass Oma Hildegard irgendwann einmal ein derartiges Ereignis trifft? Das Zauberwort heißt „Hausnotruf“. Ein Angebot, das mittlerweile viele Organisationen machen.

Ein Beispiel: meine Oma Hildegard

Gleich vorweg: Alexa fällt als „Hausnotruf“ aus. Zumindest vorerst noch. Denn wer einen Notruf absetzen will, steht oft unter Schock. Und ausgerechnet dann fällt das Aktivierungswort nicht ein. Was bleibt, ist eine weitaus einfachere Methode: ein Armband mit Druckknopf, bei dem Telefonnummern von Angehörigen hinterlegen kann. Die würden auf Knopfdruck angerufen. Allerdings gebe ich zu: Mein Favorit wäre ein Hausnotruf über eine der vielen bekannten Hilfsorganisationen. Spielen wir das Ganze einmal am Beispiel von meiner alleinlebenden Oma Hildegard durch:

Hätte Oma Hildegard einen Hausnotruf, würde sie ein Armband mit einem großen Druckknopf an ihrem Handgelenk tragen. Dazu gäbe es an einer zentralen Stelle in ihrer Wohnung eine Basisstation. Im Falle eines Sturzes, nach dem Oma Hildegard nicht mehr bis zu ihrem Telefon kriechen könnte, müsste sie lediglich den Knopf an ihrem Handgelenk drücken. Ohne sich einen Zentimeter fortzubewegen. Selbst in der Dusche oder Badewanne wäre es also kein Problem, einen Notruf abzusetzen. Unmittelbar nach Druck auf den Knopf kommt über die Basisstation eine Sprechverbindung mit der anbietenden Hilfsorganisation zustande. Dank eingebauter Lautsprecher und eines Mikrophons könnte Oma Hildegard mitteilen, was los ist.

Auch ohne große Worte

Doch das reicht nicht. Es könnte ja sein, dass Oma Hildegard kein einziges Wort mehr herausbekäme. Selbst dann erhielte sie Hilfe. Da ihre Adresse gespeichert ist, würden von der Leitstelle aus sofort die notwendigen Rettungsmaßnahmen eingeleitet – alles nach einem ausgeklügelten, auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmten System. Ein Schicksal wie der alten Frau, nämlich tagelang bewegungsunfähig in ihrer Wohnung zu liegen,

bliebe Oma Hildegard also erspart. Gott-sei-Dank. Oder in diesem Fall eben: dem Hausnotruf sei Dank!
Tagestaste

Ich weiß, welcher Gedanke Ihnen gerade durch den Kopf geht: Was passiert, falls Oma Hildegard noch nicht einmal mehr in der Lage wäre, den lebensrettenden Knopf zu drücken? Auch dafür gibt es eine Vorsorge: Manche Anbieter vereinbaren nämlich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne einen täglichen Druck auf die so genannte Tagestaste. Ein unverbindlicher Klick, der bedeutet: „Mir geht es gut!“ Bleibt diese Info aus, meldet sich der Notdienst und fragt nach: „Alles in Ordnung? Nur vergessen zu drücken? Nicht schlimm. Hauptsache, es geht Ihnen gut!“ Und vielleicht schieben die Mitarbeiter des Notdienstes noch nach: „Wenn sie bitte morgen wieder dran denken? Dann müssen wir uns um sie keine Sorgen machen!“ Irgendwie schön zu spüren, dass sich einer um einen kümmert.

Nicht-Bewegungsmelder

Die moderne Technik macht noch mehr möglich: Manche Anbieter arbeiten bereits mit Bewegungsmeldern. Kein typischer Bewegungsmelder, der jeden Schritt seines Trägers registriert und überwacht. Eher das Gegenteil: Einer, der Alarm schlägt, wenn jemand sich gar nicht bewegt. Nicht etwa weil er schläft, sondern weil er zum Beispiel am Boden liegt und sich gar nicht mehr bewegen kann. Dann löst dieser „Nicht-Bewegungsmelder“ einen Alarm aus. Das könnte allerdings auch passieren, wenn das Armband tagsüber auf dem Nachttisch liegt. Ein Grund, warum das Armband dauerhaft getragen werden muss.
Wie ich Oma Hildegard kenne, hätte sie eine ganz andere Sorge: „Was ist, wenn ich mal einen Fehlalarm auslöse“, wäre ihre erste Frage. Kein Problem. Kann schließlich jedem mal passieren. Dann sagt man eben der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung, dass man den Alarm versehentlich ausgelöst hat und wünscht sich eben noch einen schönen Tag oder eine gute Nacht. Das war’s.

Rund-um-sorglos-Paket

Doch damit nicht genug. Bei meiner Recherche spreche ich mit einer unglaublich freundlichen Frau, die mir gleich noch weitere Vorteile ihres Angebots vermittelt: Beim „Rund-um-sorglos-Paket“ würde es sogar eine Warnung bei Rauchentwicklung, austretendem Wasser oder Gas geben. Auch nicht schlecht, wenngleich meine Oma Hildegard das ganz bestimmt nicht braucht. „Denken Sie daran, dass wir ja eine Akte über Ihre Großmutter führen. Müssten wir Ihre Großmutter plötzlich ins Krankenhaus bringen, bekäme der dort behandelnde Arzt von uns alle Informationen gleich mitgeliefert. Alle Medikamente, die Ihre Großmutter nimmt, alle Vorerkrankungen, auf die zu achten ist. Manchmal zählt ja jede Sekunde…“

Geringe Hemmschwelle

„Großmutter“ sagt die Frau die ganze Zeit. Das wirkt auf mich ziemlich antiquiert. Aber sie macht einen guten Job. Ihr Argument leuchtet ein. Und sie schiebt ein weiteres hinterher: Die Hemmschwelle, einen Dienst, den man ja genau dafür bezahlt, zu benachrichtigen, sei viel niedriger, als Angehörige anzurufen. Die will man meistens nicht belästigen, so die clevere Verkäuferin am Telefon. Recht hat sie: Eher würde die Hölle zufrieren, als dass Oma Hildegard meine Mutter oder mich anrufen würde, um zu sagen, dass es ihr schlecht geht.

Warten, bis das Kind im Brunnen liegt?

Rund ein Drittel der Senioren in unserem Land hat den Begriff „Hausnotdienst“ noch nie gehört, behauptet die freundliche Dame noch am anderen Ende der Leitung. Viele Senioren argumentieren: „Noch bin ich doch fit. Noch brauche ich so etwas doch gar nicht!“ Stimmt zwar. Aber wer wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, hat nun mal zu lange gewartet.

Kosten

Aber was das alles kostet… Das wäre Oma Hildegards nächstes Argument. Ganz ehrlich? Ja, es fallen monatliche Kosten an, von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich. Aber das, was ich Monat für Monat fürs Pay-TV auf den Tisch lege, ist deutlich mehr. Bei Menschen mit Pflegestufe übernimmt sogar die Krankenkasse einen Großteil der Kosten, sagt die freundliche Frau am Telefon. Es gibt also Schlimmeres.

Weihnachten – Fest der Liebe

Vielleicht geht es Ihnen ja durch diesen Text so, wie es mir durch die Recherche zu diesem Thema gegangen ist: Ich weiß jetzt wenigstens, was Oma Hildegard zu Weihnachten von mir bekommt: einen Hausnotruf, bei dem ich für das erste Jahr die monatlichen Gebühren übernehme. Nicht, um meiner Oma Hildegard zu sagen, dass sie alt ist. Sondern weil ich möchte, dass sie mir noch viele Jahre erhalten bleibt. Und auf keinen Fall so langsam und einsam stirbt wie die alte Frau, von der ich Ihnen zu Beginn berichtet habe. Schließlich ist Weihnachten ja ein Fest der Liebe. Da erscheint mir ein Hausnotruf ein sehr sinnvolles Geschenk.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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