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Tangoverbot – über einen neuen Aufbruch und den Wandel von Moral, Sitten und Anstand (27.September)

Tangere, tango, tetigi, tactum – mein alter Lateinlehrer legte großen Wert darauf, uns Schülerinnen und Schülern die so genannten Stammformen der unregelmäßigen Verben in den Kopf zu prügeln. Zu seinem großen Bedauern war es ihm untersagt, dieses „prügeln“ allzu wörtlich zu nehmen. Trotzdem hatten wir den Eindruck, dem Mann wäre alles zuzutrauen. Und haben deshalbdie ungeliebten Stammformen tatsächlich gelernt. Gepaukt bis zum Umfallen. Wenn ich heute meine Nichte gelegentlich bei ihren Latein-Hausaufgaben unterstütze, merke ich: Die Stammformreihen haben sich tatsächlich so sehr in mein Langzeitgedächtnis eingebrannt, dass ich die meisten von ihnen immer noch herunterbeten kann. Wie eben die Stammformen des Verbes tangere: tango, tetigi, tactum.

Sich berühren lassen

Weil mein Lateinlehrer auch noch das Fach Religion unterrichtete, baute er immer wieder Brücken zwischen seinen beiden Fächern. Bei „tangere“, da erinnere ich mich genau, meinte er: Wer einmal von Gott berührt worden sei, den ließe dieser nie wieder los.
Ich erinnere mich allerdings auch noch an etwas ganz anderes: Tango – das heißt ja nicht nur „ich berühre“. Tango ist auch der Name eines Tanzes, auf den die Jungs in der Tanzschule immer ganz heiß waren. Na klar: weil es ihnen eben genau darum ging, uns Mädels beim Tanzen unauffällig, wie aus Versehen zu berühren. Wer’s zu dolle trieb, bekam auch schon mal eine geknallt.

Ursprung des Tango

Ich gebe zu: Tango zu tanzen war nie so ganz meins. Zuzuschauen fand ich dagegen schon immer ziemlich… ich schreibe jetzt mal „speziell“. Würde ich „geil“ schreiben, würde mir das garantiert falsch ausgelegt. Aber der Tanz hat seinen Namen natürlich nicht von ungefähr: schmiegen sich doch die tanzenden Paare in engstem Körperkontakt aneinander, verschmelzen geradezu in ihren Tanzbewegungen. Sie merken: In mir erwacht die Leidenschaft! Stichwort Leidenschaft: Eine große Enzyklopädie über Lateinamerika formuliert sehr sachlich: „Tango ist fordernde Leidenschaft, Zärtlichkeit, Melancholie und natürlich ein Spiel zwischen Mann und Frau. Er erzählt von gescheiterten Liebesbeziehungen, vom Schicksal der Prostitution verfallener Mädchen, Verlust der Jugend“. Irgendwie kein Wunder, dass er, geboren in den Hafenkneipen Argentiniens, später in die große weite Welt drang.

Tango-Tanzverbot für Offiziere

Wegen seiner Herkunft war Tango lange Zeit verrucht, galt sogar als unanständig. Sein Hauptinstrument, das Akkordeon, sperrte die Katholische Kirche ausdrücklich für Gottesdienste. Frei nach dem Motto: Ein Instrument, das zu solch ruchlosem Treiben aufspielt, löst beim Beten die falschen Assoziationen aus. Na gut, bei mir nicht. Vielleicht bei denen, die so dachten. Wer weiß das schon.
Immerhin verbot sogar der deutsche Kaiser 1913 seinen Offizieren das Tangotanzen. Der Tanz aus dem Rinnstein, so hieß es, passe nicht zum kaiserlichen Kunstverständnis. Etwas bissiger könnte man auch formulieren: Die Leiden derjenigen, die am Rand der Gesellschaft stehen, konnten nichts mit Kunst zu tun haben. So etwas musste man ablehnen. Genauso ablehnen wie übrigens die naturalistischen Dramen eines Gerhart Hauptmann – und wenn der hundertmal 1912 den Literaturnobelpreis bekam. Auch er bekam zu hören, dass die Gosse nichts auf der Bühne zu suchen habe. Hauptmann’s „Vor Sonnenaufgang“ war für etliche Zeitgenossen der Untergang. Und zwar der Untergang des gesamten Abendlandes!

Zölibatsklausel für Lehrerinnen

Es ist schon interessant, wie sehr sich eine festgefahrene, obrigkeitshörige Gesellschaft gegen Neuerungen sperrt. Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, warum Lehrerinnen seit 1880 per Erlass die Eheschließung verboten wurde, warum sie bei Nichteinhaltung des Lehrerinnenzölibats entlassen wurden. Und warum sie sogar ihren Anspruch auf Ruhegehalt verlor. Da bedurfte es schon eines Spruchs des Bundesverfassungsgerichts, der erst im Jahr 1957 Zölibatsklauseln in Arbeitsverträgen generell als verfassungswidrig beschied. Die Behauptung, dass Ehe und Beruf nicht miteinander vereinbar schienen, hielt sich trotzdem bis weit in die 1970er Jahre: Erst ab 1977 durften verheiratete Frauen ohne Einwilligung ihres Mannes einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Wundert’s da noch, dass bis heute

Frauen bei gleicher Arbeit weniger verdienen als Männer und dass Frauen in wichtigen Gremien und Vorständen, in Räten und in der Politik unterrepräsentiert sind? Mit Blick auf die Geschichte wundert mich das nicht.
Frauenfußball

Oder nehmen Sie ein anderes Beispiel: Der Regisseur Sönke Wortmann vermittelte ja auch uns Jüngeren auf großartige Weise ein Gefühl dafür, was das „Wunder von Bern“, der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, für die Gesellschaft 1954 bedeutete. Ist es da nicht ein gigantischer Widerspruch, dass der Deutsche Fußballbund auf seinem Ordentlichen Bundestag am 30. Juli 1955 ausdrücklich Frauen das Fußballspielen verbot? Zumindest soweit er das innerhalb seines Machtbereichs konnte? Aus heutiger Sicht undenkbar.

Alles fließt

Ein paar Beispiele, die zeigen: Mit Veränderungen tun wir uns schwer in diesem Land. Dabei hat uns schon der griechische Philosoph Heraklit mitgegeben, dass die Welt ständig in Bewegung ist. Mit „Panta rhei“ – „alles fließt“ fasste er diese Weltsicht kurz und knackig zusammen. Der italienische Dichter Giuseppe Tomasi di Lampedusa denkt Heraklit weiter, wenn er daraus einen Satz macht, der gern so wiedergegeben wird: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ Gibt es etwas, was aktueller zu Klima, Umwelt, Wohlstand und Frieden passt? Ich denke, nicht.

Würde Jesus Tango tanzen?

Mit Blick auf meinen alten Lateinlehrer, der, wie gesagt auch das Fach Religion unterrichtete, glaube ich: Würde Jesus heute in unsere Welt kommen, würde er möglicherweise Tango tanzen. Zumindest wäre er nicht dagegen. Er würde sich dafür einsetzen, der Welt der gesellschaftlichen Außenseiter eine Bühne zu geben. Er würde auch symbolisch, vielleicht auch durch den Tangotanz, ihre Sorgen ernst nehmen, statt sie zu verbieten. Würde sich auf eine Weise den Ärmsten der Armen annehmen, die zumindest ungewöhnlich wäre.

Aufbruch

Lassen Sie uns Tango tanzen! Lassen Sie uns einmal an die denken, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Lassen Sie uns alte Mauern der Sicherheit einreißen, Neues beginnen. Uns von überkommenen Wertvorstellungen lösen mit dem Ziel, eine gerechtete Welt aufzubauen. Eine Welt, in der alle ihren Platz haben können, in der alle leben können. Tatsächlich bin auch ich davon überzeugt: Jetzt kommt es darauf an. Für unsere Umwelt, unser Klima, unseren Lebensraum ist es nicht nur kurz vor zwölf – wir sind schon einen Schritt weiter. Aber wir können immer noch eine Menge tun, um das Schlimmste zu verhindern. Tangere, tango, tetigi, tactum – lassen Sie sich berühren. Und tanzen Sie meinetwegen auch wortwörtlich Tango. Hauptsache Sie bewegen nicht nur sich, sondern Sie bewegen auch etwas.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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