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Neil Young – 76 Jahre und kein bisschen leise (12.November)

Obwohl die Musiker schon in verschiedenen Formationen gespielt hatten, war das, was beim legendären Woodstock-Festival auf der Bühne stand, eine ganz junge Band: Crosby, Stills, Nash & Young waren erst kurz vor Woodstock zusammengekommen. Und dann sahen sie von der Bühne aus rund 500.000 euphorisierte Menschen, die mit ihnen

feiern wollten. Als zum ersten Mal der Applaus aufbrandete, schallte es ganz freimütig durch die Lautsprecher: „We needed that! This is our second gig!“ Ehrlicher geht’s kaum.

Love & Peace, aber auch Drugs & Mud

Woodstock war meine erste Begegnung mit dem Mann, der heute seinen 76. Geburtstag feiert: Neil Young. Natürlich von Platte, nicht etwa live dabei. Was hätte ich im Nachhinein dafür gegeben, diese Ansammlung von Künstlerinnen und Künstlern live beim Woodstock-Festival zu erleben, bei diesem Happening von Love & Peace, zugegebenermaßen auch von Drugs & Mud? Woodstock war das Größte – das größte Festival, das es bis dahin gegeben hatte; das größte Ereignis der Musikgeschichte. Wer wäre da nicht gerne dabeigewesen?

Krasses Gegenteil: Altamont

Als am Nikolaustag desselben Jahres das Free-Concert von Altamont stattfand, schlug die Geschichte ins krasse Gegenteil um: Chaos, Gewalt und Tod flammten auf bei diesem Konzert, das den Abschluss der US-Tour der Rolling Stones bedeuten sollte. Stichwort Hells Angels als Ordner. Meredith Hunter, der 18jährige Afroamerikaner, der bei diesem Konzert erstochen wurde, soll hier wenigstens noch einmal namentlich genannt sein. Dass der Rock & Roll damit seine Unschuld verloren hätte, befand Grateful-Dead-Schlagzeuger Mickey Hart später. Neil Young, der Mann, um den es hier gehen soll, bezeichnete dieses Festival als einen Albtraum. Nachvollziehbar.

Heart Of Gold

Für mich war Neil Young 1972 dann wieder da. Von morgens bis abends immer wieder im Radio. Durchbruch! Endgültig, möchte man sagen, ohne seine drei Kollegen. Der Mann mit der leicht quäkenden, durchdringenden und dadurch so markanten Stimme träumte sich mit seiner Sehnsuchtssuche nach einem „Heart of Gold“ in die Gehörgänge der Radiohörer. Das war Sinnsuche pur! Eine Menge habe er schon gesehen, eine Menge habe er erlebt, so der Kanadier. Doch ein Herz aus Gold habe er nie gefunden. Wann aber kommt man eigentlich an sein Ziel? Wie? Und vor allem: Woher weiß ich, dass ich mein Ziel gefunden und erreicht habe? Fragen über Fragen, die ein einzelner Popsong auslöst.

Schwere Erkrankungen

Fragen, die wohl auch sein Sänger hatte. Denn dass er viel erlebt hatte, viel hinter sich hatte, stimmte ja nun wirklich. Damals, in Zeiten ohne Internet, hatte ich mühsam ein paar Informationen über den scheuen Musiker zusammengetragen. Noch beim Woodstock-Festival hatte er ja den Kameraleuten, die ihn nervten, verboten, ihn zu filmen.
Aber bereits vor seinem sechsten Lebensjahr war Neil Young an Kinderlähmung erkrankt. Weil dabei seine linke Körperhälfte dauerhaft geschädigt wurde, entstand Neils leicht hinkender Gang. Dass er an Epilepsie und Diabetes erkrankt war, ebenfalls bevor er sechs Jahre alt war, machte die Sache ja nicht besser. „Der Teufel scheißt immer auf den großen Haufen“, pflegte eine Tante von mir zu sagen. Bei Neil Young schien sie wohl recht zu haben.

Scheidung der Eltern, Trennung vom Vater

Kaum war Neil zwölf Jahre alt, ließen sich seine Eltern scheiden. Was heute normal ist, war 1957, auch in Kanada, ein gesellschaftlich nahezu geächteter Vorgang, für den kleinen Neil eine schwerwiegende Belastung. Übertroffen wurde die dadurch, dass Neil aufgrund der Scheidung von seinem Vater getrennt wurde. Wie heißt es bis heute so schön: Unter einer Trennung leiden vor allem die Kinder? Mag sein, dass Neil in seinen Songs seine Kindheit verarbeitet, durch seine Kindheitserlebnisse einerseits zum scharfsinnigen Beobachter wird, andererseits aber auch zum zynischen Geschichtenerzähler. Indizien? Bitte, gerne:

Gesang gegen die Hilflosigkeit

Warum singt jemand einen Song wie „Helpless“, wenn nicht, um seine Kindheit zu verarbeiten? Als in Ohio die Nationalgarde vier Studenten erschießt, macht Young seiner Hilflosigkeit mit dem Song „Ohio“ Luft. Für ihn war es undenkbar, dass Studenten sterben, die friedlich gegen den Einmarsch der USA in Kambodscha protestierten. Dieses Unrecht musste man anprangern, so Crosby, Stills, Nash & Young, in dem man die Umstände schildert und sie einem breiten Publikum bekannt macht – eben genau das, was Musiker im Kampf gegen Unrecht tun können. Allerdings wurde dieser

Song, der zugleich ein Anti-Kriegs-Song war, von etlichen US-Radiostationen aus dem Programm genommen. Dass Neil Young später „Rocking In A Free World“ zu einer Hymne machte, ist vielleicht in den Erfahrungen rund um „Ohio“ grundgelegt. Frei nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Vielleicht ist es etwas gewagt, aber was für Bob DylanThe Times They Are A-Changing“ ist, ist für Crosby, Stills, Nash & Young „Teach Your Children“. Klar, ein völlig anderer Inhalt, nicht die Drohung, dass die Alten und das Establishment fortgespült werden, aber doch ein Aufruf an alle Eltern dieser Welt: Kümmert euch um eure Kinder, seid für sie da, lehrt sie, anständige Menschen zu sein: Teach your children well! Ansingen gegen die Hilflosigkeit, gegen Grenzen, um diese zu sprengen? Was denn sonst?

Hoffnung

Ja, schon beim Anhören der Woodstock-Aufnahme träumte ich mich mit Crosby, Stills, Nash & Young mit dem „Marakesh Express“ fort in ein Land der Glückseligen, war mir bewusst, dass man zwar in Hilflosigkeit gefangen sein kann, aber dass es keinen Grund gibt, in Hoffnungslosigkeit zu verharren. Zumindest war das meine Interpretation von „Helplessly Hoping“. Neil Young klagte an, bedauerte, kritisierte. Aber er versank nie in Hoffnungslosigkeit.
Als ich „Time Fades Away“ zum ersten Mal hörte, war ich verwirrt. Der Titel war klar, Lebenszeit ist begrenzt und damit kostbar. Aber was war denn das musikalisch? Wo sollte man denn diesen Song einordnen? Und vielleicht ist das das Größte an Neil Young: dass man ihn nicht wirklich einordnen kann.

Fast jedes Jahr ein Album

Beinahe jedes Jahr ein Album, mal mit David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash, mal mit seiner langjährigen Begleitband Crazy Horse, mal mit Gastmusikern und mal solo – da kommt einiges an Songs zusammen, aber auch einiges an Stilen und Musikrichtungen. Nein, einzuordnen ist dieser Mann nicht. Übrigens auch deshalb, weil er nur äußerst ungern Interviews gibt, wenig über sich erzählt. Ein Eigenbrötler, ein Nörgler, ein Grantler vor dem Herrn wie Van Morrison, ganz sicher ein Alphatier, ein Musiker, der tut, was er für richtig hält. Und der uns über seine Songs an seinem Denken, Leben und Handeln teilhaben lässt.

Nie wieder Crosby, Stills, Nash & Young (! oder ?)

Auch ohne Interviews kann man sich sicher sein, dass es nie wieder eine Reunion von Crosby, Stills, Nash & Young geben wird. David Crosby auf der einen, die drei anderen Musiker auf der anderen Seite – ein Band, das zerschnitten ist, wie Graham Nash im Frühjahr dieses Jahres noch einmal betonte. Aber man soll im Leben ja niemals nie sagen. Auch bei den Eagles war klar, dass es nie wieder eine Reunion geben sollte. Glen Frey und auch Don Henley wird der legendäre Satz zugeschrieben: Die Eagles kommen wieder zusammen, wenn die Hölle zufriert! Wen wundert es da, dass das Comeback-Album der Eagles „Hell Freezes Over“ hieß?
Soweit allerdings wird es bei Crosby, Stills, Nash & Young wohl nicht kommen. Oder? Wie gesagt: Man soll niemals nie sagen!

Gegen die Republikaner

Warum aber auch? Für Neil Young wäre es ein Rückschritt. Seit vielen Jahren geht er seine eigenen Wege. Und die sind immer wieder politisch: 2006 schoss Neil Young gegen den damaligen US-Präsidenten George W. Bush jr., als er auf dem Album „Living With The War“ den Titel „Let’s Impeach The President“ veröffentlichte. 2020 verklagte Neil Young die Republikanische Partei von Donald Trump, weil sie widerrechtlich seinen Song „Rocking In The Free World“ für Wahlkampfzwecke missbrauchte. Im selben Jahr wurde bekannt, dass Neil Young – man erinnere sich: in Kanada geboren – einen US-amerikanischen Pass beantragt habe. „Um gegen Donald Trump stimmen zu können“, so der Musiker, der mit „Lookin‘ For A Leader 2020“ Trump, ohne seinen Namen zu nennen, mit markigen Sätzen ein miserables Zeugnis ausstellte. Gleichzeitig erinnerte Young in dem Song an die aus seiner Sicht positive Politik Barack Obamas… und unterstützte somit dessen ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden beim Einzug in das Weiße Haus.

Und noch einmal: Hoffnung

Es gäbe noch viel zu erzählen über den Mann, der oft unbequem ist und immer wieder die Finger tief in die Wunden der Gesellschaft legt. „Was hatte Gott eigentlich mit mir vor, als er mich erschuf“, fragt sich Young in „When God Made Me“. Warum lebe ich, was ist der Sinn meines Lebens, fragt er dabei mehr oder weniger deutlich. Und hat längst eine Antwort gegeben. Eine Antwort, die er in Anlehnung an einen biblischen Text aus dem Buch des Predigers formuliert hat: Ja, es gibt vielleicht eine Zeit im Leben, in der du orientierungslos bist. Aber es gibt auch ein Licht, das dich emporsteigen lässt, eine Zeit, in der du vor Glück schwebst, so Young sinngemäß in „Comes A Time“.

Weiter auf der Suche nach einem „Heart Of Gold“

„Ode To The Wind“ sollte das Album ursprünglich heißen. Doch als es 1978 dann in den Plattenläden stand, hieß es dann eben doch „Comes A Time“. Vielleicht, weil Neil Young weiterhin davon ausgeht, dass trotz allen Übels in der Welt es keinen Grund gibt, den Kopf in den Sand zu stecken. Stattdessen gilt es, Dinge anzupacken und nach vorne zu bringen. So wie es Neil Young seit nunmehr 76 Jahren tut. Happy Birthday, Neil Young. Danke für eine unglaubliche Menge grandioser Songs. Und danke für diese einmalige Idee, sich auf die Suche nach einem „Heart of Gold“ zu machen. Dadurch kann diese Welt nur besser werden.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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