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Volkstrauertag – ein sinnentleerter, überlebter Gedenktag? (14. November)

Die ersten schweren Winterstürme, das Laub fliegt nur so von den Bäumen, die Natur zieht sich zurück und wartet auf den Winter – aus guten Gründen ist für viele Menschen der November der tristeste Monat des Jahres. „Der Todesmonat“, pflegte mein Urgroßvater immer zu sagen.

Todesmonat November

Auch wenn ich mich kaum noch an ihn erinnere – dieses Wort aus seinem Mund hat sich in mir eingebrannt. Als kleines Mädchen dachte ich, „Todesmonat“ sei eine Art Todesahnung gewesen. Denn tatsächlich starb mein Uropa ausgerechnet an einem trüben Novembertag. Erst lange nach seinem Tod wurde mir klar, dass Uropa weder an seinen eigenen Tod, noch an den Rückzug der Natur dachte. Als religiöser Mensch hatte er die vier Novemberfeiertage im Blick, die mit Tod und Toten zu tun haben.

Vier „Toten-Gedenktage“

Los ging es ja gleich schon am ersten November mit dem Allerheiligentag. Dem Tag, an dem katholische Christen ihrer toten Vorbilder gedenken, den Heiligen. Vor allem den Heiligen, denen im Laufe des Jahres kein eigener Festtag gewidmet ist.
Weil man über die verstorbenen großen Vorbilder die kleinen Leute nicht vergessen soll, stellt die katholische Kirche am zweiten November die verstorbenen Familienangehörigen in den Mittelpunkt. Für diesen so genannten Allerseelentag schmücken die Hinterbliebenen traditionell die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen, stellen Kerzen auf, die sagen sollen: Dieses Licht ist ein Symbol für die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod, ein Zeichen für die Hoffnung, dass wir uns eines Tages vielleicht doch noch einmal wiedersehen. Wie auch immer, wo auch immer. Kein Beweis, aber eine Hoffnung.
Dass der Allerseelentag und der Allerheiligentag längst miteinander verschwimmen, habe ich ja an anderer Stelle schon einmal erklärt.

Totensonntag und Ewigkeitssonntag

Heute in einer Woche, am kommenden Sonntag also, steht der Totensonntag auf dem Kalender. Wer einen evangelischen Kalender hat, wird dort den Eintrag „Ewigkeitssonntag“ finden. In Erinnerung an den Physikunterricht von Professor Bömmel aus der – Achtung, Wortspiel! – „unsterblichen“ Feuerzangenbowle möchte ich, obwohl es sich keineswegs um eine Dampfmaschine handelt, zitieren: „Dat krieje mer später!“ Und zwar am nächsten Sonntag.

Volkstrauertag: Gedenktag

Denn vorher kommt der heutige Tag, der Volkstrauertag. Auch der passt gut in die Reihe der Toten-Gedenktage. Im Gegensatz zu Allerheiligen und Allerseelen ist er kein kirchlicher Feiertag, sondern lediglich ein vom Staat geschützter Gedenktag. „Heldengedenktag“ pflegte mein Urgroßvater zu sagen. Das lag an den Nazis, die 12 Jahre lang der Helden gedachten. Davor und danach hieß der Tag Volkstrauertag. Aber mein Großvater, der ganz sicher alles andere als ein Nazi war, kam zumindest von der Vokabel „Heldengedenktag“ nicht mehr weg.

Bindung an den kirchlichen Jahreskreis

Wenn wir einen Moment beim Historischen bleiben: Schon 1919 hatte der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge einen einheitlichen Gedenktag für gefallene Soldaten vornehmlich des Ersten Weltkriegs vorgeschlagen. Eine Reaktion erfolgte drei Jahre später mit der ersten Gedenkstunde im Deutschen Reichstag. Nach dem Willen der Volksvertreter in der Weimarer Republik sollte ein Volkstrauertag ab 1926 am fünften oder am sechsten Sonntag vor Ostern begangen werden. Eine ziemlich unpraktische Planung, da ja das Osterfest bekanntlich ein beweglicher Feiertag ist, sich das Datum also jedes Jahr ändert. Das Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ausgerechnet in die kirchliche Fastenzeit zu legen, stieß zudem bei den Kirchen auf Widerstand. Die verwiesen auf ihre „Totentage“ im November.

Umwidmung zum Heldengedenktag

Bekanntlich ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die von Hitler geleitete Regierung machte 1934 den Volkstrauertag zu einem staatlichen Feiertag und legte ihn

auf den zweiten Fastensonntag. Erneut wurde der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge tätig: Sein Präsident, Siegfried Emmo Eulen, gilt als derjenige, der bei Propagandaminister Joseph Goebbels eine Umwidmung des Volkstrauertags anregte – eine Idee, die Goebbels sofort aufgriff. So wurde aus dem neutralen Totengedenken am Volkstrauertag der Heldengedenktag – ein von Wehrmacht und NSDAP getragener Feiertag, an dem die deutschen Kriegshelden gefeiert wurden.
Statt Trauer nun Freude, Stolz und Ehre

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Bei Militärmusik legte man Kränze nieder, überhaupt stachen militärischer Pomp und Säbelrasseln ins Auge. Von Trauer keine Spur, stattdessen war Stolz auf die schönen Uniformen zu sehen, übrigens mit kirchlichem Segen für die Helden. Dieser Stolz war übrigens auch an den Fahnen abzusehen: Wurden üblicherweise Fahnen als Zeichen der Trauer auf halbmast gesetzt, wehten sie am Heldengedenktag vollstock. Ein Zeichen der Freude, des Stolzes und der Ehre eben.
Bliebe noch nachzutragen, dass Hitler per Erlass den Volkstrauertag auf den 16. März legte, soweit dieser auf einen Sonntag fiel. Andernfalls war der Volkstrauertag am Sonntag unmittelbar vor dem 16. März zu begehen. Damit verband Hitler den Volkstrauertag symbolträchtig mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16. März 1935 und löste den Volkstrauertag aus seiner Bindung an das Osterfest.

Erneute kirchliche Bindung

Seit 1952 liegt der Volkstrauertag nun im November und ist wieder kirchlich gebunden. Denn er findet immer zwei Wochen vor dem ersten Advent statt. Seitdem ging mein Urgroßvater also Jahr für Jahr am Volkstrauertag im November zum Friedhof, dachte dabei allerdings nicht an Helden. Stattdessen besuchte er Gräber von Verwandten, Freunden und Kollegen, die durch Kriege umgekommen waren. Opfer von Gewaltherrschaft, wie es heute so schön heißt.

Keine greifbare Definition

Ein Tag, der in allen Bundesländern begangen wird, der aber bis heute in den meisten Bundesländern nicht wirklich definiert ist. Die meisten Bundesländer geben dem Volkstrauertag, zumal er auf einen Sonntag fällt, lediglich den Rang eines zu schützenden Tages. Das war’s. Genau deshalb ist der Volkstrauertag auch in die Kritik gekommen. In der Praxis, so die Kritiker, stünden nach wie vor die Gefallenen der Weltkriege im Mittelpunkt, zumal die Ehrungen i.d.R. an alten Kriegerdenkmälern durchgeführt werden. Die Opfer des Nationalsozialismus, die aus ideologischen Gründen ihr Leben verloren, blieben an diesem Tag ausgeblendet. Also doch nur „Heldenverehrung im neuen Gewand“, zumal der „Staatsakt“ wie schon in der Vergangenheit im selben, wenn auch umgebauten Gebäude stattfindet, nämlich im Reichstag?

Öffnung der Tagesintention

Tatsächlich findet am Volkstrauertag traditionell eine zentrale Feier im Bundestag statt, bei der die Nationalhymne genauso wenig fehlen darf wie die Ansprache des jeweiligen Bundespräsidenten. Ausdrücklich betonte der frühere Bundespräsident Joachim Gauck in seiner beeindruckenden, die Intention des Tages weit öffnenden Rede, dass man am Volkstrauertag an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer denke, und zwar in allen Völkern. Dezidiert benannte Gauck die Menschen, die in irgendeiner Weise verfolgt, vertrieben, gefangen und getötet wurden, darunter auch die, die vom NS-Regime als lebensunwert angesehen wurden. Und zudem alle, die in irgendeiner Weise Widerstand gegen die Gewaltherrschaft leisteten und dabei ihr Leben verloren. Und der Bundespräsident ging noch einen Schritt weiter, als er auch die ins Gedenken einschloss, die in unserem Land Opfer von Fremdenhass geworden sind.

Definition nur in Hessen

Eine gute Rede, der nachfolgende Bundespräsidenten im Grunde nichts Neues hinzufügen konnten.Aber: Eine klare Formulierung zum Volkstrauertag seitens des Bundes und der Länder, um diesen Tag im vorgenannten Sinn zu definieren – die fehlt bis heute. Lediglich in Hessen gibt es eine dezidierte Definition zum Volkstrauertag als „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege“ – nicht zuletzt ein Reflex darauf, dass 1930 die NSDAP in Hessen den 9. November zum „Trauertag für unsere Gefallenen“ benannt hatte, damit aber ausschließlich Opfer aus den eigenen Reihen meinte.

Volkstrauertag als Aufgabe

Auch wenn der letzte Krieg auf deutschem Boden schon lange zurückliegt, auch wenn wir in einem demokratischen Staat leben und eine gewisse Rechtssicherheit genießen können, gibt es keinen Grund, den Volkstrauertag abzuschaffen. Im Gegenteil. Er bleibt nämlich eine Verpflichtung und Aufgabe für die Zukunft. Bundespräsident Joachim Gauck hatte nämlich den Volkstrauertag auch als „Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern“ im Blick. Und er betonte unsere Verantwortung für Frieden in unserem Land, aber auch in der ganzen Welt. Wichtige Worte, die dem Volkstrauertag auch heute noch einen Sinn geben. Und die nicht nur den Staat als Institution meinen, sondern jede einzelne Bürgerin und jeden einzelnen Bürger in diesem Land. Denn es liegt in der Verantwortung eines jeden Menschen, sich für Frieden einzusetzen und dafür, dass es nie wieder Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft gibt.

Dass am Volkstrauertag wie auch am seit 1996 am 27. Januar begangenen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ Trauerbeflaggung und damit die Fahnen auf halbstock, also auf Halbmast, angeordnet ist, versteht sich dabei von selbst.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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