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Beginn der Paralympischen Spiele in Tokio (24. August)

„Noch fünfzig Meter, noch vierzig, dreißig, zwanzig, 10 und … Gold für Deutschland. Wieder eine Medaille für Deutschland in Japan. Und wir hoffen auf weitere Höchstleistungen!“
Wenn Sie jetzt meinen, der Techniker habe einen falschen Beitrag eingestellt, kann ich sie beruhigen. Nein, dieser Beitrag soll genau heute ins Netz, heute, am Beginn der Olympischen Spiele in Japan, genauer: in Tokio. Na gut, bevor ich Sie zu viel verwirre:

Paralympische Spiele

Nicht d i e Olympischen Spiele, sondern die Olympischen Spiele für Menschen mit Behinderungen, genauer: der Menschen mit körperlichen Behinderungen. Paraplegic, das englische Wort für „gelähmt“, stand früher einmal Pate für diese Olympischen Spiele. Mittlerweile hat sich die Bedeutung unter Berufung auf das griechische Wort „para“, „neben“, etwas verändert. Es sind eben nur noch Spiele n e b e n den n o r m a l e n , auch wenn man das Gegenteil ausdrücken will. Tatsächlich will der Begriff sagen: Es sind zwei Olympische Spiele, die gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Unterscheidung der Leistungsklassen

Über die Sinnhaftigkeit der Aufteilung zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen kann man streiten. Im Sport ist es schon lange so üblich, zu erwartende völlig unterschiedliche Leistungen von vorherein voneinander zu trennen. So käme niemand auf die Idee, die Fußballmannschaft des SV Achternmeer II 9er zu einem ersthaften Wettstreit mit den Bundesliga-Profis des FC Bayern antreten zu lassen. Schließlich trennen die beiden Mannschaften Welten, genauer: besteht ein Unterschied von 13 Fußballligen. Das Ergebnis wäre vorprogrammiert, selbst wenn die Bayern im feinen Zwirn statt in ihren Trikots antreten würden. Und ebenso wenig macht es Sinn, C-Schülerinnen gegen erwachsene Erstligisten auf den Platz zu schicken. Bei verschiedenen Sportarten unterteilt man selbst innerhalb der Besten in verschiedene Gewichtsklassen. Und selbst wenn viele nach Gleichstellung der Geschlechter rufen:

Unterschiede zwischen Mann und Frau

Spätestens wenn es im Boxen Mann gegen Frau auf die Glocke gäbe, wäre der Ruf nach genereller Gleichstellung schnell wieder vorbei. Zumindest in den meisten Fällen. Nicht auszudenken, wenn ein ausgebuffter Eishockeynationalspieler allen Ernstes zum Check gegen eine Eishockeyspielerin ansetzte. Wäre das noch Sport oder wäre da von vornherein der Tatbestand der Körperverletzung erfüllt? Mir drängen sich Bilder von Kämpfen in römischen Arenen auf, wo hungrige Löwen gegen betende Christen antreten. Wobei ich nicht unterschlagen will, dass es Leute geben mag, die sowohl das eine wie das andere für reizvoll halten oder hielten. Auch aus ideologischen Gründen.

Gleichheit trotz Trennung – auch im Fernsehen?

Kurzum: Ich halte es für sinnvoll, überall dort eine klare Trennung vorzunehmen, wo die theoretisch erbringbaren Leistungen weit auseinanderklaffen. Das mag in dem einen oder anderen Einzelfall bedauerlich sein. Aber solange keine andere, praktikable und gerechte Regelung erdacht wird, scheint mir dies die gerechteste zu sein.
Wobei ich gleich einräume: Wenn Sie die vor wenigen Tagen beendeten Olympischen Spiele in Tokio mit den Paralympics vergleichen, die heute eröffnet werden, werden sie schnell gravierende Unterschiede erkennen. Aber es tut sich etwas: Wenn Sie die Stunden vergleichen, über die im Fernsehen über die beiden an sich gleichberechtigten Spiele berichtet wird, gibt es zwar noch Unterschiede.

Aber zumindest mein persönlicher Eindruck: Die Paralympics haben viel mehr Sendezeit als in früheren Jahren, wenngleich – wieder nur ein persönlicher Eindruck – die Olympischen Spiele der nicht-behinderten Athletinnen und Athleten noch mehr Sendezeit hatten. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und bin selbst nur sensibler für die Paralympics geworden als in früheren Jahren. Was ja noch nicht einmal das Schlechteste wäre.
Bewundernswerte Leistungen

Denn die Leistungen der Athleten mit Behinderungen sind genauso bewundernswert, wenn nicht bewundernswerter: Da gibt es nahezu blinde Judo-Kämpferinnen oder Sprinter, die mit einem Bein und einer Prothese antreten. Auch wenn Verallgemeinerungen meistens hinten rüber fallen: Alle Sportler, die ab heute in Tokio antreten, erbringen höhere Leistungen als jeder Couch-Potato sich träumen lassen kann. Rund 4.000 Athletinnen und Athleten aus rund 150 Ländern kämpfen um Olympisches Edelmetall, um Anerkennung ihrer Leistungen und darum, als Sportlerinnen und Sportler mit Höchstleistungen wahrgenommen zu werden. Neben Erfolgen in den olympischen Disziplinen kämpfen diese Sportlerinnen und Sportler also auch um Menschlichkeit.

KEINE Menschen zweiter Klasse

Denn auch das sollen uns die Paralympics ganz deutlich sagen: Es gibt keine Menschen zweiter Klasse. Es gibt lediglich Menschen, die an der einen oder anderen Stelle ein Handicap haben, aber trotzdem Höchstleistungen vollbringen können. Ja, es ist so, dass manche Menschen nur ein Bein, einen oder gar keinen Arm haben, nicht oder nur wenig sehen können. Ja, und? Klar fällt das schneller auf, als wenn es jemandem, der sich seiner körperlichen Unversehrtheit erfreut, stattdessen an Empathie mangelt. Oder an essentiellen Eigenschaften wie Menschlichkeit.
Wenn heute Mittag Mareike Miller und Michael Teuber die deutsche Fahne in das Olympiastadion in Tokio tragen, dann sind dies eine herausragende Sportlerin und ein herausragender Sportler. Und sie tragen die deutsche Fahne stellvertretend für alle Mitglieder der 136köpfigen deutschen Mannschaft. Dass Rollstuhlbasketballerin Miller 31 und Radfahrer Teuber mittlerweile 53 Jahre alt sind, spielen dabei keine Rolle. Alles andere erst recht nicht. Hauptsache sie treten „auf Augenhöhe“ mit der Konkurrenz an.

Noch viel zu tun

Die Paralympischen Spiele sind ein kleiner Ansatz dazu klarzumachen, dass alle Menschen den gleichen Wert haben. Und sie sind ein Ansatz dazu ebenfalls klarzumachen, dass es in unserer Gesellschaft noch eine Menge zu tun gibt, bis alle Menschen gleichermaßen gut in ihr zurechtkommen. Auch an U-Bahnstationen, auf unseren Straßen, in Geschäften und bei Behörden. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Es wird Zeit, dass wir gemeinsam die Veränderung unserer Gesellschaft anpacken. Wer nicht weiß, wie: Es gibt eine ganze Reihe von Organisationen und Institutionen, die für jede Form der Unterstützung dankbar sind. Unterstützung, die den Menschen zu Gute kommt, die, jeder auf seine Weise, etwas Besonderes leisten. Im Alltag und in diesen Tagen bei den Paralympischen Spielen in Tokio.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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