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Lebensberechtigungsschein x den Menschen annehmen, wie er ist (19. August)

Jim Knopf ist schuld. Und Lukas, der Lokomotivführer, sowieso! Als Kind und später mit meinen Neffen habe ich immer und immer wieder die Abenteuer dieser Marionetten der Augsburger Puppenkiste angeschaut. Gesehen, gehört, auswendig mitgesprochen. Eine Szene hat sich bei mir besonders festgesetzt: Als Lukas und Jim Knopf mit der Lok Emma nach China kommen, sollen sie sich ausweisen. Aber Ausweisdokumente haben sie natürlich nicht. Schließlich sind Jim Knopf und Lukas „nur“ Marionetten der Augsburger Puppenkiste. Im Original zumindest. Aber plötzlich heißt es: „Ohne gültige Papiere – da gibt es euch ja gar nicht. Zumindest amtlich nicht.“ Eine ziemlich beunruhigende Vorstellung. Sogar für meine Neffen, die zu klein waren, um die Tragweite dieser Aussage zu durchschauen.

Ausweisen, nachweisen, sich beweisen müssen

Auch wenn ich im Alltag kaum darüber nachdenke: Tatsächlich kann ich jederzeit gezwungen sein, meine Identität nachzuweisen: falls ich in einen Unfall verwickelt werde, falls der Postbote ein Einschreiben bringt; wenn ich das Land verlasse und in ein anderes einreise. Und es geht ja über das A u s weisen hinaus: meine Geburt, meine Schul- und Studienabschlüsse, meine Kompetenzen – alles muss ich n a c h weisen. Nicht unbedingt in der Praxis. Aber anhand gültiger Papiere. Ohne Papiere, die klar sagen, wer und was ich bin, bin ich nichts auf dieser Welt. Oder existiere allenfalls „irgendwie am Rande“ dieser Gesellschaft. Quasi ohne offiziellen Lebensberechtigungsschein.

Wer ist der Tote?

Ein Bekannter erzählte mir einmal eine Begebenheit, die mich sehr beeindruckt hat und die mir in diesem Zusammenhang wieder einfällt. Die Rahmenbedingungen habe ich mir nicht wirklich gemerkt – zu sehr hat mich die entscheidende Szene in ihren Bann gezogen. Kurz gesagt: Es ging um eine Beerdigung, irgendwo in Österreich, wenn ich mich recht erinnere. An diesem Ort bringt man wohl auch heute noch den Leichnam in ein Kloster. Klopft man an die verschlossene Klostertür, beginnt ein traditionelles Ritual, das sowohl die Mönche, wie auch die Trauernden vollziehen: Durch die geschlossene Pforte fragen die Mönche danach, wer der Tote gewesen sei. Üblicherweise erhalten sie den Namen des Toten, seinen Titel, vielleicht Professor, Bürgermeister, Bäcker, was auch immer, als Antwort. Statt nun Einlass zu gewähren, stellen die Mönche dieselbe Frage noch einmal.

Wer, nicht was!

Jetzt zählen die Trauernden auf, was der Verstorbene in seinem Leben alles geleistet hat: dass er vielleicht Familienvater war, gut für seine Familie gesorgt hat, in welchen Vereinen er mitwirkte, inwieweit er sich an der Gemeinschaft beteiligt hatte, kurz: alles das, was man in einem Nachruf an Gutem über einen Verstorbenen sagt. Auch jetzt bleiben die Mönche stur, verwehren den Eintritt. Stattdessen stellen sie ein drittes Mal ihre Frage: „Wer war der Verstorbene?“ Weil man ihnen bereits alles Erwähnenswerte gesagt hat, alles, was der Verstorbene in seinem Leben geleistet hat, bereits aufgezählt hat, bleibt nur noch eine Antwort: „Er war ein Mensch.“
Eine Art „Sesam, öffne dich“: Sofort schwingt die Klostertür auf, die Trauernden können mit dem Verstorbenen das Kloster betreten, wo dann die Trauerfeier stattfindet. So oder ähnlich hat ein Bekannter diesen Vorgang erzählt.

Einfach Mensch!

Was bei mir hängengeblieben ist: Spätestens angesichts des Todes zählt nicht mehr, was jemand in seinem Leben geleistet hat, was er alles in seinem Lebenslauf stehen hat und welche Dinge ihn „ausweisen“. Es zählt nicht, was ihn auszeichnet, nichts, was seinem Leben einen besonderen Wert zuspricht. Was zählt, ist: Er war ein Mensch. Einer unter vielen, mit denselben Rechten und Pflichten, nicht besser oder schlechter als jeder andere. Für mich sehr eindrucksvoll demonstrieren die Mönche damit auch ihre feste Überzeugung, ihren Glauben: Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Alle gleich

Genauso wie wir das ja auch immer für weltliche Autoritäten behaupten: Vor dem Gesetz sind alle gleich, sagen wir. Aber immer, wenn wir das so deutlich sagen, schwingt genau dieses kleine bisschen Unsicherheit mit, dass das eben nicht so ist.

Alle Menschen sind gleich, egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion sie haben – so der Anspruch. Ein Anspruch, dem wir Menschen in der Realität hinterherhinken, trotz vielfältigen Bemühens.
„Mensch bleiben“, war der Wahlspruch des fast schon in Vergessenheit geratenen Ruhrpott-Komödianten Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier. „Mensch sein“ zu sagen, sich als Mensch überhaupt erst zu zeigen – das wäre ein noch höherer Anspruch. Vor ihm versagen heute viele. Gut gemachte Werbung lebt davon, dass sie Strömungen aus dem wirklichen Leben aufnimmt. Und so zeichnet ein Werbespot ein erschreckendes Bild auf die Gesellschaft, wenn er fragt: „Immer ich, ich, ich… geht das eigentlich nur mir so, dass ich das so empfinde?“ Mehr scheinen als sein, alles für sich, den anderen in seinem Leben ausblenden, ihm, ohne darüber nachzudenken, auch die Lebensberechtigung absprechen, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht – wenn schon die Werbung diese Problematik aufgreift, scheint sie das Lebensgefühl dieser Zeit zu sein. Für viele ein bedrängendes Lebensgefühl.
Ideale Welt – nicht in dieser Welt?

Eine ideale Welt stelle ich mir so vor: eine Welt, in der tatsächlich völlig egal ist, welches Geschlecht und welche Hautfarbe jemand hat, welcher Religion er angehört. Eine Welt, in der es im konkreten Miteinander nicht wichtig ist, welche Ausbildung jemand hat, welchen Beruf, welchen gesellschaftlichen Status, wie viele Bankkonten, Häuser, Segeljachten und was weiß ich alles. Eine Welt, in der niemand etwas beweisen muss, sich nicht durch Leistungen „ausweisen“ muss, sondern einfach als das zählt, was er ist: ein Mensch.
Wenn die Religionen recht haben, gibt es so eine Welt erst in einem jenseitigen Leben, ein Leben nach dem irdischen Tod. Ob es stimmt? Ich weiß es nicht. Klar ist nur: In diesem Leben gibt es so eine Welt nicht. Und wenn, dann nur in winzigen Bruchstücken, vielleicht nur für wenige Augenblicke.

Keine Rolle

Unsere Welt, unsere Gesellschaft sind nicht ideal. Das liegt aber nicht an der Welt, sondern daran, dass wir uns alles andere als ideal verhalten. Dabei könnte jeder einzelne sich zumindest bemühen, so eine Welt voller Wertschätzung und ohne Unterschiede an jedem Tag etwas mehr aufblitzen zu lassen. Anderen Menschen zu zeigen: Ja, du hast vielleicht Stärken, du hast sicher auch Fehler und Schwächen und du bist ganz sicher in dem einen oder anderen Punkt völlig anders als ich. Aber das spielt überhaupt keine Rolle. Das ist nicht das, woran ich dich messe. Das sind nicht die Dinge, die im Vordergrund stehen. Ich nehme dich so, wie du bist. Du existierst für mich auch ohne Lebensberechtigungsschein. Und das sogar amtlich.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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