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Dr. Reinhard Erös – Kinderhilfe Afghanistan e.V.

Kameras sind unerbittlich. Aber sie zeigen nur das, was „vor den Kulissen“ passiert. Was er mit seinen Gästen „hinter den Kulissen“ und „abseits der Kameras“ erlebt hat, erzählt Moderator Klaus Depta hier. Zum Beispiel mit
Dr. Reinhard Erös – Kinderhilfe Afghanistan e.V.

Als ich im Jahr 2006 Herrn Dr. Reinhard Erös das erste Mal begegnet, war das gleich mit einem ganz großen Knall verbunden. Auf Einladung der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GFW) und der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP) sollte Erös einen Vortrag über die Situation in Afghanistan und über sein Hilfsprojekt “Kinderhilfe Afghanistan” halten. Wie üblich gab es vorab im Hinterzimmer eine Frage- und Antwortrunde für Journalisten, an der auch ich teilnehmen konnte. Leider auch ein gelegentlich für ein auflagenschwaches Tendenzmagazin aktiver Gelegenheitsschreiber. Das Wort „Kollege“ will auch Jahre danach nicht in die Tastatur. Nichtsdestotrotz: Dieser „Kollege“ meinte irgendwann in einen jovialen Ton abgleiten zu können und stellte Erös eine vermeintliche Hintergrundfrage. Ich habe verdrängt, um was es ging. Irgendetwas im Sinne von „wie viel übertreiben Sie denn, damit sie Spendengelder akquirieren“ oder etwas ähnlich Ungehöriges. Erös rastete aus. Zu Recht, wie ich bis heute meine. Manchmal kann man Dreistigkeit nur laut und deutlich beantworten. Manchmal gehört auf einen groben Klotz tatsächlich ein grober Keil. Konsequent verlangte Dr. Erös vom Veranstalter, dass der entsprechende „Kollege“ des Saales verwiesen würde. Anderenfalls würde er seinen Vortrag nicht halten. Sekunden später beantwortete Dr. Erös meine Fragen, freundlich, aufgeschlossen, sichtlich interessiert. Wie war das noch mit „wie es in den Wald hinschallt…“?
Am Ende hielt Dr. Erös seinen Vortrag, der „Kollege“ saß ganz hinten in der letzten Reihe und machte sich klein. Und je mehr Dr. Erös redete, desto klarer wurde mir: Hier redete jemand, der sich auf einer Mission befand. Einer Mission, die ihm regelrecht heilig war. Die Menschenleben rettet. Die mit – damals – acht Mitarbeitern und seiner Familie mehr bewirkte als die staatlichen Hilfsprojekte, die es ansonsten in Afghanistan damals so gab. Keine Frage: Dieser Mann war bis in die Haarspitzen von dem überzeugt, was er tut. Und wer daran, aus Dummheit oder mit Absicht, zweifelt, das Ganze gar als belanglos abtut und möglicherweise sogar auf die Bremse tritt, der begeht Sabotage. Zumindest stelle ich mir vor, dass der ehemalige Bundeswehrarzt Dr. Erös in solchen Kategorien denken könnte. Und entsprechend reagiert. Noch einmal: re-agiert, nicht agiert!

Durch die Art, wie Dr. Erös vortrug und seinen Vortrag mit Dias – ja, das machte man damals noch so – belegte und mit noch mehr Leben füllte, war überwältigend. An anderer Stelle habe ich bereits vermerkt, dass Dr. Erös zu Zeiten der sowjetischen Besetzung Afghanistans in seinem Urlaub als Bundeswehrarzt quasi illegal nach Afghanistan einreiste und deshalb heimlich Verletzte der afghanischen Zivilbevölkerung versorgte; dass er mit den berüchtigten Taliban persönlich verhandelt hatte, um seine Hilfsangebote n Afghanistan installieren zu dürfen. Diese Hilfen müssen, wenn sie wirklich etwas bewirken wollen, direkt bei den Menschen ankommen, so das Credo des engagierten Mediziners. Und so baut er seit vielen Jahren in den Ostprovinzen Afghanistans, aber auch grenznah auf pakistanischem Gebiet Flüchtlingslager, Schulen, die einen Beitrag zum Frieden leisten, Mutter-und-Kind-Kliniken, Gesundheitsstationen, Waisenhäuser und vieles mehr. Besonders beliebt sind die Solarwerkstätten von Erös‘ „Kinderhilfe Afghanistan“. Denn hier werden Projekte wie einfache Solarkocher gebaut, die sofort im Alltag der Menschen Verwendung finden und eine große Hilfe beim täglichen Kampf ums Überleben sind.

Damals wusste ich noch nicht, dass im Rahmen dieser Hilfsbemühungen ein Sohn der Familie Erös in Afghanistan starb. Las ich das erst in einem der beiden Bücher von Reinhard Erös? Wahrscheinlich. Hätte man rechtzeitig einen Krankentransport nach Deutschland bekommen können, wäre das Leben des Sohnes möglicherweise noch zu retten gewesen. Aber so zahlte die Familie Erös ihren ganz persönlichen Preis, um für die Ärmsten der Armen in einem geschundenen Land dazusein. Wenn ich den christlichen Glauben auf zwei Sätze reduzieren müsste, wäre einer wohl das berühmte „Ich bin für dich da“, der Name, mit dem sich Gott dem Mose vorstellt und gleichzeitig ein Versprechen gibt. Mehr als sich selbst zu engagieren, im schlimmsten Fall auf Leben und Tod, kann man für Menschen nicht tun.

Die notwendigen Mittel, die Dr. Erös in Afghanistan braucht, sammelt er über seinen Verein „Kinderhilfe Afghanistan“. Stolz berichtet er, dass die Spendengelder nahezu komplett in Hilfsaktionen fließen. Eine große, geldverschlingende Bürokratie gibt es bei der „Kinderhilfe Afghanistan“ nicht. Umso erstaunlicher, dass der

engagierte Arzt, wenn er selbst nicht gerade in Afghanistan Hand an seine Projekte legt, zum Nulltarif (gegen Erstattung der Fahrkosten) Vorträge in Schulen hält. Vor allem will er Sensibilität für sein Projekt vermitteln, aber grundsätzlich für alle Menschen in Not. Dass Reinhard Erös, aber auch seine Frau Annette, eine überaus freundliche, ehemalige Mathematik- und Geschichtslehrerin, die ich im Rahmen von „Talk am Dom“ kennenlernte, also beide Eheleute, hochdekoriert sind, habe ich nicht einmal mit einer Anspielung von ihnen gehört. Das fand ich erst auf der Webseite der „Kinderhilfe Afghanistan“. Dennoch sei es hier gesagt: Wer den höchsten bayerischen Orden und den Europäischen Sozialpreis (Dr. Reinhard Erös), das Bundesverdienstkreuz (beide) und darüber hinaus eine Reihe von Auszeichnungen unterschiedlicher afghanischer Ministerien erhält, hat wohl Spuren hinterlassen. Spuren, die auch dazu führen, dass verschiedene Fernsehsender im Laufe der Jahre wiederholt Dr. Erös als Afghanistanexperten einluden, auch wenn er unangenehme Wahrheiten von sich gab. Unangenehm deshalb, weil sie der Berichterstattung in deutschen und auch US-amerikanischen Medien widersprechen. Wahrheiten von jemandem, der Afghanistan seit vielen Jahren aus einer anderen Perspektive erlebt. Und im Gegensatz zu Medienbeobachtern nicht nur aus irgendwelchen Berichten kennt. Nur am Rande erzählt Dr. Erös, der fließend die Sprache der Paschtunen spricht, wie er einmal einen Dolmetscher geradeheraus fragt, warum er etwas ganz anderes übersetzte, als ursprünglich gesagt wurde. Die Antwort: Das tatsächlich Gesagte interessiere die Journalisten doch eh nicht. Es widerspreche ihrem Bild, das sie sich von Land und Leuten gemacht hätte. Deshalb erzähle er den Journalisten, was sie hören wollten. Dass einer wie Dr. Erös das nicht stehenlässt, sondern auf Dreistigkeiten deutlich reagiert – das hatten wir schon am Anfang.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Wenn man einen Mann wie Dr. Erös zu einer Veranstaltung wie „Talk am Dom“ einlädt, hat man als Moderator ein Problem. Eigentlich wollte ich bei allen Talks lediglich als Stichwortgeber agieren, mich ggf. zum Anwalt des Publikums machen, um Unverständliches noch einmal, dieses Mal genauer und präziser hören zu lassen. Und natürlich wollte ich immer mit ein paar Fragen das Besondere an einem Gast herauskitzeln. Wie aber verhalte ich mich als Moderator, wenn ein vortragserfahrenes Energiebündel wie Dr. Erös gar keinen Vermittler braucht, um sein Publikum zu fesseln, um seine Botschaft, seine Mission an die Frau und den Mann zu bringen? Was tue ich, wenn der Gast seine Motivation für sein Engagement glaubhaft selbst vermittelt? Das alles kann Dr. Erös hervorragend allein. Und so musste ich von der ersten Minute an abwägen: Bin ich als Moderator des Gesprächs überhaupt noch präsent? Bin ich so wichtig, dass ich meinem Gast in die Parade fahre, um mich selbst in Szene zu setzen und eben in meiner Funktion als Moderator nicht funktionslos dazustehen. Die Entscheidung, Dr. Erös über weite Strecken genau den Raum zu lassen, den ich eigentlich mit ihm erarbeiten wollte, den er aber allein füllte, war die einzig richtige.

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