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Giesinger, Max – Taxi

Man kennt das ja: Wenn die Plattenfirma lediglich die Kosten für ein paar Songs bewilligt, veröffentlichen Künstler statt eines ganzen Albums eben ein halbes Album. EP nennt sich das Ganze dann üblicherweise und enthält meistens zwei, drei, vier und manchmal sogar noch mehr Songs. Die Idee dahinter: Verkauf sich der Testballon einigermaßen erfolgreich, leuchten nicht nur die Dollarzeichen in den Augen der Manager. Sondern es steht auch das Geld für ein komplettes Album zur Verfügung.

Deluxe-Versionen: Noch einmal Geld für dieselben Songs

Bei Interpreten und Bands, die nach längerer Pause mal wieder ein Lebenszeichen von sich geben wollen, aber einfach noch nicht genug Material eingespielt haben, macht man das oft anders: Da veröffentlicht die Plattenfirma einen Best Of-Sampler, auf dem es ein oder zwei neue Stücke gibt. So verdient man mit dem vorhandenen Material, dem Backkatalog mit wenig Input gutes Geld. Und gleichzeitig bringt man ganz langsam die alten Helden wieder in Erinnerung – was eben wichtig ist, wenn sich ein paar Monate später dann endlich das neue Album verkaufen soll.

Max Giesinger – Vier Einhalb

Das alles ist bei Max Giesingers Album „Vier Einhalb“… ganz anders. Das ist quasi eine Neuauflage seines erst im letzten November erschienen vierten Albums, das praktischerweise den Titel „Vier“ trug. Dieses Album hat der gute Max jetzt um sieben Songs erweitert und nennt es „Vier Einhalb“. Nicht schlecht, vor allem wenn man den für derartige Verfahren üblicherweise verwendeten Begriff „Deluxe Version“ vermeiden will. Seien wir ehrlich: „Deluxe Version“ klingt nach „Hey, du hast schon Kohle für das Album auf den Tisch gelegt. Und jetzt musst du dieselben Songs noch ein zweites Mal kaufen, wenn du die wenigen neuen Songs auch haben willst!“

Alles halb so wild!

Bevor die Tränen der Wut fließen: In Zeiten, in denen ohnehin die meisten ihre Songs downloaden, ist das alles halb so wild. Denn dass die bis dahin fehlenden, weil neuen Songs nachträglich in der Playlist landen, ist im Endeffekt völlig egal. Was bleibt, ist das Wort „Vier Einhalb“: Das klingt

sympathisch, lässt stutzen und macht neugierig. Ein erster, wichtiger Schritt, um dann auch tatsächlich in die neuen Songs hineinzuhören. Was können Musiker anderes erhoffen?
Mega-Song: Taxi

All diese Gedanken wird man schnell vergessen, wenn man den ersten aus „Vier Einhalb“ ausgekoppelten Song hört. Denn der ist so überraschend und fesselnd, setzt sofort Kopfkino in Gang, dass man rundherum alles vergisst. „Taxi“ hat Max Giesinger ihn genannt. Und man ahnt es schon: Es dreht sich um ein Erlebnis um Taxi.

„Sommer 2012, um die 40 Grad.
Die ganze Stadt auf den Beinen. Menschen vor der Bar.
Die Nacht ist jung und ich habe noch nichts groß geplant.
Und da lehnst du so da an der Wand.
Noch ein Drink, wir erzählen und die Zeit vergeht
Viel zu heiß, T-Shirt klebt und du sagst: Lass uns gehen!
Gelbes Licht, Taxi hält und wir steigen ein
Fahren los in die Nacht hinein.“

Und weil ein Rücksitz im Taxi fast so gut ist wie die letzte Reihe im Kino, kommt, was irgendwie kommen muss:

„Auf der Rückbank rücken wir näher zusammen.
Sommerluft! Deine Hand liegt auf meinem Arm.
Das Gewitter in mir, während du mich küsst,
haut mich um. Weiß nicht, was das ist!“

Verpasste Chance

Bevor allerdings der Song in Klischees erstickt, kommt der Mega-Hammer:

„Und dann sagst du: Ich muss an der Ampel raus!
Sehe im Rückspiegel noch, wie du mir nachschaust.
Fahre ums Eck. Und dann war der Moment verpasst.
Hatte mir nichts dabei gedacht!“

Diese Geschichte habe er tatsächlich so in Karlsruhe erlebt, damals, im Sommer 2012, sagt Max Giesinger. Dass die Frau, zu der er sich schlagartig so hingezogen fühlte, so unvermittelt aus dem Taxi sprang, war für ihn völlig überraschend.

Keine Telefonnummern ausgetauscht

Bis dahin hatten sie es noch nicht einmal hinbekommen, ihre Telefonnummern auszutauschen. Maxens Hoffnung: Man werde sich im doch recht überschaubaren Karlsruhe an den bekannten In-Locations schon wieder über den Weg laufen. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. Was dazu führte, dass er, so sagt Max Giesinger, bis heute bei jeder Taxifahrt wieder an dieses außergewöhnliche Ereignis erinnert werde, es quasi schlagartig erneut durchlebe. Völlig klar, dass solch ein Erlebnis irgendwann zum Thema eines Songs wird.

Story geht unter die Haut

Warum aber geht dieses Erlebnis auch dem unbeteiligten Zuhörer so unter die Haut? Ganz sicher, weil Max Giesinger durch Wortwahl, Rhythmus und Melodie den Hörer direkt Anteil am Geschehen haben lässt. Und weil die erzählte Geschichte daran erinnert, dass jeder von einem abrupten Ende bedroht ist: Dass eine neue Bekanntschaft aus dem Taxi springt, mag selten sein. Aber dass eine Beziehung plötzlich endet, dass ein geliebter Mensch schwer erkrankt oder gar aus dem Leben gerissen wird – das ist jederzeit möglich. Und doch verdrängen die meisten Menschen diese Tatsache mit Erfolg. Kommt aber dann doch ein unvorhergesehener Abschied, machen sich viele Menschen Vorwürfe: „Hätte ich doch…!“ Hätte ich doch etwas getan, was ich heute nicht mehr tun kann, was aber die Situation damals geändert hätte. Im Normalfall ist damit mehr gemeint als rechtzeitig die Telefonnummern auszutauschen.

Carpe Diem: Verpass keine Chancen!

Vor über 2000 Jahren fasste der römische Dichter Horaz diese Erkenntnis in eine Kurzformel: Carpe Diem! Nutze den Tag! Tue heute das, was wichtig ist, um glücklich zu sein. Und verschiebe es nicht auf morgen. Denn deine Lebenszeit ist knapp. Wer weiß, ob du das Morgen überhaupt erlebst.
Gelegentlich fragt man Menschen, was sie tun würden, wenn sie nur noch einen Tag zu leben hätten. Wenn man nur noch einen Tag zu leben hätte, ja dann… Die Antworten sind vielfältig, offenbaren eine unglaubliche Menge geheimer und bekannter Wünsche. Bei vielen Menschen wird die Bucket List immer größer. Denn die meisten vertagen die Umsetzung ihrer Wünsche auf ein Morgen, von dem sie nicht wissen, ob sie es erleben werden. Der banale Grund: Fast jeder verdrängt die Tatsache aus seinem Leben, dass er sterblich ist, dass das Leben endlich ist.

Alltägliche Erfahrung

Dabei zeigen alltägliche Erlebnisse wie das von Max Giesinger im Taxi, wie schnell Gelegenheiten verstreichen, wie schnell Dinge, Kontakte, Beziehungen und mehr unwiederbringlich verloren gehen können. Überhaupt: Was bleibt am Ende, was wirklich zählt?
„Taxi“ ist ein guter Song. Er berührt, geht sprichwörtlich unter die Haut, weil er eine Seite in der Gefühlswelt von Menschen anrührt, die die meisten vor sich selbst gut verbergen. Und das macht „Taxi“ letztlich sogar zu einem großartigen Song.
Max Giesinger – „Taxi“.

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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