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Scorpions – Wind Of Change

Mit Legenden ist das so eine Sache. So weiß jeder, dass David Hasselhoff, nicht nur bekannt aus „Baywatch“ und „Night Rider“, 1989 durch seinen Auftritt am Brandenburger Tor den Mauerfall herbeigeführt hat. Sein „Looking For Freedom“ war der Anlass für den Zusammenbruch des DDR-Regimes, für die Öffnung der Mauer, für die Wiedervereinigung Deutschlands.

Hol schon mal den Wagen, Harry

Hat Hasselhoff immer wieder behauptet. So zumindest die Legende. Unerschütterlich, so ähnlich wie der legendäre Satz „Hol schon mal den Wagen, Harry“, den Horst Tappert als Hauptkommissar Derrick immer wieder zu seinem Assistenten Harry Klein, gespielt von Fritz Wepper, gesagt hat.

Wer die Derrick-Legende hinterfragt, stellt schnell fest: In keinem einzigen Drehbuch der 281 Derrick-Folgen ist dieser Satz zu finden. Lediglich in Folge 73 sagt Derrick: „Harry, ich brauch den Wagen!“ Der Kultsatz, den jeder kennt, der längst zum geflügelten Wort geworden ist, taucht in Wahrheit in keiner einzigen Derrick-Folge auf. Lediglich in einer einzigen Folge gibt es so etwas Ähnliches. Ein Sachverhalt also, der ins Reich der Legenden gehört, so etwas wie eine „urban legend“ geworden ist.

Hasselhoff: Nie gesagt

Ähnlich verhält es sich mit David Hasselhoff: Der Mauerfall erfolgte am 9. November 1989. Hasselhoffs Auftritt am Brandenburger Tor stammt von der Silvesterparty. Und da Silvester seit Jahrhunderten am 31.12. gefeiert wird, ertönte „Looking For Freedom“ zwar unter dem tosenden Beifall der Partygäste, aber eben erst weit mehr als einen Monat nach dem Mauerfall. Seit über 30 Jahren wehrt sich der Schauspieler und Musiker Hasselhoff dagegen, jemals eine entsprechende Aussage getätigt zu haben. Und das, obwohl doch jeder weiß, dass er behauptet hat, der Fall der Mauer ginge auf seinen Song zurück. Oder besser gesagt: obwohl es sich so ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat. Was deutlich zeigt: Auch nachweisliche Fehler können sich ins kulturelle Gedächtnis einbrennen. Und man kann fast nichts dagegen tun.

Hymne des Mauerfalls: Wind Of Change

Bleiben wir beim Mauerfall und der Deutschen Einheit: Am 3. Oktober 1990 lag sich das Gros der Deutschen in den Armen, feierten Hunderttausende Berliner die Deutsche Einheit. Und als um Mitternacht nicht nur die Freiheitsglocke erklangt, sondern die Kirchenglocken Sturm läuteten, da war die deutsche Teilung beendet. Über allem thronten die Scorpions, die mit ihrem „Wind of Change“ die Hymne für die Deutsche Einheit geschrieben

hatten. So will es das kulturelle Gedächtnis, so haben wir alle das abgespeichert, egal, ob selbst erlebt oder Jahre und Jahrzehnte später so gehört. Aber auch das ist eine Legende.
Kalter Krieg

Blicken wir zurück: Nach dem Zweiten Weltkrieg teilt eine Todeslinie mit mörderischen, menschenverachtenden Befestigungen Europa in zwei Teile, in den Osten bestehend aus der Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Paktes und in den Westen, in dem die USA sowie die westlichen Industriestaaten und die NATO zusammengefasst sind. Lücken in diesem Grenzzaun gibt es kaum. Und als es sie endlich gibt, sind die Scorpions eine der ersten westlichen Rockgruppen, die ausgiebig in der damaligen UdSSR touren dürfen. Dabei bemerken die Jungs aus Hannover, dass sich im Osten ein Wandel abzeichnet: Ein Hauch von Freiheit ist im Alltag der Osteuropäer zu bemerken, Freiheit, die glücklich macht und zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

Wind der Veränderung in Osteuropa

Ein Wind der Veränderung zieht durch den Ostblock, vorerst noch ein leises Lüftchen, aus dem aber mehr werden kann. Genau das versucht die Band in einem Song festzuhalten, den sie „Wind Of Change“ nennt.

„Ich folge dem Lauf der Moskva bis hinunter zum Gorky Park
und lausche dem Wind der Veränderung.
Ein Sommertag im August, Soldaten, die vorübergehen,
dem Wind der Veränderung lauschend. Die Welt wird kleiner.
Hättest du jemals gedacht, dass wir uns einmal so nah sein würden wie Brüder?
Die Zukunft liegt in der Luft, ich kann sie überall spüren.
Sie weht mit dem Wind der Veränderung.“

In „Wind Of Change“ geht es also überhaupt nicht um die deutsche Einheit. Stattdessen geht es um die Veränderungen in der UdSSR, die seinerzeit deutlich spürbar wurden. Und die in der Auflösung der Sowjetunion mündeten und vielen Menschen in vielen Staaten ihre Freiheit und Autonomie gaben.

Wandel in Ostdeutschland

Auch im östlichen Teil Deutschlands ist früh etwas von diesem Klima zu spüren. Durch die Signale aus der UdSSR ermutigt, fordern die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR mehr Freiheit. Erst im Schutz der Kirchen, später offen in den Straßen der Großstädte, vor allem in Leipzig, ertönt der Ruf „Wir sind das Volk“. Der damals genau dasselbe meint, was die Scorpions singen: Trennende Grenzen sollen fallen. Alle Menschen sind Brüder.
Gott-sei-Dank hatten die Montagsproteste, die immer stärker werden, Erfolg: Die Staatsmacht im Osten der Republik kapituliert. Der Wiedervereinigung mit dem Westen steht nichts mehr im Weg.
Als am 3. Oktober 1990 erstmals der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird, stehen über allem die Scorpions mit ihrem „Wind Of Change“. Und die Kirchenglocken, die quasi ein Dankgebet zum Himmel schicken, gleichzeitig aber auch daran erinnern, dass Freiheit immer wieder bedroht ist.

Putins Krieg: Fortschritte zurücknehmen

Wenn in diesen Tagen rund um den Tag der deutschen Einheit die Scorpions mit ihrem „Wind Of Change“ zu hören sind, dann hat der Song eine andere Dimension als vor über 30 Jahren: Denn längst schlägt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. Ob es sich beim Angriff Russlands auf die Ukraine um eine „militärische Spezialoperation“ oder um einen Krieg handelt, wird die zig-Tausend Toten kaum interessieren. Die Ukrainer wehren sich dagegen, ihre Freiheit zu verlieren, verteidigen ihre Kultur und Identität, die von den Herren des Kremls als minderwertig betrachtet und zur Vernichtung preisgegeben wird. Das, was als Wind der Veränderung begann, soll möglichst wieder zurückgedreht werden.

Mahnung zur Verteidigung von Freiheit und Frieden

„Wind Of Change“ wurde nicht für die deutsche Einheit geschrieben, wurde aber spätestens mit dem 3. Oktober 1990 zum Symbol der Deutschen Einheit, zum Symbol von Hoffnung, Frieden und Freiheit. Durch die veränderte Geschichte wird der Song mehr denn je zu einem Mahnmal, alles daran zu setzen, dass Hoffnung, Frieden und Freiheit nicht durch Waffengewalt vernichtet werden.
Hier sind die Scorpions und „Wind Of Change“.

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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