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Cream – White Room

Wer den Film „Joker“ gesehen hat, wird sich erinnern: Der Joker sitzt in einem Streifenwagen, sieht die Zerstörung, die er in Gotham angerichtet hat, und lächelt. Die passende Musik liefert ein Song aus dem Jahr 1968: „White Room“ von den legendären Cream. Ein Song mit einem geradezu mystischen Text:

„In dem weißen Zimmer mit schwarzen Vorhängen in der Nähe des Bahnhofs.
Schwarze Dachlandschaft, kein goldenes Pflaster, müde Stare.
Silberne Pferde liefen hinunter, Mondstrahlen in deinen dunklen Augen
Das Licht der Morgendämmerung lächelt dich an,
wenn du gehst, meine Zufriedenheit.
Ich werde an diesem Ort warten, wo die Sonne nie scheint.
Warte an diesem Ort, wo die Schatten vor sich selbst weglaufen.“

Realer Raum

Ein weißer Raum, anscheinend eine Aneinanderreihung von Eindrücken, dazu dieser verworrene Text – die Vermutung, der weiße Raum befinde sich in einer Psychiatrie, die Eindrücke seien Gedanken eines Patienten, machten schnell die Runde. Was aber nicht ganz richtig war. Auch wenn der Song von Hoffnungslosigkeit und Depressionen handelt – der beschriebene weiße Raum stammt aus der Feder des Dichters Pete Brown. Und er beschrieb ein Zimmer, in dem dieser Mann lebte. Dieser Mann war Brown selbst.

Leben als Schriftsteller mehr schlecht als recht

Denn der steckte seinerzeit ein einer – heute würde man wohl sagen – On/Off-Beziehung und kam damit und mit sich selbst nicht klar. Eine Zeit der Verwirrung, eine Zeit des Umbruchs, der Irrungen und Wirrungen. Phasenweise arbeitete Brown als Barkeeper. Am liebsten aber schrieb er Gedichte, für die er sogar ein lauschendes Publikum fand: Seine Lesungen brachten ihm immerhin so viel ein, dass er – mehr schlecht als recht – von ihnen leben konnte. Sein Traum aber war es, als professioneller Songwriter zu arbeiten. Der wurde Wirklichkeit, als Ginger Baker und Jack Bruce, gemeinsam mit Eric Clapton Musiker bei Cream, auf seine Texte aufmerksam wurden. Baker und Bruce baten ihn, für Cream zu schreiben.

Cinderella’s Last Goodnight

In dieser Zeit, die Brown selbst als Übergangszeit bezeichnet, lebte er tatsächlich in jenem besagten komplett weißen Raum. Warum auch immer:

Hier fand er die Kraft, Alkohol und Drogen hinter sich zu lassen. Den ersten Schritt zum Songtexter machte Pete Brown mit „Cinderella’s Last Goodnight“ – die Geschichte eines Hippiemädchen, das am Leben scheitert. Aber Jack Bruce winkte ab. Die Story gefiel ihm nicht. Also startete Brown den nächsten Versuch. Wohl mittlerweile unter Druck besann er sich auf ein achtseitiges Gedicht, das er bereits vor längerer Zeit geschrieben hatte. Dieses Gedicht überarbeitete und kürzte er: „White Room“ war geboten. Und wurde nicht zuletzt auch wegen des von Eric Clapton eingesetzten Wah-Wah-Pedals ein Riesenhit.
Mysteriöser Text

Auch mehr als 50 Jahre nach dem Erscheinen des Songs bleibt der Text mysteriös, um nicht zu sagen verworren:

„Du sagtest, keine Fäden könnten dich am Bahnhof sichern.
Bahnsteigkarte, rastlose Dieselloks, Abschiedsfenster
Ich ging in eine so traurige Zeit am Bahnhof.
Als ich hinausging, fühlte ich mein eigenes Bedürfnis gerade erst beginnen.
Ich werde in der Schlange warten, wenn die Züge zurückkommen,
liege bei dir, wo die Schatten vor sich selbst weglaufen.
Auf der Party war sie Freundlichkeit in der harten Menge:
Trost für die alte Wunde, die nun vergessen ist.“

Verwendete Bilder und ihre Erklärungen

Ein paar der bizarren Bilder löst Pete Brown später auf. Mit „Abschiedsfenster“ meinte er die Fenster von Zügen, hinter denen Reisende den Daheimgebliebenen zuwinken. Die „müden Stare“ versteht er selbst als Symbol für das Weibliche an sich. Sie hätten in der von ihm beschriebenen späteren Nachkriegszeit zu viel ertragen müssen. Eingebrannt hatte sich wohl auch das Bild der „schwarzen Dachlandschaften“: Dort, wo er lebte, sorgten die nah an den Häusern vorbeiziehenden Dampflokomotiven dafür, dass die Dächer rußverschmiert und damit schwarz waren.
Was bleibt ist die Geschichte eines Menschen, der dringend auf Hilfe angewiesen ist. Und darauf, sich selbst wieder zu finden. Das gelingt ihm in einem Raum, in dem alles fehlt, was ihn irgendwie mit dieser Welt verbindet. Für den normalen Musikhörer damals und heute eben ein typischer Psychedelic Rock Song.

Religiöse Interpretation

Für fromme Menschen geht der Song darüber hinaus. Die beziehen sich nämlich auf die Bibel, nach der Christus die Welt verlassen hat und diese dadurch „dunkler“ geworden ist. Denn mit Christus ist auch die Hoffnung auf ein besseres Leben verschwunden. Resignation, Frustration und Niedergeschlagenheit machen sich breit – gut abzulesen an den Aposteln, die sich laut biblischer Überlieferung in einem Haus verkriechen und alles daransetzen, dass niemand auf sie aufmerksam wird.

Neustart nach Hilfe

Doch laut Bibel endet diese Situation, als Gott den Aposteln [an Pfingsten] die Kraft schenkt, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen und die Botschaft Jesu zu verkünden.
Was im Zusammenhang mit „White Room“ bedeutet: Es gibt keinen Grund, dass man in seiner schlechten Lebenssituation steckenbleiben muss. Im Gegenteil: Es gibt die berechtigte Hoffnung, dass man wieder in Regionen vordringt, die zur Sonnenseite des Lebens gehören. Mit Gottes Hilfe. Und auch mit der Hilfe, die Gott in Form von anderen Menschen schickt.
War Ginger Bakers und Jack Bruces Angebot an den Dichter Pete Brown, für Cream zu schreiben, so eine Hilfe? Wer weiß das schon. In jedem Fall wurde ihr “White Room“ zu einem Rockklassiker. Cream und „White Room“.

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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