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Traveling Wilburys – Not Alone Anymore

Wenn fünf bekannte Musiker eine Supergroup gründen, darf man sich über viele großartige Songs freuen. Zumindest so lange, bis Gevatter Tod zuschlägt und dem Unternehmen ein frühes Ende bereitet. Aber schon vorher hatten die Traveling Wilburys einen tröstlichen Song gegen Verlust im Repertoire: Not Alone Anymore.

Eine schöne Legende, Teil 1

Als die Halbbrüder Nelson, Otis, Lefty, Charlie T. jr. und Lucky bei Warner Brothers um einen Plattenvertrag bitten, ist man dort skeptisch. Sound und Songmaterial sind zwar gut. Nur wer wird schon ein Album von fünf unbekannten, vermeintlichen Hinterwäldlern kaufen? Tröstlich, dass zumindest einige wenige in der Musikbranche aus dem kapitalen Fehler von A&R-Manager Dick Rowe gelernt haben: Der hatte nämlich bei Decca Records am Neujahrstag 1962 einen Plattenvertrag für ein paar Newcomer abgelehnt – und so unterschrieben die beim Konkurrenten EMI (bzw. dem Sublabel Parlophone) und füllen als „The Beatles“ bis heute die Bankkonten.

Eine schöne Legende, Teil 2

Vorsichtshalber schaut man also bei Warner Brothers noch einmal genauer hin. Und entdeckt: Hinter Nelson Wilbury verbirgt sich in Wirklichkeit Ex-Beatle George Harrison, Otis ist Harrisons Kumpel, der Chef des Electric Light Orchestras Jeff Lynne, Lefty Wilbury heißt in Wahrheit Roy Orbison, Charlie T jnr. hört im richtigen Leben auf Tom Petty und Lucky Wilbury ist niemand anderes als der spätere Literaturnobelpreisträger Bob Dylan. Diese fünf angeblichen Halbbrüder nennen sich Traveling Wilburys.

Unverkennbare Besetzung

Eine schöne Geschichte? Wohl eher eine der schönsten Legenden der Pop- und Rockgeschichte. Denn die wirklichen Mitglieder dieser Supergroup erkennt man nun wirklich schon beim ersten Hören: Die Stimme von Roy Orbison ist seit seinem 1962er Hit „Only The Lonely“ und dem 1964er Chartburner „Pretty Woman“ fester Bestandteil des allgemeinen kulturellen Gedächtnisses; keine andere Band klang ab den 1970er Jahren so sehr nach einer modernisierten Verlängerung der Fab Four wie die von ELO-Mastermind und Beatles-Fan Jeff Lynne; keine Gitarre weint auch jenseits von „While My Guitar Gently Weeps“ so unverkennbar wie die von George Harrison; Tom Pettys Stimme, Melodien und Rhythmusgitarre hört man aus Tausenden anderen sofort heraus. Und niemand kotzt, ääh singt seine Texte so schnodderig wie Bob Dylan.

Futter für Moderatoren

Derartige Legenden haben nämlich auch Ende der 1980er Jahre vor allem ein Ziel: Sie sollen Musikjournalisten und Radiomoderatoren Futter liefern zum Weitererzählen – und wir tun das ja heute, 40 Jahre später, auch wieder! – So veranlasst man eh schon eingefleischte Fans der Musiker, auch in die Veröffentlichungen der Traveling Wilburys hineinhören, damals also: kaufen, kaufen, kaufen!

Auch eine Legende? Der Konzertbesuch

Und so liefern die Traveling Wilburys (oder ist es die Marketingabteilung der Plattenfirma?) marketingtechnisch eine schöne Story nach der anderen: Zum Beispiel die von George Harrison, der seit den frühen 1960ern ein Fan von Roy Orbison ist, und nun mit seinem Buddy Jeff Lynne ein Konzert von „Big O“ besucht. Als sich die beiden anschließend Backstage begeben, treffen sie dort – welch Zufall – Bob Dylan und seinen Kumpel Tom Petty. Zack – die fünf beschließen, gemeinsame Sache zu machen. Klingt plausibel. Kann ja sogar wahr sein. Ist es das auch? Völlig egal! Hauptsache schön!

Medienwirksam: Entstehung des Bandnamens

Ähnlich plausibel klingt die Wahl des Bandnamens. Als nämlich bei den Aufnahmen ein paar Unsauberkeiten auffallen, winkt Jeff Lynne, seines Zeichens auch ein grandioser Produzent, ab: „We’ll bury it out“, das löschen wir mit ein paar Tricks an den Reglern und Knöpfen des Mischers einfach raus. Von „We’ll bury“zu „Wilbury“ ist es nur ein kleiner Schritt. Da muss man mit dem Vorsatz „Traveling“ die Band nur noch in die Tradition von Pete Seeger, Woody Guthrie, Ramblin’ Jack Elliott und anderen stellen, um das Handgemachte, Urwüchsige der eigenen Musik zu unterstreichen.

Wo ist Vol. 2?

Einen haben wir noch: Dem Album „Traveling Wilburys Vol. 1“ folgt nämlich kommentarlos „Vol. 3“. Wo ist „Vol. 2“ geblieben? Gerüchte um eine legendäres, zurückgehaltenes echtes zweites Album lassen die Fans immer wieder die Plattenläden und Internetforen durchforsten. Aber vielleicht wollten die Musiker schon mit dem zweiten Album sagen: Aller guten Dinge sind drei. Genug ist genug. Schluss also nach dem zweiten Album.

Einschnitt durch Tod

Der wahre Grund ist ein trauriger: Im Dezember 1988 erlag Roy Orbison nämlich einem Herzinfarkt. Die Aufnahmen zum späteren Album „Vol. 3“ erfolgen erst im Frühjahr 1990. Aus nachvollziehbaren Gründen ist Roy Orbison an diesem Album gar nicht mehr beteiligt. Später gibt die Band zu Protokoll, dass man die Aufnahmen im Geiste Orbisons gemacht und ihn bewusst nicht durch einen anderen Sänger ersetzt habe. [Orbison stirbt vor den Dreharbeiten zu „End Of The Line“ und wird im Musikvideo durch seine Gitarre, die sanft in einem Schaukelstuhl hin- und herpendelt, als Teil der Gruppe geehrt!].
Auch um diesen Einschnitt darzustellen, wählen die vier verbliebenen Musiker neue Pseudonyme: George Harrison nennt sich nun Spike, Jeff Lynne Clayton, Tom Petty Muddy und Bob Dylan firmiert als Boo Wilbury.

Not Alone Anymore

Gefühlt koppelt die Plattenfirma beinahe jeden Song beider Wilbury-Alben als Single aus. Warum auch nicht? Schließlich sind alle Wilburys nicht nur Garanten für bodenständige, eingängige handgemachte Musik, sondern auch für tiefsinnige Texte. Das gilt auch für „Not Alone Anymore“. Roy Orbison singt:

„Du hast immer gesagt, am Ende würde ich zu dir zurückkommen.
Ich dachte, du wärst ganz auf dich allein gestellt.
Jetzt stelle ich fest, dass du nicht allein bist.
Du hast immer gesagt: Eines Tages würde ich wissen,
wie es sich anfühlt, wenn deine Liebe geht.
Ich habe dich enttäuscht, ich habe dich gehen lassen.
Ich habe dich verloren. Wie hätte ich das wissen sollen?“

Scheitern, Reue und Rückkehr

Auf den ersten Blick scheint der Inhalt des Songs klar zu sein: Während ein Partner aus der Beziehung aussteigt und, warum auch immer, das für richtig hält, weiß der verlassene Partner bereits im voraus, dass der Flüchtige zurückkehren wird.
Der zweite Blick offenbart mehr: Es handelt sich um die uralte Geschichte eines Menschen, der sich aus eigener Kraft aus allen Bindungen befreit, in seinem „neuen Leben“ aber scheitert und voller Reue an seinen Ursprung zurückkehrt.

Gleichnis vom verlorenen Sohn

Diese typische menschliche Situation ist Stoff vieler traditioneller Märchen. Vor rund 2000 Jahren findet er sich bereits in der Bibel, um beispielhaft einen besonderen Sachverhalt zu beleuchten: Im so genannten „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ lässt sich ein Sohn vorab sein Erbteil auszahlen, verlässt die Familie und sucht in der Fremde sein Glück. Als aber seine Mittel aufgebraucht sind, er laut Text sogar in eine Hungersnot und damit eine existentielle Notsituation gerät, also scheitert, kehrt er reumütig zu seiner Familie zurück. Die wird den damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten im alten Israel entsprechend durch den Vater symbolisiert.

Besser: Gleichnis vom barmherzigen Vater

Mittlerweile nennt man dieses Gleichnis nicht mehr „Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Vielmehr legt die moderne Interpretation den Schwerpunkt auf den Vater: Der wartet nicht nur geduldig auf die Rückkehr des Verirrten, sondern läuft ihm, als er ihn erkennt, freudig entgegen, setzt ihn mit allen Rechten wieder in die Familie ein und veranstaltet sogar ein großes Freudenfest. Der liebende Vater verzeiht seinem Sohn und nimmt ihn trotz seines Fehlverhaltens ohne jegliche Vorbehalte liebend an. Konsequent firmiert die Erzählung in der Moderne als „Gleichnis vom barmherzigen Vater“. Die verzeihende Liebe des Vaters steht in der biblischen Erzählung stellvertretend für die unendliche Liebe Gottes.

Verzeihung, Annahme und Neubeginn

„Not Alone Anymore“ hat starke Parallelen zu diesem biblischen Gleichnis vom barmherzigen Vater. Besonders die Zeile

„Ich werde dich durch den Regen begleiten,
durch Kummer und Schmerz“

erinnert an diese Erzählung von Verzeihung, Annahme und Neubeginn. Der im Song angesprochene Regen hat zudem eine tiefere Bedeutung: Er symbolisiert eine Reinigung in einem geistigen Sinn: In vielen Religionen muss das Alte erst weggespült weggespielt werden, damit etwas Neues beginnen kann.

Schmerz führt zu neuer Stärke

Spirituell gesehen ist ein echter Neuanfang nahezu zwingend mit Schmerz verbunden: Erst wenn etwas wehtut, ändern wir unsere Verhaltensmuster und entwickeln ein neues Bewusstsein. Vereinfacht gesagt: Man muss den eigenen Stolz überwinden, um zu mehr Mitgefühl und Einsicht zu gelangen. Wer das durchsteht, den schweißt das gemeinsam ertragene Leid umso enger zusammen. Ausgerechnet der Schmerz ist also der Weg zu neuer Stärke.
Diese Veränderung spiegelt sich im Text wider:

„Es tut weh wie nie zuvor.
Du bist nicht mehr allein.“

Die Zeile

„Ich konnte nie über das Gestern hinaussehen!“

zeigt, dass Menschen oft in ihrer Vergangenheit gefangen sind.

Nicht aufs Gestern starren

Sie starren auf das, was einmal war, und können ihre Gegenwart nicht richtig wahrnehmen. Oder wie mystische Traditionen sagen: Solange wir nur auf unser „Gestern“ schauen, fehlt uns der Blick für die ewige Wahrheit der Gegenwart. „Not Alone Anymore“ fängt genau diesen Moment des Erwachens ein: Plötzlich erkennt man die Begrenztheit des eigenen Denkens.

Am Ende wird „Not Alone Anymore“ besonders spirituell. Orbison singt:

„Du hast das Gefühl, dass alles vorbei ist.
Ich fühle es auch: Du bist nicht allein.“

Die Trennung zwischen dem „Ich“ (hier: dem Sänger) und dem „Du“, in diesem Fall die verlassene Geliebte, verschwindet. Sie werden eins.

Ich bin der, der für dich da ist

In der jüdisch-christlichen Mystik ist dieses Gefühl kein Zufall: Es ist ein Versprechen Gottes. Schon im Alten Testament begegnet der jüdisch-christliche Gott dem Mose als Jahwe, als „Ich bin der, der für dich da ist“.
Selbst wenn also alles weg zu sein scheint, ist der Einzelne nicht verlassen: Auch mitten im Leid ist Gott anwesend. Dadurch wird das Versprechen mehr als nur ein Trost zwischen zwei Menschen: Es ist die Zusage einer Begleitung durch Gott auch in schwierigsten menschlichen Situationen.

Fast gestrichen

Allein schon die Entstehungsgeschichte von „Not Alone Anymore“ rührt beinahe zu Tränen: Jeff Lynne, Autor des Songs, erklärt später, „Not Alone Anymore“ wäre mit lediglich drei sich wiederholenden Akkorden so einfach gestrickt gewesen, dass ihm der „Punch“ gefehlt habe. Daher habe der Song kurz davor gestanden, von der Tracklist gestrichen zu werden. Er, Lynne, war jedoch von Orbisons Gesang so begeistert und bedauerte, dass dieser durch den Song nicht genügend zum Tragen käme. Also ging er mit einem weiteren Toningenieur ins Studio, löschte den größten Teil der Begleitinstrumente und nahm auch an den Akkorden Veränderungen vor. Mit den unveränderten Vocals Orbisons neu abgemischt stellte er den restlichen Bandmitgliedern den Song vor. Und die waren begeistert.

Schwanengesang Orbisons

Heute gilt „Not Alone Anymore“ als eine der kraftvollsten Gesangsleistungen des Sängers aus Texas, nicht zuletzt weil er seine Stimme gegen Ende des Songs opernhaft in fast schon schwindelerregende Höhen schraubt. Als Orbison zwei Monate nach der Veröffentlichung des Songs stirbt, wird der Song aus der Rückschau zu seinem letzten großen Auftritt, zu einem sprichwörtlichen Schwanengesang: Einer alten griechische Legende (s.o.!) folgend bleiben Schwäne ihr Leben lang stumm, singen erst kurz vor ihrem Tod ein wunderschönes, trauriges Lied.

Du stehst nicht allein!

Egal ob man „Not Alone Anymore“ als Liebeslied oder als spirituellen Song interpretiert – die Botschaft bleibt dieselbe: Egal, wie weh es tut – du stehst nicht alleine da. Eine Versicherung, die tröstet und Kraft gibt, Probleme durchzustehen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass Liebe Wunden und Brüche heilt. Denn gerade Krisen bieten die Chance, die enge Verbundenheit miteinander zu erkennen. Tröstliche Gedanken, die weit über romantische Aussagen hinausgehen.

The Traveling Wilburys – Not Alone Anymore

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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