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Ezra, George – Dance All Over Me

Selten hat ein Sänger derartig ambivalente Gefühle ausgelöst wie George Ezra: Songs wie „Green Green Grass“, „Budapest“ und „Shotgun“ marschieren sofort bis in die hintersten Windungen der Gehörgänge und sind von dort kaum noch fortzubekommen. Das bereits erwähnte „Green Green Grass“ hat sogar einen fast schon philosophisch anmutenden Inhalt. Allesamt“ Prädikat großartig. Auch Songs wie „Anyone For You“ und „Gold Rush Kid“ stehen dem in nichts nach. Irgendwie nichts anderes als konsequent, dass George über sein aktuelles Album sagt: „Der Gold Rush Kid, der dem Album den Namen gab, das bin ich!“

Die andere Seite von George Ezra

Aber dann gibt es auch diese andere Seite von George Ezra. Die kommt immer dann zum Tragen, wenn der 29jährige sich an Balladen versucht. Nicht dass die schlecht wären – im Gegenteil. Aber die sind dann doch oft genug effektheischend, gelegentlich eine Spur Kitsch zu viel. Gut, dass es dieses Wort nur im Deutschen gibt und unsere Freunde auf der Insel keine Vorstellung davon haben, was wir damit meinen. Und eben wohl auch kein Kitschempfinden. Vermutlich aber würden sie gewaltig zusammenzucken, wenn wir die Balladen des Sohnes eines Lehrerehepaares als „cringe“ bezeichnen würden. Ein bisschen wenigstens. Ganz schön, aber doch zum Fremdschämen. Wie gesagt: ein bisschen!

Unverwechselbare Stimme

Wobei dieser Eindruck sofort wieder verschwindet, wenn Georges unverwechselbare voll Stimme ertönt. Der warme Bass nimmt den Zuhörer sofort in die Arme. Und manche Zuhörerin dürfte er geradezu aufsaugen. Ja, es gibt sie noch: Die Sänger, bei denen man sich diese hochgehaltenen Plakate vorstellen kann: „Ich will ein Kind von dir!“ Gibt es wohl bislang bei George nicht. Aber immerhin wäre damit der Bogen zum Jugendwort des Jahres 2021 geschlossen: Auch wenn derartige Plakate oder zumindest Gedanken der und dem einen oder anderen alles andere als „peinlich“ wären.

Siebte Auskopplung: Dance All Over Me

Etwas „cringe“, aber durch die Stimme sofort faszinierend – das gilt auch für „Dance All Over Me“, die mittlerweile siebte Auskopplung aus dem nun-dann-doch-schon-gar-nicht-mehr-ganz-so neuen Album „Gold Rush Kid“. Der erste Eindruck zu „Dance All Over Me“: Ist das eine Neuauflage von „Nothing Breaks Like A Heart“? Die älteren unter uns werden sich vielleicht noch an Mark Ronson und Miley Cyrus erinnern… Doch der zweite Eindruck

kommt schnell. Und der lautet: Der ehemalige Student am British and Irish Modern Music Institute in Bristol hat in der Abteilung „Songwriting“ eine Menge gelernt. Und sein langjähriger Weggefährte Joel Pott, mit dem George auch diesen Song gemeinsam geschrieben hat, steht ihm in nichts nach. Und um noch einmal zum Thema „schnelle Eindrücke“ zurückzukehren:
Auf den ersten Blick: oberflächlicher Text

Der Text ist dieses Mal eher oberflächlich. Zumindest gilt dies für Zeilen wie

„Willst du nicht hier sein, jetzt mit mir?
Tanz, tanz, tanz, lass es sein, sein, sein.
Tanz mich ganz und gar an.
Komm schon und tanz, tanz, tanz, lass es sein, sein, sein.
Heute Nacht mit mir, heute Nacht mit mir.“

Das ist nicht gerade ergiebig. Zum Glück aber gibt es auch andere Passagen, darunter diese hier:

„Es gibt Berge auf dem Mars und auch Flussbetten.
(Es gibt) unendlich viele Sterne. Und es gibt mich und dich.
Es gibt nichts, was man tun muss, man muss nur in Bewegung bleiben.“

Was ist gerade wichtig?

Hört man genau hin, ist auch das schon wieder philosophisch: Ja, es stimmt, die Wissenschaft ist in der Lage, Dinge festzustellen, die Otto Normalverbraucher kaum erfassen kann. Weil sie nämlich viel zu weit weg von seinen Alltagserfahrungen sind. Dazu gehört die Beschaffenheit eines Planeten, der im günstigsten Fall ein halbes Jahr entfernt liegt, im ungünstigsten Fall gut und gern auch zehnmal so weit. Alles wichtig, alles spannend. Aber es gibt auch Momente, in denen das alles nicht wichtig ist. Momente, in denen nur das „Ich“ und das „Du“ zählen. Zwei verschiedene Menschen, die einem gemeinsamen Takt folgen, die sich bei allen Unterschieden aufeinander abstimmen. Die auf der Tanzfläche mit der Musik und im gemeinsamen Rhythmus miteinander verschmelzen, für eine kurze Zeit eine Einheit bilden. Man kann geradezu süchtig nach dieser Erfahrung werden. Sich so sehr danach sehnen wie nach Wasser

„…wenn du durch die Wüste gehst und auf die Knie fällst…“

verliebter Junge vs. alle Krisen dieser Welt

Gekonnt schlüpft George Ezra wieder in seine Paraderolle, nämlich die des verliebten Jungen. Und das ist gut so. Gerade weil die Zeiten schwierig sind: Corona, Klimakrise, Energiekrise, Krieg in Europa – dem ließen sich noch viele andere Probleme der Gegenwart hinzufügen. Ein Rucksack, mit dem man in die Knie gehen könnte, in Pessimismus, Angst und Sorge erstarren könnte. Nein, sagt George Ezra mit „Dance All Over Me“: Lass uns die Sorgen für einen Moment vergessen. Lass uns die Harmonie zwischen uns beiden in den Mittelpunkt stellen. Lass uns tanzen und uns auf die Musik und uns selbst konzentrieren. So bleibt für die Probleme einfach kein Platz.

Optimismus statt Pessimusmus

Hoffnung statt Schwermut, Optimismus statt Pessimismus – das ist wohl die Lebensmaxime von George Ezra. Der mit seiner Musik gegen seine eigenen Zwangsstörungen, gegen seine eigene Besessenheit und Ängste, ansingt. Und allen vorlebt: Trotz aller eventuellen Befürchtungen für Gegenwart und Zukunft kommt es darauf an, das Beste aus seinem Leben zu machen. Am besten eine Stimmung zu entfachen wie bei einem Goldrauch. Mitten in dieser Aufbruchsstimmung hätte George Ezra seinen Platz. Schließlich ist er das „Gold Rush Kid“. Und deshalb ist „Dance All Over Me“ alles andere als „cringe“. Stattdessen ist es ein Song, der Herz und Seele berührt. Wohl eben genau deshalb, weil George Ezra versucht, ausschließlich an das Positive in seinem Leben zu denken. So wie eben in allen seinen Songs. George Ezra und „Dance All Over Me“.

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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