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„Pipes Of Peace“ von Paul McCartney – für einen Moment schweigen die Waffen (25. Dezember)

60 Millionen detonierende Granaten, Giftgasschwaden, Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett im Sturmangriff gegen die Maschinengewehrsalven des Gegners – so der Alltag im 1. Weltkrieg. Bis zum 15. Dezember 1916. An diesem denkwürdigen Tag wurde der Angriff auf Verdun abgebrochen. Gott sei Dank! Aber viel zu spät für Hunderttausende junger Menschen, die in diesem unsinnigen Stellungskrieg ihr Leben ließen.

Weihnachtssong durch Videoclip

Dieses historische Ereignis zum heutigen Tag lässt mich heute, an Weihnachten, an einen Song von Paul McCartney denken: „Pipes of Peace“ – „Pfeifen des Friedens“ heißt er. Mit Weihnachten hat der Song nichts zu tun, zumindest sein Text nicht. Zu einem Weihnachtssong wird er erst durch den zum Song gehörenden Videoclip. Er zeigt den Ex-Beatle in einer Doppelrolle: McCartney spielt sowohl einen deutschen wie auch einen englischen Soldaten, die sich in Schützengräben feindlich gegenüberstehen.

Weihnachten 1914

Was im Clip zu sehen ist, passierte tatsächlich, an jenem 24. Dezember 1914 an der Front in Belgien bzw. Frankreich: Zuerst schmücken die Deutschen ein paar herumstehende Bäume, dann singen sie Weihnachtslieder, darunter auch „Stille Nacht“. Grund genug für die Engländer, mit englischen Weihnachtsliedern zu antworten. Danach folgt eine Phase, in der die verfeindeten Soldaten aus sicherer Entfernung Weihnachtsgrüße austauschen Und schließlich gehen sie vorsichtig aufeinander zu, treffen sich im so genannten Niemandsland, tauschen sogar Whisky und Zigarren als Geschenke aus.

Bibellesung

Und sie lesen abwechselnd Passagen aus dem biblischen Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte“, heißt es dort, und weiter: „Und wenn ich auch wanderte im finsteren Todestal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und dein Stab, die trösten mich.“ Selbst die gefürchtete Artillerie weiß, dass Weihnachten ist. Deshalb schweigt sie für wenige Stunden.

Zwei weitere Jahre grausamer Krieg

In McCartneys Videoclip beginnen die Feinde sogar ein kleines Fußballspiel und zeigen sich gegenseitig die Fotos ihrer Frauen. Der Einschlag einer Granate bereitet dann allerdings der Verbrüderung feindlicher Truppen jäh ein Ende – und damit auch dem kleinen Weihnachtsfrieden. Wie grausam der

Krieg weitergeht, auf welch schreckliche Weise dann nahezu zwei unendlich lange Jahre Menschen ihr Leben in einem unsinnigen Krieg verlieren, blendet McCartneys Videoclip freundlicherweise aus. Gott sei Dank!
Merry Xmas Everyone

Jedes Jahr freue ich mich auf Weihnachtspop, dudele die alten Scheiben, die ich ansonsten das ganze Jahr über nicht spiele: Mit Chris Rea freue ich mich, dass er über verstopfte Autobahnen wenigstens an Weihnachten zu Hause sein will; ein breites Lächeln überzieht mein Gesicht, wenn Shakin‘ Stevens mit seinem „Merry Christmas Everyone“ vor allem an fröhliches Kinderlachen erinnert, Jona Lewie eine ganze Kavallerie zum Halten bringt und Noddy Holder, die alte Röhre von Slade, mit der für ihn üblichen Inbrunst die beste Botschaft der Welt mit „Merry XMas, everybody’s having fun“. Rauf und runter spiele ich diese Songs in der Weihnachtszeit und wünsche damit allen und jedem ein Weihnachtsfest mit Frieden in seinem Herzen.

If you want it

Wenngleich ich hinnehmen muss, dass John Lennon und Yoko Ono auf eine Weise recht hatten, die sie nicht im Sinn hatten: „Happy Xmas (War Is Over)“ intonierten sie schon vor ziemlich genau 50 Jahren. Lennon und Ono verbanden damit eine Hoffnung, wenn sie anfügten: „If you want it!“. Du musst doch nur wollen, Mensch. Dann herrscht Frieden. Für mich ist diese Formulierung ein Äquivalent zu dem Wort, das die Bibel mit ihrer Darstellung von der Geburt des Gottessohnes verknüpft: „allen Menschen, die guten Willens sind“, heißt es dort, je nach Übersetzung etwas unterschiedlich.

Hoffnung oder Schwachstelle?

Was für Lennon und Ono eine Hoffnung war, scheint mir in der Realität leider genau die Schwachstelle zu sein. Mir scheint, als ob es nicht genug Menschen mit gutem Willen gäbe. Und es ist ja auch kein Geheimnis, dass immer einige wenige Menschen von Kriegen profitieren. Egal, ob sie dadurch Macht über andere Menschen erlangen, deren Besitz plündern können oder lediglich daran verdienen, dass sie die Waffen verkaufen, deren Preis das Leben anderer Menschen ist. Hauptsache, es bringt etwas ein.

Fadenscheinige Begründungen

Notfalls reichen fadenscheinige Behauptungen, damit man Waffenlager räumen kann und die verwendeten Waffen durch neue gewinnbringend ersetzen kann. Da redet man schon mal gerne von bedrohlichen Massenvernichtungswaffen, die es zu vernichten gilt, auch wenn die später nie gefunden werden. Da behauptet man schon mal gern, man habe lediglich seit 5:45 Uhr zurückgeschossen. Wenn der Boden geschickt vorbereitet ist, reicht es völlig, wenn ein Fanatiker ein Attentat begeht wie 1914 in Sarajewo, um anschließend eine ganze Welt in einen Krieg zu stürzen. Oder wenn ein Unbekannter einen Molotowcocktail gegen die russische Botschaft in der Ukraine wirft? Hoffentlich gehört dies nicht zu den Gelegenheiten, die man gern ergreift, um sich fadenscheinig zu rechtfertigen, weil man ja nur zurückgeschossen habe. Krieg entsteht nicht, weil man „zurückschießt“, sondern weil man ihn will. Weil es den Menschen an guten Willen fehlt. Weil das Gegenteil gilt von „If you want it“.

Kampf gegen den eigenen Egoismus

Trotz alledem: Jene Begebenheit aus dem Jahr 1914 macht deutlich: Frieden an Weihnachten ist möglich! Frieden zwischen Feinden, zwischen einzelnen Menschen, in Familien. Aber es gilt: Wer Frieden will, muss auch etwas für den Frieden tun. Einfach die „Pipes Of Peace“, also eine Friedenspfeife zu rauchen und alles ist gut – so einfach ist das nicht. Um Frieden muss man sich bemühen. Muss auf den anderen zugehen, Probleme aus dem Weg räumen, Gründe für den Konflikt beseitigen. Dazu gehören eine vorurteilsfreie Annahme des Anderen und Selbstüberwindung. Denn der eigentliche Kampf, den es auszufechten gilt, ist das Hintanstellen des eigenen Egoismus. Schwer genug! Aber einen Versuch wert. Wenigstens an Weihnachten.

Pipes Of Peace – nicht nur an Weihnachten

Die historische Wirklichkeit, die hinter McCartneys Videoclip zu „Pipes Of Peace“ liegt, zeigt deutlich: Frieden an Weihnachten ist möglich. Je größer der Konflikt, desto „weiter oben“ sitzen die Verantwortlichen. Aber auch was die kleineren Konflikte anbelangt, gilt: Es liegt an jedem einzelnen, seinen Beitrag zum Frieden zu leisten. Und diesen Frieden dann das ganze Jahr über zu erhalten. Denn schließlich ist Paul McCartneys „Pipes Of Peace“ auch kein Song nur für die Weihnachtszeit.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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