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Zwischen den Jahren – Bedeutung und Herkunft des Begriffs (28. Dezember)

„Was machst du eigentlich zwischen den Jahren?“ Mit Mund- und Nasenschutz, dem üblichen Lärm auf dem Parkplatz des „Discounters meines Vertrauens“ erahne ich die Frage meiner Kollegin mehr als dass ich sie verstehe. Der Grund für meine richtige Ahnung: Jedes Jahr wird mir diese Frage gestellt. Üblicherweise bei Oma unterm Weihnachtsbaum, bei Verwandtenbesuchen, nach den Weihnachtsgottesdiensten, ja, sogar in der Warteschlange vor der Supermarktkasse.

Zwischen den Jahren und Corona

In diesem Jahr ist sie mit einer gewissen Ratlosigkeit verbunden. Denn immer schwingt auch die unausgesprochene Frage mit, wie ich mich in Zeiten von Corona verhalte. Kontaktbeschränkungen, als einschneidend empfundene Beschneidung von Möglichkeiten ausgerechnet in einer Zeit, in der viele es langsamer angehen lassen. In einer Zeit, in der sie Resturlaub nehmen und Überstunden abgleiten, um ihre persönlichen Konten vor dem Jahreswechsel auszugleichen. Aus dem alten Jahr ist irgendwie die Luft raus, das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Eine Art Übergangszeit. Was aber bleibt, ist die merkwürdige Formulierung: Zwischen den Jahren? Wieso „zwischen“?

Kalenderanhang der alten Ägypter

Die unfreiwilligen Erfinder dieser Übergangszeit, die wir mit „zwischen den Jahren“ bezeichnen, waren wohl die alten Ägypter. Die teilten schon vor rund 6000 Jahren ihr Jahr in zwölf Monate. Jeder Monat war gleichlang, jeder hatte 30 Tage. Macht also zusammen 360 Tage. Nun gehörten die alten Ägypter, ebenso wie die Babylonier, Inka, Mayas und andere antike Völker zu denen, die den Himmel sehr genau beobachteten und daraus wichtige Schlüsse zogen. Einer davon: Das Erdenjahr dauert 365 Tage. Genau genommen sogar ein kleines bisschen länger. Schlau wie die Herren vom Nil nun mal waren, packten sie einfach am Ende des abgeschlossenen Jahres fünf Tage hintendrauf. So ganz reichte das aber immer noch nicht, um den Rhythmus

der „kosmischen Zeit“ auf die Erde zu übertragen. Also musste es alle paar Jahre auch mal ein sechster Tag sein, um den die Ägypter ihr 360-Tage-Jahr ergänzten.
Cäsars Kalenderreform

Der Römer Gaius Julius Cäsar fand das ziemlich dämlich. Warum sollte die Differenz zwischen der ägyptischen Zeitrechnung und dem tatsächlichen Umlauf der Erde um die Sonne am Ende des Jahres in einer Art Hauruck-Verfahren ausgeglichen werden? Das könnte man doch auch irgendwie sanfter regeln. Also verteilte Cäsar die überzähligen Tage innerhalb des Jahres. Jeder zweite Monat bekam einen zusätzlichen Tag. So erhielten unsere Monate Januar, März, Mai, Juli, August, Oktober und Dezember jeweils einen zusätzlichen Tag.

Die Eitelkeit des Augustus

Wenn Sie jetzt sagen: Moment mal, bis zum Juli ist es tatsächlich jeder zweite Monat. Danach aber kommt die Zählung durcheinander! Dann muss ich Ihnen entgegnen: Sie haben Recht. Die Schuld an diesem Durcheinander liegt bei Cäsars Großneffen und Adoptivsohn Gaius Octavianus, der als Kaiser Augustus in die Geschichte eingegangen ist. Der ärgerte sich nämlich darüber, dass der nach Cäsars zweitem Vornamen Julius benannte Monat Juli 31 Tage hatte, der aber nach ihm benannte August nur 30. Und weil die Kaiser im römischen Reich nahezu allmächtig waren, verpasste Augustus „seinem Monat“ einen zusätzlichen Tag.

Gewaltige Umstellung

Hätte sich Gaius Octavianus „Kaiser Septemberus“ genannt, wäre uns dieses unrhythmische Hin und Her mit der Dauer einzelner Monate erspart geblieben. Und seinen Zeitgenossen, die ihre ganze Buchhaltung im laufenden Betrieb umstellen mussten, erst recht. Fragen Sie mal einen Steuerberater was für eine Mehrarbeit das ist, wenn die Regierung im laufenden Jahr irgendeinen Steuersatz verändert… Zumindest bekommen Sie dann mit Blick auf Augustus eine Ahnung, warum schon die alte Kirche die Eitelkeit zu den besonders schweren Sünden, den so genannten Todsünden rechnet.

Abzählen an den Fingernknöcheln

Wer es nicht auswendig weiß, kann die Monatslängen anhand der Fingerknöchel abzählen: Jede Erhebung ist ein Monat mit 31 Tagen, jede Vertiefung meint einen kürzeren Monat. Beginnen Sie an der linken Hand, ist der letzte Knöchel der Juli. Wechseln Sie zur rechten Hand hinüber, beginnen Sie mit dem Knöchel des Zeigefingers: August – 31 Tage.

Exkurs: Februar

Auch wenn das gar nicht hierhin gehört: Clever wie Sie sind, fragen Sie sich jetzt natürlich, ob man die Sache mit dem Februar nicht einfacher hätte lösen können. Hätte man. Das Ganze ist aber ein mathematisches Problem: Im römischen Kalender war der Februar der letzte Monat. Und weil bis dahin alle Tage verbraucht waren, blieben für den Februar nur noch 28 Tage übrig. Bis übrigens Augustus auf die Idee kam, die jährlich sechs fehlenden Stunden alle vier Jahre auszugleichen und die dann dem kürzesten Monat, eben dem Februar zuzuschlagen. Einfacher macht das unseren Kalender nicht.

Gregorianischer Kalender

Unsere Zeitrechnung geht im Wesentlichen auf den nach Cäsar benannten Julianischen Kalender zurück. 1582 ließ Papst Gregor XII. diesen Kalender noch einmal nachjustieren, so dass wir heute unsere Termine nach dem Gregorianischen Kalender planen.

Warum 2022?

Auch hier ein kleiner Nachtrag: Dass wir uns heute an der Schwelle zum Jahr 2022 befinden, haben wir dem Mönch Dyonisius Exiguus zu verdanken. Der kam nämlich auf die Idee, das Geburtsjahr Christi als Jahr 1 zu bezeichnen und anhand alter Chroniken und sonstiger Aufzeichnungen die seitdem vergangenen Jahre zu addieren. Nach seiner Rechnung befand sich Dyonisius dann im Jahr 525. Diese Zeitrechnung haben wir bis heute beibehalten. Dass sich Dyonisius um vier, vielleicht sogar um sieben Jahre verrechnete, spielt dabei keine Rolle. Dass Jesus von Nazareth genaugenommen im Jahr vier, vielleicht aber auch im Jahr sieben vor Christus (!) geboren wurde, interessiert allenfalls Kirchenhistoriker.

Jahresbeginn an Weihnachten

Ich weiß, ich weiß, ich schweife schon wieder ab. Aber immerhin haben Sie nun einen Eindruck, welch langer Weg es war, den ersten Januar zum Neujahrstag zu machen. Und selbst in Ländern und Kulturen, die einen anderen Kalender verwenden, wurde diese Zeitrechnung zumindest formal übernommen.
Da verwundert es nicht weiter, dass eine von der Kirche angestoßene weitere Kalenderreform kläglich scheiterte: der Versuch nämlich, den Jahreswechsel auf die Geburt Christi zu verlegen. Aus kirchlicher Sicht durchaus logisch und konsequent: Denn mit Jesus Christus, so die christliche Theologie, beginnt ein neues Zeitalter.

Sol invictus

Weil aber das tatsächliche Geburtsdatum – nicht das Jahr, sondern Monat und Tag – der Geburt Jesu Christi völlig im Dunkeln liegen, die Kirche aber aus taktischen Gründen mit ihrem Hauptfest das römische Fest des unsterblichen Sonnengottes (sol invictus) vergessen lassen wollte, legte sie das Geburtsfest Jesu auf den 25. Dezember. Damit war das Chaos perfekt. Denn dieser von der Kirche propagierte neue Jahresanfang lag nun knapp eine Woche vor dem Jahresanfang, der sich seit Jahrhunderten eingebürgert hatte. Wer jetzt Termine vereinbaren wollte, musste umständlich umrechnen. Kein Wunder, dass dieser Versuch einer erneuten Kalenderreform nicht erfolgreich war.

Kirchenjahr

Womit wir wieder bei „zwischen den Jahren“ angekommen wären: Wenn der von der Kirche kurzzeitg proklamierte Jahreswechsel an Weihnachten liegt, der aber ansonsten fest verwurzelte Jahresbeginn am 1. Januar, haben wir eine Zeit, die zwischen diesen beiden unterschiedlichen Jahreswechseln liegt. Eben „zwischen den Jahren“.
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass das so genannte Kirchenjahr seit dem späten Mittelalter mit der Vorbereitung auf die Geburt Christi, also dem 1. Adventssonntag, beginnt.

“Heiliges Jahr“: ab Weihnachten

Wem das alles noch nicht kompliziert genug ist, der sei auf eine andere Erklärung für „zwischen den Jahren“ verwiesen: Im 14. Jahrhundert führte die Kirche ein so genanntes Jubeljahr ein, das als „Heiliges Jahr“ bis heute erhalten ist. Seine Feier soll die Menschen in besonderer Weise an Christus erinnern. Drei symbolische Hammerschläge des jeweiligen Papstes gegen eine vermauerte Pforte im Petersdom, die Öffnung dieser Pforte und der höchst feierliche Einzug in einer festlichen Prozession eröffnen dieses „Heilige Jahr“. Und Sie ahnen es schon: Natürlich erfolgt die Eröffnung des „Heiligen Jahres“ exakt an Weihnachten. Auch wenn es im Normalfall dieses „Heilige Jahr“ nur alle 25 Jahre gibt, könnte es sein, dass die Zeit zwischen dem Beginn des „Heiligen Jahres“ und des üblichen Neujahrstages den Begriff „zwischen den Jahren“ geprägt haben.

Zwischen den Jahren?

Ach so, was ich zwischen den Jahren mache? Ein paar Überstunden abgleiten, meine Bude aufräumen, ein paar Briefe schreiben. Clubs und Discos haben ja geschlossen, Großveranstaltungen sind untersagt. Ist vermutlich auch besser so. Ohnehin muss ich noch einen Text zu Silvester schreiben. Wussten Sie eigentlich, dass dieser Tag nach einem alten Papst benannt ist? Aber davon erzähle ich Ihnen in drei Tagen. Also noch haarscharf „zwischen den Jahren“.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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