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Silvester – der Tag des Waldmenschen (31. Dezember)

Zehn, neun, acht… Ab spätestens heute Nachmittag zünden Kinder die ersten Kracher, mit dem beginnenden Abend starten die Silvesterfeiern und heute Nacht zählen wir die Sekunden: Zehn, neun, acht…. Mit Feuerwerksraketen, Krachern und Böllern begrüßen wir das neue Jahr. Wenn Sie jetzt sagen: Irgendwas stimmt doch da nicht…

Kaum Feuerwerk zum Jahreswechsel

Recht haben Sie. Denn das Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern wird die Knallerei anlässlich des Jahreswechsels dezimieren. Zum zweiten Mal hintereinander. Gestern habe ich ja schon darüber sinniert, ob die Aktion „Brot statt Böller“ dadurch Mehreinnahmen hat. Und dass wir unserer Umwelt jede Menge Feinstaub ersparen. Krachen wird es trotzdem ganz ordentlich. Vor allem in den Regionen, wo man nur mal eben über die Grenze fährt und sich dort mit Krachern und Feuerwerksraketen eindecken kann. Nie war es leichter, etwas Besseres zu sein, die allgemein geltenden Spielregeln für sich selbst außer Kraft zu setzen.

Der König ist tot…

Was allerdings bei diesem Jahreswechsel genauso ist wie bei jedem anderen: Wieder einmal scheint es so, als zählten vom heutigen Tag nur die letzten Sekunden. Kurz vor 24 Uhr das kollektive Starren auf die Uhren. 3 – 2 – 1, knallende Sekt-korken. Der König ist tot, es lebe der König. So ist es Brauch, so wird es auch heute Nacht wieder sein: Menschen fallen sich um den Hals, wünschen sich „alles Gute für das neue Jahr“. Und meinen damit: Das neue Jahr möge uns Glück bringen, Erfolg und, je nach persönlicher Einstellung, Gottes Segen.

Vor allem Gesundheit

Vor allem aber Gesundheit. Nach diesem erneuten Jahr der Pandemie zählt Gesundheit nicht mehr denn je. Aber den meisten Menschen ist bewusster geworden, welch hohes Gut doch die eigene Gesundheit ist. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass der Neujahrsmorgen tatsächlich mit guter Gesundheit beginnt. Vielen werden Bier, Schnaps, Silvesterpunsch und Neujahrssekt den Start in das neue Jahr eher vermiesen. An den Waldmenschen wird dabei vermutlich niemand denken.

Der Waldmensch

Waldmensch? Hat die Behlberg etwa schon vom Silvesterpunsch gekostet? Frei nach Alfred Tetzlaff: „Was ist denn da noch drin außer Rum?“ „Gar nichts! Das ist doch das Geheimrezept!“ Nein, keine Sorge, ich bin völlig nüchtern. Aber auf letztem Drücker muss ich einfach noch einmal mit

meinem großen Latinum angeben: lateinisch silva – der Wald; silvester – zum Wald zugehörig. Oder personalisiert: der Waldmensch, der Waldmann. Der Name des heutigen Tages. Bleibt zu klären, was dem letzten Tag des Jahres seinen Namen gab.
Christenverfolgungen

Rückblick: Im frühen vierten Jahrhundert ist die christliche Kirche an einen entscheidenden Wendepunkt gekommen: Um Platz für einen neuen Palast zu bekommen, hatte Nero (möglicherweise) Rom abgefackelt, schob den außer Kontrolle geratenen Brand Christen in die Schuhe und setzte zur Jagd auf den neuen Glauben an.
Kaiser Diokletian allerdings war noch ein größerer Christenschinder als Nero. Schlagartig allerdings enden die Christenverfolgungen. Als Konstantin Kaiser wird und damit mächtigster Mann der Welt, wird er selbst Christ.

Legende: In hoc signo vinces

Ob der Mann wirklich von dieser neuen Religion überzeugt war? Wer weiß das schon. Die Legende will es, dass Konstantin im Traum ein Kreuz, das Zeichen der Christen, sieht. „In hoc signo vinces“ soll er geträumt haben. Für alle, die nicht gerade auf Latein träumen: „In diesem Zeichen wirst du siegen“ lautet die Übersetzung ins Deutsche. Oder wie fromme Menschen den Traum deuten: Wenn du dich zum Christentum bekennst, wird Gott dich schützen und zum Sieg führen. Wobei es letztlich egal ist, ob Konstantin die ganze Angelegenheit träumte oder aber kurz vor der Schlacht eine entsprechende Erscheinung hat. So berichtet nämlich eine andere Version dieser Legende.

Keine Schlacht an der Milvischen Brücke

Wie auch immer: Realpolitiker übersetzen die Legende weniger fromm: Dass das römische Reich nach dem Tod des Galerius im Jahr 311 an vier Nachfolger, je zwei in „Westeuropa“ und zwei in „Osteuropa“, ist als Hintergrund wichtig. Entscheidend ist, dass Konstantin am 28. Oktober 312 seinen Widersacher Maxentius vernichtend besiegen konnte. Dass die (im wahrsten Sinne des Wortes) legendäre „Schlacht an der Milvischen Brücke“ wohl an einem ganz anderen Ort in der Nähe von Rom stattfand, gehört dann schon wieder zu den unwichtigeren Dingen.

Papst und Kaiser: Win-Win

Nun kommt endlich der Waldmensch ins Spiel. Zumindest fast: In jener Zeit amtierte Miltiades (auch Melchiades) als Nachfolger Petri auf dem Papstthron. Dessen Unterstützung und damit die der jungen christlichen Kirche konnte sich Konstantin wohl vor der entscheidenden Schlacht sichern. Und gewann! Als Gegenleistung erkannte Konstantin den Papst als kirchliches Oberhaupt an. Kluge Politik, göttliche Fügung oder alles purer Zufall? Wirklich geklärt werden wird das wohl nie. Klar ist nur: Kaiser Konstatin und der Papst brachten sich gegenseitig in eine Win-Win-Situation. Oder wie beide wohl in perfektem Latein formuliert hätten: manus manum lavat – eine Hand wäscht eben die andere.

Papst tauft Kaiser

Diese Politik kam vor allem dem Nachfolger von Miltiades zugute: Papst Silvester I. Wie gut Kaiser Konstantin und Silvester I. miteinander verbandelt waren, zeigt eine andere Legende: Demnach heilte nämlich der Gottesmann den Staatenlenker von einer unheilbaren Krankheit, vermutlich Lepra. Und das durch bloßes Handauflegen. Oder religiös formuliert: durch die Taufe. Eine schöne Legende, auch wenn sie erst aus dem 8. Jahrhundert stammt und dort lediglich Beiwerk einer der größten gefälschten Urkunden des sehr frühen Mittelalters, nämlich der so genannten Konstantinischen Schenkung. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Christentum als staatstragende Macht

Auch wenn sich Konstantin möglicherweise erst auf dem Sterbebett taufen ließ – entweder war er im Herzen schon lange überzeugter Christ oder aber ein schlauer Fuchs. Denn längst hatte er erkannt, wie stark der christliche Glaube war. Dagegen anzukämpfen, hätte unnötig Kräfte gebunden. Mit ihm zu paktieren aber sicherte dem Kaiser eine breite Unterstützung. Also gewährte er den bis dahin verfolgten Christen im Jahr 313 die freie Ausübung ihrer Religion – so wie allen anderen Kulten in seinem Reich. Denn Konstantin war viel zu sehr Realpolitiker, um es sich mit den Anhängern anderer Religionen zu verderben. Die vielfach beschworene Sonderstellung und Bevorzugung des Christentums folgte erst im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius I.

Glockenläuten statt heidnischer Bräuche

Da jedoch ab 313 die weltliche Macht die junge Kirche schützte, konnte Papst Silvester I. nun in aller Ruhe die Kirche neu organisieren und den Glauben ungehindert verbreiten. Die Vorläufer unseres Silvesterfeuerwerks allerdings waren dem umtriebigen Papst ein gewaltiger Dorn im Auge. Denn zu den heidnischen Kulten unserer Vorfahren gehörte es, mit allerlei Bräuchen, darunter auch gewaltigem Lärm, böse Geister zu verscheuchen. Böse Geister – das war dem Kirchenmann zuwider. Also beschloss Papst Silvester I., zum Jahreswechsel alle Kirchenglocken läuten zu lassen. Quasi ein Gegenprogramm, dass bis heute geblieben ist. Auch wenn es das Böllern nicht ersetzt hat. Da muss erst Corona kommen, um den Lärm zur Abwehr der bösen Geister drastisch einzuschränken.

Petersdom und Todestag

Bliebe zum Schluss noch nachzutragen, dass „der Waldmensch auf dem Papstthron“ der erste Papst war, der nicht wegen seines Glaubens ins Jenseits befördert wurde. Ihm verdanken wir den Bau des ersten Petersdoms. Der ging zwar im 15. Jahrhundert in Flammen auf. Aber die Grotten des heutigen Petersdoms befinden sich auf dem Boden dieser alten Basilika.

Weil übrigens Papst Silvester I. am 31. Dezember 335 verstarb, wird – wie in der katholischen Kirche so üblich – an seinem Todestag dieses Menschen besonders gedacht. Und genau deshalb bekam der heutige Tag seinen Namen: Silvester.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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