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Weihnachtstraditionen – ganz persönlich (19. Dezember)

Anfang des Monats habe ich Ihnen etwas über das mittlerweile legendäre Weihnachtsessen von Frank Zander erzählt: Der Sänger und Entertainer lädt seit Jahren rund 3.000 Obdachlose dazu ein, bewirtet selbst und schenkt Liebe und Geborgenheit. Zumindest für eine kurze Zeit. Aber ausschließlich an Menschen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ein sympathischer Kerl mit einer tollen Idee, die er auch zu Coronazeiten weiter pflegt, wenn auch ein wenig anders als sonst. Gefällt mir! Was mir noch gefällt: die Art, wie der Sänger und Entertainer seinen Weihnachtsbaum schmückt. Denn das ist in meiner Familie sehr, sehr ähnlich.

Hinter verschlossenen Türen

Bei meinem Großvater war das schon so, mein Vater hat es nicht anders gemacht. Und Frank Zander macht es genauso: Jedes Jahr morgens am 24. Dezember geht er ins Wohnzimmer. Allein! Die Tür ist nicht geschlossen, wenn auch nicht abgeschlossen. Denn jeder weiß: Jetzt will er nicht mehr gestört werden. Zuerst steckt er den Weihnachtsbaum in den Ständer. Dann nimmt er das Kabelgewirr vom Vorjahr aus dem Karton und montiert die Lichterkette. Jahr für Jahr stellt er dabei fest, dass wieder ein paar Lämpchen ausgetauscht werden müssen, sagt Frank Zander. Meinem Opa ging und meinem Vater geht das genauso.

Veränderte Deko, gleiche Abfolge

Dann die Weihnachtskugeln – mal rot, mal klassisch in Silber. Früher, als die Kinder noch klein waren, hing bei uns vor allem kleines Holzspielzeug im Baum. Das Schmücken des Baumes – Opa und mein Vater machten das immer allein. Auch als ihre Kinder längst erwachsen waren und prima helfen konnte. Die Deko änderte sich, die Abfolge war immer dieselbe. Und siehe da: Bei Frank Zander ist das nicht anders.

Erst wenn das Glöckchen läutet…

Bis der Baum fertig geschmückt ist, bleibt jedes Anklopfen unerhört. Schnell noch ein letzter Lichtertest – fertig. Dann werden die Lämpchen wieder abgeschaltet, leuchten erst wieder am Abend, passend zur Bescherung. Dann aber besonders feierlich. Draußen vor der Tür wartet die Familie darauf, dass

das Christkind endlich das Glöckchen läutet. Jenes Glöckchen, das durch seinen Klang erklärt: Jetzt haben wir Weihnachten. Das ist der Moment, in dem die Familie endlich hinein darf ins Weihnachtszimmer. So heißt das Wohnzimmer nämlich ab sofort augenzwinkernd. Denke ich an Weihnachten in der Familie, kann ich mich an nichts anderes erinnern. Und Sie ahnen es schon: Bei Frank Zander ist das alles genauso.
Abkehr von Traditionen

Eigentlich ist es ja schon merkwürdig: Das ganze Jahr über versuche ich, mich von Ritualen und Gewohnheiten zu befreien. An Weihnachten nehme ich alle Gebräuche und Traditionen, wie sie seit Jahren in unserer Familie gewachsen sind, gern wieder auf. Warum eigentlich? Und weshalb haben wir in unserer Familie überhaupt so viele weihnachtliche Gewohnheiten? Die, die ich das Jahr über loszuwerden versuche, haben ihren Sinn verloren. An Dingen aber, die leer und schal geworden sind festzuhalten, nur „weil man das so macht“ – das ist keine Option für mich. Die weihnachtlichen Traditionen und Gewohnheiten in meiner Familie sind nicht sinnentleert. In allem steckt eine lang gewachsene Liebe und Zuneigung.

Warten aufs Christkind

Auch wenn das Warten aufs Christkind seit Ende meiner Kindheit eher ein Spiel ist – es ist immer noch schön. Vielleicht auch, weil sich langsam die Erwartung steigert. Vor allem aber, weil die Rituale eine Hilfe dabei bieten, rechtzeitig runterzufahren. Wahrscheinlich kennen Sie das ja selbst: Arbeiten bis zur letzten Sekunde – dann den Schalter umzulegen, von „funktionieren“ auf „weihnachtliche Besinnlichkeit“ umzuschalten – das kann einfach nicht funktionieren. Gut, bei dem einen oder anderen vielleicht rein äußerlich. Aber innerlich?

Wie der Vater

So war das wohl auch schon bei Opa und meinem Vater, wenn sie am Heiligen Abend allein den Christbaum schmückten. Wenn mein Vater den Baum schmückt, denkt er, so erzählte er einmal, jedes Mal daran, dass Opa das genauso tat. Das Schmücken als eine Art meditativer Akt, um einfach rechtzeitig runterzufahren und zur Ruhe zu kommen. Warum auch nicht? Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist das – Sie ahnen es schon – bei Frank Zander genauso.

Kleine Traditionen, die meinen Vater, Frank Zander und mich seit der eigenen Kindheit begleitet haben. Angewohnheiten, die eben nie leer geworden sind. Traditionen, die immer noch tragen. Mit zunehmendem Alter kommt sogar der Wunsch nach dem Kirchgang wieder. Sagt Frank Zander.

Altmodisch?

In meiner kleinen Bude ist nicht viel Platz. Trotzdem steht dort ein Adventskranz, an dem ich Adventssonntag für Adventssonntag eine weitere Kerze anzünde. Heute Morgen die vierte. Ich genieße dieses schrittweise Zugehen auf Weihnachten. Dem Weihnachtsstress in der Redaktion zum Trotz merke ich gerade beim Entzünden der Adventskrankkerzen: Und wieder bin ich dem Ziel ein kleines Stück nähergekommen. Der einzige Grund, weshalb in meiner Bude tatsächlich auch ein Adventskalender hängst, an dem ich heute das 19. Türchen geöffnet habe. Altmodisch? Meinetwegen.

Handy im Flugmodus

In meiner kleinen Bude ist nicht viel Platz – das sagte ich ja schon. Entsprechend klein ist mein Weihnachtsbaum. Den werde ich gleich schmücken. Allein. Die Tür zu meinem kleinen Wohnzimmer ist dabei geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Niemand wird hineinkommen. Was nicht weiter schwierig ist, da ich in meiner Bude alleine wohne. Aber die Türklingel ist abgestellt, das Handy im Flugmodus. Damit mich ja niemand stört. Dann will ich noch mehr zur Ruhe kommen, mich beim Schmücken in einer Art meditativem Akt noch mehr auf Weihnachten vorbereiten.

Zuwendung

Am zweiten Weihnachtstag werden mich meine Eltern besuchen, den ersten Weihnachtstag werde ich ab dem Nachmittag bei meinen Eltern verbringen. Oma und Opa und meine verwitwete Oma werden ebenfalls dort sein. Unsere Kernfamilie wird also beisammen sein. Auch das gehört mittlerweile zu unseren weihnachtlichen Familientraditionen. Bei meinen Eltern kommen wir natürlich in der großen Küche zusammen. Erst wenn mein Vater – natürlich hinter seinem Rücken – das Glöckchen läutet, wird Mutter die Tür zum Weihnachtszimmer aufschieben. Auch wenn wir keine Kinder mehr sind, werden unsere Augen leuchten. Wir werden – ganz ehrlich – den Baum bewundern, den mein Vater wieder allein und – auch das wissen Sie ja nun schon – in einem nahezu meditativen Akt für uns alle geschmückt hat. Ein Baum, in dem seine ganze Zugewandheit zu uns steckt. Seine ganze Liebe. So wie jedes Jahr.

Gedanken

Sorry, aber jetzt muss ich Sie allein lassen. Schließlich habe ich selbst noch eine Menge zu tun. Mein Weihnachtsbaum muss fertig werden. Dabei werde ich an meine Eltern denken: wie mein Vater sich Jahr für Jahr ins Weihnachtszimmer zurückzieht; wie ich, aber auch meine Mutter erst nach dem Läuten des Glöckchens Vaters Prachtstück bewundern durften.
Ja, wenn ich unsere Familientradition auch in meiner kleinen Bude weiterleben lasse, dann gehört dazu, dass ich auch an die Liebe denke, die mit ernst gemeinten Weihnachtstraditionen weitergegeben wird. So wie eben von meinen Eltern. Und ganz sicher auch bei Frank Zander.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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