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Gemeinschaft durch Essen und Lausen – warum Social Distancing durch Corona so schwer fällt (14. Dezember)

Zoobesucher kennen das: Wenn Schimpansen nicht gerade durch ihr Gehege toben und vermeintlich Fangen spielen, sitzen sie oftmals beieinander und puhlen sich genüsslich die Läuse aus dem Fell. Sich gegenseitig zu lausen – Zoologen bezeichnen dies als unabdingbares Element des Sozialverhaltens von Menschenaffen. Komplizierte Formulierung! Einfacher erklärt: Nur der darf mir buchstäblich aufs Fell rücken, zu dem ich eine enge Beziehung unterhalte. Alle anderen sollten mir im wahrsten Sinne des Wortes besser nicht zu nahe kommen.

Nahrung teilen

Die Wissenschaftler sind sogar noch einen Schritt weiter: Auch das Teilen von Futter ist bei Schimpansen wichtiger Bestandteil sozialer Beziehungen. Und das weit mehr als die Fellpflege. Belegen können das die Forscher anhand von Urinproben. Die zeigen nämlich eindeutig: Schimpansen, die ihr Futter mit anderen Artgenossen teilen, haben deutlich mehr Oxytocin im Urin und damit in ihrem Körper als andere. Oxytocin – das kennt man auch aus anderen Zusammenhängen. Dabei handelt es sich um schlechthin das Bindungshormon überhaupt. Beim Menschen ist es für die Festigung der Mutter-Kind-Bindung zuständig.

Bindungshormon Oxytocin

Und bei allem Gerede über Gleichberechtigung, Frauen- und Mutterrolle: Soviel Oxytocin, wie eine Mutter im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes in ihrem Körper hat, wird ein Mann nie in seinem Körper haben. Zumindest nicht auf natürliche Weise. Braucht ein Mann auch nicht. Denn Oxytocin sorgt auch dafür, dass sich die Gebärmutter zusammenzieht und das Baby bei der beginnenden Geburt quasi aus dem Mutterleib herausdrückt. Sie ahnen schon: Wo keine Gebärmutter ist, braucht es auch kein Oxytocin. Nur gerade mal so viel, um glücklich zu sein. Denn Oxytocin ist auch ein Glückshormon. Ganz so gleich, wie manche das gerne möchten, sind Männer und Frauen also nicht.

Sprache deckt Zusammenhänge auf

Natürlich lassen sich solche Erkenntnisse über das Lausen und Oxytocin nicht ohne weiteres auf den Alltag von uns Menschen übertragen. Trotzdem setzt der Zusammenhang zwischen den futterteilenden Schimpansen und ihrem Oxytocinspiegel bei mir eine ganze Kaskade von Gedanken frei. Allein der Versuch, mir ein Leben ohne jegliches teilen vorzustellen, fällt mir schwer. Unsere Sprache, die mich immer wieder fasziniert, unterstreicht, wie so oft, auch hier die Zusammenhänge:

Henne oder Ei?

Viele Menschen fühlen sich bei einem geselligen Essen besonders wohl – beim Teilen einer Mahlzeit also. Teilen gehört unabdingbar zu einer Gemeinschaft. Wobei mir im Moment die Zuordnung von Henne und Ei unklar ist: Setzt eine Gemeinschaft das Teilen voraus oder ergibt sich aus der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft erst das Teilen? Darüber muss ich noch weiter nachdenken. Aber auch das gehört zu Kaskaden, dass sie nämlich ihre eigene, vorher nicht absehbare Dynamik erzeugen.

Mit – teilen

Wenn wir reden oder schreiben, also unsere Gedanken anderen zur Kenntnis bringen, hat unsere Sprache dafür das Wort „mitteilen“ geprägt. Wir teilen uns mit – großartig! Wir teilen aber auch aus – und stecken ein, wenn andere austeilen. Wir können mit – teilen, was wir erwarten und worauf wir hoffen.

Alle die, die dieselbe Hoffnung teilen, gehören auf einmal zur selben Gruppe, bilden eine Gemeinschaft: die Gemeinschaft derjenigen, die dasselbe hoffen. Analog diejenigen, die dieselben politischen Ideale miteinander teilen, die Liebe für denselben Fußballverein und und und. Faszinierend, dass das, was Menschen miteinander teilen, genau das ist, was sie miteinander verbindet.
Coincidentia oppositorum

Nahrung zu teilen, bedeutet wegzugeben. Also selbst weniger zu haben. Dort gilt: Teilen, also weggeben, bringt zusammen? Ohne jetzt zu philosophisch werden zu wollen, aber: Ist das dasselbe, was Nikolaus von Kues, der auch unter dem Namen Cusanus bekannt ist, mit seiner Coincidentia oppositorum bezeichnete? Dem Zusammenfall des Gegensätzlichen? Der beim Teilen von Ideen aufgehoben ist: Da wird nichts weniger. Eher im Gegenteil: Je mehr mitmachen, desto größer und gewichtiger wird die ganze Angelegenheit. Ach, Mama und Papa, ihr könnt stolz auf euch sein! Da hat es doch tatsächlich etwas gebracht, dass ihr mich zur Schule geschickt habt!

Teilen im Christentum

Von Nikolaus von Kues, der mit dem Zusammenfall der Gegensätze einen Gottesbeweis liefern wollte, komme ich unweigerlich zu einem anderen Aspekt. Bewusst wird mir der erst jetzt, während ich diesen Text schreibe: Wie clever war doch der Schachzug der Kirche, ausgerechnet das Teilen des Brotes, was Jesus zugeschrieben wird, zum Kernsymbol der christlichen Gemeinschaft zu machen? In den Gottesdiensten wird, je nach Konfession, Brot oder der Leib Christi geteilt. Das festigt die Zusammengehörigkeit, erzeugt sie aber auch erst einmal. Faszinierend! Wobei auch hier die Frage nach Henne und Ei bleibt: Entstand aus dem Brechen des Brotes, was ja nichts anderes meint als das Teilen einer Mahlzeit, nun diese Gemeinschaft, die sich später Christen nennt, oder ist da eine Gruppe mit gemeinsamen Interessen, die ihren Zusammenhalt durch gemeinsame Speisen unterstreicht? Was also war eher da? Henne oder Ei? Ein Gedanke, der nur eine analytische Fragestellung interessant ist. Für die Praxis ist wichtiger: Beides ist vorhanden! Das reicht.

Überleben der Art

Mir fallen Berichte von Hungernden ein, gehen Bilder von Kriegs- und Naturkatastrophen durch den Kopf, bei denen die, die selbst kaum genug für sich haben, anderen, die noch weniger haben, von ihrem Wenigen abgeben. Entstehen so Zweckgemeinschaften?
Falls irgendein Forscher diesen Text liest: Kann es sein, dass in Extremsituationen die Natur unserem Bewusstsein und unserem Verstand ein Schnippchen schlägt und so viel Oxytocin ausschüttet, dass der persönliche Egoismus quasi überflutet wird? Damit durch Zusammenhalt die Art überlebt?
Falls ja: Das stelle ich mir als spannenden Kampf vor – im Extremfall als Kampf zwischen dem Willen zum eigenen Überleben und dem – vielleicht – oxytocingesteuerten Zwang zur Erhaltung der Art.

So tickt Hollywood

Im wahrsten Sinne des Wortes wäre das der Stoff, aus dem Helden gemacht sind: Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen oder sogar opfern, damit die Art überlebt. Oder eben – etwas allgemeiner formuliert – um der guten Sache Willen. Hollywood, ich glaube, ich habe da soeben durchschaut, warum deine Heldenepen so faszinieren: weil die Prägung aus Urzeiten das gesellschaftlich anerzogene Bewusstsein besiegt. Weil Oxytocin stärker ist als unser moderner Verstand.

Corona: Verzicht auf Gemeinschaft

Ursprünglich wollten ein paar Freunde und ich am kommenden Wochenende einen runden Geburtstag feiern. Corona zwingt uns zur Vorsicht: Weil wir zwei junge Mütter dabeihaben, die wegen ihrer Schwangerschaften noch nicht vollständig geimpft sind, haben wir beschlossen, zu einem späteren Zeitpunkt zu feiern. Am liebsten würde ich jetzt sagen: Es fällt schwer, das Oxytocin in Schach zu halten. Social Distancing, wie man neudeutsch so schön sagt, tut weh. Der Drang, die wiederzusehen, die die gleichen Interessen und ähnliche Vorstellungen von einem friedlichen Leben und einer harmonischen Gesellschaft miteinander teilen, ist groß. Menschen, die man mag, hat man nun einmal gerne um sich, ist gern mit ihnen zusammen, teilt gern mit ihnen seine Zeit.

Immerhin wird mir klarer, woher der Wunsch kommt, mit Menschen, die man mag, zusammen zu sein. Und dass dieser Wunsch etwas mit dem Teilen zu tun hat. Irgendwie ein tröstlicher Gedanke. Vor allem deshalb, weil er mir zeigt, was man tun muss, um die Gemeinschaft mit anderen zu fördern und zu genießen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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