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Smith, Myles – My Mess

Manchmal geht die Musikindustrie eigenartige Wege. Obwohl der britisch-jamaikanische Sänger Myles Smith im Jahr 2025 auf seiner Scheibe „A Minute, A Moment“ 13 Songs veröffentlichte, gilt erst sein ein Jahr später erschienenes Album „My Mess, My Heart, My Life.“ als sein Debütalbum.

Lange EP und ein Album

Der Hintergrund: „A Minute, A Moment“ ist eine Zusammenstellung der ersten beiden EPs „You Promised A Lifetime“ und „A Minute“ von 2023 und 2024… und gilt deshalb – zumindest aus Sicht der Plattenindustrie – ebenfalls als EP. Dass dann drei dieser Songs noch einmal auf „My Mess, My Heart, My Life.“ erscheinen, die echte Debütsingle „Sweater Weather“ aber überhaupt nur als Single erhältlich ist, macht die Sache noch ein wenig unübersichtlicher. Für Streaming-Junkies deshalb die klare Ansage: „Sweater Weather“ als Single, dazu „A Minute, A Moment…“ sowie das Album „My Mess, My Heart, My Life.“downloaden – dann liegt das wahre Debüt von Myles Smith in kompletter Form vor. Dass drei Songs dann doppelt erscheinen, ist nun wahrlich zu verschmerzen. Zumindest mehr als die Tatsache, dass die 2025er Collaboration mit Shaboozey, „Blink Twice“, ebenfalls nur als Single erhältlich ist. Ärgerlich. Aber päpstlicher als der Papst müssen wir ja auch nicht sein…

Außergewöhnliches Album: My Mess, My Heart, My Life.

Lassen wir diese veröffentlichungs- und chartstechnischen Details aber außer Acht, dann ist „My Mess, My Heart, My Life.“ das Debütalbum von Myles Smith – und was für eins! Vor allem ein äußerst biographisches. Denn Grundlage für die 15 Songs – die Kollaboration mit Niall Horan („Drive Safe“) gehört auch dazu – sind Notizen und Tagebucheinträge, die Myles fünf lange Jahre akribisch gemacht hat. Notizen, die vor allem mit der therapeutischen Behandlung in Zusammenhang stehen, der sich Myles zwischen seinem 19. und 24. Lebensjahr unterzog.

Drei Teile, drei Themen

Deshalb lassen sich die 15 Songs des Albums auch in die drei Teile einteilen, die der Albumtitel „My Mess, My Heart, My Life.“ quasi vorgibt: Songs wie „My Mess“ (Track 1 des Albums), „Hold Me In The Dark“ (Track 2) und „Sertraline“ (Track 6) stehen für eine zerrüttete Kindheit mit Angstzuständen, Depressionen und emotionalen Verletzungen; „Hate You“ (Track 3), „Grandma’s Place“ (Track 4) und „Drive Safe“ (Track 7) handeln von hochemotionalen, intensiven Beziehungen und persönlicher Nähe; „Stargazing“ (Track 12), „Stay (If You Wanna Dance)“ (Track 14) und „Gold“ (Track 15) stehen dagegen für ein Licht am Ende des Tunnels bis hin zum Ankommen im Hier und Jetzt. Und damit für Zufriedenheit, Lebensfreude und Befreiung, wenn man so will, dann sogar Erlösung nach einem bislang sehr beschwerlichen Leben. Und vor allem Hoffnung und jede Menge Optimismus für das, was da noch kommen mag. [alle benannten Songs hier (Amazon)]

Chaos in der Kindheit

Das Album beginnt mit dem familiären Chaos, in dem Klein-Myles aufwächst. Er singt:

„Weinende Schwestern, zuknallende Türen, Teller fliegen durch die Luft –
ich wurde in eine zerrüttete Familie hineingeboren,
in der ein einziges Wort einen Krieg auslösen konnte.
Ich verlor meine Stimme, als ich meine Meinung sagte.
Er packte mich am Hemd und hinterließ blaue Flecken auf meinen Wangen,
sagte, ein Mann müsse sich mit einem 13jährigen Jungen messen.“

Erfahrungen, die einen Menschen auf seinem späteren Lebensweg belastend begleiten. Zitat:

„Es tut mir leid, dass ich so verdammt unentschlossen bin.
Ich wurde dazu erzogen, einfach nur zu tun, was man mir sagt.
Und ich hasse es, dass ich immer noch so bin.
Ich lerne immer noch, auf eigenen Füßen zu stehen.“

Kadavergehorsam sucht Überlebensstrategie

Viel dicker kann es kaum kommen! Der Song beschreibt eine Erziehung durch physische Gewalt und emotionalen Druck. Verlangt wird blinder Gehorsam. Jeglicher Widerspruch oder ein sonstiges „falsches“ Wort werden mit einer Prügelattacke beantwortet – und zwar durch die männliche Bezugsperson, vermutlich den Vater. Zwangsläufig führt dies zur Suche nach einer Überlebensstrategie: Ein wesentlicher Bestandteil davon ist die Flucht in die Selbstisolation, im Song beschrieben als „Verlust der eigenen Stimme“: Wer nicht mehr spricht, vermeidet jedes Wort, das den nächsten Gewaltausbruch hervorrufen könnte.

Überangepasstheit

Das Beharren auf blindem Gehorsam verfolgt Betroffene wie Myles bis ins Erwachsenenalter: Dies zeigt sich in der Angst, nur ja nicht vorschnell etwas Falsches zu sagen oder zu tun – eine Überangepasstheit, die sich zum Beispiel als Unentschlossenheit äußern kann. Als wäre es nicht schlimm genug, geben sich Betroffene oftmals selbst die Schuld dafür und ordnen ihre Unentschlossenheit als Charakterfehler ein, obwohl sie in Wahrheit Folge der autoritären, unfrei machenden Erziehung ist.

Resignation… und Flucht

Auffällig, dass es neben Formen der Resignation auch Widerstand gibt: Obwohl sich der damals 13jährige nicht gegen die Allgewalt der Erziehungsperson wehren kann und sich ein Stück weit seinem Schicksal ergibt, setzt er später alles daran, sich von dieser Vergangenheit zu distanzieren. Im Song nennt Myles konkrete Maßnahmen:

„Ich habe versucht, meinen Kleidungsstil zu ändern,
Habe sogar den Kontakt zu meinen alten Kumpels abgebrochen
und mir die Haare gefärbt.“

Oberflächliche Veränderungen reichen nicht

Schnell kommt die Erkenntnis: Oberflächliche Reformen reichen nicht! Oder wie es im Song heißt:

„Aber meine Wurzeln reichen tief
und der Schmerz in meinem Herzen ist immer noch da.
Ich bin immer noch nicht in der Lage, mich zu öffnen,
nicht einmal den Menschen gegenüber, die ich liebe.“

Vom Opfer zum eigenständig Handelnden

Wie immer, wenn Schmerz und Unheil das Leben prägen, ist der Wunsch, wieder heil zu werden, umso größer. Dies ist auch in Myles Smith Song „My Mess“ der Fall. Allein das Eingeständnis, dass es eben nicht irgendein Chaos ist, sondern Müll, der untrennbar zum eigenen Leben dazugehört, ist ein Schritt zur Erlösung, zur individuellen Heilung. Diese Heilung erfolgt nicht in einem einmaligen Akt, sondern ist ein langer, möglicherweise lebenslanger Prozess.

Statt sich weiter für die Symptome zu entschuldigen –

„Es tut mir leid, dass ich so verdammt unentschlossen bin“ –

verändert sich die persönliche Haltung, nämlich vom Schuldbewusstsein hin zur Annahme. Der entscheidende Unterschied: Der schuldbewusste Blick auf „mein Fehler“ führt zum Verbleiben in der Opferrolle; der Blick auf „mein Leben“ aber eröffnet Perspektiven zum eigenständigen Handeln.

Rückeroberung des eigenen Lebens

Die mehrfache Wiederholung von „This is my mess, my heart, my life“, die sich letztlich auf „This is my life“ reduziert, macht deutlich: Hier kämpft jemand darum, das Schuldbewusstsein, in das er hineingetrieben wurde, hinter sich zu lassen und seine Existenz vollständig anzunehmen – trotz der vorhandenen Brüche in seinem Leben.

Zu erkennen und zu akzeptieren, dass dies das eigene Leben ist, eines voller Macken und Schmerz, aber eben das eigene Leben, ist ein erster wesentlicher Schritt, um sich zu orientieren. Insofern handelt „My Mess“ davon, wie man sein Leben trotz schlechtester Voraussetzungen selbst in die Hand nimmt. Oder um in der Sprache des Songs zu bleiben: wie man sich nach Jahren des blinden Gehorsams mühsam die eigene Stimme zurückerobert.

Beinahe übersehen: der Punkt!

Noch ein Blick auf den Titel des Albums: Zu den kleinen, leicht zu übersehenden, aber äußerst wichtigen Feinheiten gehört die Tatsache, dass der Albumtitel mit einem Punkt endet. Dies ist insofern bemerkenswert, da ja bekanntlich ein Satz, der mit einem Punkt endet, grammatisch vollständig ist; etwas, das absolut nichts Weiteres mehr braucht um zu existieren. Als Teil des Albumtitels ist dieser kleine Punkt ein, wenn man so will, „Ich habe fertig“ des Musikers. Ein Desiderat, das aus eigener Erfahrung und voller Überzeugung sagt: Die Hölle kann man hinter sich lassen. Trotzdem – oder vielleicht nun erst recht deshalb – sind wir gespannt, für welche Überraschungen Myles Smith in Zukunft noch gut sein wird.

Hörer auf einer Achterbahn der Gefühle

Das Album „My Mess, My Heart, My Life.“ nimmt seine Hörerinnen und Hörer mit auf eine Lebensreise von emotionalem Chaos und Brüchen im Leben („Mess“) über tiefe, intensive Gefühle („Heart“) bis hin zu Akzeptanz und Zufriedenheit des Ist-Zustandes („Life“). Wer sich darauf nicht einlassen will, wird dem Album wenig Neues abgewinnen können. Wer sich jedoch auf die aktuellen Sounds und vor allem hochemotionalen Texte einlässt, dem steht eine Achterbahnfahrt der Gefühle bevor. Sogar gut möglich, dass die einzelnen Songs wegen ihres hohen Identifikationsfaktors bei Menschen mit ähnlichen Erlebnissen alte Wunden erneut aufreißen lassen. Das kann anstrengend und auch schmerzhaft sein, endet aber tröstlich: Denn am Ende steht die Überzeugung, dass sich irgendwann einmal alles wieder zum Guten wendet: „My Mess“ ist ein autobiographisches Beispiel, wodurch allein der Song schon Trost spendet und Hoffnungen weckt.

Myles Smith – „My Mess“

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Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

Weitere Beiträge der HitStory bei Radio Salü: hier.

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