Grammer, Andy – Love Is The New Money
„Lieber dich und kein Geld als allein auf der Welt“ – diese Textzeile sorgte 1972 bei dem ein oder anderen für glänzende Augen. Vor allem dann, wenn Ramona Wulf dieses zugegeben leichte und unbeschwerte Stück deutscher Schlagerkultur in der ZDF-Hitparade zum Besten gab (übrigens damals noch mit dem unvergessenen Dieter-Thomas Heck). Und genau diese Haltung besingt auch Andy Grammer in „Love Is The New Money“: Liebe als neue Währung.
Unbeschwerte Schlager- und Popkultur der 1970er Jahre
Zurück zu Ramona Wulf und 1972: Sie hat dieses Lebensgefühl von „Liebe statt Geld“ ins deutsche Fernsehen gebracht. Ramona – so ihr damaliger Künstlername – war ab 1970 Mitglied der Formation Silver Convention und damit jenem Trio, dem auch Linda G. Thompson und eine gewisse Gertrude Haberl, besser bekannt als Penny McLean, angehörte.
Ramona und der Bump
Eltern und Großeltern werden sich erinnern: Ein paar Jahre später brachte jene Penny McLean mit dem Bump einen neuen Modetanz ins Land, bei dem man nicht nur die Hüften kreisen ließ, sondern Hüften und Po gegen dieselben Körperteile der Tanzpartnerin resp. des Tanzpartners stieß. Nein, mit Kung Fu hat das nichts zu tun, selbst wenn Carl Douglas 1974 zwei Songs darüber in die Charts brachte. Bei Penny McLean hieß das Ganze „Lady Bump“ und erfolgte spielerisch, sanft und fast schon zärtlich.
Wobei: Angesichts von Hüftsteifigkeit und viel zu viel Herumgesitze heutzutage in den Büros wäre dieser Tanz ja geradezu eine Lockerungsübung für die Mittagspause… Ah, nein, stopp und alles zurück – wir hören schon regelrecht, wie irgendwo ganze Personalabteilungen und Gleichstellungsbeauftragte Schnappatmung bekommen…
Esoterik und Kirchengemeinde
Und deshalb: Sorry, wir verzetteln uns mal wieder. Machen wir es ab jetzt also kurz: Nach ihrer musikalischen Karriere machte Frau Haberl, mittlerweile als Frau Münzer verehelicht, vor allem durch Esoterikveranstaltungen und rund 20 Bücher aus dem weiten Themenfeld der Lebenshilfe, vielleicht auch eher der Esoterik auf sich aufmerksam. Und eingangs angesprochene Ramona (Wulf) engagiert sich heute ganz abseits des großen Medienrummels in ihrer Kirchengemeinde in Berlin. Womit wir wieder bei „Lieber dich und kein Geld als allein auf der Welt“ angekommen wären. Denn Geld scheint nicht alles zu sein.
Liebe wichtiger als Geld-Songs
Ganz nebenbei bemerkt: Etliche Popsongs quer durch die Jahrzehnte bekennen sich dazu, dass Liebe wichtiger ist als Geld, darunter „Can’t Buy Me Love“ und „All You Need Is Love“ (1964 bzw. 1967, beide Beatles), „Money“ (1973, Pink Floyd), „Money, Money, Money“ (1976, ABBA), ironisch „Money Changes Everything“ (1983, Cyndi Lauper), ebenfalls ironisch „Material Girl“ (1984, Madonna), „Bills, Bills, Bills“ (1999, Destiny’s Child), „No Scrubs“ (1999, TLC), „Price Tag“ (2010, Jessie J), „Billionaire“ (2010, Bruno Mars), „Paper Rings“ (2019, Taylor Swift) u.v.a.
Andy Grammer und „Love Is The New Money“
In „Love Is The New Money“ greift auch Andy Grammer schon vor drei Jahren das Thema Liebe und Geld auf. Er verpackt diese Idee unter dem Schlagwort „Liebe als neue Währung“ – so wird das Thema inhaltlich brandaktuell.
Ziemlich zügig entzaubert Andy Grammer das Materielle: So angenehm Geld, Status und Luxus auch sind – wirklich reich machen sie einen Menschen nicht. Andy singt:
„Ein weiterer Scheck reicht nicht aus,
eine weitere Uhr beweist nichts.
Auf keinen Fall kannst du Geld festhalten!“
Zeit rennt, Geld zerrinnt
Besonders das Symbol der Uhr verrät viel: Zeit lässt sich nicht kaufen, egal wie teuer die Uhr auch ist. Und Geld hält man schon gar nicht fest – es rinnt durch die Finger. (Dass dies bereits die Bibel unter Mt 6,19-21 ausgeführt hat, haben wir im Beitrag zu Benson Boone – „The Time Of My Life“ bereits ausführlich dargelegt.) Was bleibt, ist Andy Grammers nüchterne Erkenntnis:
„Status und Verschwendungssucht können mir nichts von dem geben,
was ich wirklich brauche.“
Der Refrain dagegen zeigt einen anderen Weg:
„Ich fühle mich gerade verdammt reich,
denn Liebe ist das neue Geld!“
Wenn du die wahre Liebe findest, dann hast du auch dein Lebensglück gefunden – damit könnte die Besprechung des Songs enden. Aber das würde zu kurz greifen.
Spirituell-religiöse Andeutungen
Denn der Text enthält Aussagen, die ihn für spirituell-religiös geprägte Menschen auf eine höhere Stufe heben. So heißt es:
„Ich will deinen Verstand daran erinnern,
dass du in Liebe schwimmst.
Wenn du das nicht sehen kannst,
kann ich versuchen, es zu singen.
Ich liebe dich – versuch doch mal zuzuhören.
Wenn ich dazu neue Sprachen lernen muss, dann los:
‚Ich liebe dich, je t’aime, wo ai ni, te amo.‘
Vielleicht hören ja sogar Außerirdische mein Signal!“
Mystik: alles von Gott durchdrungen
Die Vorstellung, in Liebe zu schwimmen, erinnert an mystische Traditionen, nach denen alles von der Liebe Gottes durchdrungen ist. Eine solche Wahrheit nicht für sich zu behalten, sondern sie sogar singend zu verkünden, bedeutet, alles zu geben. Das hat fast schon missionarische Züge und erinnert an eine Predigt.
Wann sprechen wir endlich alle dieselbe Sprache?
Doch es geht noch heftiger: Für die einmal erkannte Wahrheit ist der Sänger sogar bereit, sprachliche Grenzen zu überwinden. Religiös sozialisierte Menschen denken dabei unweigerlich an eine besondere biblische Erzählung: An Pfingsten feiern Christen die Überwindung der Sprachverwirrung durch Gottes Hilfe. Wenn alle Menschen – auch im übertragenen Sinn – dieselbe Sprache sprechen, bedeutet das genau genommen: Alle kommen friedlich miteinander zurecht. Ein größeres Glück ist kaum vorstellbar, zumindest nicht angesichts der gesellschaftlichen und weltpolitischen Gegebenheiten unserer Zeit. Zugleich ist dies eine Botschaft, die sogar Außerirdische hören und verstehen müssten, so der Song. Das verleiht Andys Einschätzung einen universalen Charakter.
Liebe als Fähigkeit
Besonders auffällig ist schließlich, dass der Song Liebe nicht als Gefühl, sondern als Fähigkeit beschreibt: „besser lieben“, „intensiver lieben“, ein Gelehrter in Sachen Liebe werden, der für die richtige Handhabung der Liebe sogar mit einem Doktortitel ausgezeichnet wird, als „Champion der Zärtlichkeit“ in die Geschichtsbücher eingehen – diese blumigen Formulierungen haben einen tieferen Kern: Moderne Paarberatung empfiehlt vielfach die sogenannte „Beziehungsarbeit“: Liebende sollen die Entwicklung ihrer Beziehung nicht dem Zufall überlassen, sondern sich aktiv, bewusst und zielgerichtet um sie kümmern, für sie arbeiten.
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens
Die Grundlage für dieses Denken legte vor rund 70 Jahren der Psychoanalytiker Erich Fromm mit seinem Werk „Die Kunst des Liebens“: Für Fromm ist Liebe eine Kunst – man kann sie nicht nur erlernen, sondern muss sie mit Konzentration, Disziplin und Geduld üben und pflegen [vgl. dazu den Beitrag zu Olivia Dean – So Easy (To Fall In Love)].
Liebe schenken
Egal, ob man den Text spirituell, religiös, psychologisch oder profan versteht – die eigentliche Botschaft lautet: Eine Kultur, in der Geld, Luxus und gesellschaftlicher Status das Streben der Menschen beherrschen, braucht eine neue Währung. Die Mittel, sie einzuführen, liegen auf der Hand: Lasst uns wegkommen vom eigenen Egoismus, vom Leben „in Saus und Braus“ zu Lasten und auf Kosten anderer. Lasst uns das überwinden, was uns trennt oder auseinandertreibt. Lasst uns einen gemeinsamen Weg zu einem glücklichen Leben suchen.
Das einzige, was wirklich zählt und dauerhaft zufrieden macht, ist aufrichtige Liebe. Und die kann man nicht kaufen. Die kann man nur geschenkt bekommen – und selber schenken.
Andy Grammer – „Love Is The New Money“
→ Hier geht’s zum Song (Amazon)
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
Weitere Beiträge der HitStory bei Radio Salü: hier.
HeavenOnAir verweist auf eigene Inhalte, bietet weiterführende Links und nutzt Affiliate-Links zu Amazon. Mit diesen Links kann HeavenOnAir eine kleine Provision für qualifizierte Käufe verdienen, was zur Unterstützung der Seite beiträgt, ohne dass für Sie zusätzliche Kosten entstehen.
Kommentare
Hinterlassen Sie ein Kommentar