Santos, Nico – Why Don’t You Stay
„Why Don’t You Stay“ ist einer der jüngsten Hits von Nico Santos – und die Bedeutung dahinter überrascht viele Hörer. Nein, „Why Don’t You Stay“ handele nicht von seiner Frau, erklärte Nico Santos unlängst bei Ina Müllers Schnabbel- und Sabbelrunde „Inas Nacht“. Und kam mit der Müllerin überein: Wenn man alles, über das man schreibt und singt, wirklich selbst erlebt hätte, dann müsste man schon uralt sein. Oder so ähnlich. Dabei ist Nico gerade einmal 33 Jahre alt. Gerade einmal neun Monate alt war er, als seine Eltern ihn nach Mallorca „verschleppten“ – vor allem, weil es dort wärmer war als in Bremen. Und weil der Papa die Insel noch als Hippie erlebt und lieben gelernt hatte. (Alle Hinweise auf Nicos Vater, der als „Melitta Mann“ zwischen 1989 und 1999 in rund 130 Werbespots im deutschen TV zu sehen war, wurde schon oft genug erzählt. Deshalb lassen wir das an dieser Stelle komplett weg.)
Why Don’t You Stay: Wer ist Nico Santos?
Für Nico hieß das: mit dem mallorquinisch geprägten Spanisch groß zu werden und ganz nebenbei auch Deutsch zu lernen. „Der Typ ist total dumm“, würde er denken, wenn er heute ältere Mails von sich selbst lese: Grammatisch in Ordnung, Kommata da, wo sie ihm am passendsten erschienen, auch wenn das die allgemeinen Kommaregeln ganz anders sehen – bis dahin unterscheidet das den Sänger kaum von vielen Zeitgenossen. Aber sein damals äußerst geringer Wortschatz bringe ihn auch heute noch zum Fremdschämen, formuliert er sinngemäß. Und ist dabei so locker, dass man das Gefühl, man sehe eine der besten Runden mit „Singen, Sabbeln und Saufen“ (O-Ton Ina Müller) live aus dem Hamburger Schellfischposten.
Live-Performance: Why Don’t You Stay bei und mit Ina Müller
Dass Nico das Showgeschäft von der Pike auf gelernt hat, weil er im Robinson-Club auf Malle mit deutschen Urlaubern konfrontiert wurde, auf die sich der junge Nico damals einstellen musste, merkt man dem heutigen Sänger an. Unglaublich offen, natürlich und ungehemmt kommt er rüber und bringt das Publikum in und außen vor der kleinen Location immer wieder zum Lachen. Als er dann endlich „Why Don’t You Stay“ singt, die Müllerin – wie so oft – brillant die zweite Stimme übernimmt und die von ihr liebevoll „Shantie-Schnullies“ genannten Mitglieder von „De Tampentrekker“ einfallen, ist der Abend gelaufen. Und das im positivsten vorstellbaren Sinn.
Warum „Don’t You Stay“? – Songtext im Detail
Gewaltigen Anteil daran hat aber auch der Song, den Nicos Santos präsentiert. In „Why Don’t You Stay“ singt er:
„Ich denke immer wieder daran:
Wir fuhren, bis die Sonne hoch am Himmel stand.
Du hattest dieses T-Shirt mit dem Kirschaufdruck.
Ich schwöre, ich wollte mich nie verlieben.
In der Nacht gehörtest du mir,
hast versprochen, dass sich nie etwas ändern würde.
Ich schätze, wir haben es einfach verblassen lassen.
Warum bleibst du nicht?
Denn seit du weggegangen bist, fahre ich durch eine Geisterstadt.
Warum bleibst du nicht?
Ich habe in Santa Fe die Liebe gefunden,
aber du hast mich auf dem Beifahrersitz sitzen lassen.“
Die Symbolik in „Why Don’t You Stay“
Auf dem Beifahrersitz – im Deutschen klingt das weitaus weniger dramatisch als im englischen Original. Denn das „Riding shotgun“ verweist auf die bewaffneten Beifahrer auf Postkutschen, die mit ihrer Schrotflinte in der Hand die wertvollen Güter in den Kutschen vor Banditen beschützten. Und weil dieser Hintergrund zumeist fehlt, musste schon der 1954 gedrehte Western Riding Shotgun für seine deutsche Ausgabe mit dem weitaus weniger dramatischen Titel „Dieser Mann weiß zu viel“ vorlieb nehmen.
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Leere statt Freiheit
Dementsprechend geht es eben auch in „Why Don’t You Stay“ um ein Drama: Denn hier geht es um das Ende einer gemeinsamen Lebensreise: Die Fahrt, die ursprünglich bis zum Sonnenaufgang dauern sollte, endet abrupt. Statt Freiheit und vor allem Nähe endet das Ganze in einer Geisterstadt, einer „Ghost Town“. Also: in einem seelischen Zustand, der von Öde und Leere geprägt ist. Schöne Bilder, die Nico Santos da verwendet, auch wenn sich vielleicht nicht alle für den deutschen Michel auf den ersten Blick erschließen.
Die Bedeutung von Santa Fe in „Why Don’t You Stay“
Denn schließlich ist es auch kein Zufall, dass der Song mehrfach Santa Fe erwähnt: Dieser Ort in New Mexico gilt als Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen: indigene, mexikanische und anglo-amerikanischen Lebensstile stoßen aufeinander, dazu die ausgeprägte katholische Tradition, nicht zuletzt entstanden durch die spanischen Missionen vor Ort, lassen Santa Fe als einen spirituellen Zufluchtsort erscheinen: Ausgerechnet hier, wo Träume wahr werden können, enden sie in einem Alptraum. Dass Nico seinen Song also ausgerechnet in Santa Fe spielen lässt, erhöht die Fallhöhe des Dramatischen enorm.
Die Kernbotschaft von „Why Don’t You Stay“
Symbolträchtig gewählt ist also der Ort, an dem eine Beziehung endet. Ohne Groll, ohne Geschrei oder sonstige Dramatik. Stattdessen gelassen, gerade so als gebe es ein stilles Einverständnis: Vielleicht gehört es ganz normal zum Leben, dass sich gemeinsame Wege irgendwann einmal trennen – zumindest dann, wenn es die gemeinsamen Vorstellungen so weit auseinander gehen, dass sich Beziehungen überlebt haben. Dass man vorher alles daransetzen sollte, dass eine Partnerschaft lebendig bleibt, versteht sich dabei von selbst.
Die Suche nach dem Schuldigen
Sobald irgendetwas schiefläuft, sucht man heutzutage sofort nach einem Schuldigen. „Why Don’t You Stay“ zeigt zwar die persönliche Verletzlichkeit des Sängers, verzichtet aber auf jede Form von Anklage. Daraus entwickelt sich die Botschaft des Songs: eine schöne gemeinsame Zeit nicht im Nachhinein schlechtzureden und auch die Erinnerung daran mit negativen Emotionen zu belasten; und nicht zu verschweigen, dass die menschliche Sehnsucht nach einer dauerhaften, belastbaren Verbindung für die meisten Menschen eine starke Kraft in ihrem Leben ist. Und ganz nebenbei: Auch nach einer Trennung gelassen und wertschätzend miteinander umzugehen eröffnet der Möglichkeit eines Umdenkens, eines Neubeginns eine Chance.
Warum Nico Santos mit Lalala endet
Klar, dem könnte man noch eine Menge hinzufügen und sicher auch entgegnen. Macht Nico Santos aber bewusst nicht, sondern (beginnt und) beendet seinen Song mit einem wiederholen „Lalala“. Ein Zeichen dafür: Für die Trennung findet er keine weiteren Worte. Die einfach anmutenden Silben sind ein Echo dessen, was nicht mehr ausgesprochen werden kann. Und von all dem, was über die Sprache hinausgeht. Und trotzdem, soweit das geht, fröhlich bleiben!
Nico Santos – „Why Don’t You Stay“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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