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Pretenders – Don’t Get Me Wrong

„Don’t Get Me Wrong“ – „Versteh mich nicht falsch“: Es gibt Dinge, die lassen sich auch mit den Mitteln der Vernunft nicht so ohne Weiteres erklären. Dazu gehört auch die Liebe zu einem anderen Menschen. Sie ist oft unerklärlich, eine Art Geheimnis, bei dem jeder Liebende auf Annahme, Verständnis und Verzeihung angewiesen ist. Die Pretenders haben das Thema gegen den Strich gebürstet und einen Song darüber gemacht: „Don’t Get Me Wrong“.

The Avengers – Mit Schirm, Charm und Melone

Zwischen 1961 und 1969 liefen im britischen Fernsehen sagenhafte 161 Folgen der Serie „The Avengers“. Mit dreijähriger Verspätung konnten sich Fernsehzuschauer auch bei uns über eine deutsch-synchronisierte Fassung freuen. Die hörte auf den schillernden Titel „Mit Schirm, Charme und Melone“. Der Schirm und der als Melone bezeichnete Bowlerhut verkörperten die typischen Klischees eines englischen Gentleman, während Charme vor allem der weiblichen Hauptdarstellerin vorbehalten war. Diana Rigg brillierte als Emma Peel, Patrick Macnee spielte John Steed.

Synonym Emma Peel

Auch wenn es von den deutschen Fernsehzuschauern anfangs gar nicht bemerkt wurde, gilt diese Aussage lediglich für die Staffeln vier und fünf der Serie. Der banale Grund: Das ZDF stieg 1965 erst mit der vierten Staffel der Serie ein. Und die war gleichzeitig das Seriendebüt für Emma Peel. In der deutschen Wahrnehmung war also „Mit Schirm, Charme und Melone“ ohne Emma Peel anfangs überhaupt nicht denkbar. Die wurde zu einer Art Synonym für die Serie: Wem der Titel „Mit Schirm, Charme und Melone“ zu lang war, der erinnerte Arbeitskolleginnen und -kollegen rechtzeitig daran, dass „heute Abend“ wieder „Emma Peel“ über den Bildschirm flimmerte. (Wobei das „Flimmern“ angesichts der technischen Qualität damaliger Fernseher eine durchaus zutreffende Formulierung darstellte!)

Nur ganz wenige Folgen mit Emma Peel

Diese tatsächlich allein deutsche Wahrnehmung änderte sich erst, als (in Deutschland im August 1970) in Staffel sechs die weibliche Hauptfigur neu aufgestellt wurde: Linda Thorson spielte nun die Agentin Tara King. Unfreiwillig verstärkte der deutsch-französische Kultursender arte im Winter 2010/2011 diese neue, Emma-Peel-lose-Wahrnehmung, als er endlich 54 bis dahin in Deutschland nicht gezeigte Folgen ausstrahlte: die Folgen 6 und 15 der ersten sowie die gesamten Staffeln zwei und drei … richtig, alle ebenfalls ohne Emma Peel! (Und ebenfalls richtig: 24 weitere Folgen der ersten Staffel wurden bis heute überhaupt noch nicht im deutschen Fernsehen gezeigt!)

Schirm, Charme und Melone 2.0

Lassen wir einmal außen vor, dass es in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre unter dem Titel „The New Avengers“ eine Neuauflage mit weiteren 26 Folgen gab, alle mit John Steed, aber wieder ohne Emma Peel, und 1998 sogar einen Kinofilm, in dem Uma Thurman die weibliche Hauptrolle übernahm, so bleibt vor allem in Erinnerung: „The Avenger“ alias „Mit Schirm, Charme und Melone“ prägten das Genre der Geheimdienst-Serien nachhaltig, sind eine bis heute faszinierende Mischung aus Spannung, englischem Humor und typisch britischer Schrulligkeit. Auffällig auch, dass beide Hauptfiguren tunlichst eine professionelle Distanz zueinander einhielten. Aber vor allem Emma Peel wurde dank ihrer modernen Lederoutfits, zudem intelligent, hübsch, unabhängig und im doppelten Sinne des Wortes schlagfertig zu einer frühen Ikone der Popkultur.

Chrissie Hynde Suche nach John Steed in „Don’t Get Me Wrong“

Da stellt sich natürlich die Frage, was das alles mit den Pretenders zu tun hat. Fans wissen es eh: Als die Band 1986 ihr viertes Studioalbum „Get Close“ veröffentlichte und daraus als vierte Single „Don’t Get Me Wrong“ auskoppelte, nutzte sie für den dazu gehörigen Videoclip Szenen aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ bzw. „The Avengers“. Kurzerhand schlüpfte Chrissie Hynde dabei in die Rolle der weiblichen MI5-Agentin Emma Peel und begab sich auf die Suche nach ihrem Partner John Steed. Geschickt nutzten die Macher des Videoclips ausgewählte, überwiegend in schwarz-weiß vorliegende Original-Szenen der Serie und kopierten die schauspielernde Chrissie Hynde mit damals mehr oder weniger neuartigen technischen Möglichkeiten in diese Szenen hinein. So entstand der Eindruck, als würden Chrissie Hynde alias Emma Peel und John Steed tatsächlich gemeinsam agieren – schon damals, rund 20 Jahre nach der Erstausstrahlung der Serie im britischen Fernsehen, ein gelungener Retro-Spaß. Und weil die typisch britischen Klischees und die Spionage-Motive bis heute tragen, ist das Ganze immer noch ein köstlicher Spaß – ganz davon abgesehen, dass Chrissie Hynde 1986 selbst für eine eigenwillige, coole und emanzipierte Frau stand.

“Don’t Get Me Wrong“ – Inhalte

Inhaltlich hat „Don’t Get Me Wrong“ mit all dem… überhaupt nichts zu tun. Chrissie Hynde singt:

„Versteh mich nicht falsch, wenn ich irgendwie verwirrt wirke.
Ich sehe Neonlichter, sobald du vorbeigehst.
Versteh mich nicht falsch, wenn du ‚Hallo‘ sagst
und ich mich auf eine Reise begebe auf ein Meer,
über dem der geheimnisvolle Mond mit den Gezeiten seine Spielchen spielt.
Wenn ich so abgelenkt wirke, denke ich an das Feuerwerk,
das beginnt, sobald du lächelst.“

Ganz besonderes Liebesgeständnis

Hinter „Don’t Get Me Wrong“ verbirgt sich ein ganz besonderes Liebesgeständnis: Wenn ich auf dich zerstreut und geistesabwesend wirken sollte, dann ist das nur der äußere Anschein. In Wirklichkeit mache ich soeben eine Erfahrung, die ich nicht kontrollieren kann: nämlich wie überwältigend die Anziehungskraft eines Menschen sein kann. Also, bitte, bekomme das nicht in den falschen Hals – ich kann gerade nicht anders.
Um diese Achterbahn der Gefühle möglichst intensiv beschreiben zu können, verwendet Chrissie Hynde Wetterphänomene als passende Metaphern.

Wetterphänomene in „Don’t Get Me Wrong“

Sie singt:

„Wenn ich mich wie gebrochenes Licht aufteile,
dann bin ich nur unterwegs,
um durch eine mondbeschienene Meile zu streifen.“

Und noch plastischer:

„Plötzlich gibt es überall Gewitter!
Wer kann den Donner und den Regen erklären?
Aber irgendetwas liegt in der Luft!“

Aufgabe dieser großartigen sprachlichen Bilder ist es, die Mächte, die in einer unvorhersehbaren Natur wirken, spürbar zu machen. Weil diese Mächte leicht auf menschliche Beziehungen übertragbar sind, schafft „Don’t Get Me Wrong“ auch für die Liebe eine dichte, geheimnisvolle, spirituell-mystische Atmosphäre:

Mystische Gestaltung von „Don’t Get Me Wrong“: Mond

Der Mond gilt für viele bis heute als eine mystische Kraft. Schon antike Religionen verehrten den Mond als Gottheit, deuteten die vier Mondphasen – Vollmond, abnehmender Mond, Neumond, zunehmender Mond bis hin zum nächsten Vollmond – als Belege für Geburt und Wiedergeburt. Vielfach galt der Mond (und gilt zum Teil heute noch) als Symbol oder gar Ort von Kräften wie Unterbewusstsein, Emotionen und dem Weiblichen schlechthin.

Mystische Gestaltung von „Don’t Get Me Wrong“: Wasser

Wasser ist lebensnotwendig und wird dadurch zu einem unübertreffbaren Symbol, nämlich zum Symbol des Lebens. Im Judentum dient ein Tauchbad in lebendigem (!) Wasser der rituelles Reinigung, im Christentum ist das Übergießen mit Wasser (ggf. auch Untertauchen) in der Taufe das Zeichen für die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft.

Mystische Gestaltung von „Don’t Get Me Wrong“: Donner

Der Donner gilt in Judentum und Christentum schon früh als „Stimme Gottes“ (Psalm 29); die germanische Gottheit Donar oder Thor wird aus gutem Grund zum Namensgeber des Wochentags Donnerstag bzw. Thursday: Denn hierbei handelt es sich um den Gott des Wetters und der Fruchtbarkeit, der auch der als Schutzgott für die Welt verstanden wird; in der hinduistischen Mythologie heißt der König der Götter, der selbstverständlich über das Wetter und damit über Donner und Regen gebietet, Indra.

Rhetorische Frage in „Don’t Get Me Wrong“

Die bereits zitierte Frage

„Wer kann den Donner und den Regen erklären?“

lässt ich im Zusammenhang des Songs nur rhetorisch verstehen. Sie verleiht dem Song schlagartig eine philosophische Tiefe: Was man nicht erklären kann, ist eben größer als der menschliche Horizont. Für Christen, Hindus und Buddhisten ist das Unaussprechliche ein direkter Verweis auf das Göttliche.

Philosophische Anklänge

Der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein versuchte deutlich zu machen, wie sehr unser Denken an die Regeln und Grenzen unserer Sprache gebunden ist. Auf die o.g. rhetorische Frage würde er antworten:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Wer es trotzdem versucht, läuft Gefahr, den Gesprächsgegenstand buchstäblich zu „zer-reden“.

Bitte um Nachsicht

Mond, Meer, Licht und Donner schaffen nicht nur eine romantische Atmosphäre, sondern verleihen der Liebe eine Dimension, die nicht kontrollierbar ist – gerade so, als ob sie ihren Ursprung nicht in der Welt der Menschen hat. Zudem stehen die Mächte der Natur sowohl für verliebtes Herzrasen, wie auch für die leichte Verletzlichkeit innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung. Beides findet sich auch in der Textzeile „Versteh mich nicht falsch“: zum einen die Bitte um Nachsicht, Wahrgenommenes nicht falsch zu deuten; zum anderen der große Respekt vor dem, was eben nicht mit bloßer Vernunft erklärt werden kann, weil es Bestandteil einer andere Hemisphäre zu sein scheint.

Der persönliche Umgang mit dem Unfassbaren

Daraus ergibt sich auch für den Hörer die Frage, wie er selbst auf nahezu Unfassbares reagiert; wie er mit Situationen umgeht, die manchmal zu gewaltig sind, um sie allein mit Vernunft und Logik erfassen zu können. Indirekt liefert der Song bereits eine Antwort, die zu einem Lebensprinzip werden kann: sich gegenseitig die eigene Unvollkommenheit verzeihen, vor allem dann, wenn sich bestimmte Situationen und Ereignisse nicht erklären lassen. So wird „Don’t Get Me Wrong“ zu einer Aufforderung, sich respektvoll und verzeihend gegenseitig anzunehmen. Und im Zweifelsfall Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, bevor sie entstehen. Eine Faustformel zum Glücklichsein nicht nur 1986, sondern auch heute.

Pretenders – „Don’t Get Me Wrong“

Nachtrag: Geschrieben hatte Chrissie Hynde den Song für den ehemaligen Tennisstar John McEnroe, selbst ein begeisterter Gitarrist und den Pretenders freundschaftlich verbunden. Als Chrissie Hynde Jahre später auf einem Flug mit British Airways unterwegs war, fiel ihr eine Melodie auf, die eine Borddurchsage begleitete – eine Melodie, die sich von ihr unbemerkt in „Don’t Get Me Wrong“ eingeschlichen hatte. Denn diesen Song hatte sie während eines Fluges mit British Airways geschrieben.

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

Weitere Beiträge von Classic Rock & Glaube bei Classic Rock Radio: hier.

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