Costello, Elvis & Attractions, The – (What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding
Bei manchen Songs gibt es so viel zu erzählen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Einer davon stammt von Elvis Costello & The Attractions und heißt „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“. Und allein das ist schon nur die halbe Wahrheit.
Valentinstag 1979, Long Beach, Ca
Aber fangen wir ganz anders an, nämlich beim Mittwoch, dem 14. Februar 1979. Elvis Costello & The Attractions befinden sich auf Promotour für ihr einen Monat zuvor erschienenes zweites Album „Armed Forces“. Zwei Songs daraus sorgen für Furore: Soeben ist „Oliver’s Army“ in die britischen Charts eingestiegen, wird sich bis zum 10. März auf Platz 2 vorschieben. Im Mai wird „Accidents Will Happen“ folgen. Das alles liegt für Elvis, seine Band und die Konzertbesucher in Long Beach, Kalifornien, noch in der Zukunft. Was aber greifbare Realität ist: Weil gerade Valentinstag ist, verschenkt die Band an die Konzertbesucher eine Single. Eine, die es nur an diesem Tag gibt, nie regulär in den Plattenläden: Der Song heißt „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“. Glücklich ist, wer dieses seltene Exemplar ergattern konnte. (Bitte schon einmal im Gedächtnis behalten: Produzent Costellos war in jener Zeit ein gewisser Nick Lowe. Dazu gleich mehr…)
Von US-Plattenbossen aufs Album gehievt
Aber es geht noch einen Tick kurioser: Denn auf der zeitgleich in Großbritannien erschienenen LP ist „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ gar nicht enthalten. Columbia Records, Costellos US-amerikanisches Vertriebslabel, hatte den Song in letzter Sekunde durchgedrückt und als zwölften und damit letzten Track aufs Album gepackt. Dafür strichen die Ami-Bosse kurzerhand „Sunday’s Best“, das ihnen zu britisch erschien. Natürlich ist dieser Song auf dem britischen Longplayer enthalten. So weit, so gut.
Coverversion von Nick Lowe (Brinsley Schwarz)
Natürlich könnte man auch etwas ganz Anderes erzählen: Zum Beispiel, dass der Song eine Coverversion ist. Er stammt aus der Feder des britischen Singer/Songwriters Nick Lowe (s.o.), damals noch bei der Pub-Rock-Band Brinsley Schwarz. Und obwohl Gitarrist und Sänger Dave Edmunds im Tonstudio die Regler bediente und dem Song einen letzten Schliff gab, kam er nicht in die Charts. Dass er das 1974er Album „The New Favourites Of Brinsley Schwarz“ eröffnete, half da auch nicht weiter. Brinsley Schwarz lösten sich auf, der Namensgeber der Band und seine Mitstreiter versuchten es allesamt solo. Und „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ geriet in Vergessenheit. So sieht Misserfolg aus.
Neuaufnahme mit Elvis C in disguise
Bis zum Herbst 1978. Da ging nämlich Nick Lowe ins Studio, nahm die Single „American Squirm“ auf und spielte quasi im selben Atemzug „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ neu ein. Dieses Mal allerdings begleitet von „Nick Lowe And His Sound“. Tatsächlich verbargen sich hinter diesem Pseudonym Elvis Costello & The Attractions. Der banale Hintergrund: Rechtliche Bindungen verwehrten Costello und Co., mit ihrem Klarnamen in Erscheinung zu treten.
Der Kampf um die Charts
Wie das Schicksal manchmal so spielt: Lowes A-Seite „American Squirm“ schaffte es nicht einmal in die Charts. Aber das neu aufgenommene „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ wurde Schritt für Schritt zum gefeierten Klassiker. Und noch ein Bonmot: Als Lowes Album „Labour Of Lust“ in den USA erschien, hatten auch hier die Plattenbosse eine Änderung gegenüber der britischen Version vorgenommen: Kurzerhand ersetzten sie den Song „Endless Grey Ribbon“ durch „American Squirm“. Ach, hätten sie doch nur die Single-B-Seite aufs Album gepackt.
Money, money, money dank The Bodyguard und Curtis Stigers
Bei all dem Ungemach bleibt ein dicker Trost. Und der hängt zusammen mit Curtis Stigers. Dem gelang es nämlich, seine Version von „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ auf den Soundtrack von „The Bodyguard“ zu packen. Der verkaufte sich bekanntermaßen weltweit über 45 Millionen Mal, gilt bis heute als meistverkaufte Filmmusik aller Zeiten… und dürfte Songschreiber Nick Lowe ein paar Euro an Tantiemen eingebracht haben. Eine ganze Reihe weiterer Coverversionen sowie die Verwendung in der letzten Staffel der Superheldenserie „Legion“ unterschlagen wir an dieser Stelle aus Zeit- und Platzgründen.
„(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ – der Song
Dritter Versuch: Dazu bieten sich die Inhalte von „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ wunderbar an. Im Song heißt es nämlich:
„Während ich durch diese böse Welt gehe
auf der Suche nach Licht in der Dunkelheit des Wahnsinns,
frage ich mich: ‚Ist alle Hoffnung verloren?
Gibt es nur Schmerz, Hass und Elend?‘“
Biblische Sprache
Die Sprache ist hier auffällig biblisch geprägt: Mit dem Symbol der Finsternis beschreibt das Johannesevangelium die Welt als gottlos und böse; erst Gottes Liebe vertreibt das Böse, macht die Welt wieder hell. Ein Motiv, das, wenn auch in etwas anderer Form, im alttestamentlichen Psalm 23 anklingt, wenn es heißt:
„Auch wenn ich wandere im finsteren Tal…“
Kein Zufall. Denn mit der Bibel kennt sich Autor Nick Lowe bestens aus. Er interessiere sich massiv für Glauben und Kirchen, liebe Gospelmusik, besuche gern leere Kirchen, und verfüge über die komplette Ausrüstung, um gläubig zu sein. Sein Nachteil sei jedoch, dass er nicht an Gott glaube.
Klagende (und warnende) Propheten
Dabei befindet er sich mit seinem Song in bester biblisch-prophetischer Tradition: Wie der alttestamentliche Hiob benennt Lowe das Elend der Welt; wie der Prophet Jeremia fragt Lowe nach einem tieferen Sinn hinter all den Schrecken seiner Zeit. Eine Antwort findet er nicht. Im Gegenteil: Er erntet Spott. Noch so eine Sache, die er nicht versteht. Deshalb fragt er:
„Was ist so lustig an Frieden, Liebe und Verständnis?“
Alte Weisheit: Der Prophet gilt im eigenen Land… nichts!
Aus Sicht Lowes eine rhetorische Frage. Die aber auf einer konkreten Erfahrung beruht: Ende der 1960er Jahre demonstrierten Zehntausende junger Menschen gegen den Krieg der USA in Vietnam, wandten sich von ihren Eltern als Vorbild ab und plädierten für „Love and Peace“, Liebe – gemeint war freie Liebe – und Frieden. Mit dem Ende der Hippiebewegung erscheinen ihre Werte auf einmal in einem anderen Licht: Wer offen von Frieden und Liebe redet, wird belächelt, wenn nicht gar offen verlacht, als naiv und realitätsfern bezeichnet. Vor allem findet er weder Gehör noch Glauben.
Verlacht, bedroht, getötet – verblüffende Parallelen
Die Parallele zu biblischen Propheten ist verblüffend:
- Josef wurde von seinen eigenen Brüdern (aus Neid) in einen Brunnen geworfen, später als Sklave nach Ägypten verkauft (Gen 37,18–28);
- Elija erhielt Todesdrohungen und wurde psychisch so sehr unter Druck gesetzt, dass er sich selbst wünschte zu sterben (1 Kön 19,1–4);
- Der Prophet Micha sagte dem König Ahab voraus, er würde eine Niederlage erleiden, wenn er in die Schlacht zieht. Dafür wurde er geschlagen, verhaftet und „bei Wasser und Brot“ gefangen gehalten (1 Kön 22,13–27);
- Weil den Herrschenden seiner Zeit die Sozialkritik des Amos missfiel, wurde er beschimpft, des Hochverrats bezichtigt und aus dem Heiligtum Bethel vertrieben – wenn man so will ein Verlust von Amt, Arbeit und Einkommen (Am 7,10–13);
- Jesaja soll – einem apokryphen Bericht zufolge – in einem hohlen Baum zersägt worden sein (aus der Apokryphe „Martyrium des Jesaja“ Kap. 5, mutmaßliche Anspielung in Hebr 11,37);
- Jeremia wurde in einen schlammigen Brunnen und ins Gefängnis geworfen (Jeremia 37,15–16 und Jer 38,4–6);
- Johannes der Täufer wurde gefangengenommen und auf Wunsch der Königstochter Salome enthauptet (Mt 14,3–12).
(Die Reihe ließe sich weiter fortsetzen.)
Wer ist wirklich der „Clown“?
Menschen werden also verlacht, weil sie sich für Ideale einsetzen. „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ dreht die Stoßrichtung um. Letztlich fragt der Song: Ist es nicht absurd, dass Ideale wie Frieden, Liebe, Verständnis und Rücksichtnahme als geradezu peinlich gelten, stattdessen aber Gewalt, Zynismus und Härte gesellschaftlich akzeptiert werden?
Von Love and Peace zu Love, Peace And Understanding
In seinem Song erweitert Nick Lowe den Slogan der Hippies „Love and Peace“, macht einen Dreischritt daraus und verändert die Reihenfolge. (Der Slogan „Love, Peace And Music“, das dem Woodstock-Festival von 1969 zugeschrieben wird, ist eine spätere Setzung. Tatsächlich hieß das Festival „Woodstock Music & Art Fair“. Erst im Untertitel findet sich die Bezeichnung „3 Days of Peace & Music“). Etwas pathetisch formuliert, wird Lowes Dreiklang „Peace, Love and Understanding“ zu einer „Dreifaltigkeit der Menschlichkeit“.
Die wirkliche Bedeutung von Frieden, Liebe und Verständnis
Mit Blick auf religiöse Traditionen bedeutet dies:
- Frieden ist mehr als „kein Krieg“ und bedeutet einen Zustand von Unverletztheit und Gerechtigkeit;
- Liebe bedeutet im Sinne der neutestamentlichen Nächstenliebe ein harmonisches, vollkommenes Miteinander und Fürsorge eines jeden, für den, der Hilfe benötigt;
- Verständnis meint vor allem das Bemühen, seine Mitmenschen zu begreifen, statt sie zu verurteilen.
Ideale immer bedroht
Dass die drei Ideale Frieden, Liebe und Verständnis nur schwer zu erreichen sind, weiß auch Nick Lowe. In „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ heißt es:
„Während ich durch unruhige Zeiten gehe,
wird meine Seele manchmal so niedergeschlagen.
Wo also sind die Starken und wer sind die Vertrauenswürdigen?
Wo ist die Harmonie, die süße Harmonie?
Jedes Mal, wenn ich spüre, wie sie mir entgleitet, möchte ich einfach nur weinen.“
Immer noch aktuell. Leider!
Das friedliche, verständnisvolle und gerechte Miteinander ist immer wieder bedroht, droht immer wieder zu entschwinden – eine traurige, aber realistische Erkenntnis. Denn sie zeigt, dass es eines immerwährenden Bemühens bedarf, um Frieden, Liebe und Verständnis aufrechtzuhalten und zu sichern. Genau das ist der Grund, warum „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ auch über 50 Jahre hinweg nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Elvis Costello & The Attractions – „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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