Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Parker, Graham – Hey Lord, Don’t Ask Me Questions

Vor 40 Jahren veröffentlichte Graham Parker eines der besten Pub-Rock-Alben aller Zeiten. Trotzdem besserte er bei einem Song zwei Jahre später noch einmal nach. Musikalisch. Und auch beim Titel: Graham Parker – Hey Lord, Don’t Ask Me Questions

Jugendjahre

Er züchtete Tiere für die Forschung gegen die Maul- und Klauenseuche, arbeitete als Tomatenpflücker, hob Gräben aus, sammelte Geld aus Spielautomaten, jobbte in einer Bäckerei und lieferte Tiefkühlkost an Supermärkte – der mittlerweile 76jährige Graham Thomas Parker kann auf ein bewegtes Leben jenseits der Musik zurückblicken. Aber so ist das nun einmal, wenn man bereits als Jugendlicher auf eigenen Füßen stehen will, zwischen England, Frankreich, Spanien, Marokko und Gibraltar hin- und hertrampt und irgendwie über die Runden kommen muss.

Band nach Inserat

Immerhin: In Gibraltar machte er seine erste echte Banderfahrung. Und die führte dazu, dass er beschloss, selber eine Band zu gründen. Wieder zurück in England und an einer Tankstelle arbeitend, gab er eine Anzeige im Melody Maker auf. Die führte in mehreren Schritten zur Gründung von Graham Parkers Begleitband „The Rumour“. Schon das 1976er Debütalbum „Howlin‘ Wind“ wird frenetisch gefeiert – zumindest in den Kreisen, in denen der Pub-Rock neuster Prägung angesagt ist.

Don’t Ask Me Questions

„Howlin‘ Wind“ enthält einen Song, den Parker zwei Jahre später erneut einspielt und dann sogar in gleich zwei unterschiedlichen Versionen auf das 1978er Album „The Parkerilla“ packt. Einmal live und um zwei Zeilen erweitert, ein anderes Mal kürzer, beide mit deutlich mehr Druck als bei der 1976er Version. Vor allem aber änderte Parker den Namen des Songs: Aus „Don’t Ask Me Questions“ wird „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“. Diesen Zusatz singt Parker zwar auch im 1976er, noch stärker vom Reggae beeinflussten Original. Auf „The Parkerilla“ wird „Hey Lord“ jedoch zum Bestandteil des Songtitels.

Hey Lord, …

Ein Song, den das Musikmagazin Rolling Stone übrigens als „Meisterwerk“ apostrophierte. Parker singt:

„Wir hinterlassen einen blutroten Abdruck überall da,
wohin der Mensch seinen Fuß setzt.
Kriegstreiber lachen laut hinter einer bemalten Maske
und werfen der Menge Leckerbissen zu.
Dann sprengen sie den Ort in die Luft.
Ich setze mich für die Freiheit ein, aber ich kann nicht befreien.
Eine aufgestaute Qual! Und ich sehe: Du nimmst den ersten Platz ein.
Wer begeht denn nun den Verrat, rufe ich mit blutender Hand.
Bist du es oder bin ich es? Nun, das werde ich wohl nie verstehen.“

Und überall dem schwebt in ständigen Wiederholungen:

„Hey, Gott, stell mir keine Fragen.
In mir gibt es keine Antwort.“

Religionsfeindlicher Graham Parker und Hiob

2012 erklärte Graham Parker in einem Interview, er sei religionsfeindlich. Und tatsächlich hinterlässt „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“ auf den ersten Blick genau diesen Eindruck. Dabei unterstreicht der Musiker vor allem, dass er in der Bibel bestens zu Hause ist. Die Parallele von „Hey Lord…“ zur biblischen Erzählung über Hiob ist überdeutlich: Hiob leidet, obwohl er es nicht verdient hat. Er ist einer der Guten, wird aber trotzdem von einem Schicksalsschlag nach dem nächsten überrollt: Anfangs verliert er seinen Besitz, danach seine gesamte Familie und schließlich auch seine eigene Gesundheit. Laut und nachdrücklich protestiert Hiob nun gegen Gottes Gerechtigkeit, an der es ihm zu fehlen scheint. Oder die er zumindest nicht nachvollziehen kann. Dahinter steht die Frage: Gott, warum lässt du mich leiden? Eine klare Antwort erhält Hiob nicht.

Kein Handeln, trotz Warnung

Die Parallelen sind nicht nur inhaltlich greifbar. Selbst manche Zeilen des Songtextes wirken, als habe sie Parker direkt aus der Bibel übernommen und lediglich ein wenig modernisiert.

Einen ähnlichen Befund liefert auch die dritte Strophe von „Hey Lord…“, in der es heißt:

„Nun, ich sehe die Tausenden schreiend auf die Klippen zustürmen
wie Lemminge ins Meer.
Wer winkt denn mit seiner mächtigen Hand und bricht die kostbaren Regeln?
Man muss verstehen, wer all diese Narren zugrunde gerichtet hat.“

Ein moderner Jeremia

Diese Strophe führt zu Jeremia, einem der alttestamentlichen Propheten. Weil die Mächtigen das einfache Volk systematisch belügen, prophezeit Jeremia den Untergang des gesamten Volkes. Und weil die breite Masse nicht auf Jeremias Warnungen reagiert, sieht er sie blind direkt in die Katastrophe rennen. (Die besteht in der Eroberung und Zerstörung Jerusalems sowie des ersten jüdischen Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v. Chr., dem Untergang des israelitischen Südreiches Juda und zur Deportation der gesellschaftlichen Oberschicht und eines Großteils der Bevölkerung nach Babylon, also in die sog. Babylonische Gefangenschaft.)
Bei Parker werden daraus in der Live-Fassung von „Hey Lord…“ die Lemminge, die in den Abgrund springen.
Wie Jeremia schreit auch Graham Parker seine Enttäuschung über die Heuchelei der Mächtigen und über die Blindheit der einfachen Menschen laut hinaus. Dabei wendet er sich an die modernen Herrscher, die er explizit „war mongers“, als Kriegstreiber, bezeichnet. Gleichzeitig stellt er fast unbemerkt eine steile These auf: Wer Menschen die Möglichkeit gegeben hat, Unrecht zu tun, hat auch die Verantwortung, wenn sie diese Möglichkeiten nutzen.

Warum lässt Gott Leid zu?

Die Theologie nennt die Fragestellung, warum es Leid in der Welt gibt, Theodizeefrage. Die Bibliotheken dazu sind voll, ohne dass es letztlich zu einer eindeutigen, jedermann befriedigenden Antwort kommt. Dennoch ein kurzer Versuch, zumindest mit Blick auf von Menschen verursachte Katastrophen (Parker: „war mongers“):
Gott gibt Leitlinien vor, nach denen menschliches Zusammenleben harmonisch und glücklich ablaufen kann. Gleichzeitig hat der Mensch einen freien Willen, ist also in der Lage, die Regeln zu durchbrechen. Das aber führt zu einem klassischen Dilemma:

Möglicher Machtmissbrauch als Produkt freien Willens

Missbraucht der Mensch nämlich seine Freiheit, entstehen genau dadurch Katastrophen wie Kriminalität, Verbrechen, Leid durch andere, Krieg u.ä. Das Alte Testament erklärt dies mit dem sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhang: „Böse Taten“ führen unweigerlich, quasi automatisch zu einem bösen Echo, also zu Unheil.
Theoretisch könnte Gott „böse Taten“ von vornherein verhindern. Das aber würde die Freiheit des Menschen einschränken. Statt frei zu sein wären Menschen dann nichts anders als Gottes Marionetten.

Enttäuschung hinausbrüllen

Ein echtes, also nicht auflösbares Dilemma, das nur schwer zu ertragen ist. Verständlich, dass Graham Parker – wie schon Jeremia – seine Enttäuschung hinausschreit und mit Gott hadert. Auch Hiob protestiert heftig gegen Gott. Am Ende aber bleibt nur die Ohnmacht des Gerechten vor einem anscheinend launischen Gott, Universum, Schicksal oder was auch immer. Weder Hiob noch Jeremia noch Graham Parker haben eine Erklärung, warum es so ist, wie es ist. Aber alle drei beklagen den Zustand – und das sicher zu recht.

Tiefste Desillusionierung

„Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“ ist Ausdruck einer tiefen, existenziellen Desillusionierung, die in Hoffnungslosigkeit und Angst mündet. Es gelingt einfach nicht (mehr), die traditionellen religiösen Ideale, also den Glauben an Gott, mit der sich real darstellenden Welt in Einklang zu bringen. Die Folge ist eine spirituelle Leere und das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht gegenüber der Welt, wie sie ist.
Dabei erkennt der Song, dass es im Leben Geheimnisse gibt, auf die es einfach keine Antworten gibt. Deshalb mündet die Suche nach Sinn in dem Ruf nach einem starken Mann jenseits der starken Männer dieser Welt, also nach Gott.

Nicht in der Lage, Antworten zu geben

Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Refrain zu: „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“ ist nicht nur die Antwort eines Verzweifelten, der keine Antworten mehr findet, weil die Welt viel zu sehr aus dem Ruder gelaufen ist. Parker entzieht sich gleichzeitig der Situation, wie vor einem Richtertisch befragt zu werden und Rechenschaft abgeben zu müssen. Das kann er gar nicht, da er ja selbst Produkt eines Wahnsinns ist, der sich seiner Kontrolle entzieht. Er sieht sich also schlichtweg weder zuständig, noch in der Lage, die Probleme in der Welt zu erklären. Zu bitten, frag mich erst gar nicht, ist letztlich sogar die einzig verbleibende Möglichkeit – erst recht demjenigen gegenüber, der doch alles wissen sollte.

Parker kein Prediger

Als Songwriter will Graham Parker aus einem weiteren Grund keine Antworten liefern: Philosophische Lösungsansätze und Erklärungsversuche gibt es nämlich zur Genüge. In seinem Song einen bekannten aufzuwärmen oder einen neuen hinzuzufügen als jemand, der ohnehin nicht alle Zusammenhänge durchschaut, ist für ihn keine Option. Stattdessen vermeidet es Parker lieber, selbst ins Predigen zu geraten.

Denkt selbst!

Genau aber das macht den Song umso spannender: Weil Parker nämlich keine Lösung anbietet, sondern nur Fragen stellt und Probleme benennt, zwingt er den Hörer dazu, sich selbst mit der Problematik auseinanderzusetzen und zu einer eigenen Meinung zu gelangen – und sei es, aus gutem Grund wie Hiob und Jeremia beim Beklagen der Situation stehenzubleiben.

Wirklich religionsfeindlich?

Stellt sich am Ende erneut die Frage nach Parkers Religionsfeindlichkeit: Mehrfach hat sich der Musiker dahingehend geäußert, dass die Bibel für ihn eine Art kulturelles Archiv ist, aus dem er Ideen für seine Songs bezieht. Auch in anderen Songs, darunter „Mercury Poisoning“ und „Stupefaction“, greift Parker auf religiöse Überlieferungen bis hin zu apokalyptischen Bildern und eine entsprechend religiöse Sprache zurück, weil diese auf besondere Weise existentielle menschliche Gefühle ausdrücken können. Dies gilt auch im Fall von „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“, in dem Parker mittels biblischer Rhetorik moderne Hoffnungslosigkeit extrem intensiv zum Ausdruck bringt. Das funktioniert auch dann, wenn jemand die Bibel ohne theologischen Bezüge liest. Allein die Vorstellung, dass jemand Gott gegenüber sagt, er möge ihn bitte nicht mit Fragen behelligen, ist eindrucksvoll, wörtlich betrachtet für besonders fromme Menschen möglicherweise bereits ein Sakrileg.

Parker im Gespräch mit Gott

Während Hiob und Jeremia gegen die aus ihrer Sicht fehlende Gerechtigkeit Gottes protestieren, gehen sie mit ihm ins Gespräch. Es ist eine Frage der Logik, dass man nur jemanden anspricht, von dem man überhaupt glaubt, dass es ihn gibt. Jemanden, von dessen Nicht-Existenz man überzeugt ist, würde man nicht ansprechen. Selbst jemandem zu sagen – und das sehr eindringlich – , dass man von ihm keine Fragen zu hören bekommen möchte, ist ein Gespräch, das ein Atheist nicht führen könnte ohne völlig inkonsequent und unlogisch zu handeln.

Anrufung Gottes angesichts Verlust moralischer Ordnung

Auch wenn „Gespräche mit Gott“ als Gebete bezeichnet werden, ist Parkers „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“ sicherlich im traditionellen Sinn kein Gebet. Das aber sind die Vorhaltungen und Klagen von Hiob und Jeremia gegenüber Gott auch nicht. Alle drei sind vielmehr Anrufungen Gottes von Menschen, die den Glauben an die moralische Ordnung in der Welt verloren haben, ihre Ohnmacht spüren, sich als Opfer eines für sie undurchschaubaren Systems empfinden und sich auf die Suche nach dem Ursprung des Bösen begeben. Gott als letzte Möglichkeit, um Antworten zu finden? Religionsfeindlichkeit sieht anders aus.

Graham Parker – „Hey Lord, Don’t Ask Me Questions“

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

HeavenOnAir verweist auf eigene Inhalte, bietet weiterführende Links und nutzt Affiliate-Links zu Amazon. Mit diesen Links kann HeavenOnAir eine kleine Provision für qualifizierte Käufe verdienen, was zur Unterstützung der Seite beiträgt, ohne dass für Sie zusätzliche Kosten entstehen.

Kommentare

Hinterlassen Sie ein Kommentar