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Ferry, Bryan – Let’s Stick Together

1976 nimmt Bryan Ferry die Coverversion eines alten, unbeachteten Songs auf. Eines uralten sogar. Denn eine längst vorliegende überarbeitete Hit-Fassung lässt der Roxy Music-Sänger links liegen. Und das ganz bewusst.

Canned Heat beim Woodstock-Festival 1969

„Woodstock Boogie“, „Going Up The Country“ und „On The Road Again“ – mit diesen drei und drei weiteren Songs elektrisierten die Musiker von Canned Heat beim legendären Woodstock-Festival im Sommer 1969 die Massen. Und wurden ihrem Bandnamen gerecht: Denn Canned Heat steht für Brennspiritus, der direkt in der Dose entzündet wird. Und gelegentlich als Slang-Ausdruck für schwarz gebrannten Alkohol. Der kann ja unter Umständen ein ähnlich „explosives Gefühl“ hinterlassen wie der Brennspiritus und eben die Band aus Los Angeles.

Going Up The Country als inoffizielle Festivalhymne

Nachdem die Gruppe 1967 beim Monterey-Pop-Festival aufgetreten war, erschien ihr Debütalbum. Danach ging es unaufhaltsam Schritt für Schritt weiter nach oben – bis hin zu Woodstock. Weil sich die Band zwei Tage zuvor bei einem Gig im in San Francisco beheimateten Filmore West-Clubs heillos zerstritten hatte, konnte sie nur mit vielen guten Worten überhaupt zu ihrem Auftritt bei Woodstock bewegt werden. Als Lohn wurde die Band, die während des Sonnenuntergangs spielte, von den Fans bejubelt; ihr „Going Up The Country“ avancierte sogar zu so etwas wie einer inoffiziellen Hymne des gesamten Festivals.

Let’s Work Together oder Let’s Stick Together?

Diese Erfolge führten die Band dann auch nach Europa. Dort erreichte sie die besten Platzierungen in den Charts, nämlich im UK Platz 2, bei uns Platz 6, mit einem Cover von Wilbert Harrison: Der hatte wiederum mit seinem Cover von „Kansas City“ bereits 1959 in den USA so etwas wie Kultstatus erreicht, nicht zuletzt weil er auf durchaus eigenständige Weise Country mit Gospel, Calypso und Rhythm ’n Blues verband. 1962 veröffentlichte Harrison sein „Let’s Stick Together“. Weil der Song aber floppte, schrieb er einen neuen Text und änderte den Titel in das nun durchaus passendere „Let’s Work Together“ um. 1970 wurde dies zur Vorlage für Canned Heats „Let’s Work Together“.

„Work“ – Die Hippiehymne

In etwas mehr als drei Minuten fasst „Let’s Work Together“ die gesamte politische und soziale Utopie der damaligen Hippiebewegung zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei das „Wir“, also der Mensch als Teil der Gemeinschaft. Die gemeinsame Aufgabe aller Menschen ist es, sich gegen Ungerechtigkeit, Rassismus und Krieg zu erheben. Nur mit gemeinsamen Bemühungen lassen sich Krisen überstehen und die Welt verbessern. Insofern erscheint Zusammenzuarbeiten als weltliche, politische und soziale Notwendigkeit.

„Stick“ – Die Ehedefinition

Bryan Ferry, Frontmann der avantgardistischen Glam-Rock-Band Roxy Music und leidenschaftlicher Sänger in „Babylon Berlin“, suchte für seine Soloalben immer nach Songs, die er als Crooner voller Leidenschaft interpretieren konnte. Für sein 1976 erscheinendes drittes Soloalbum stieß er auch auf Wilbert Harrisons Song – allerdings nicht in der Fassung von 1970, sondern auf die weitestgehend unbeachtete Ersteinspielung von 1962. „Let’s Work Together“ hieß, wie erwähnt, damals noch „Let’s Stick Together“, hatte mit dem Hippieleben überhaupt nichts am Hut, sondern war eine – zumindest aus Hippiesicht – extrem konservative Ode an die eheliche Treue.

alt und neu zugleich: Let’s STICK Together

Ferry machte „Let’s Stick Together“ nicht nur zum Opener seines Albums, sondern gab auch dem Album noch denselben Namen. Im Song heißt es:

„Nun ist ja das Eheversprechen etwas sehr Heiliges.
Der Mann hat uns zusammengeführt, nun musst du dich auch daran halten.
Du weißt, wir haben geschworen, einander niemals zu verlassen. Niemals!
Aber erst wenn der Brunnen versiegt ist, vermisst man das Wasser.
Komm schon, Baby, gib unserer Liebe eine Chance!“

Hat sich was mit Hippiebewegung! „Let’s Stick Together“ sieht die Ehe als sakralen Akt, also als Sakrament, verweist zudem indirekt auf einen Vers aus dem Markusevangelium:

„Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen!“ (Mk 10,9)

Versiegender Brunnen

Das Bild vom versiegenden Brunnen greift ein weiteres tief spirituelles Motiv auf: Menschen nehmen die Erfahrungen des Augenblicks zu leicht als selbstverständlich hin, statt sie als Geschenk, als Gnade zu würdigen. Die flehentliche Bitte

„Gib unserer Liebe eine Chance“

klingt wie der Aufruf zu Reue und Umkehr, bevor es zu spät ist.

Verantwortung für die Kinder

Doch damit nicht genug: Harrisons Urtext erinnert auch an die Verantwortung für das gemeinsame Kind:

„Nun, wenn du eine Weile feststeckst, denk an unser Kind:
Wie kann es ohne seine Mama und seinen Papa glücklich sein?
Bitte bleib also bei mir, komm schon,
lass uns zusammenbleiben!“

Trennung als Zerstörung der Familie

Dieses Argument ist nicht mehr emotional – es hat eine tiefgreifende ethische Komponente: Denn das einmal abgegebene Gelübde betrifft nicht nur die beiden Eheleute. Es bildet gleichzeitig auch einen Schutzraum für die heranwachsende Generation. Die Zerstörung der Familie verletzt damit die Ordnung, die zum Wohl der nachfolgenden Generation notwendig ist. Viel traditioneller geht es kaum.

Was mag Bryan Ferry 1976 bewogen haben, diesen Song aufzunehmen – und das sogar mit seinem ursprünglichen Text? Tatsächlich enthält der Song bemerkenswerte Parallelen zur damaligen Situation des Sängers:

Jerry Hall als mythologische Sirene

Ferry hatte Kunst studiert, sogar an einer Mädchenschule als Kunstlehrer unterrichtet. Üblicherweise verfolgte er mit den Artwork der Roxy Music-Veröffentlichungen einen hohen künstlerischen Anspruch. So auch für das fünfte, 1975er Album der Band, „Siren“: Dafür hatte er das Fotomodell Jerry Hall verpflichten können: Die räkelte sich verkleidet als mythologische griechische Meerjungfrau an einem Felsen. Bekanntlich locken diese Meerjungfrauen, auch Sirenen genannt, mit ihren verführerischen Gesängen Männer an, um diese anschließend ins Verderben zu stürzen.

Und dann kam Mick Jagger…

Aus der künstlerischen Beziehung zwischen Hall und Ferry entwickelte sich auch eine persönliche. Schließlich verlobten sich die beiden sogar miteinander – bis Hall, noch während sie mit Ferry verlobt war, eine Beziehung mit Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger einging. Ab 1977 lebten Jagger und Hall zusammen, heirateten 1990 auf Bali in einer Zeremonie, die weder in Indonesien, noch in Großbritannien rechtlich anerkannt ist, bis sie – vier gemeinsame Kinder später – 1999 geschieden wurden. (Ganz am Rande: nachdem Jagger das brasilianische Model Luciana Gimenez Morad geschwängert hatte.)

Kinder haben Ferry und Hall übrigens nicht gehabt – hier folgt der britische Interpret einfach der Vorlage von Harrisons Text. Dennoch wird „Let’s Stick Together“ für Bryan Ferry zu einer musikalischen Bitte an die Verlobte, die gemeinsame Beziehung aufrechtzuerhalten und wieder zu ihm zurückzukehren.

Musikalischer Appell verpufft

In den meisten Fällen dürfte es unrealistisch sein, dass derartige musikalische Appelle tatsächlich eine Beziehung kitten können. Wichtiger wäre, aufeinander zuzugehen, füreinander da zu sein, miteinander zu reden, vielleicht sogar jemanden hinzuzuholen, der hilft, zumindest Kommunikationsprobleme und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Eine Garantie, dass das etwas hilft, gibt es nicht. Dennoch ist Ferrys Interpretation ernst zu nehmen: als Mahnung zur Treue, vielleicht sogar als Bitte um Beständigkeit in einer Welt, in der alles vergänglich ist. Oft genug sogar die Liebe.

Bryan Ferry – „Let’s Stick Together“

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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